Der Augenblick Verlassenheit
von Christa Schmid-Lotz (Copyright)
Am Strand roch es nach Seetang und vertrocknetem Fisch. Ein paar eingebrannte Quallen dazwischen, blassblau und glitschig. Paul warf einen Blick auf das Meer. Das Ufer war mit Buchenwäldern bestanden; die Ostsee war jetzt, bei einem schwachen Wind aus Westen, glatt wie ein Spiegel. Dort, wo die Muschelbänke begannen, gingen ihre Farben vom Türkisen ins Tintenblaue über.
Pauls Vater warf den Seesack ins Boot, schob es ins Wasser und setzte sich auf den Bug. Mit seiner Prinz-Heinrich-Mütze sah er aus wie ein Skipper. Paul ließ sich auf der Ruderbank nieder und zog sich das Hemd über den Kopf. In den Falten seines Bauches juckte der Schweiß.
Die Ruder drehten sich knarrend in den Riemen und dort, wo die Blätter das Wasser berührten, bildeten sich Kreise, die sich immer weiter ausdehnten.
„Kannst du nicht schneller rudern, Paul?“, sagte sein Vater zu seinem Rücken. „Da wird man ja ganz rammdösig. Und du musst die Ruder flacher eintauchen, sonst kommen wir heute nicht mehr nach Glücksburg.“
Paul tauchte die Ruder flacher ein und zog sie schneller durchs Wasser.
Der Strand mit der knorrigen Eiche und den grünen Hügeln dahinter wurde immer kleiner. Eine Zeit lang war nichts zu hören als ein gleichmäßiges Plätschern, das Quaken der Blässhühner und vereinzelte Schreie von Möwen. Im Nordwesten standen Sommerwolken.
„Ich muss mit dir reden“, sagte Pauls Vater.
Was jetzt kommen würde, konnte Paul sich denken. Wenn sein Vater doch einmal, nur einmal still sein, die Ruhe, das Licht, den leisen Schlag der Wellen auf sich wirken lassen könnte.
„Du warst immer mein Hoffnungsträger, Paul“, sagte die Stimme in seinem Rücken.
Paul erwiderte nichts.
„Hörst du mir überhaupt zu?“
Paul ließ die Ruder ins Wasser hängen und drehte sich um. Sein Vater hatte die Prinz-Heinrich-Mütze abgenommen. Feine Schweißperlen standen auf seinem Gesicht. Paul sah seine Augen, einen kurzen, schmerzhaften Moment lang seine Augen. Sie waren blau und kalt.
Im Nordwesten ballten sich die Wolken zu Türmen auf.
„Natürlich höre ich dir zu! Setz dich doch auf die andere Seite, damit ich dich sehen kann.“
„Hier sitze ich besser. Ich möchte dich etwas fragen. Warum heiratest du eigentlich nicht deine Ex-Kollegin Sabine? Das ist so eine nette Frau!“
„Ich liebe sie nicht.“
Paul drehte sich um und ruderte weiter. Seine Hände waren aufgescheuert. Die Stimme bohrte sich in seinen Hinterkopf:
„Warum bist du so bockig? Hast du mit Frauen nichts am Hut?“
Paul spürte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg.
„Ich werde schon noch die Richtige finden. Lass mich nur machen.“
„Wenn ich dich machen lasse, kommt nichts dabei heraus. Ich warte jetzt schon vierzig Jahre, dass sich bei dir was tut. Und abnehmen könntest du auch.“
„Lass mich doch endlich in Ruhe!“
„Dich in Ruhe lassen? Paul! Ich hatte gehofft, du würdest meine Rumfabrik übernehmen. Statt dessen fällst du durch die Wirtschaftsprüfung und schmeißt einen Job nach dem anderen hin. Und ich habe so viel Geld für dein Studium investiert! “
„Warte nur, bis ich wieder einen Job habe! Dann wirst du sehen, was in mir steckt.“
„Da kann ich warten, bis ich schwarz werde“, sagte sein Vater.
Paul hatte den Impuls, ihm das Ruder über den Kopf zu schlagen. Aber er unterdrückte ihn. Der Himmel im Nordwesten hatte sich schwefelgelb verfärbt. Eine Windbö strich über die Oberfläche, ließ Kräuselwellen darüber flattern und brachte das Boot zum Schaukeln.
„Sollen wir nicht umkehren?“, fragte Paul.
„Du bist und bleibst ein Bangbüx!“
Der Wind zerrte an Paul, warm und heftig fuhr er ihm ins Gesicht. Er hatte ein Gefühl im Bauch, das ihn zu lähmen drohte.
Ein orangegelbes Licht blitzte am Ufer auf.
„Das ist eine Sturmwarnung!“, rief Paul.
„Ich möchte nur einmal erleben, dass du eine Sache durchhältst“, sagte die Stimme in seinem Rücken giftig.
„Auch, wenn es lebensgefährlich wird?“
„An der Ostsee gibt es keine gefährlichen Stürme.“
Entsetzt sah Paul, dass sich das Schwefelgelb in eine tiefschwarze Wolkenwand verwandelt hatte. Der Wind heulte und pfiff ihm in die Ohren. Die See sah aus wie kochendes Blei. Paul wendete das Boot und begann zurückzurudern.
„Du ziehst mal wieder den Schwanz ein, anstatt dich der Gefahr zu stellen!“, geiferte die Stimme in seinem Rücken. Paul drehte sich um und schrie in den Wind hinein:
„Wenn du dich umbringen willst … von mir aus. Ich habe noch was vor mit meinem Leben.“
Die Wellen rollten von Nordwest heran und barsten krachend an Steuerbord. Das Boot schlingerte stark.
„Du bist ein Versager!“, brüllte sein Vater.
„Und was ist mit dir?“
Die Gischt nahm Paul fast den Atem. Er schrie:
„Du könntest … ja auch mit einer Jacht an einer Regatta …“
„Regatta?“
„Statt dich von deinem Sohn, dem Versager …“
„Werd nicht frech!“
„ … auf der Ostsee herumrudern zu lassen!“
Eine weitere Welle warf das Boot fast um. Paul legte sich in die Riemen. Seine Hände hatten Blasen und sein Herz klopfte wie verrückt. Der Himmel war rabenschwarz. Die Wogen türmten sich höher und höher auf; das Boot tanzte auf ihnen wie eine Nussschale. Pauls Arme schmerzten; er konnte kaum aus den Augen schauen, so sehr brannten sie von der salzigen Gischt.
Plötzlich ließ er die Arme sinken. Die Ruder glitten aus den Riemen, das Boot drehte sich im Kreis und schlug um.
Ein Platschen, ein herrlich nasses und kühles Gefühl am ganzen Körper, undurchdringliches, schwarzgrün wogendes Wasser. Das Meer drang Paul in den Mund. Dann kam er wieder hoch, sah das Boot kieloben schwimmen. Sein Vater klammerte sich daran fest; seine Mütze war weggeflogen und in seinen wässrigblauen Augen stand panische Angst.
Paul kämpfte sich zu ihm hinüber.
„Jetzt sind wir baden gegangen, nicht?“, schrie er in das Inferno hinein.
„Ja, so was … Dummes! Hilf mir!“
„Wir müssen sehen, dass wir zum Ufer kommen.“
„ Die Aktien“, rief sein Vater. „Rum-Export … sind heute … gestiegen. Werde dich … beteiligen …“
„Dein Geld nützt uns jetzt einen Dreck!“
Der Himmel öffnete seine Schleusen zum Finale. Haselnussgroße Hagelkörner prasselten auf sie herab. Die Wellen mannshoch, Gischt bis zum Horizont.Paul sank, tiefer und tiefer in die grüne Unendlichkeit hinab. Drehte sich wieder und wieder um sich selbst. Wie wäre es, sich immer weiter sinken zu lassen? Aufzuhören, um das bisschen Leben und Leiden zu kämpfen? Das Wasser drang ihm in Mund und Nase, füllte ihn völlig aus. Sein Vater ließ einen Drachen steigen. Paul lief ihm entgegen, rannte über eine Wiese, die übersät war mit Trollblumen und Vergissmeinnicht. Sein Vater nahm ihn nicht wahr, konzentrierte sich völlig auf sein Tun. Paul öffnete den Mund zum Schreien; es kam kein Ton heraus. Sein Vater würde ihn niemals hören. Hatte ihn nie gesehen.
Plötzlich war Paul wieder oben. Seewasser quoll ihm aus Mund und Nase; er hustete und spuckte. Sah alles wie durch einen Vorhang. Wurde von den Wellen hierhin und dorthin geworfen, sah Sterne durch die jagenden Wolken blinken, sah das Halbrund des Mondes, das Meer, das aufgewühlt war wie niemals zuvor, hörte den Sturm tosen. Dazwischen zitterte ein Licht. Paul bewegte Arme und Beine im gleichen Rhythmus. Das Licht kam langsam näher.