Der Cameo-Mann
von Jürgen Jesinghaus (copyright)
Ein Mord. Sie dürfen auch ein anders Verbrechen annehmen oder eine Pikanterie, auch etwas Perverses. Es läuft auf dasselbe hinaus, weil es nur auf die Bank ankommt. Verstehen Sie das? Lügen Sie nicht! Sie können es jetzt noch gar nicht verstehen (aber behalten Sie trotzdem die Bank im Hinterkopf). Ich meine die Sitzbank am Weg neben einer Schwarzpappel gegenüber der alten Maschinenfabrik, dem heutigen Museum für Zeitgenössische Kunst (Haupteingang Otto-Braun-Allee).
Brosheim besucht es wegen der Objekte, die eine Karriere durchlaufen haben: wegen der zur Kunst erhobenen Funktionsteile. Ich erinnere mich an eine Bohrmaschine und einen Zweischeibenschleifer, blutrot gestrichen, und an eine Schalttafel aus Marmor mit ihren schwarzgeränderten Kontrolluhren – gediegene Industriearbeit, durch die sich Künstler beeindrucken lassen. Ja, der Künstler neidet Ingenieuren den Formenreichtum.
Die Maschinenhallen – gekälkte Betonsäulen unterteilen sie in Haupt- und Seitenschiffe – prunken mit Weiß. Nur der Zementboden und seine aufgesogenen Ölflecken blieben unbehandelt (abgesehen davon, dass die Löcher zugeschmiert wurden). Hier atmen Sie eine Ruhe, dass Sie jeden Handy-Klingelton als Verbrechen gegen die Menschlichkeit empfinden. Sie spüren die Weite einer leergeräumten Fabrik. Sie riechen gewissermaßen das Meer. Weiß beherrscht alle Farben. Verschneite Stille. Aus ihr stoßen Gegenstände hervor, schwarz im Kontrast zur Tünche. Lampen strahlen auf Objekte oder sind selbst strahlende Gebilde, die einen Scheiterhaufen, glühende Liebe, eine Bücherverbrennung oder die Erleuchtung darstellen. Neonreklame als Sinnbild der Moderne (oder Postmoderne, drauf geschissen). Tapetenrollen und Styroporklötze liegen umher. Aus ihnen wird sich Kunst entwickeln, hochmütige Kunst, die Botschaft nur andeutend, für Eingeweihte bestimmt. Sei orphisch! O, du, der du die des das Göttliche der Industrieprodukte innewerdenden Künstlers Werke erschauest, erschaudere! Ich nehme an, Sie verstehen jetzt die Beschränkung auf anspruchslose Werkstoffe (Hochmut und Bescheidenheit widersprechen sich nicht): Umzugskartons, zweckwidrig gefaltet und aufgetürmt, Transportbänder aus Gummi, an äquidistante Haken gehängt, eine aus Holz gezimmerte Hose, drei acrylbemalte Matratzen: Triptychon. Amen. Die Objekte erlauben, gedeutet zu werden. Kunst ist nichts ohne den Betrachter, darum obszön (sagen die einen), langweilig (die anderen), nützlich (die Kunsthändler), authentisch (die Klugscheißer).
Was aber hat das mit Mord zu tun? Dass in diesem buddhistischen Museum, in dieser Schneelandschaft voller Exponate aus Papier und Federn, keiner verweilt, außer der ehrenamtlichen Frau an der Kasse, wo früher die Stechuhr stand, und außer Brosheim (den ich bereits erwähnt habe) – das hätte mit Mord nichts zu tun? Läuft keiner durch die Hallen, mit der Axt der Werksfeuerwehr bewaffnet, und schlägt aus der Kassiererin die Farbe Rot heraus? Brosheim hätte die Bohrmaschine rostig und ihre Transmissionsriemen lederbraun gelassen!
Er betritt im 2. Stock ein Ausstellungszimmer, das frühere Büro des Schichtmeisters, das der Besucher als Gesamtkunstwerk verstehen möge. Thema: Medium, Wirklichkeit und Illusion. Die Welt als Matrix? Ist Illusion nicht übertrieben? Zu nihilistisch? Buddhistisch? Sollte es nicht besser heißen: Wirklichkeit und Erkennen oder am besten – Wahrnehmung? Sie fragen zu viel, entweder Sie halten die Schnauze oder sagen: Fluxus! Der Künstler Melander von Holzapfel nennt das Zimmer „Trojan Room Coffee Pot Room“ zu Ehren einer Installation der 90er Jahre im Rechner-Labor der Universität Cambridge (UK). Und aus noch einem Grund: „Bei aufmerksamer Betrachtung des auf den Monitor übertragenen Bildes erkennst Du eine Kaffeemaschine“ (duzen wir uns?). Der Besucher wird aus seiner Lethargie gerissen und aufgefordert zu handeln: „Notiere Deine Entdeckung auf ein Formular (Du findest es im Korb am Eingang) und nimm an der Auslosung teil! Hauptgewinn: Kaffeemaschine des weltbekannten Küchengeräteherstellers.“ Ich will nicht zu viel verraten, darum sage ich nur: Kiosk. Was Brosheim zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht weiß: Der Coffee Pot im Trojan Room der besagten englischen Universität wurde durch eine Webcam ins Internet übertragen. Hätte er das gewusst, wäre er nicht wie ein Kind gaffend vor dem Fernsehapparat stehen geblieben, um auf die Außenwelt zu starren (und hätte auch sonst einiges unterlassen).
Das Opus im 2. Stock besteht aus einem weißen Stuhl, einem handelsüblichen Fernseher, zwei Netz-Strippen, einem Koax-Kabel und einer Videokamera, die an einem Draht unter der Decke hängt, auf ein schmales horizontales Fenster nach außen gerichtet, so dass ihr Objektiv auch die von der eingangs erwähnten Bank (Sie erinnern sich hoffentlich) ausgesandten Photonen einfängt und über eine im Fernseher verborgene quantenelektrodynamische Vorrichtung auf die Mattscheibe schickt. Brosheim, der gaffend davor steht, sieht folgendes (bei ´gaffen´ und ´sehen´ brauche ich die epistemologischen Probleme, die mit dem Prozess des Wahrnehmens einhergehen, nicht zu erörtern, habe ich Recht?): Ein Stück Weg, links einen Kiosk, rechts die Bank, in der Mitte eine Bogenlampe und davor einen Papierkorb. Links oben ragt der Ausleger eines Krans ins Bild, rechts der Ast einer Schwarzpappel. Im Hintergrund Buschwerk am Kanalufer und dahinter: Mietshäuser. Das Alltägliche wird von außen in den Rahmen des Monitors gepresst und dort zu einem Weltbild gemacht. Der Ausschnitt ist es, der zur Betrachtung zwingt. So würde ihn Brosheim fotografieren. Vielleicht ein bisschen mehr nach links. Etwas mehr vom Kran täte gut, etwas mehr vom Kiosk mit seinen bunten Auslagen. Im Windzug, der durch das offene Fenster streicht, erzittert das Bild. Nur ein kleines Gefälle im Luftdruck und schon schwanken die Mietshäuser. Der Wind (ein kürzeres Wort für Luftdruckgefälle) mischt sich in die Quantenelektrodynamik der CCTV-Anlage und in Brosheims Neuronenpudding.
Ist der Besen an der Treppe neben dem roten Feuerlöcher, der das vergossene Blut einer ehrenamtlichen Dame entbehrlich macht, ein Objekt im Sinne der Kunst? Brosheim scheint ihn für kein Kunstwerk zu halten. Denn er nimmt ihn, fegt damit über die Mattscheibe, führt ihn am Koax-Kabel entlang und stößt die Borsten gegen die Videokamera am Fenster! Er kann aber nicht beides zugleich: Die Kamera schaukeln und und auf den Monitor glotzen. Denn der Bildschirm ist fensterabgewandt und die Quadratwurzel aus dem Verdrillungskoeffizienten des Drahtes, der die Kamera hält, so groß, dass Brosheim zwischen Objektiv und Monitor oszilliert, um den Bereich neben der Bank zu sichten. Schon nach der zweiten Schwingung sieht er nur noch den Rand der Schwarzpappel. Was hinter der Pappel stattfindet, bliebe ihm ohnehin verborgen, obwohl gerade dort das Unerhörte geschieht. So war es wohl geplant, dass man das Pikante oder Schreckliche hinzudenken muss! Das Unter-den-Rock-greifen oder In-die-Hose-packen passiert sowieso erst in der Dämmerung, sommers nach 10 Uhr. Da ist das Museum längst geschlossen, die Kamera ausgeschaltet. Aber wäre sie eingeschaltet und kniete jemand unter der Laterne vor der Bank und bliese einem die Flöte, Voyeure in Delhi, Kapstadt und Rio könnten es beobachten, wenn auch undeutlich (darauf komme ich noch zu sprechen).
Nachdem Brosheim den Besen fortgestellt hat, des Spiels müde, untersucht er den Fernseher, ob seine Wackelbilder aufgezeichnet würden, ob also ein Recorder eingebaut ist. Nein? Nein. Das widerspräche der Philosophie Melanders von Holzapfel, der da spricht: Der Weise nimmt, ohne festzuhalten – wie ein Spiegel. Ich denke, der Künstler meint: Je mehr man weiß, desto weniger weiß man (wenn das Sloterdijk geschrieben hätte, bekämen Sie es bei jeder Vernissage auf die Ohren). Nicht so blöd, wie es sich anhört? Informationsüberreizung? Nun, vor diesem Bildschirm kann von Überreizung nicht die Rede sein, eher vom Gegenteil. Deshalb will sich Brosheim selbst auf die Bank setzen und in der Nase bohren und vortäuschen, als wüsste er nichts von der Innenwelt des voyeuristischen Museums. Oder den nächsten Jogger erschlagen, auf die Bretter betten und genüsslich verbluten lassen. Oder der nächsten Bankangestellten auflauern und hinter die Schwanzpappel zerren (Sie haben Schwanzpappel gesagt! Na und? Sie Amateurpsychologe), also meinetwegen auf die Bank werfen und so richtig, mal so richtig …
Da! Das ist der Mann. Er geht in jedem Film durchs Bild. Er kommt aus einem Haus und biegt in die Straße, oder er verlässt das Hotel, wenn der Held es gerade betritt. Das ist der Cameo-Mann, der mit dem Popelinmantel und dem Hut. Als ginge er zufällig vorüber, während die Heldin und der Protagonist im Vordergrund streiten (oder sich küssen). Der berühmte Cameo-Mann. Meistens trägt er eine Tasche unterm Arm und bewegt sich, ohne in die Kamera zu blicken, als gäbe es sie nicht, von links nach rechts (oder von rechts nach links). Manchmal ist er der Regisseur persönlich, manchmal nur ein Statist, ein Mensch, der Theaterwissenschaften studiert hat und sein Können, seine Weltanschauung, ja die Philosophie des Theaters selbst darein legt, einen Angestellten zu mimen: Wie ein Bibliothekar, der eine Frau und zwei Kinder ernährt, von der Bus-Haltestelle kommend durchs Bild läuft. Es gibt Menschen, sensible Naturen, die nur ins Kino gehen, um den Cameo-Mann zu sehen. Das sind die wahren Cineasten! Sie kommen nur wegen dem Cameo-Mann (ja doch, wegen ´des´ und natürlich auch wegen der Cameo-Frau). Die Cameo-Frau, das ist die auffällig unauffällige Dame, die vor einer Buchhandlung steht und die Auslage studiert, während der Hauptdarsteller hinter ihrem Rücken vorüberläuft und „Taxi“ ruft. Oder just die Dame, die das gläserne Türblatt zum Restaurant aufstößt. Und im Spiegelbild der aufgeklappten Glastür sieht der Cineast, wie der Held ein Auto besteigt und losbraust. Das Auto, das Cameo-Auto, es steht nie im Halteverbot.
Der Cameo-Mann betritt von links das Fernsehbild, bleibt nicht am Kiosk stehen, wirft nichts in den Papierkorb, er schreitet an der Bank vorüber und verschwindet. Brosheim harrt vor dem Monitor aus. Er wartet auf ein optisches Nachbeben wie der Rufer auf ein Echo. Da kehrt der Mann zurück und schaut ihm blank auf die Augen. Brosheim erschrickt. Der Cameo-Mann weiß, dass hier, obwohl von außen schwer erkennbar, eine Video-Kamera hängt! Brosheim kann nicht erkannt werden, aber anders, als wenn ihm ein Blinder seine Augäpfel zugedreht hätte. Unheimlicher.
Er verlässt Hals über Kopf das Museum, ohne sein ausgefülltes Formular bei der Kassiererin abzugeben (dabei hätte er eine Kaffeemaschine dringend gebraucht). Kaum zu Hause, wirft er sich vor seinen PC und ruft die Homepage des Museums auf, denn er gehört zu denen, die sich post festum informieren und dann beschließen, das Versäumte nachzuholen (es aber doch nie tun). Ist Brosheim darum ein Besessener, der die Webcams der Hauptstädte anklickt, um beispielsweise festzustellen, ob sich in London ein Selbstmörder ins Paradies sprengt? Ist er ein „Nerd“, der rund um die Uhr, zur Bürozeit und nach Mitternacht, im Internet surft? Nein. Wäre er sonst überrascht darüber, dass eine Webcam namens „I see U see“ im Trojan Room Coffee Pot Room installiert worden ist? Brosheim wird zum Peeping Tom, Teil einer Peep Show mit künstlerischem Anspruch. Er beugt sich dicht vor den Bildschirm seines PCs, wie ein kurzsichtiger Autofahrer über das Lenkrad, und sieht den Fernsehapparat und darauf mehr ahnend als erkennend den Kiosk und die Bank.
Da! Der Cameo-Mann! Erkennbar an Hut und Popelinmantel. Er betritt den Trojan Room Coffee Pot Room und verhält sich so wie Brosheim. Aber statt des Besens benutzt er einen aufklappbaren Zollstock, den er aus der Manteltasche gezogen hat. Dann dreht sich der Cameo-Mann jäh um, als spürte er Peeping Toms Blick im Nacken. Er sieht Brosheim wieder auf die Augen, so unvermittelt (obwohl Maschinen als Mittler zwischengeschaltet sind), dass Brosheim zurückschreckt und sich gegen die Lehne seines Stuhles drückt. Der Cameo-Mann nimmt den Hut vom Kopf, grinst, springt zweimal hoch und stülpt ihn beim dritten Versuch über die Webcam. Nacht auf Brosheims Bildschirm.
Brosheim wähnt, der Mann verfolge ihn. Darum ruft er sich Gründe ins Bewusstsein, die ihm beweisen, dass der Cameo-Mann ihn gar nicht kennt und darum auch nichts unternimmt, was auf ihn, Brosheim, zielt, auf ihn alleine. Je mehr ihn die eigenen Argumenten überzeugen, desto stärker wird sein Verdacht, dass der Cameo-Mann nichts demonstrieren, sondern etwas verbergen will und daher seinen Hut, dessen Schweiß-Geruch Brosheim zu riechen glaubt, über die Webcam hängte. Vielleicht möchte er eine Kassette oder eine Scheibe stehlen, die einen verräterischen Vorgang aufgezeichnet hat, ein den Cameo-Mann belastendes Verbrechen. Hat er die Leiche eines hingeschlachteten Joggers auf die Bank gelegt oder eine Bankangestellte gegen ihren Willen genagelt? Weiß man es?
Die Lokalnachrichten, die ihn nie interessiert haben, sind ihm heute wichtiger als der Lokführerstreik, die Rente ab 67 und die Frauenfußballweltmeisterschaft. Sogar die Drohung Sönke Wortmanns, einen Film nationaler Größe zu drehen, mit Prinz im Sturm und Angerer im Tor, erscheint ihm nebensächlich. Brosheim verschlingt Schlagzeilen: Gemeindebücherei schließt, Patronatsfest der Hubertus-Schützen, Rockkonzert im Jugendzentrum, buntes Programm beim Schwerhörigenverein, Bankangestellte auf dem Heimweg misshandelt (aha!) in der Maldoror-Straße (ach so), autogenes Training in der Volkshochschule, Spargel schälen für den guten Zweck, gestern in den späten Abendstunden wurde in den Kiosk an der Otto-Braun-Allee eingebrochen.
Das muss es sein! Die Allee ist lang. Wer am Bahnhof beginnt und bis zur Gartenstadt wandert, kriegt Blasen, bevor er am Stadion anlangt, obwohl er zwischendurch an den Ampeln der Ringstraßen warten muss. Jede Kreuzung hat ihren Kiosk. Also welcher Kiosk genau! Und bitte: Was sind die späten Abendstunden? Etwas präziser dürften Lokal-Reporter sein, gerade sie, die Anfänger, die noch nicht von der Weltpolitik übermannten Vorort-Journalisten.
Brosheim muss es genau wissen. Alle Überwachungs-, Verbreitungs- und Kunstmaschinen nützen ihm gar nichts. Er will Gewissheit. Er fährt mit der Tram zur Haltestelle „Zeitgenössisches Museum“ und biegt in den Yoko-Ono-Weg. Aus den Augenwinkeln schielt er auf den Kiosk. Im Vorübergehen erkennt Brosheim keine verbogenen Riegel, kein zerbrochenes Glas, kein gesplittertes Holz, keine Lücke in der Auslage (aber auch keine Kaffeemaschine). Er wagt nicht stehenzubleiben oder um den Kiosk herumzulaufen. Man könnte ihn für den Täter halten, der an den Tatort zurückkehrt. Er geht weiter – und kann den Drang, nach rechts zu schauen, nicht unterdrücken. Er sieht hinüber zum Museum, der alten Fabrik.
Der Künstler Melander von Holzapfel trägt einen Popelinmantel und einen Hut (auch in geschlossenen Räumen). Die Bürgerlichkeit ist eine Attitüde: Ihr wisst nicht, wie bedeutend ich bin, ich gehe unerkannt in eurer Mitte, ich bin Jesus Christus. Melander sieht, wie Brosheim herüberblickt, ihm direkt auf die Augen. „Der weiß, dass hier eine Video-Kamera hängt!“ spricht er zur Leiterin der museumspädagogischen Abteilung. „Ja, die Leute lieben Dich, Mel! Sind ganz verrückt nach Dir!“
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