Der Fink, der eine Stewardeß liebte

von Karlheinz Lörner (Copyright)

Lauscht Omar,
dem Märchenerzähler!

Das einzig Erfreuliche sind die Stewardessen. An sich sind sie für die Durchführung des Fluges überflüssig. Ihre ausschließliche Aufgabe ist die eines Beruhigungsmittels für flugangstgeschüttelte Passagiere. Sie ähneln darin den Priestern, deren geheimnisvolle Zeremonien den panikbereiten Blick der Gläubigen auf das Jenseits auf eine gesicherte Gesetzmäßigkeit fokusieren. Noch vor dem Start beginnen die Sewardessen eine Art zeremonielle Aufführung, die an das Fernsehballett oder auch die Revuegirls in den alten amerikanischen Musikfilmen erinnert. Auf ein dezentes Signal aus dem Cockpit der Maschine erheben sich alle Revuegirls gleichzeitig und lächeln sanft den nächsten glatzköpfigen Fluggast an, der daraufhin bequem zurücklegt und interessiert den Körperbau der Stewardeß vor ihm taxiert. Professionelle Fluggäste beginnen in ihren Zeitungen zu blättern, um ihren enormen Kenntnisvorsprung deutlich zu machen. Im Rhythmus der Stimme aus den Lautsprechern legen sie zitronengelbe Schwimmwesten an und deuten auf imaginäre Atemmasken über der Decke. Wenn man das erste Mal fliegt, fragt man sich natürlich, wie man mit Schwimmwesten aus einem brennenden Flugzeug entkommen kann, wenn weit und breit kein Wasser in Sicht ist und wieso es keine Fallschirme an Bord gibt. Aber das sind die Fragen eines Laien. Das Ganze, einschließlich Essen, Trinken, Zeitschriften und Stewardessen dient zur Beruhigung. Und der kleine rituelle Tempeltanz wirkt so unwirklich, daß man gar nicht auf den Gedanken kommst, es könnte sich um eine Notfallübung handeln.

Buchfinken, das wird jeder Fluglotse bestätigen, haben nichts auf einem Flugplatz verloren. Zum Starten und Landen genügt ihnen jeder beliebige Ast und jede Parkbank. Sie landen auf Hausdächern und starten von Hochspannungsleitungen und keiner stört sich daran. Aber auf einem Flugplatz gefährden sie den Flugbetrieb – natürlich aus der Sicht der Fluglotsen.

Doch da Buchfinken kleine Vögel sind, schlüpfen sie durch jede Absperrung. Und so kam es, daß ein kleiner Vogel auf der rechten Tragfläche einer großen Boeing 747 der Philippine Airlines landete gerade als die Show der Stewardessen begann und sich unsterblich in eine zierliche Stewardeß aus Manila verliebte.

Philippine Airlines fliegt acht Stunden nach Bangkok und dann noch einmal drei Stunden nach Manila. Buchfinken, die verliebt sind, haben da keine Chance mitzuhalten – aber sie starten schneller.

So kam es, daß der kleine Buchfink schon einen gewissen Vorsprung hatte, als ihn die große Turbine des Jumbos erfasste. Doch, das weiß Gott allein, Vögel haben eine unsterbliche Seele, denn sie leben bereits auf Erden im Himmel. Und für die Seelen kleiner Buchfinken gibt es auf der Welt keine Grenzen.

Wenn man im Jumbo nach Bangkok fliegst und durch eines der Fenster blickt, kann man den kleinen Buchfinken sehen, wie er das große Flugzeug über die Flughäfen der Welt begleitet. Er hat sein Herz gefunden und breitet über ihm die Flügel aus. Die mandeläugige Stewardeß aber hat von dem allen nichts bemerkt, den sie muß den Gästen Orangensaft servieren oder Zigaretten duty free verkaufen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Go back to top