Der Gartenstuhl

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Das Ausflugslokal liegt über Burg und Stadt auf dem Rücken des höchsten Berges dieser Gegend. Das Gebäude, ein ehemaliges Forsthaus, dient nur der Unterbringung des Buffets, der Kasse und der Kaffeemaschine, der Toiletten, einer Personal-Garderobe sowie dreier Tische, an denen sich notfalls ein paar hartnäckige Stammgäste aufhalten können. Die meisten Besucher werden nur im Garten bedient. Es ist also ein Sommercafé. Das auf ein Brett gepinselte Motto „Nur bei gutem Wetter geöffnet – bis Anbruch der Dunkelheit“ macht jeden Spaziergang unter bedecktem Himmel zu einer Zitterpartie, und man nähert sich dem Café unter gegenseitigen Beteuerungen, auf jeden Fall heute Nachmittag noch Kaffee zu trinken – wenn es sein muss im Hotel ´Zum frommen Kurfürsten´. Aber die Wirtsleute sind nicht zimperlich und lassen strichweise Niederschläge für gutes Wetter durchgehen. Der „Garten“ besteht aus einer strapazierfähigen Wiese, die – wie bei vorstädtischen Fußballplätzen – ein Rohrgeländer umgibt, an dem kopfunter die Kinder pendeln. Vier Warzenschweine betrachten die Wiese als angestammte Domäne, die sie mit den Gästen nur gegen Schweinegeld teilen. Das Entgelt – Äpfel, Strünke und Rinde, eine Art Studentenfutter – ist im Preis für ein Gedeck inbegriffen. Die Tasse Kaffee kostete hier schon zwei Euro, als anderswo (außer im Hotel Zum frommen Kurfürsten) noch eins fuffzig üblich war. Dafür aber – das soll hier der Vollständigkeit halber erwähnt werden – besteht kein Kännchenzwang. Die Attraktion, Tiere in streichelbarer Nähe zu wissen und die Aussicht auf das Hügelland mit der Ahnung eines dunstigen Stromtals in der Ferne, stimmt die Leute nachsichtig. Wochentags geschieht es manchmal, dass aus dem Dunst herauf, zuerst wie Schwalben aussehend, wie Splitter am Himmel, nicht hörbar, die Maschinen des Rhein-Horstes heranfliegen, so dass die Leute am Rohrgeländer auf sie hinunterblicken können. Erst wenn die Tornados der Jasta ´Boelcke´ hörbar werden, erheben sie sich, züngeln wie Schlangenköpfe vor den erschreckten Gesichtern und donnern keine vierzig Meter hoch über den Garten hinweg, so dass die Schweine unter die Tische rennen, der Kaffee aus den Tassen schwappt und die leeren Gläser klirren. Hinter dem Haus fächern die Maschinen auf und kehren auf leeren Himmelsstraßen im weiten Bogen zurück. Sie haben ihre Stärke gezeigt und ohnmächtige Wut erzeugt. „Windwichser“, sagt dann der Kellner, ohne hinzusehen.

Das Café war ab 14 Uhr offen. Und pünktlich, wie zur Öffnungszeit bestellt, segelten Regenwolken über das Haus und leichterten. Der Sommerregen war bald verrauscht, der Himmel abgewaschen. Die Sonne stach, und der Kellner spannte die Schirme auf, die bis jetzt in den Futteralen gesteckt hatten. Als er die nassen Futterale vor sich her trug, um sie über das Geländer zu hängen, fuhr der Bus vor. Aus seinen Türen drängte eine Horde junger Menschen. Die Damen stützten sich auf entgegengereckte Hände und fielen mehr als dass sie sprangen in die begierig ausgebreiteten Arme der Kavaliere. Um ihnen zu entkommen, lief eine junge Frau davon – das Handtäschchen balancierend, als wollte sie sich in die Luft erheben, um die Pfennigabsätze ihrer Pumps nicht zu belasten. So flatterte sie wie ein Laufvogel in Richtung auf den ersten Tisch. Sie hangelte sich mit graziöser Ungeschicklichkeit unter der Barriere hindurch, blickte triumphierend zu ihren Verfolgern und dann, als hätte sie eine Asylstätte erreicht und wäre von nun an unberührbar und jeder Gefahr des Gedrücktwerdens entrückt, ließ sie sich in die Schale des Stuhles fallen – des einzigen Plastikstuhls unter lauter gediegenen Eisenstühlen. Sie streckte ihre Beine aus.

Die Arme, die durch den Schwung nach hinten, um den Himmel wie einen Gatten zu empfangen, das Bild einer glücklichen Frau vervollständigen sollten, blieben plötzlich starr nach oben gerichtet, die Hände gespreizt. Das hübsche Gesicht verzerrte sich, die Augen quollen hervor, der Mund klappte auf und entließ einen schrillen Dauerton, der die Hinzueilenden in Panik versetzte. Man riss an ihren Armen. Die Beine blieben gestreckt. Die Schuhe fielen vom krampfhaft nach unten gebogenen Fußrücken. Die Frau war mindestens in ein Rattennest gefallen oder hatte sich auf einen Frosch gesetzt. Man zerrte sie hoch. Ihr Hintern war dunkelnass. Da stand sie – nach vorn gedrückt, um dem feuchten Stoff auszuweichen. Sie schrie den Namen ihrer besten Freundin und zappelte auf Strümpfen unter dem Gelächter der Kollegen ins Café. Da sie nicht ernstlich zu Schaden gekommen war, hielten alle das Lachen für unbedenklich, obwohl keiner in ihrem nassen Zeug stecken wollte.

Auf der Toilette begann sie zu schluchzen – aus Wut, dass es ihr passieren musste, keiner anderen, ausgerechnet sie war ausersehen, in den einzigen Stuhl zu fallen, der in seiner Sitzschale das Regenwasser gesammelt hatte. Sie weinte über das doppelt unwahrscheinliche Unglück. Sie stieg aus ihrem Kleid und warf es der Freundin zu. Die Tränen schimmerten im Spiegel unter der elektrischen Beleuchtung. Sie stand da in der braunen Strumpfhose und begutachtete mit tränenumflorten Augen den Wasserschaden am Gesäß und an den Hüften. Wuttränen verdarben ihr das Make-up.
„Jetzt ist mir alles scheißegal.“ Sie wischte mit dem Handrücken über die Augen, zog die Strumpfhose aus, knüllte sie und rieb damit über das ganze Gesicht.
„Verdammt, ich will tot umfallen. Wo kriege ich trockene Klamotten her? Wo kriege ich Klamotten her, in denen ich tanzen kann!“
Tanzen stand heute nicht auf dem Programm, aber sie sah sich in der Rolle einer Tänzerin, darauf eingestellt, an diesem Sommertag die Männer verrückt zu machen, sich berühren zu lassen, nahe an jemanden heranzutreten, den Kopf zurückzulegen und aus blanken Augen zu schauen, in denen sich begehrliche Blicke spiegeln. Das war ihr das Leben wert. Und dieser gottverdammte Gartenstuhl, der nicht wie die übrigen Stühle mit einem Drahtgitter bespannt war, der wie eine Waschschüssel geformt sein musste, und dann dieser – Regenschauer und dieser, dieser – Kellner, der alle Eisenstühle an den Tisch geklappt hatte, nur diesen einen Plastikstuhl nicht, diesen beschissenen einen Stuhl.
„Dieser verblödete, dieser, dieses verkommene Subjekt! Dafür knalle ich ihm eine, dass er sich einen anderen Job suchen geht!“
Sie schrie umher und sah so schön aus. Ohne den BH wäre sie nackt gewesen, abgesehen von den Ohrringen und dem Täschchen. Es schien ihr angewachsen zu sein. Eine ältere Kollegin rief durch die Tür:
„Der Kellner hat einen Föööhn.“
„Er soll ihn sich in den Arsch schieben! Nein – warte!“

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