Der große Coup
von Michael Kuss (Copyright)
„Du nervst mich!” hatte er gesagt und sich die vierte Büchse Bier aus dem Kühlschrank geholt. “Eines Tages werde ich es dir schon zeigen!” Er fläzte sich vor den Fernseher, klickte von RTL über den Sportkanal und flippte das Bier auf. Sie klappte das Bügelbrett zusammen.
“Du willst mir doch nicht erzählen, dass du nicht mal einen Gelegenheitsjob finden kannst!” sagte sie und verstaute seine gebügelten Hemden im Schrank. “Dein Bruder hat sich sogar aufs Fahrrad gesetzt, ist rüber in die Villengegend gefahren und hat Haus für Haus abgeklappert und nach Arbeit gefragt; – Gartenpflege, kleine Hausreparaturen, Wege säubern, – alles Mögliche!” Sie schaute ihn geringschätzig an. Er wird seinen Hintern nie hoch kriegen und eines Tages wird sie mit Willi auf und davon gehen und diese Hanswurst sich selbst überlassen’.
“Ich hab’ keine Ahnung von Gärtnerei! Oder soll ich vielleicht den Reichen ihre Scheiße wegkehren?!” Er zielte und warf geschickt die leere Bierbüchse in den Müllbehälter. “Und mein Bruder Willi! Wenn ich das schon höre! Willst dich wohl an ihn heranmachen! Ihr hängt ja schon dauernd zusammen!“
„Ich will gar nichts!” wich sie aus. “Ich will nur, dass du endlich Geld ins Haus bringst! Wie, das ist mir völlig egal…!”
“Soll ich vielleicht ‘ne Bank überfallen…?” schrie er sie an.
“Großmaul!” sagte sie resigniert. “Bei dir reicht der Mut nicht mal für ‘ne Salami im Supermarkt! Er hatte die volle Bierbüchse in die Ecke geknallt und war wie eine Furie aufgesprungen. “Ich werd’s dir zeigen!” schrie er. Er rannte ins Schlafzimmer, suchte in ihrer Wäsche ein Paar Nylons und steckte sie ein. Unter dem Bett angelte er die Gaspistole hervor. Er knallte die Haustür zu und fuhr mit dem Motorrad weg. `Wieder ‘mal seinen Anfall’, dachte seine Frau. ‘Soll mir recht sein! Wenn er nur nachher Ruhe hält und nicht randaliert!’
Er fuhr rastlos durch den Ort, kippte sich im Anker noch zwei Pils rein und schmiedete Pläne. Eine Bank überfallen! Rein und zwei Geiseln die Knarre vorhalten, die Nylons über den Kopf und der Kassiererin einen Zettel hinschieben: ‘Das ist ein Überfall! Kein Alarm! Keine Polizei! Alle Banknoten hier in den Plastiksack! Sonst gehen die Geiseln hopps!’
Er wurde nachdenklich. Musste es gleich eine Bank sein? Warum nicht eine kleine Post-Filiale hier irgendwo bei uns in der Nachbarschaft?! Ja! Das war die Lösung! Die waren noch schlecht abgesichert und auf dem flachen Land konnte er sich besser aus dem Staub machen als in den Straßen der nahen Großstadt! Mit dem Geld würde er…, zunächst ein neues Auto! Dann Sachen packen und ab in den Süden. Ohne Sabine! Eine Nervensäge! Am Mittelmeer gibt es Weiber wie Sand am Meer! Spanien, große Freiheit! Mein Bruder Willi? Ein Hungerleider! Ein Hinterstuben-Poet ohne Ideen, ohne Initiative! Er, Hans, würde es allen zeigen und vor allem Sabine! Sie würde ihn nicht mehr Großmaul nennen! Es wird zu spät sein! Wer Geld hat, kann bestimmen! Geld schafft Ansehen! Er trank aus, suchte das Kleingeld zusammen, zahlte und fuhr über die Dörfer.
Um Fünf klingelte der Streifenwagen an Sabines Tür. “Ihr Mann hat einen Raubüberfall verübt und ist schwer verletzt!”
„Das darf nicht wahr sein!“ sagte Sabine. „Also doch…!“ Ihre Irritation schien mir echt zu sein.
“Wo…, was…, – eine Bank?” fragte Sabine meine Kollegin.
“Eine Bank?” Die junge Polizistin grinste beinahe ironisch. “Ja! eine Bank! Drüben im Stadtpark hat er auf ‘ner Parkbank einer Oma die Handtasche weggerissen. Bei der Flucht ist er mit dem Motorrad an einen Baum gefahren. Jetzt liegt er in der Notaufnahme vom Kreiskrankenhaus!”