Der Heilige
(eine rheinische Geschichte)
von Jürgen Jesinghaus (copyright)
When the dick gets hard the brain gets soft. Moosgerthner beobachtete die Fußgänger auf der Suche nach Bekannten, die ihn zufällig sähen, wie er sich anschickt, das Schöne zu suchen – in den Magazinen auf den Regalen neben den Kabinen. Er tauchte ein in den Gesang der Seekühe, in den Chor der ständigen Atemnot.
He feeds the cock to her. Eier im Fleischsalat. She rides him faster and faster, uuaaeeooooa. Ich komme, schreit er, doch nicht jetzt schon, sie, und ea-eat my pu-hussy-iie und hastenichgesehn in Six-nine-Position, cocksucking, clitlicking. Im Finale er oben, viele iiis in den ooos, beat the meat, jizz on the tits und Ende. Jetzt ist abgefackelt. Die Meatbeaters warfen ihre Kleenex in die Eimer. Mit glasigen Augen drückten sie sich an der Kassiererin vorbei. Moosgerthner wandelte von Wühltisch zu Wühltisch, beseligt und benebelt vom Gesang aus den Kabinen, dem Chor Verzückter.
Du darfst nicht vor Heiligabend die Verpackung aufreißen! Aber Moosgerthner, inkognito zur Hölle gefahren, zerreißt das Cellophan nicht aus Wollust, sondern um die Schönheit zu erlösen – zu suchen erst und dann zu retten. Eingeschweißt in Klarsichthüllen lächeln Covergirls ihr Gutenachtlächeln. Samantha im Seidenteddy aus Pünktchentüll, Suzanne im Baby-doll aus Charmeuse, Veronica im Strapsenhemd und Gail im Tanga. Die Kugeln wallen über die Hände wie Wasserfälle, o titanic titted busty belle. Rollende Brüste aus aufgehakten Miedern, Woge auf Woge im sommerlichen Meer der Frauen, in das Moosgerthner eintaucht, ein heiliger Don Juan.
Alicia butterflies her legs and arches gracefully. Die Titten wölben sich im Zentrum zweier Gegenkräfte, der stimulierenden Hand und des geboenen Leibes. Die Haut leuchtet zwischen all dem Lila, Livid und Rosenholz. So lebendig, so nur dem eigenen Willen hingegeben! Wenn Schönheit ein Zeichen für eine reine Seele ist, dann wirst du, Alicia, das Himmelreich erlangen. Und Tracey Juggs, das Antlitz von platinfarbenen Haaren gerahmt, braune Augen, hazeleyed, und Lippen so rot wie die Kappe von Rotkäppchen rot sein muß, damit Kinder lernen, was rot ist, so rot, und so rot ist auch der Handschuh an der Hand, die über den getönten Körper langt, um den großen Apfel über dem Herzen zu tragen, und so rot sind auch die Schuhe, aus denen seidenmatt die Beine wachsen. Im Scheitelpunkt der Beine, hoch unter dem Tempeldach, die schattige Fotze. Im Zentrum der Fuß einer wunderschönen Gastropode, die sich aus dem Bauch der Göttin schiebt, Grauen und Sehnsucht ihrer Adepten, o anbetungswürdige, o cunt, o cooze. Aber kein noch so gestochen scharfes Foto der erhabenen Klitoris, von beringter Hand entblößt, geben Moosgerthner das Geheimnis der Schönheit preis. Die letzte Wahrheit auch nicht in den hingereckten Höhlen, obwohl so nah, durch Studiolampen dem Dunkel entrissen, wie Tempeltüren im zerbröselnden Mittagslicht.
Am Ladentisch, wo Preislisten, Stöhnkassetten und obszöne Spielkarten ausliegen, und wo die, die nicht kaufen, jene hämisch ins Auge fassen, die kaufen wollen, gerade dort erkannte ihn ein Mitglied seiner Gemeinde, der Sohn seiner Köchin. Der Blick des Neuankömmlings, suchend, und der Blick des Pfarrers Moosgerthner trafen sich und schlossen beide von vornherein jede Verwechslung aus. Warum kommt Brosheim aus dem industriellen Norden in den leichtlebigen Süden der Stadt? Und ausgerechnet hierher? Geistesgegenwärtig, durch Panik zur Höchstleistung aufgestachelt, wedelte Moosgerthner mit dem verpackten Heft, Tracey Juggs verbergend, und schrie so laut, wie in diesen andächtigen Räumen noch nie geschrien wurde: “Guten Tag, mein Lieber, also auch du, mein Sohn Brutus, habe ich es mir doch denken mögen, lieber Brosheim. Sieh her, mein Sohn, seht ALLE her, DAS ist beschlagnahmt, das Teufelsweib (die göttliche Tracey unter Packpapier), ich konfisziere ALLES.“ Er fing an, Hefte aus den Regalen zu werfen, schmiß alles andere auch zu Boden: Tiegel und Töpfe, Kitzlercreme und Potenzpillen, Schachteln und Masken, Peitschen und Stiefel, Spitzenbusties und slips ouverts, den ganzen Uhse-Kram aus Polyamid, Latex und Elasthan, Lackbodies mit Beinausschnitt, Tüll und Müll, alles fegte er fort, Nobbenrubber und Verzückungsringe, Geisha-Kugeln, Lustschmetterlinge, alles ohne zu wissen was, die gesamte High-Tech-Erotik, Streichelstäbe Wilder Reiter, Stimulatoren und Vibratoren mit Netzanschluß oder Batteriebetrieb, Liebeskissen, Venylprothesen, Party-Puppen und Videokassetten, alles auf den Boden. Und trampelte darauf herum. “Ich werde den Tempel reinigen!“ schrie er, seine Angst trieb ihn an, den Laden zu verwüsten. Er schaffte es in kurzer Zeit dank der Fassungslosigkeit seines Inhabers, der endlich den Einwand wagte: “Um Gottes willen“ und über die Trümmer stieg, Moosgerthner zu bändigen. Der aber schrie weiter: “Um Gottes willen, du sagst es, du Verführer, du Satanas, ich beschlagnahme ALLES im Namen der Sittlichkeit, namens der Bräute, die im Schleier vor mich treten, und namens der Bräute, die den Schleier für EWIG nehmen, kraft meines Amtes als Seelsorger in dieser gefährlichen und gefährdeten Stadt, wo der Rat DAS hier, DAS hier und DAS hier, DAS und DAS nicht nur duldet, sondern um der Gewerbesteuer willen fördert. Pfui, wie muß ich mich schämen!“ Er wurde gewaltsam davon abgehalten, am Ende seines Rundgangs, zurückgekehrt an seinen Ausgangspunkt, die Kasse hinabzustürzen, um den Lohn der Sünde zu verstreuen. Die Kassiererin schlug ihm eine Ohrfeige. “Strolch, Sie, Sie, ich habe Sie beobachtet! Die Polizei ist gleich hier, und dann erzählen Sie mal alles von vorn.“ Als die Polizei ihn bat mitzukommen, um die Personalien festzustellen und das Protokoll aufzunehmen, rief er gewaltig: “Nehmen Sie diesen jungen Mann mit sich, Brosheim ist sein Name, er ist ein Schaf meiner Herde, um derentwillen ich mich dem Arm des Gesetzes überantworte.“
Moosgerthner hatte seine Haut gerettet. Die Verwarnung durch das bischöfliche Ordinariat trug er mit Gleichmut. Aber sein Gewissen peinigte ihn, denn er hatte Tracey Juggs verleugnet, bevor der Hahn auch nur einmal krähte. Die Schadenersatzklage des Händlers beschäftigte die Lokalpresse und wurde, wie es hieß, salomonisch beschieden. Hilfreich war dabei ein Angebot der Stadt an den Händler. Seltsamerweise beteiligte sich daran auch das Römisch-Keltische Museum. Der Betrag, den die Erzdiözese an die Stadt oder einen Strohmann des Händlers hatte zahlen müssen, blieb lange Zeit geheim. Moosgerthner ließ sich im Gemeindeblatt belobigen: “Hirte nimmt das Kreuz auf sich im Kampf gegen den sittlichen Verfall. Stadt verspricht, den Augias-Stall auszumisten.“ Die Tageszeitung textete: “Moralische Überreaktion eines Geistlichen.“ Das alternative Blatt ´Schnauze´ fragte: “Welcher Ort ist vor Klerikern noch sicher?“ Eine überregionale konservative Tageszeitung betrachtete die Affäre tiefsinnig: “Das Paradigma heiliger Empörung und christlicher Katharsis falsch in die Gegenwart übertragen: Wenn Christus den Tempel-Vorhof reinigte, indem er die Bänke der Geldwechsler umstieß, was reinigte dann Monsignore Moosgerthner? Den Tempel der Astarte?“ Das archäologische Institut des Museums berichtete in seinem Monatsorgan mit dünner Ironie: “Pfarrer beschreitet mutig den Weg der Ökumene: Er reinigte den Tempel der Aufanischen Matronen, dessen Überreste sich in einem Kellergewölbe der heutigen Dreikönigsstraße befinden. Sie werden in nicht all zu ferner Zukunft restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, daher stehen die Räumlichkeiten nur vorübergehend der kommerziellen Nutzung im Dienst der Ehehygiene zur Verfügung.“
Pfarrer Moosgerthners Ansehen hatte nicht gelitten, im Gegenteil, er galt als streitbarer Mann, fast ein Dr. Martin Luther, wie sich ein evangelischer Amtskollege, von jenseits der Rechtgläubigkeit, anerkennend äußerte. Moosgerthner versöhnte sich im Dienstzimmer mit dem verirrten Schaf Brosheim bei Kaffee und Kuchen und ließ Gnade vor Recht ergehen, obwohl doch der junge Mann ihn und die Kirche in eine mißzudeutende Lage gebracht hatte.
Knapp zwei Jahre später wurde Moosgerthner trotz seines mutigen Einsatzes für die Moral in eine oberschwäbische Gemeinde versetzt.