Der Marmorbrunnen

von Barbara Strauss (Copyright)

Stille umfing Jana, nachdem sie das schwarze, schmiedeeiserne Tor hinter sich hatte zufallen lassen. Sie kam hierher, wenn sie genug hatte von den Sorgen der anderen, von deren Wut, Streitsucht oder Gleichgültigkeit. Es gab kaum Menschen an diesem Ort, wenn sie die Toten nicht zählte, die hier unter der Erde lagen.
Langsam ging sie einen der Wege zwischen den Grabreihen entlang, ohne sich der Gräber überhaupt bewußt zu sein. Sie ging geradewegs auf die Friedhofskapelle zu, die sich ganz hinten auf einer Anhöhe befand. Unverwandt starrte Jana beim Gehen vor sich auf den Weg und hob nur ab und zu den Kopf, um zu sehen, wie weit die Kapelle noch entfernt sei. Wenn Jana dann endlich auf der Holzbank vor der Kapelle saß und auf Hunderte von Gräbern unter sich blickte, war ihr Kopf schon wieder frei von dem, was sie hierher getrieben hatte.
Der Friedhof war von einer hohen Mauer umgeben – einer magischen, davon war Jana überzeugt. Wie sonst wäre es möglich, daß es ihr bisher immer gelungen war, ihren Kummer draußen zu lassen. Der ganze Ort war magisch, und sie, Jana, war die einzige, die von seinem Zauber berührt wurde. Und der Zauber ging von der uralten Mauer aus.
Ein leichter Windstoß ließ Jana frösteln, und sie stand auf und ging hinter die Kapelle. Da hinten berührte die Mauer beinahe das Gebäude und ließ nur einen schmalen Durchgang frei. Jana konnte nicht über die Mauer sehen, sie war viel zu hoch, aber Jana wusste trotzdem, was dahinter lag: Wenn man auf der anderen Seite die Mauer entlangspazierte, kam man erst durch ein Wäldchen und gelangte dann zu einer Lichtung, die direkt hinter der Kapelle lag. Ein Stückchen weiter grenzte der Wald an eine Stadtrandsiedlung.
Hinter der kleinen Kirche war die Mauer auf der Friedhofseite mit Efeu bewachsen. Nur dort. Ein neuerlicher Windstoß zerzauste Janas Haar und griff gleichzeitig ins Blattwerk. Für einen Augenblick legte der Wind ein Fleckchen der Mauer hinter dem Efeu frei. Jana, die mit ihrem Haar zu kämpfen hatte, war sich nicht sicher, ob sie richtig gesehen hatte. Jedenfalls war es ihr vorgekommen, als wäre die Mauer dunkler, andersfarbig, da hinten. Um nachsehen zu können, was sich hinter dem Efeu verbarg, mußte sich Jana seitlich zwischen Kapelle und Mauer vorwärtsschieben, bis sie die Stelle erreichte. Vorsichtig griff sie mit beiden Händen in die Ranken und schob sie auseinander.
Braunrot leuchtete es ihr entgegen. Jana riss und zerrte am Efeu, bis sie eine verrostete Eisentür freigelegt hatte. Die Tür war schmal und niedrig. Jana ließ ihre Finger darübergleiten und fühlte, daß, wenn sie durch diese Tür ginge, sie nicht in den Wald, zur Lichtung und zur Siedlung gelangen würde. Zaghaft drückte sie gegen das rostige Metall. Die Tür sprang augenblicklich auf, ohne auch nur einmal zu knarren. Jana machte einen zögernden Schritt, dann noch einen, etwas mutiger geworden, und dann war sie auf der anderen Seite. Sie fühlte, wie sich die Tür wieder hinter ihr schloß. Jana drehte sich nicht um.
Es war genau so, wie sie es erwartet hatte: kein Wald, keine Lichtung, keine Siedlung. Eine ganz andere Landschaft tat sich vor Jana auf. Jana betrachtete den verwilderten Park, an dessen Eingang sie jetzt stand, ohne ihn weiter zu betreten. Die Luft war mild und roch würzig. In der Ferne konnte sie Vogelstimmen vernehmen. Beiderseits von Jana machte die Mauer einen Bogen um den Park, soweit sie ihn überblicken konnte. Hier drinnen war die Mauer mit wildem Wein bewachsen, und nun drehte sich Jana doch um.
Die Mauer hinter ihr, zum Greifen nahe, zeigte keinen Durchlaß mehr. Auch als sie, wie vorher schon, das Blattwerk beiseite schob, konnte Jana die schmale Pforte nicht mehr entdecken. Ein leichter Zweifel, ein Gefühl des Bedauerns vielleicht, rührte sich tief in ihrem Inneren, aber dieses Gefühl war so leise, daß es Jana kaum bewusst wurde. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen. Nicht heute, längst schon, beim ersten Mal, als sie den Friedhof betreten und ihre Last vor dessen schmiedeeisernem Tor abgelegt hatte.
Ein Plätschern, die ganze Zeit über hatte sie es schon vernommen aber nicht beachtet, lenkte Janas Gedanken wieder zum Park zurück. Ein schmaler Pfad aus flachen, weißschimmernden Steinplatten führte durch knöchelhohes Gras auf eine Gruppe von Sträuchern zu und durch sie hindurch. Erst als Jana sich zwischen dem Geäst hindurchgeschlängelt hatte, konnte sie die Ursache des Plätscherns erkennen. Inmitten einer Wiese und umgeben von blühenden Bäumen und Sträuchern stand ein Brunnen mit einem Durchmesser von mehreren Metern. Der Rand des Brunnens war kniehoch, aus Marmor und kunstvoll behauen. Inmitten des Beckens stand eine Marmorstatue auf einem Sockel, eine Frauengestalt in ihrem steinernen Kleid, das einer Mode entsprach, wie man sie wohl vor mehr als hundert Jahren getragen haben mag. Die Figur reckte die Arme dem Himmel entgegen.
Janas Blick folgte den Armen und blieb an den Händen der Figur hängen. Eine marmorne Taube schien auf ihnen entweder gerade zu landen oder war im Begriffe, sich zum Flug aufzuschwingen. Jana vermochte es nicht genau zu sagen, jedenfalls aber saß die Taube nicht wirklich auf den nach ihr greifenden Fingern.
Gebannt von dieser Kunst und um die Skulptur genauer betrachten zu können, ging Jana ein paar Schritte auf die Statue zu. Als sie ein leises Gurren vernahm, hielt sie inne und wagte nicht mehr zu atmen. Und sie hörte es ein zweites Mal: Die Taube aus Stein gurrte. Jana blinzelte, denn die Sonne stand hoch, und das Blau des Himmels stach ihr in die Augen. Und als sie einen Moment den Blick senkte, war es ihr, als hätte sie im letzten Augenblick des Wegschauens gesehen, wie sich ein Flügel bewegte. Mit der flachen Hand beschattete Jana ihre Augen und starrte auf die Taube, die sich flügelschlagend auf den Händen der Frauenfigur niederließ. Schließlich saß das Tier ruhig da und blickte neugierig auf Jana.
Jana starrte sprachlos zurück. Jetzt kam auch Bewegung in die Statue. Langsam senkte sie die Arme, und gleichzeitig gewann sie an Farbe. Das weiße Marmorkleid wurde blau, die Bluse cremefarben und die schulterlangen Haare glänzten kastanienbraun in der Sonne. Die zum Leben erwachte Statue hielt die Taube, die als einzige die Farbe beibehalten hatte, behutsam in den Händen und drehte sich zu Jana. Als die Frau von ihrem Podest stieg und durch das flache Wasser auf sie zu watete, wich Jana einen Schritt zurück.Noch immer brachte sie kein Wort heraus. Als die Frau beinahe den Brunnenrand erreicht hatte, flog die Taube hoch und verschwand alsbald in der Ferne. Jana und die Frau schauten dem Vogel nach, bis er nicht mehr zu sehen war, dann stieg die Frau über den Brunnenrand und lächelte Jana freundlich an.
Jana wich noch einen Schritt zurück und setzte an, etwas zu sagen, doch ihre Stimme versagte. Die Frau kümmerte sich aber nicht weiter um sie sondern musterte suchend den Boden.
„Hast du meine Schuhe gesehen?„
Jana blickte auf die bloßen Füße der Frau und schüttelte den Kopf. Die andere seufzte, setzte sich auf den Beckenrand und begann ihr knöchellanges Kleid, das bis zu den Knien triefnaß war, auszuwringen. Die Frau war nicht viel älter als Jana, war wahrhaftig aus Fleisch und Blut und benahm sich wie jeder andere Mensch. Jana schüttelte unwillig den Kopf. Die Marmorstatue konnte nichts anderes als eine Sinnestäuschung gewesen sein. Allmählich gewann Jana ihre Fassung wieder.
„Ist die Taube zahm?„ fragte sie.
Die Frau betrachtete den nassen Saum ihres Kleides. „Ich weiß es nicht„, antwortete sie, stand auf und begann wieder nach ihren Schuhen zu suchen. „Die alte Frau, die vor dir da war, hat gesagt, wenn ich mich auf das Podest stellte, würde die Taube zu mir fliegen. Ich habe es ausprobiert, und der Vogel ist wirklich gekommen. Wo ist die alte Frau?„
„Da war niemand, als ich kam„, sagte Jana und betrachtete das Podest, das nur ein klein wenig aus dem Wasser ragte. Schon schlüpfte sie aus den Sandalen und streckte ihre Zehen ins Wasser. Es war nicht kalt, und sie stieg mit beiden Füßen in den Brunnen. Wenig später stand sie auf dem Marmorblock. Sie schaute nach der Frau und sah, wie diese in ihre, Janas, Sandalen schlüpfte. Schon wollte Jana ärgerlich etwas hinüberrufen, da hörte sie ein fernes Flattern über sich. Sie hielt Ausschau und entdeckte den Vogel, ein kleiner, weißer Punkt im grellblauen Himmel. Während der Punkt immer größer wurde, hörte Jana, wie sich die Frau entfernte, sah sie aus den Augenwinkeln zwischen den Büschen verschwinden und fragte sich, ob sie wohl die Pforte finden würde.
Doch die Frau war ihr nicht wichtig. Jana freute sich auf die Taube. Erwartungsvoll streckte sie ihr die Arme entgegen, und Sekunden später landete das Tier sanft auf ihren Fingern. Jana hielt das Tier vor sich und fuhr ihm zärtlich mit den Fingerspitzen über den Kopf. Die Taube gurrte zufrieden.
„Wie hast du das gemacht?„ fragte eine Männerstimme.
Jana fuhr erschrocken herum, und die Taube flatterte davon. Auf dem Beckenrand saß ein Mann. Er sah müde aus. Oder vielleicht war er auch krank, denn sein Gesicht war aschfahl und seine Augen hatten keinen Glanz.
„Was war das, was du da in deiner Hand hattest?„ fragte er jetzt und mußte husten.
Jana watete durch das Wasser und setzte sich neben ihn. Ein sonderbarer Mensch, dachte sie. Laut aber sagte sie: „Du meinst den Vogel. Das war eine Taube. Konntest du das nicht erkennen?„
Er schüttelte den Kopf und hustete wieder. „In einem Buch habe ich einmal ein Bild davon gesehen„, sagte er.
„Aha„, sagte Jana und wusste nicht, was sie von ihm halten sollte. Er wirkte so traurig und krank und hoffnungslos. Verstohlen musterte sie ihn von der Seite. Seine Kleidung gefiel ihr nicht. Wie eine Uniform, steif und farblos. Er tat ihr leid, aber was ging er sie an.
„Versuch es doch auch!„ forderte sie ihn auf. „Du mußt dich nur dorthin stellen„, erklärte sie und zeigte auf die Mitte des Brunnens. Er blickte sie zweifelnd an, dann flackerte es in seinen Augen kurz auf, und er schwang seine Beine mit einer Schnelligkeit, die ihm Jana nicht zugetraut hätte, über den Beckenrand. Jana stand ebenfalls auf und entfernte sich in die entgegengesetzte Richtung. Als sie die Sträucher erreichte, schaute sie noch einmal zurück und sah, wie der Mann gerade auf das Podest stieg.
Diesmal fand Jana die Tür in der Mauer sofort. Sie zog sie auf und blieb auf der Schwelle stehen. Der Friedhof war nicht mehr da. Schmutzige graue Mauern erwarteten sie stattdessen. Der Boden vor der Tür war aus Beton und mit Abfällen aller Art übersät. Menschen in einheitlicher trister Kleidung hasteten an Jana vorüber, ohne ihrer gewahr zu werden. Alle starrten sie vor sich auf den Boden mit ihren stumpfen Augen in bleichen Gesichtern. Und der Himmel hatte sich all dem angepaßt. Er war grau und undurchdringlich, und die Luft roch schlecht.
Hierhin wollte Jana nicht. Voller Entsetzen drehte sie sich wieder um, doch die Tür hinter ihr hatte sich lautlos geschlossen. Oder beinahe, bis auf einen Spalt, der immer kleiner wurde. Jana schrie auf, warf sich gegen die Tür, die unerbittlich gegen Janas Körper drückte, aber es gelang Jana schließlich doch, sich durch den Spalt zu zwängen. Zitternd stand sie wieder auf der anderen Seite. Hier hatte sich nichts verändert. Sie hätte ihre eigene Welt niemals verlassen dürfen, warf sich Jana nun vor, beruhigte sich aber gleich wieder. Nicht sie hatte die Tür gesucht, die Tür hatte sich ihr gezeigt.
Jana rannte zurück zu dem Brunnen. Der Mann sah verzückt nach oben und hatte die Arme zur Hälfte erhoben. Die triste Farbe seiner Kleidung begann dem Weiß des Marmors zu weichen.
„Warte!„ schrie Jana. Sie wollte nicht Jahre auf seine Rückkehr warten müssen. Und tatsächlich drehte er sich nach ihr um.
„Gibt es wirklich keine Vögel mehr in deiner Welt?„ schrie Jana nun. Er schüttelte den Kopf, und sein Anzug gewann wieder seine alte, undefinierbare Farbe zurück.
„Komm wieder her!„ flehte Jana nun. Der Mann aber war nicht bereit, darauf zu verzichten, einmal einen lebendigen Vogel in der Hand zu halten.
„Du mußt aber herkommen, ich will hier nicht alleine bleiben! Diese Taube ist nicht die letzte!„ rief Jana verzweifelt. Und endlich fügte sich der Mann und stieg von dem Marmorblock herunter. Als er am Brunnenrand anlangte, nahm ihn Jana an der Hand.
„Hörst du?„ fragte sie, und er nickte. Ringsum in den Bäumen waren die verschiedensten Vogelstimmen zu hören.
„Dieser Park ist ein Geschenk an uns„, sagte Jana leise. „Ich habe meine Zukunft gesehen, deine Welt. Für uns ist hier alles gut. Aber ich weiß nicht, ob wir es verdienen.„
Der Mann sagte nichts, sondern zog Jana mit sich. Hand in Hand gingen sie tiefer in den Park hinein.

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