Der Schein der Macht
von Karlheinz Lörner (Copyright)
Vor kurzer Zeit war er erst Führer des Rudels geworden. Der Alte hatte sich damals verändert in der langen Zeit seiner Führerschaft, war gewalttätig geworden und hatte eines der Weibchen aus Zorn getötet. Auch das gejagte Wild beanspruchte er für sich allein, fletschte die Zähne und biß wild um sich. Die Jungen hatten sich zusammengetan, um die Herrschaft des Alten zu brechen. Als der kalte Tod in die Bergwelt einzog und die Rudel den Spuren der Tiere folgten, als die Schwächsten zurückblieben und einbrachen im Firn, setzte der schnellste seine Fänge an die Kehle des Rens und zog es nieder. Da stand über dem gefällten, hingestreckten Leib und über dem Todeskampf der Alte hochaufgerichtet wie ein Denkmal der Gewalt. Das schien den Jungen ein Signal und und der Mutigste unter den Jungen stürzte sich in Hunger Wut auf ihn, zerrte und biß ihn in die Flanken. Die Meute folgte, als die Schwäche spürte, fletschte die Zähne und setzte die Fänge in das Fleisch des Gedemütigten, daß er hinkend und hechelnd vor Schmerz sich in das Unterholz verzog.
Das war das Ende einer langen Herrschaft. Der Alte folgte dem Rudel noch eine geraume Zeit aus der Ferne wie einer Hoffnung, einem Traum der vergangenen Macht. Doch das Rudel hatte ihn schon mit dem Augenblick begonnen zu vergessen, als er dem letzten Biß des Neuen auswich, den Schmerzen, der Ohnmacht.
Das Rudel war der Grund der Macht, das wußte der Junge noch, als er sich an seine Spitze setzte. Eine Zeit erinnerte er sich daran, als sie gemeinsam jagten. Die andern fühlten den Rausch der Freiheit mit ihm, wenn sie über die Steppe jagten, auf gleicher Höhe manchmal oder abwechselnd, der eine vor dem andern über die Bergpfade. Zur gleichen Zeit waren sie am Wild. Immer zeichnete sich einer vor dem anderen aus, wechselnd, der Neue, doch immer ein bißchen mehr.
Daß die Macht aber in ihm selbst lag, das fühlte der Neue in dem Augenblick, als es galt, zu entscheiden, ob das Rudel den Fluß überqueren sollte, als das Eis unter den Frühlingsfluten zu brechen begann. Er war es, der die Angst vor dem Donnern des Eisbruchs überwand und mit wilden Sprüngen darüber hinweg hetzte, das andere reiche Beute versprechende Ufer im Blick. Er wußte das Rudel hinter sich, auch die trächtigen Weibchen. Da fühlte er die Macht, die in ihm war und ihn über die andern setzte.
Daß dabei einige der Weibchen und auch einer seiner Brüder das andere Ufer nicht erreichten, war notwendig, wenn er es auch tief bedauerte. Anders war das Überleben des Rudels nicht zu sichern gewesen. Denn nur hier in diesem Teil des Landes, das wußte er aus seinem Instinkt, gab es noch jagdbares Wild. Die anderen begannen seine Führerschaft zu akzeptieren, denn seine Entscheidungen schienen ihnen zu Anfang folgerichtig.
Bald glaubten sie auch an seine übernatürliche Kraft. Denn als er die Jagd des Rudels auf die Weiden der Hirten ausdehnte, schenkte ihnen der ferne Mondgott am Himmel Jagdglück unendlich.Der immer währende Hunger war in dieser nur noch ein vergangenes Ahnen und das Blut schmeckte jeden Tag heiß und süß von den Kehlen der Getöteten. So wurde er der Herr des Mondes für sie.
In einer Vollmondnacht des Mittsommers fühlte er seine Unbegrenztheit. Er war sich selbst zum Gott geworden, den anderen ungleich, ihr Gegenteil, er die Allmacht, sie nur seine Geschöpfe. Anders als der Alte, der nur mit seiner Gewalt geherrscht hatte und doch von seiner Macht nur wenig wußte, erkannte er in sich Größe und Bestimmung. Im Wolf fühlte er den Menschen.
Als die Hirten Zäune bauten und mehr und mehr Hunde die Herden umkreisten und Wachen die Nacht sicherten, wurde es für das Rudel schwerer, die Tiere zu finden und zu greifen. Er hatte das lange vorhergeahnt, denn der Mensch in ihm hatte längst den Wolf nur noch über seiner nackten, unbehaarten Haut getragen. So führte er seine Brüder in das Lager der Hunde, die den Mond anklagen, daß sie keine freien Wölfe mehr sein können, die das frische Blut spüren auf den Lefzen. Nur so, daß wußte er aus seinem göttlichen Instinkt, konnte er das Überleben sichern.
Die Menschen nahmen ihn gern auf als ihresgleichen, brachte er ihnen doch das Wissen über die Art der Wölfe und lehrte sie, wie sie sich gegen sie zur Wehr setzen könnten. So wurde er durch die Dankbarkeit der Menschen nach und nach zum Herrn über eine Herde Schafe. Sein Land war reich und gesichert mit hohen, unüberwindlichen Zäunen gegen die Wölfe aus den Wäldern und von den Bergen. Nur manchmal an bestimmten Tagen, wenn der Vollmond über der Steppe strahlte, lief er hinaus zu seinen alten Freunden, die doch jetzt die Hunde der Hirten geworden waren, und betete mit ihnen den großen, fernen Mondgott an.
Den Menschen war er geheimnisvoll und unheimlich. Sie glaubten an seine übernatürliche Kraft und folgten ihm darum gerne. Er hieß bei ihnen der Wolfsmensch und die Sage geht, daß er zunächst dem Sachsenherzog saß, dem Widukind, als sein erster Berater im Krieg gegen den Karl, König der Franken.