Der Sieger

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Der Alte heißt Serrest, Johannes Serrest, genannt Harry. Als ihm das mit seiner Tasche passierte, war er schon über 60, er ging auf die 70 zu. Vielleicht sollte ein alter Mensch keine Tasche mitnehmen, wenn er mit der Tram in die Stadt fährt, oder sie fest am Griff halten oder wenigstens an nichts anderes denken, bis die Straßenbahn kommt.

An der Haltestelle hatte Harry seine Tasche auf einen Sitz gelegt und dachte nicht mehr an sie. Er dachte: Hast du das Licht ausgeschaltet, den Gashahn zugedreht? Einmal war er – um sich zu vergewissern – zurückgefahren, unter dem Einfluß einer Nachricht, daß in Oberschöneweide ein Haus explodiert sei, weil jemand vergessen hatte, das Gas abzustellen. Wenn sich die Atemluft mit Erdgas vermischt und jemand klingelt, daß die Funken sprühen, dann gute Nacht, Marie! Du fühlst dich in den zweiten Weltkrieg versetzt. Du schaust von der Straße ins Wohnzimmer. Mit dem Feldstecher kannst du den gekringelten Arzttermin auf dem Kalender sehen, der noch in der Küche hängt. Harry quälte sich mit Fragen: Stehst du auf dem richtigen Bahnsteig, hast du den korrekten Preis bezahlt, das Wechselgeld aus dem Schacht genommen, ist heute Werktag oder Samstag? Warum fällt es jungen Menschen so leicht, diese Fragen erst gar nicht zu stellen? Und doch sind sie schneller und erfolgreicher, aber auch nicht immer fehlerfrei. Einige sterben so früh, wie Omme an seinem 15. Geburtstag, ein Junge aus Milch und Blut.

Der im Dorf bekannte – nein, ich nenne keinen Namen – hatte den Schlag seines Autos aufgestoßen, um auszusteigen, als Omme auf dem nagelneuen Rad sitzend alle Schleusen der Geschwindigkeit öffnete, die Straße hinunterraste und die Autotür aus den Scharnieren riß, so daß sie in ungewohnter Lage, Kartentasche nach außen, an den Kühler gelehnt stehenblieb, in einer unbeteiligten Haltung. Seinen Tod hatte er in mühsamer Arbeit vorbereitet, das Rad zwanzig Minuten lang hinaufgeschoben. Nichts ist auffällig an Rädern, die man den Berg hinaufschiebt: Sie werden nicht wärmer, beginnen nicht zu leuchten, ihnen wachsen keine Muskeln, keine dicken Stangen. Aber sie mästen sich mit der Arbeit schwitzender Radfahrer. So war auch Ommes Rad, als es oben stand, zu einem Stier geworden, ließ aber nicht erkennen, daß es sich geändert hatte, so wie man einem Marmorkopf nicht ansieht, ob er nachdenkt. Ich habe Omme noch selbst gehütet, dachte Harry, vor dreißig Jahren. Ich habe ihn auf den Topf gesetzt. Seine Mutter war einkaufen gegangen, und als sie zurückkehrte, war beider Wiedersehensfreude so groß, als hätten sie sich zwölf Wochen lang nicht gesehen. Soll das ein Trost sein, daß Menschen, die jünger sind als du, sterben müssen, weil sie einen Fehler machen? O Harry, du lebst schon viel zu lange.

Trotzdem. Ich will, daß mein Gehirn funktioniert, denn immer arbeitet etwas gegen mich: Bahnen fallen aus, Uhren gehen falsch, Behörden haben zu, Ausweise sind ungültig. Daß seine Kräfte ihn verließen, war natürlich oder gottgewollt, jedenfalls nicht zu ändern, aber sein Gedächtnis stemmte sich gegen den Verfall, um den status quo zu erhalten. Sonst brechen die Deiche, sonst bricht alles. Harry wiederholte das alte Kinderspiel: Stadt, Land, Fluß, und durchforschte sein Namens-Repertoire. Wie heißt die Ortsvorsteherin? Er wußte es nicht. Er sollte es wissen, denn er hatte den Namen ja oft gelesen, aber er fiel ihm nicht ein, und wieder der falsche Trost, daß es belanglos sei, den Namen der Ortsvorsteherin zu kennen. Dafür konnte er die Propheten aufsagen: Jesaja, alles Fleisch ist Gras, Jeremia, Hesekiel, das Räderwerk der Cherubim, Daniel, Hosea, Joel, Amos, Obadja. Er sagte sie deutlich vor sich hin und wiegte seinen Kopf. Jona, Micha, Nahum, das machte ihm keiner nach, Habakuk, Zephanja, jauchze, du Tochter Zion, Haggai, Sacharja, Maleachi. Natürlich galt diese Übung nicht, sie lief außer Konkurrenz, denn er kannte die Reihe seit sechzig Jahren. Solange ich aber die Stationen richtig nenne, einschließlich der beiden jüngsten, die das Neubau-Gebiet anbinden, solange habe ich keinen Morbus Alzheimer. Harry fürchtete ihn mehr als Krebs oder irgendeine andere Krankheit, deren Opfer er über kurz oder lang sein würde.

Die Fehler beim Lesen der Fahrpläne, waren nur seine Augen schuld? Er durfte sich keine Fehler leisten, und doch passierten sie immer wieder. Fehler sind anpassungsfähig, scheinbar immun gegen Maßnahmen zu ihrer Vermeidung. Sie mutieren. Fehler fördern die Evolution und sind selbst der Evolution unterworfen. Jäte sie, wo du sie triffst! Du wirst sie trotzdem nicht ausrotten, aber du kannst erreichen, daß sie anspruchsvoller werden, daß sie dir ein Licht aufstecken, dich zu einem frischen Gedanken leiten. Fehler haben auch ihr Jutet, wa? Bitte! Keine Kumpanei mit Fehlern!

Harry schob sich zwischen die Türschwingen der Linie 36, die Arme vorgestreckt, um das vorzeitige Schließen der Automatik-Flügel zu verhindern. Er überwandt den Einstiegsschacht, indem er sich mit beiden Händen an die Haltestange krallte und in das Wageninnere zog. Dann richtete er sich auf, soweit es seine Wirbelsäule zuließ. Er blickte durch die Oberlichter und atmete tief durch. Noch stand die Bahn, so daß er – für seine Verhältnisse mühelos – zum nächsten Sitzplatz aufbrechen konnte, hoffend, ihn zu erreichen, bevor die Bahn anrucken und seine Beine entwurzeln würde. Jemand fragte ihn etwas. „Ihre Tasche?“ Der ausgestreckte Arm der Frau ließ ihn verstehen, daß sich die Frage, die sich wie Asche anhörte, auf eine Erscheinung oder ein Ereignis außerhalb der Bahn bezog. Seine Tasche! Die Bahn rollte. Man hätte noch ab- oder aufspringen können. Harry zappelte zur Haltestange und drückte hektisch auf den Knopf, der dort befestigt war, seine Augen auf die Tasche fixiert, die gegen die Fahrtrichtung entschwebte. Und als die Bahn ihre Eisenmasse mit allen Leuten auf die Normalgeschwindigkeit eines Autos beschleunigte, kapitulierte Harry vor der Erkenntnis, daß seine Tasche auf einem Sitz der Haltestelle lag. Sein Gesicht drückte keine Wut aus, eher Traurigkeit, ja Scham, die zu bitten schien, einem Mann seines Alters die Zerstreutheit nachzusehen, so als hätte er die Tasche eines Mitreisenden vergessen. Er empfand Bedauern wie über das Geschick eines Fremden, jemandes, der er selbst nicht war. Er versank in sich und hielt sich an der Stange fest. Der Knopf hatte sein Signal nicht weitergeleitet oder der Fahrer hatte es falsch gedeutet. Harry nahm von seiner Umgebung keine Notiz mehr. Jetzt sah es fast so aus, als verachtete er die Frau, die ihn auf das Mißgeschick gestoßen hatte. Er wandte sich von ihr ab und richtete seinen Blick traurig gegen das Oberlicht. Selbst die Bemerkung: „Sie müssen die nächste Station aussteigen, vielleicht kriegen Sie Ihre Tasche noch“ schien er zu überhören. Das Entsetzen über das Unglück des Rentners stand in den Gesichtern der anderen geschrieben. Sie starrten ihn an. Es war ein mitfühlendes Hinsehen, aber auch die alte Wollust am Unglück anderer. Alles Wichtige steckte in dieser Tasche, sein Notizbuch, seine Ausweise, Geld, die Fotos und der Schlüssel. Mein Gott, der Schlüssel, er würde nicht in seine eigene Wohnung kommen.

Er stieg an der nächsten Station aus, setzte er sich auf das Drahtgeflecht einer Bank und überlegte, ob er den Bettel hinschmeißen sollte, hier an Ort und Stelle, so als könnte er sich den Befehl geben, einfach zu sterben. Er brauchte nur hier sitzen zu bleiben, keiner würde ihn ansprechen. Er brauchte sich nur hinzulegen und zu erfrieren, keiner würde ihn daran hindern. Wir leben in einem freien Land. Die Nächte waren noch kalt genug. Er hier und seine Tasche dort, so würde man sie finden. Suizid, Harakiri begehen, in den Futjiyama springen, yama heißt Berg, Japan besteht aus den Hauptinseln Hokkaido, Honda, Suzuki, Adler, DKW. Kennt keiner mehr, die alte DKW mit ihren Gängen am Benzintank und mit den Sitzen, in die der Arsch wie in eine Pfanne paßt. Sterben tust du von alleine. Sterben hat noch jeder gekonnt. Sterben ist keine Kunst, für die man einen Preis erhält. Du mußt kämpfen, alter Junge. Gary Cooper war auch nicht mehr der Jüngste, als er mittags die Dorfstraße hinunterging! Also werde ich jetzt aufstehen und zurückmarschieren, und ich werde meine Tasche holen und die schwarzen Vögel abwehren. Die sollen mich kennenlernen! Meine Tasche wollt ihr haben? Scheiße sollt ihr fressen! Harry wartete die Gegenbahn nicht ab. Er hatte es eilig und machte sich zu Fuß auf. Er wollte kämpfen.

Er ging neben den Schienen her, an den Brombeerbüschen vorbei, den kürzesten Weg, eine viertel Stunde lang. Er spürte die Bahn im Nacken. Bimmel nur mit deiner Bimmel! Das hier ist keine Straße? Ruf doch die Polizei. Nimm mich mit oder laß mich in Ruh! Er schaffte es in einer halben Stunde zurück zu seinem Heimatbahnhof und traf zwei Schüler, die seine Tasche ratlos betrachteten. Einer von ihnen hielt sie vor sich, wie man einen pissenden Welpen hält. „Das ist meine Tasche!“ schrie Harry außer Atem. „Schuldigung, wir wollten sie nicht klauen. Wir haben sie bloß gefunden.“ „Danke. Mein Schlüssel steckt nämlich drin.“ „Ist in der Tasche sonst was Wertvolles?“ „Aah, den Finderlohn hätt ich beinah vergessen.“ Harry hatte gewonnen. Er war angezählt worden, aber er hatte es allen gezeigt, vor allem sich selbst. Ein Sieg nach Punkten. „Paßt auf, wenn ihr den Berg runterfahrt, und lernt …“ „Jajaja, schon notiert, Alter, und passen SIE demnächst besser auf Ihre Tasche auf!“

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