Die Absolution
von Jürgen Jesinghaus (copyright)
Der Tag war schwül. Brosheim saß in einem Fenster des Internats. Die Gewächshäuser blinkten über die Felder. Wenn er hinübersah, kniff er die Augen zusammen. Er träumte davon, in das Geheimnis der Kaldarien einzudringen und zu genießen, wie blinde Scheiben sehend werden. Er würde mit einem Luftgewehr auf den Kirschbaum steigen. Es war so ruhig, daß Brosheim die Lerche hörte. Sollten die Leute doch glauben, er zielte auf sie! Aber so dumm war er nicht. Die Lerche, scheinbar lichtdurchlässig, verlöre sich schnell aus den Augen, wenn er sie jemals zu Gesicht bekäme. So ein Treibhaus aber: Ein Schuß darauf war etwas anderes als ein Schuß in den Himmel. Er würde sich eine Scheibe in der Firstlüftung – gegen das Störfeuer des gespiegelten Sonnenlichts – genauer über Kimme und Korn ansehen. Aber was tun, wenn man kein Gewehr hat? Seine Augen schmerzten.
Brosheim trat in die dunstige Dämmerung des Spätsommertages. Er wollte sich in Richtung Felder treiben zu lassen, obwohl er bei dieser Schwüle mit einem Gewitter rechnete. Ein offenes Gewächshaus, dessen Rahmen ein Faraday-Käfig ist, würde ihm als Unterkunft dienen. Also bewegte er sich, gewissermaßen zu seinem eigenen Schutz, auf den Pulk der Treibhäuser zu, die der Genossenschaft gehörten. Als er sich dem ersten näherte, wusste er, dass er es tun kann. Er wusste auch, dass ihn niemand davon abhielte, denn es gab zu dieser Tageszeit und bei diesem Wetter keine Zeugen. Seine Zunge stieß gegen den Gaumen, während er in Selbstgesprächen Gründe herzählte. Dann spuckte er aus. Er ägerte sich, daß er sich nicht trauen sollte, einen Stein über das Treibhaus zu werfen. Immer noch in der prickelnden Sicherheit, nichts Gefährliches tun zu müssen, umschritt Brosheim das Kaldarium auf einem verschlungenen Kurs, Torfballen und Bergen von Gemüsekisten ausweichend. Nicht eine Katze ließ sich blicken. Die Fenster ferner Wohnungen glänzten wie frisches Eisen. Er legte kalkulierend einen immer größeren Abstand zwischen sich und das Gewächshaus. Mit den Augen und seinen Muskeln versuchte er abzuschätzen, ob er einen Stein, der seine Faust ausfüllt, über das Haus würde schleudern können. Schließlich erreichte er einen Punkt, wo er sich entscheiden mußte: Tatenlos umzukehren oder zu handeln. Brosheim war jetzt davon überzeugt, dass dieser Spaziergang nur bezweckte, aus möglichst großer Distanz einen faustdicken Stein über das Glashaus zu werfen. Das war kein moralisches Problem, sondern ein sportliches. Er wollte seine Kräfte einsetzen, damit das Glashaus nicht beschädigt würde! In diesem Gefühl der Verantwortung für das Glas blieb Brosheim stehen. Er suchte einen würdigen Stein. Der Kandidat: fast rund, gelb, von stumpfer Glätte, aus dem Quellgebiet des Rheins, von Klippen behauen, über Sandbänke geschabt und in Strudeln gedrechselt, jetzt ein gelber Stein im Acker, einer Kartoffel ähnlich. Frau Dr. Pepper würde mit der Gabel hineinstechen, die Zinken verbiegen und eine metallisch glänzende Spur auf der Knolle hinterlassen. Sie würde zuerst sprachlos sein und ihre Autorität wieder einsammeln und dann mit der bekannten milden Strenge fragen: Brosheim, wie kommt dieser Stein unter die Kartoffeln meines Tellers. Brosheim kicherte. Das Vergnügen an Frau Dr. Peppers Genitiv gaben dem Kiesel die letzte Weihe.
Brosheim holte mit aller Kraft aus und schleuderte den Stein in das verdammte Kaldarium. Der Schmerz wühlte sich bis zum Hals. Einen Augenblick glaubte er, der Schwung hätte den Wurfarm aus dem Gelenk gerissen. Ein zweiter Schlag auf die linke Schulter zwang ihn, sich umzudrehen: Der Kerl trug einen fleckigen Hut und stank nach Pisse. Am liebsten hätte Brosheim den Stock, den der Alte abwehrend vor sich hielt, ergriffen und zerbrochen. Stattdessen fragte er dumm: Woher kommen denn Sie? Der Alte wies auf die Wellblechhütte im Gurkenfeld, unfähig zu reden. Sein stoppeliges Kinn bebte, seine Backen zitterten. Empört und zugleich hilfesuchend starrte er auf den Jungen, als wollte er ihn auffordern: Erkläre bitte, warum das nötig war. Er nahm den Krückstock herunter als Stütze für die krummen Beine und die nach innen gestellten, in Pantoffeln steckenden Füße. Seine ratlose Empörung hinderte ihn noch am Sprechen. Brosheim schämte sich, und das war ihm nicht recht, darum ging er langsam fort. Sein Stolz verbot ihm, einfach davonzulaufen. Und nun begann der Alte zu kreischen: Ich melde, ich melde es, ich melde es! Schule! Als Brosheim sich im Gehen umwandte, stand der Mann da wie ein Hund, der gerne folgen möchte, dem aber befohlen wurde stehenzubleiben.
Jemand hatte das Trommelfeuer eröffnet. Es prasselte gegen die Scheiben und schlug gegen das Blech der Sohlbank. Zwischendurch donnerte es. Soweit Brosheim aus seinen verschlafenen Augen sehen konnte, war im Sommer der Winter ausgebrochen. Der Hagel fällt herab wie Lanzen. Das Eis streut die Blitze und jedesmal erscheint das gepeitschte Land wie im Tageslicht. Der Sturm überrascht die Büsche im Schulgarten, reißt den Oleander um, enttopft Trompetenbäume, knickt die Äste der Robinie, wischt ruppig über alles hinweg, als wäre er den Kleinkram satt. Er richtet den Hagel schräg gegen Osten, und die Schlossen spalten die Holzverkleidung an der Westfassade. Es kracht, klatscht, scheppert, klirrt, saust, paukt. Vögel werden in Luftkämpfe verwickelt und stürzen ab. Der Hagel beschießt Kürbisse. An den Schußkanälen wird man das Kaliber messen und im Tagebuch verzeichnen. Aus den Dellen im Sandhaufen wird die physiklehrende Schwester die Verformungsarbeit des Hagels berechnen und verkünden, wie lange das Internat, o Wunder der Wandlung, mit heißem Wasser hätte versorgt werden können. Die Jungen drängten sich hinter den Fenstern im Lee und waren sprachlos von der schrecklichen Schönheit des Sommers. Dann liefen einige auf den Flur, um sich zu beraten. Zum ersten Male sahen sie Frau Dr. Pepper im Nachthemd, selbst für die ältesten Schüler ein so ungewohnter Anblick wie weiße Gärten in der Sommernacht. Frau Pepper hatte den Wohntrakt verlassen, ohne daran zu denken, dass ihre Schlafgewohnheit ein streng gehütetes Geheimnis bleiben müsste, um in der Fantasie nervöser Jungen keine Bilder zu wecken, die unausdenkbar sind. Die Fellstiefel erreichten unter ihrem Nachthemd eine unbestimmbare Höhe. Die wogende Gestalt wurde nur durch das Band zusammengehalten, das über ihrem Busen hing. Sie rief: Es ist der Hagel, niemand fürchte sich, lasst die Rollos herab, keiner gehe vor die Tür. Nachdem sie die Befehle erteilt hatte, kehrte sie in ihren Trakt zurück.
Als sie den Schülern völlig angekleidet wieder erschien, hatten Sturm und Hagel aufgehört. Nun regnete es Sturzbäche. Brosheim war die Treppe hinunter zur Haustür gelaufen, hatte sie geöffnet und die Hand hinausgestreckt, sein Nachthemd ausgezogen und hastige Schritte nach draußen gemacht, um Hageleier aufzulesen. Die Luft war warm, der Regen angenehm. Brosheim sprang nackt über den Parkplatz, um nachzusehen, welche Spuren der Hagel auf dem einzigen Auto hinterlassen hatte, das hier abgestellt war. Als er aber die erschlagene Amsel sah, rannte er durch die warme Luft zurück und beinahe Frau Pepper in die Arme, wenn sie nicht genierlich zur Seite getreten wäre. Ich hatte doch angeordnet! Sie bemühte sich, an Brosheim vorbeizusehen, so dass sie die Flecken auf seinen Schultern nicht erkannte, obwohl das Licht der Flurfunzel ausreichend Licht dazu bot. Er überreichte ihr ein Geschoß, das seine Hand ganz ausfüllte, und bat sie, diesen Beweis der Katastrophe im Kühlschrank zu verwahren. Viele Vögel sind kaputt, sagte er. Er warf sein Hemd über und wärmte sich an der aufwallenden Hitze, die von innen bis an die Haut schlug. Ihm kam es vor, als hätte er eine große Gefahr überstanden. Der Regen beseitigte die außerirdische Kostümierung des Spätsommers, der gewöhnlich milde ist und Fäden zieht. Die Schüler mutmaßten, dass Pflaumen zu Mus und Birnen zu Kompott geschlagen worden waren, lachten befreit und verteilten sich wieder auf ihre Zimmer.
Brosheim lag im Bett, das Gequatsche hatte aufgehört, das Fenster stand offen, der Regen sorgte für eine aufgerauhte Stille. Da erst kam ihm die Erleuchtung, dass der Hagel die Spuren seines Verbrechens unkenntlich gemacht hatte – ähnlich dem Soldaten im Märchen, der an alle Türen eine Kreidekreuz kritzelt, um die eine Tür, auf die es ankommt, zu verstecken. Die Luft muss voll gewesen sein von den Tönen zerplatzender Glashäuser – ein Glockenspiel ungezogener Engel. Brosheim lachte. Schnauze, murmelte es, und es drehte sich knarrend einmal hin und einmal zurück. Brosheim streckte sich unter der Wolldecke und entwarf seine große Theorie des Hagels: Der Ton einer Glasscheibe lässt die Hemisphäre aus Eis, die sich zum Zerreißen über die Erde spannt, zerspringen, so dass sie in brockigen Scherben herunterfällt. Also hatte er den Hagel gemacht, ohne dass ein anderer, außer vielleicht dem Alten, etwas davon ahnte. Unentdeckt etwas Großes getan zu haben! Ich habe den Hagel gemacht! Ich habe Frau Dr. Pepper im Nachthemd auf den Flur getrieben und messianische Worte sagen lassen! Niemand fürchte sich! Nur ein kleiner Zweifel blieb, der immer bleibt, wenn man glücklich ist. Die Vorstellung, in den buschigen Tälern unter dem weißen Himmel ihres Nachthemdes zu schlafen, gehörte schon seinem Traum an.
Am nächsten Tag kurz nach dem Essen verließ Brosheim das Internat in Begleitung seines Freundes. Die Hagelschlossen hatten den Weizen gedroschen, Kohlköpfe zerhackt, Stiefmütterchen zerdrückt, Rharbarber gelöchert. Und die Autos erst, die sich geopfert hatten, um Brosheim zu erlösen! Er ging denselben Weg zu seinem Treibhaus wie am Vortag, ohne den Begleiter in das Geheimnis seiner Macht einzuweihen. Vielleicht baut man Treibhäuser aus Sekuritglas, das nur kartoffelgroßen Kieseln nicht widersteht? Aber schon von weitem sah er die Veränderung. Brosheim triumphierte. Seine Schuld war ausgelöscht. Der Alte hatte ihn für nichts geschlagen! Sie blieben stehen und beobachteten die Menschen, die planlos etwas aufhoben und fallen ließen und sich umsahen, ohne etwas Bestimmtes zu suchen. Zwei Männer unter gelben Helmen kamen aus dem zertrümmerten Haus. Einer sagte: Die Pflanzen sind glasverseucht. Brosheim hätte gerne auch gehört: Ein gelber Stein, den wir nie zuvor gesehen haben, liegt neben den Kürbissen. Niemand kümmerte sich um die beiden, bis auf einmal der Mann, der dieselben Sachen trug wie gestern, auf sie zu humpelte, als wollte er sich vergewissern, dass der Übeltäter zum Ort des Verbrechens zurückgekehrt wäre. Brosheim nickte ihm zu und grinste. Da hob der Alte den Stock und keifte: Er hat es getan, der hat es gemacht! Eine Frau im grünen Kittel, auf das Geschrei aufmerksam geworden, lief zu dem Alten hin. Aber Vater! rief sie. Sie blickte auf die beiden Jungen und wurde rot. Brosheims Begleiter zeigte auf sich, und mit dem Fanatismus junger Menschen, die zu unrecht beschuldigt werden, schrie er: Wiiir?? Die Frau zerrte den Alten fort. Er konnte sich nicht beruhigen. Ich hab es gesehen, er hat es gemacht! Brosheim flüsterte genüsslich zu seinem Begleiter, der mit offenem Mund, den Finger immer noch gegen sich gerichtet, neben ihm stand: Dem hat es ins Gehirn gehagelt! Brosheim genoss die Niedertracht. Er würde sich ihrer schämen, später, das versprach er sich, jetzt aber genoss er die Rache an dem Mann, der ihn zweimal geschlagen hatte.