Die Briefmarke, die sich nicht stempeln lassen wollte
von Karlheinz Lörner (Copyright)
Lauscht Omar,
dem Märchenerzähler!
Seit er die neue Maschine bekommen hatte, hatte er keine Rückstände mehr. Rückstände sind der Schrecken jedes Postbediensteten. Sie tauchen aus dem Nirgendwo auf, liegen in den großen grauen Behältern herum und führen beim schnauzbärtigen Niederlassungsleiter Rebe regelmäßig zu epileptischen Anfällen. Mustafa Kajali hatte sich damals, als es noch so viele Rückstände gab, überlegt, Rückstände einfach zu entsorgen, so wie man es mit dem Müll macht. Jedoch für solche Überlegungen wird ein Postarbeiter nicht gut genug bezahlt.
Mit der neuen Maschine gab es keine Rückstände mehr. Mustafa Kajali fütterte die Maschine mit den vielen Briefen aus den gelben Kästen der Stadt. Die Maschine konnte gar nicht genug davon bekommen. Ihre Stempel wirbelten über die Briefe und ratterten darauf einen Steptanz aus Stempelfarbe – fünftausend Mal Heidelberg in die ganze Welt.
Sein alter Hammerstempel hing an der Wand und blickte wehmütig auf das Geschehen unter ihm. Mustafa brauchte ihn noch gelegentlich für besondere Fälle. Er hatte dabei allerdings das Empfinden, in seiner Produktivität behindert zu werden. Das gewisse Schuldbewußtsein hatte ihm Rebe eingeredet, als der bei einem Besuch im Vorübergehen fallenließ: “Produktivität erhöhen, Leute!”
Die Briefmarken liebten den alten Hammerstempel sehr und hätten Mustafa viel erzählen können. Sie fühlten sich in ihrer Persönlichkeit als Briefmarke gewürdigt, wenn sie vom Hammerstempel entwertet wurden. Das war doch etwas ganz anderes als diese Massenabfertigung durch die grausame Stempelmaschine. Jede Marke erhielt ihre ganz persönliche Note, die eine links oben, die andere direkt auf der Nase von Franz Josef Strauß. Wenn sie Glück hatten, landeten sie dann bei einem Briefmarkensammler, der sich bei ihrem Anblick erinnerte: “Ach, Heidelberg 1954!” Maschinengestempelte Briefmarken hatten häufig psychische Probleme. Sie fühlten sich minderwertig, ja zweitklassig. “Irgendwie wird man behandelt wie Infopost, obwohl man doch viel mehr wert ist”, das war ihr Standardspruch, wenn ihn Mustafa hätte hören können.
Luise Henriette von Oranien war eine ganz gewöhnliche Briefmarke. Sie stammte aus einem Block von zehn anderen Luisen Henrietten von Oranien im Wert von je einer Mark und zwar links unten. Was war also der Grund für ihr Fehlverhalten? – Ganz einfach, sie war von dem Bundeskanzler geküßt oder vielmehr beleckt worden. Weil zufällig keine Minister oder Sekretärinnen zur Verfügung standen, mußte der Kanzler es mit seiner eigenen Zunge machen. Das, muß man sagen, ist schon etwas Besonderes.
Darum hätte Mustafa Kajali sich nicht wundern müssen, daß seine wunderschöne produktive Maschine in dieser Nacht einfach stehenblieb. Und auch der zweite und dritte Anlauf nutzte nichts, die so hoch beleckte Luise Henriette von Oranien verweigerte die Maschinenbestempelung. Die Produktivitätsziffern der Nacht begannen fieberhaft zu fallen, und der Blutdruck von Rebe begann im Bett zu hause anzusteigen.
Luise Henriette von Oranien die Zweite von unten links aber bestand auf ihrer Besonderheit und stemmte sich gegen die entwürdigende Behandlung. Mustafa ölte, putzte und betete, es nützte nichts, Henriette streckte ihre lange Nase dazwischen (die Füße sind auf der Marke nicht sichtbar) und verhedderte die Maschine in sinnlose Kreiselbewegungen.
Mustafa dachte an Rebe und die Produktivität und wünschte sich zurück in seine ferne Heimat mit den Hütten und den Palmen am Strand. Luise Henriette begann schon mit dem schönen starken Hammerstempel an der Wand zu liebäugeln. Jetzt mußte er doch in Aktion treten, mit einem kurzen kräftigen Schlag würde sie gleich individuell entwertet sein und dann in den Briefmarkenhimmel entschwinden oder einen der seltenen Sammler finden, der ihren außerordentlichen Wert erkannte.
Doch Mustafa hatte längst seinen Hammerstempel vergessen und dachte nur noch an Entsorgung. Heimlich ließ er den so unscheinbar aussehenden Brief in der Jackentasche verschwinden und trug ihn in sein kleines Zimmer im Osten der großen Stadt Frankfurt. Da er gegen jede Verschwendung war, löste er die Briefmarke ab und warf den entwerteten Brief in das wärmende Feuer des Kohleofens. Sein Inhalt bleibt daher ein immerwährendes Geheimnis
Es gibt noch zu berichten, daß Luise Henriette von Oraniens Traum doch in Erfüllung ging. Aber anders, als sie es geplant hatte. Sie schmückt im fernen Land Türkei neben einer wunderschönen Weihnachtsmarke von 1992 den Umschlag eines Luftpostbriefes im Spiegelrahmen über Fatmes Bett in einem nach wildem Fenchel duftenden Haus am Mittelmeer. Was kann es Schöneres geben für eine kleine Briefmarke aus dem kalten Deutschland.