Die Bronzebüste
von Andreas Hoch-Martin (Copyright)
Nachdem unser Sohn sein Studienplatz bekommen hatte, zog er aus und es wurde friedlich in unserer Wohnung.
Meine Frau und ich hatten plötzlich viel Zeit und wenig, das wir uns erzählen konnten…
Es war nicht so, als hätte es einen Knall gegeben.
Nein, es war eher ein Prozeß, und am Ende gab es nur noch Langeweile.
Ich will mich nicht beklagen, ich finde das ganz angenehm. Nur meine Frau bekam immer größere Probleme damit.
Früher, als Marc noch bei uns wohnte, hatte sie es sich zur Lebensaufgabe gemacht, ihm alle Wünsche zu erfüllen. Ich dachte manchmal, am liebsten würde sie ihm auch den Hintern putzen.
Wahrscheinlich ist er deshalb so früh bei uns ausgezogen.
Ich war da anders, habe eher versucht, ihre überbordende Fürsorglichkeit durch etwas mehr Strenge auszugleichen.
Na ja, es kam dann soweit, daß sie immer öfter schwächelte. Mal hatte sie Migräne, dann wieder Schüttelfrost, Herzbeschwerden oder alles gleichzeitig.
Ich habe ihr dann immer gesagt, sie solle sich zusammenreißen und sich nicht so gehenlassen. Sie sollte sich ein Hobby suchen, oder Freundinnen oder was man sonst so macht als Frau.
Irgendwann fing sie an zu malen.
Ich gab ihr unglaublich viel Geld für Farben, Pinsel, Papier und Leinwände. Ich dachte, wenn das ihr neues Hobby werden würde, hätte sie nicht mehr so viel zu jammern. Aber sie hatte überhaupt kein Talent für die Malerei. Als ich ihr das sagte, ließ sie es auch sofort bleiben.
Dann lernte sie Agnes kennen.
Agnes ist so alt wie meine Frau, steht aber im Leben ihren Mann. Sie ist Bildhauerin und sehr berühmt. Früh verwitwet, hatte sie schon in jungen Jahren angefangen, Büsten von Männerköpfen herzustellen. Immer nur Männerköpfe. Damit wurde sie bald sehr bekannt.
Agnes ist eine unglaublich faszinierende Frau. Sie hat dunkles, langes Haar, das nur vereinzelt von silbernen Fäden durchzogen wird.
Meist trägt sie weite helle Kleider aus Leinen und sie lacht so bezaubernd, daß es eine Freude ist, ihr dabei zusehen zu dürfen.
Meine Frau ist seit einiger Zeit ständig bei ihr.
Die beiden haben ein so inniges Verhältnis, wie man es sonst nur bei Schwestern vermuten würde.
Den ganzen Tag verbringen sie in Agnes Atelierwohnung.
Diese Wohnung besteht eigentlich nur aus einem Raum.
In ihm befindet sich ein Sammelsurium der unterschiedlichsten Gerätschaften, die ich in meinem Leben noch nicht gesehen habe. Manche sehen aus, als hätten sie zu früheren Zeiten einer Arztpraxis gedient.
Agnes braucht zum Beispiel Skalpelle, um ihren Büsten Leben einzuhauchen, sagt sie.
Mitten im Raum steht eine überdimensionierte Badewanne. Die hat sie von einem Schlachter und darin befindet sich meistens eine milchige, weise Brühe.
Salzsäure, zum Verätzen der Bronzeoberflächen.
Eine Hebevorrichtung, ähnlich einem Zugkran, hängt darüber, mit der sie die schweren Bronzeteile herein- und wieder hinaus heben kann.
Auf meterhohen Regalen stehen Hunderte von Bronzeköpfen. Lauter Männer -und alle starren mit ihren toten Augen auf das kreative Chaos.
Ich glaube ja, daß Agnes Männer nicht sonderlich mag, denn alle Büsten schauen so merkwürdig, irgendwie – leidend. Aber ich verstehe nicht so viel von Kunst und sie wird sich schon etwas dabei gedacht haben.
Seit meine Frau nur noch spät abends nach Hause kommt, türmt sich bei uns der Abwasch und saubere Sachen finde ich auch nur noch selten. Natürlich gibt es da oft Streit bei uns.
Ich habe ja nichts dagegen, daß sie kaum da ist, aber der Haushalt erledigt sich nicht von allein.
Natürlich ist Züchtigung, in jedweder Form, kein ausgesucht schönes Mittel, aber erst kommt die Arbeit und dann das Vergnügen. Außerdem glaube ich, daß der Zweck die Mittel heiligt.
Eine Zeitlang hatte sie sich zusammen gerissen, aber das Chaos geht schon wieder los.
Neulich kam meine Frau mit der verrückten Idee, dass Agnes doch mal eine Büste von mir machen könnte. Ich fragte sie, ob sie noch alle Tassen im Schrank hätte. Warum ich das tun solle! Damit Frau Künstlerin noch mehr Geld scheffelt, und das mit meinem Gesicht?
Nein, sagte sie, damit, falls mir mal etwas zustoßen sollte, sie eine Erinnerung an mich hätte.
Nun, das kann man ja wohl schlecht abweisen.
Und irgendwie ist es eine reizvolle Aussicht, auch noch in hunderten von Jahren zu existieren. Außerdem, sagt meine Frau, käme in Bronze meine Adlernase so gut zur Geltung.
Nun sitze ich in dem abgedunkelten Atelier und Agnes hat die letzten Vorbereitungen für die „Operation”, wie sie es nennt, abgeschlossen. Meine Frau ging ihr dabei wohl ganz gut zur Hand.
Es sieht wirklich fast wie bei einer Operation aus.
Die Geräte hat meine Frau ordentlich poliert und säuberlich in einer Reihe auf die fleckige Eichenholzplatte gelegt. Die große Wanne ist bis unter den Rand gefüllt mit Säure, wahrscheinlich will Agnes nach dem Abnehmen der Büste sofort mit dem Verätzen der Oberfläche beginnen.
Ich persönlich finde es ja übertrieben, noch vor Beginn der eigentlichen Arbeit, dieses Pamphlet zu unterschreiben. Ich meine, die Rechte an der Büste habe doch sowieso ich…
Der Kübel mit der brodelnden Bronze wird von meiner Frau gerade auf die Holzplatte gewuchtet. Zischend läuft ein wenig den Topf herab und bildet einen Ring um den Boden, wo er sofort erstarrt.
Die Gipsbandagen sind mittlerweile hart geworden. Ich kann meinen Kopf nur noch mühsam nach links oder rechts drehen.
Aber was ich noch fragen muß: warum haben die beiden meinen Körper bis zu den Schultern eingegipst?