Die Geliebte

von Eduard Breimann (copyright)

Sie blickte dem Mann starr entgegen, ließ seine Augen nicht eine Sekunde weggleiten, gab ihm keine Möglichkeit, den Blick abzuwenden.
Schweigend gingen sie aufeinander zu; ihre Schritte wirbelten trockenes Laub auf, das der Wind auf den Ascheweg gekehrt hatte. Es war still im Riehler Nordpark. Die Zeit für flanierende Müßiggänger war längst vorbei; die Bäume und Sträucher hatten längst ihre Blätter verloren, boten keinen Schutz mehr gegen den Ostwind, der Eisluft in die Gesichter trieb.
Sie ging steif und verkrampft. Die Schultern hatte sie fröstelnd verkrampft und ihre Hände steckten bis zu den Ärmeln in den Manteltaschen.
Ihr Gesicht, von langen, bei jedem Schritt wippenden blonden Haaren eingerahmt, war ungeschminkt und blass; unter den Augen lagen bläuliche Schatten und die Lippen wirkten seltsam weiß – trotzdem war sie auf eine besondere Art hübsch.
Der Mann ging jetzt etwas schneller, wirkte dynamisch, sein Schritt war federnd. Die schwarzen, welligen, bis in den Nacken reichenden Haare, hatte der strenge Novemberwind verstrubbelt.
Sein schmales Gesicht mit dem kantigen Kinn strahlte Selbstsicherheit, innere Gelassenheit aus. Man wusste einfach, dass er nach gutem, teurem Rasierwasser und einem exquisiten Deo duften musste. Er wirkte. Dunkle Augenbrauen, die er gerne zur Unterstützung zweifelnder Fragen hoch zog, hoben sich auffällig von seinen hellen Augen ab, die nicht so recht zu seinem südländischen Typus passen wollten.
Er war noch gut zwei Meter von der Frau entfernt, als er mit einer theatralischen Geste die Arme anhob und ihr die offenen Händen entgegen streckte. Dabei lächelte er, verzog die Lippen, entblößte sein makelloses Gebiss und lächelte die junge Frau verlockend an.
„Nadine! – Schön, dich zu sehen. Du hast dich nicht verändert. Gut siehst du aus.“
„Hallo, Wolfgang“, sagte sie tonlos und ließ die Hände in den Taschen stecken.
„Wie lange ist es her, Nadine?“
„Was? Was meinst du?“
„Dass wir uns gesehen haben? Das wir uns …“
„Hör auf! Warum fragst du? Was willst du von mir?“
„Dich sehen, dich sprechen – dich endlich wieder einmal in den Arm nehmen und küssen.“
„Träumst du? Oder ist dir etwas auf deinen verdammten Schädel geknallt? Sonst möchtest du wohl nichts von mir?“
„Oh, doch! Kannst du dir ja wohl denken“, rief er und lachte sein tiefes Lachen. „Aber ich wollte langsam vorgehen – du kennst mich doch.“
„Idiot! Und ob ich dich kenne. Oh, mein Gott! Wie konnte ich auch nur eine Sekunde vergessen, wie eingebildet du bist.“
„Na, na! Sei nicht so kratzbürstig. Komm! Lass uns erst einmal Platz nehmen, Nadine“, sagte er mit vibrierender Stimme und zeigte mit der Hand auf die Bank.
Sie musterte die verwitterten Latten, den leichten Grünschimmer an den Holzkanten und die fauligen Blätter auf der Sitzfläche.
„Warum nicht. Das passt zu allem anderen.“
Mit einer schnellen Wischbewegung fuhr sie mit einem Papiertaschentuch über den Sitz und betrachtete geringschätzig lächelnd den grüngrauen Schmutz im Tuch.
„Dreck! Schmutz! Wenn ich an dich gedacht habe, fielen mir genau diese Worte ein.“
„Du tust mir weh. Ich habe nur – immer! – gut an dich gedacht.“
„Hmpf“, sagte sie abfällig und setzte sich vorsichtig auf die äußerste Ecke der Bank, vorne auf der Kante und wirkte fluchtbereit.
Lächelnd beobachtete er ihre Bemühungen eine möglichst große Distanz aufzubauen, hob den Mantel an, setzte sich in die Mitte der Bank, streckte die Arme weit auseinander und legte sie auf die Rücklehne. Wie zufällig berührten seine Fingerspitzen ihre Schulter. Sie zuckte zur Seite, war sichtlich erregt. Ihre Backenknochen mahlten und ihre Wut wuchs und machte sie kribbelig.
„Also? Was willst du wirklich?“
„Dich!“
„Spinner! Also noch einmal: Was willst du?“
„Ich hab´s doch gesagt: dich! Ich habe dich nie – wirklich nie – vergessen, Nadine. Glaub mir.“
„Ich und dir glauben? Dass ich nicht lache. Du hast es nicht einmal für nötig gehalten, vorher dein Kommen anzukündigen. Aber wieso solltest du auch? Dann hättest du dich ja total ändern müssen. Kommen und Gehen ohne Ankündigung – das war und ist dein Stil.“
„Du bist ungerecht. Ich wusste vorher nicht, dass ich Zeit haben würde für ein Treffen mit dir, Nadine. Das kam überraschend – auch für mich. Freu dich doch auch, dass es geklappt hat.“
„Ach, ja? Ich soll mich freuen? Worüber denn, Wolfgang? Dass mein ehemaliger Geliebter, nachdem er sich vor einem Jahr sang und klanglos aus dem Staub gemacht hat, plötzlich anruft und um ein Treffen bittet, als wär nichts passiert? Was bildest du dir eigentlich ein?“
„Und warum bist du dann gekommen?“
„Weil – weil ich die Gelegenheit nutzen und dir endlich einmal die Meinung sagen wollte. Dazu hast du mir ja bisher keine Möglichkeit gegeben. Feigling, elender!“
„Sei nicht so kratzig. Zieh deine Krallen ein, ja?“
„Du kannst sie gleich zu spüren bekommen. Findest du nicht, dass du unverschämt warst? Meinst du nicht auch, dass du dich wie ein Drecksack benommen hast? Am letzten Abend ein ‚Tschüss, mein Schatz, bis morgen’, und dann nichts mehr?“
„Dafür gab´s gute Gründe.“
„Na, so was! Wenn ich, nach einer Woche verzweifeltem Warten, nicht den Mut gehabt hätte, dein Büro anzurufen, dann wüsste ich heute noch nicht, wo du abgeblieben bist. Hätte ich bei der Polizei eine Vermisstenanzeige aufgeben sollen? Oder darf das nur die Ehefrau?“
„Du siehst, ich hatte vorgesorgt; ich bin nicht spurlos verschwunden. Mein Büro wusste …“
„Das darf ja wohl nicht wahr sein! Du und vorgesorgt. Ha, ha! Ich musste mir von deiner Sekretärin, dieser eingebildeten Schnepfe, sagen lassen, dass du nach Italien versetzt wurdest – auf eigenen Wunsch. Auf eigenen Wunsch! Ich konnte es nicht fassen. Die hättest du mal hören sollen. ‚Ach, wer sind Sie denn? Sind Sie eine von seinen Abgelegten? Ich weiß gar nicht, ob ich Ihnen das sagen darf.’ – Ich kam mir vor wie …“
Ihr Versuch, die Stimme der Sekretärin nachzuahmen, hätte ihn unter anderen Umständen begeistert losbrüllen lassen.
„Auch dafür gab´s Gründe.“
„Bei dir gibt’s für alles Gründe, nicht wahr? Und dass die Italiener inzwischen auch die Postbeförderung kennen und eine Telefonverbindung mit dem Ausland haben, das hast du nicht gewusst? Was wäre das für ein Aufwand gewesen, wenn du mich angerufen, oder wenigsten mit einer Postkarte verabschiedet hättest?“
„Ich hatte wenig Zeit, liebe Nadine. Versteh mich doch.“
„Oh, ja! Ich verstehe dich sogar besser, als du glaubst. Ich war wirklich abgelegt und vergessen. Um mir das allerdings direkt zu sagen, dazu warst du einfach zu feige. Du bist ein elender Feigling, Wolfgang – und das warst du schon immer“, sagte sie heftig und fühlte sich ein wenig besser.
Sie knetete die Hände und sah ihn an; sein Lächeln machte sie fast wild.
„Er hat sich nicht verändert; genau so habe ich ihn während der ganzen Zeit in Erinnerung gehabt“, dachte sie.

Sie war sich so sicher gewesen. Er liebte sie und nichts konnte das ändern. Nichts! Dann der Absturz. In den ersten Tagen hatte sie krank im Bett gelegen, nichts gegessen und kaum etwas getrunken. Sie hatte abwechselnd geheult, den Mann verflucht, und manchmal, wenn ihr nichts anderes mehr eingefallen war, hatte sie den lieben Gott angefleht, dass er ihn zurück bringen solle.
„Und wenn ich ihn dann ermorde. – Egal, ich muss ihn vor mir haben und fragen können, warum das so gelaufen ist.“
Sie hatte eine irre Sehnsucht gehabt, alles verzeihen wollen, jede Ausrede geglaubt. Dafür hasste sie sich. Wenn sie an diese Zeit dachte, wurde sie schamrot. Es war der absolute Tiefpunkt gewesen. Übrig geblieben war nach endloser Zeit ein Häufchen Elend. Sie verstand sich selber nicht, wusste einfach nicht, wie sie wieder zu ihrer Selbstachtung finden konnte. Sie hatte niemanden, dem sie ihre Verzweiflung schildern konnte.
Während der zwei Jahre mit Wolfgang hatte sie alle Beziehungen abgebrochen oder einschlafen lassen. Wolfgang hatte es so gewollt, hatte immer Sorge gehabt, jemand könne ihn erkennen und es herum tratschen.
„Außerdem will ich in der knappen Zeit, die wir beide haben, nur dich, deinen Körper – und das ganz“, hatte er ihr ins Ohr geflüstert.
Sie schwebte durch die Welt, hielt sich für ein Glückskind – und dann hatte sie ihre Mutter eingeweiht. Sie musste einfach jemandem von ihrem Glück erzählen und außerdem brauchte sie eine Vertraute, mit der sie sich über Wolfgang unterhalten konnte.
Aber das war wohl ein Fehler gewesen; hinterher hatte sie sich gefragt, wie sie das verbocken konnte. Sie hatte einfach vergessen. Es war ihr in dem großen Glücksgefühl überhaupt nicht in den Sinn gekommen.
Über ihre wortreiche Schilderung des netten, wunderbaren Mannes, den sie liebte, mit dem sie schlief, der sie verwöhnte und verhätschelte, hatte ihre Mutter verständnisvoll gelächelt.
„Wann heiratet Ihr? Oder ist sogar schon was unterwegs?“, hatte sie verschwörerisch lächelnd gefragt und ihren Arm getätschelt.
Sie hatte laut aufgelacht. „Mama! Er ist verheiratet! Es gibt keine Hochzeit – und gegen das Andere nehme ich die Pille.“
Das löste eine Reaktion aus, die sie entsetzte. Schlagartig, begriff sie, was diese Liebschaft für ihre Mutter bedeutete.
Dass ihre Mutter seit fast fünf Jahren alleine lebte, weil ihr Mann sie wegen einer Kollegin verlassen hatte, das hatte sie völlig verdrängt. Sie selber hatte ihren Vater damals schnell vergessen; sie war wütend auf ihn gewesen, hatte ihn nicht mehr sehen wollen. Das fiel umso leichter, als ihr Vater aus Berufsgründen nach Amerika gegangen war – mit seiner Neuen.
„Raus! Raus!“, hatte ihre Mutter kalt, bestimmt und bedingungslos gesagt. „Meine eigene Tochter begeht Ehebruch.“
„Ich breche keine Ehe, Mama.“
„Du bist wie dein Vater. Betrug ist Betrug; gleich, wer ihn begeht. Das liegt wohl in deinem Erbgut. Verschwinde aus meinem Leben, du, du …“
Na ja. Sie hatte den unvollendeten Satz später oft vollendet. Mit immer neuen Worten. ‚Du Hure!’, ‚Du Nutte’“, ‚Du Flittchen!’“ und noch schlimmere Sachen.
Dabei hatte sie überhaupt keine Schuldgefühle gehabt, damals, als sie es ihrer Mutter erzählte. Heute schämte sie sich, weil sie sich so leicht hatte einfangen lassen, bedauerte den Betrug an Wolfgangs Frau, den sie sich zuschrieb; sie verstand das Entsetzen ihrer Mutter – und sie hasste sich dafür, dass sie sich alle Schuld gab.
„Ich kann nicht mehr klar denken. Ich weiß nicht, ob ich Opfer oder Täter bin. Was bin ich denn eigentlich?“, hatte sie gestöhnt und nach der Telefonnummer eines Psychiaters gesucht. Aber dann hatte sie es doch lieber für sich behalten, in sich verkapselt.
Rache? Ach ja, daran hatte sie oft gedacht. Sie hatte in den Nächten traumlos, schlaflos gelegen und sich wüste Szenarien ausgemalt. Aber sie hatte nichts getan; sie fühlte sich feige und schwach, weich und ängstlich. Ihre Freundschaften hatte sie nicht mehr aufleben lassen; sie wollte keine Fragen hören, keine Ausflüchte erfinden – und vor allen Dingen fürchtete sie das Getuschel und die Blicke.
Irgendwann hatte sie sich abgefunden, hing fatalistisch, gefühllos in der Luft; sie ging nie mehr aus.
Erst nach gut einem Monat war sie zu ihrer Mutter nach Wesseling gefahren.
„Ich bin wieder allein!“, sagte sie statt einer Begrüßung.
„Komm’ herein.“
Sie erzählte in dürren Worten, dass sie sich getrennt hatten, ihr Ex-Freund jetzt in Italien arbeite.
„Es ist also alles wieder in schönster Ordnung, Mama.“
„Du hast dich besonnen? Hast du ihm klar gemacht, dass er zu seiner Frau gehört?“
„Nein, Mama. Nicht ich habe ihn, er hat mich verlassen. Einfach so.“
„Du hast es noch immer nicht begriffen. Für mich ist der Verlust des Vertrauens die schmerzlichste Erfahrung. Gerade das Vertrauen, der blinde Glaube an den Anderen, das ist es doch, was wir bei der Liebe, und wenn sie langsam aufhört – gerade dann – so dringend brauchen. Du gibst dich vertrauensvoll in seine Hand und ruhst darin.“
„Verzeih mir Mama. Ich hab dabei nicht an dich und Papa gedacht.“
„Da ist nichts zu verzeihen, Nadine. Du bist einfach gedankenlos, leichtsinnig. Was verstehst du schon? Ich könnte dir erzählen, Nadine, was man fühlt, wie man leidet, wenn man betrogen wird. Hast du nie Mitleid mit seiner Frau gehabt? Dieser Mann bricht doch nicht nur seine Ehe, er zerbricht auch ein Leben. Ich weiß, wie das ist. Ich hasse diesen, diesen … – und alle Männer, die das tun.“
„Ich hatte doch keine Wahl, Mama. Es kam einfach so über mich; ich war gefangen und konnte nicht mehr raus.“
Ihre Mutter hatte den Kopf geschüttelt. Ihr Verhältnis blieb angespannt, verkrampft. Nur einmal im Monat sahen sie sich. Jeweils am ersten Sonntag aß sie mittags bei ihrer Mutter. Sie schwiegen sich an oder sprachen nur das Notwendigste. Sie quälten sich damit, hielten trotzdem Distanz; beide waren froh, wenn der Abschied kam.
Und dann, vor einer Stunde, dieser Anruf.
„Hallo! Hier ist dein Wolfgang. Da staunst du, was? Kannst du kommen, Nadine? Kann ich dich sehen? Du kennst doch unseren ersten Treffpunkt noch? Die Bank! Du weißt es noch? Ja, richtig.“
Sie hatte kaum geantwortet, war völlig erschlagen ins Bad getaumelt. Wie in Trance hatte sie sich angezogen, flüchtig gekämmt und die nächste Straßenbahn genommen. An jeder Haltestelle hatte sie aussteigen wollen, hatte mit sich gerungen und war dann doch sitzen geblieben.
Sie wollte ihm endlich ihre aufgestaute Wut, ihre Demütigung ins Gesicht schleudern; sie formulierte böse Sätze; wie Speerspitzen sollten sie ihn treffen, zu Boden stoßen. Aber dann resignierte sie, ließ die Schultern hängen; sie wusste, dass sie es doch nicht konnte.
Wie ein Stück Holz in einem Fluss war sie sich vorgekommen; gefühllos und ohne eigenen Antrieb; der Fluss nahm sie mit, wohin er wollte.
„Träumst du? Hast du an unsere gemeinsamen, schönen Stunden gedacht?“
„Wenn du wüstest! Wo ist deine Frau?“
„Im Maritim. Ich hatte eigentlich eine Konferenz, aber die ist wegen der Amerikaner geplatzt; die haben einfach abgesagt. Dann bist du mir eingefallen. Ich hatte plötzlich das Gefühl, wir hätten uns erst gestern getrennt. Geht dir das nicht auch so, Nadine? Wie geht es dir? Los! Erzähl!“
„Wie es mir geht? Soll ich dir das wirklich sagen? Es ist nichts Erfreuliches dabei, mein Lieber. Ich bin nicht mehr ich. Ich habe meine Selbstachtung verloren – völlig verloren. So verloren, dass ich mich restlos gehen lasse. Ich pflege mich kaum noch. Ich mache meinen Job ohne Lust, ich gehe nicht aus. Ich hasse mich, kannst du dir das vorstellen? – Mehr sogar als dich.“
Sie sah ihn lange an, dachte nach.
„Das stimmt nicht ganz. Ich hasse dich eigentlich gar nicht; du bist mir so gleichgültig geworden, so unwichtig. Nun, das alles – und noch einiges mehr – hast du erreicht. Ich fühle mich so schmutzig, so dreckig, weggeworfen und verlacht.“
„Du übertreibst, mein Liebling …“
„Ich bin nicht dein Liebling. Hör mit dem Scheiß auf! Das ist vorbei.“
„Ich wollte dich doch nur trösten. Unsere Trennung war wirklich etwas spontan, was? Aber – na ja! Das kam damals alles so plötzlich, weißt du.“
„Immer, wenn einer sagt, ‚Weißt du?’, dann klingeln bei mir alle Alarmglocken.”
„Lass mich doch erst mal erzählen. Meine Frau hat damals Wind gekriegt.“
„Wovon? Von welcher deiner Freundinnen? Von mir wohl nicht. Ich war so gut versteckt, dass ich manchmal selber nicht mehr wusste, wer und wo ich war.“
„Ach, das waren alles nur Gerüchte. Also, ich musste was tun, um meine Ehe zu retten. Deshalb habe ich mich in unsere Mailänder Filiale versetzen lassen. Übrigens, eine Topentscheidung! Als wenn ich´s geahnt hätte. Nach einem Monat starb der Filialleiter und ich – stell dir vor – ich wurde sein Nachfolger. Was sagst du dazu?“
„Scheiße, sage ich dazu. Was hat das mit mir zu tun? Nichts! Du bist ein gefühlloser Karrieremensch, ein elender armseliger Typ, ohne einen Funken Gefühl. Du nutzt die Frauen aus“, schrie sie so laut, dass er sich hektisch umsah; der winterkalte Park war immer noch leer. Aber sie fühlte sich nach diesem Ausbruch deutlich besser.
„Bitte, Nadine, sei doch nicht so bitter. Wie heißt es so schön? Wahre Liebe stirbt nie! Warte mal ab, die Zeit heilt alle Wunden. Versteh doch! Ich konnte nicht anders. Ich bin eben so. Ich bin, wie ich bin. Ich hab dir nie Versprechungen gemacht. Wir hatten beide unseren Spaß am Sex. Was Besseres als ich, konnte dir doch gar nicht passieren.“
Später erst erkannte sie, dass dieser letzte Satz der Auslöser war, durch den sie sich wiederfand. Das war der Moment, in dem sie sich neu entdeckte, sich wieder selbst fühlte, unendliche Abneigung gegen ihn und keinen Hass mehr auf sich empfand – und endlich, endlich mit ihm, mit sich und mit dieser Episode abrechnen konnte.
Es kam ihr komisch vor, dass erst dieser idiotische Satz ihr seine ganze Erbärmlichkeit klar machen konnte.
Sie atmete tief durch, schloss die Augen und lehnte sich entspannt zurück.
Sie fühlte sich frei!
So unglaublich es ihr im Augenblick erschien, aber alle Beklemmung war schlagartig weg. Plötzlich war sie froh, dass sie zu dem Treffen gefahren war, dass sie nicht die Rollos runtergelassen und sich aufs Bett geschmissen hatte, wie es ihr erster Gedanke gewesen war.
Sie war frei!
Sie saßen still, bewegten sich nicht, lauschten dem entfernten Dröhnen der Stadt. Er wartete völlig gelassen auf ihre Zustimmung; er hatte keinen Zweifel.
Nadine straffte ihren Oberkörper, strich sich mit einer lockeren Geste die Haare aus der Stirn und sah ihn mit einem leichten, sehr feinen Lächeln an.
„Du gibst nie auf, was? Das war es auch, was ich damals an dir liebte.“
„Und ich mochte diese Handbewegung, mit der du dein Haar bändigtest, wenn wir miteinander geschlafen haben. Ich liebte dein Lächeln, mit dem du so zaghaft deine Freude zeigtest – so wie gerade.“
„Ich weiß.“
„Können wir nicht noch einmal neu – von vorn – anfangen? Bitte, Nadine.“
„Du in Mailand? Und ich hier in Köln?“
„Nein, nein! Ich habe Karriere gemacht. Ich werde zum stellvertretenden Europachef meiner Firma, Sitz Mailand, befördert. Na? Was sagst du? Dafür bin ich doch nach Köln gerufen worden. Leider verzögert sich die offizielle Ernennung durch die blöden Amis. Nächste Woche, Nadine, trinken wir auf meine Beförderung. Und das heißt, dass ich dann jede Woche ein oder zwei Tage in Köln sein werde.“
„Und da hast du dir gedacht, dass es schön wäre, wieder ein Bett zu haben, in dem eine willige, allezeit bereite Geliebte liegt?“
„Wie du das sagst. Nein, ich habe richtige Sehnsucht nach dir gehabt, alle Zeit. Komm, sag ja.“
Sie zierte sich, sah unschlüssig den Weg herauf und herunter. Dann schien sie sich entschlossen zu haben.
„Auf Probe, ja? Wenn ich nicht mehr will, denn sage ich: Schluss, Wolfgang! Und dann ist ein für alle Mal Schluss; dann trennen sich unsere Wege für immer. Einverstanden?“
„Ja, ja“, sagte er aufatmend und ungeduldig.
Er rückte näher an sie heran, legte einen Arm um sie, küsste sie flüchtig auf die kalten Lippen, blickte stirnrunzelnd auf seine Armbanduhr, stand ruckhaft auf, reichte ihr die Hand und zog sie hoch.
„Komm! Ich muss los; ich bin verabredet. Hast du nächste Woche Montag Zeit? Ich komme am Morgen und fliege erst am Dienstag gegen Mittag wieder ab. Die Amis haben diesmal fest zugesagt.“
„Wenn sie dir Zeit lassen, deine Amis.“
„Das sind Puritaner, sag ich dir. Die wollen weder das Kölner Nachtleben kennen- lernen, noch einen Kneipenbesuch mit mir machen. Ich habe also Zeit – für dich. Ich schlage das „Alte Forsthaus“ in Rodenkirchen vor. Da könnten wir uns überhaupt regelmäßig treffen. Ich buche das Zimmer für uns; du brauchst dich um nichts zu kümmern. Wir treffen uns also in einer Woche um sieben dort zum Essen und dann …“
„Gut. Ich komme.“
Sie gaben sich zum Abschied nochmals einen leichten Kuss, wobei sein sichernder Rundumblick sie amüsierte. Mit großen, elastischen Schritten eilte er in Richtung Amsterdamer Straße, wo in langer Schlange die Taxen warteten.
„Schönen Gruß an deine Frau!“, rief sie ihm nach. Er zuckte nur die Achseln, drehte sich nicht einmal mehr um.

Das Essen war vorzüglich. Sie hatte Scholle bestellt und zerlegte den knusprig gebratenen Fisch so perfekt, dass es ein Genuss war, ihr zuzuschauen. Er aß ein riesiges Steak, fast roh, stark ausblutend. Sie schüttelte sich, als sie ihn lustvoll essen sah.
„Du ekelst dich? Warum? Das gibt uns Männern Kraft – an allen Stellen des Körpers. Haben schon die Indios gewusst. Du verstehst?“, sagte er und lachte anzüglich, schallend laut.
Sie trank Weißwein, einen trockenen Riesling aus der Pfalz; er passte ausgezeichnet zu ihrem Fisch und lockerte sie auf. Wolfgang hatte sich einen duftigen Merlot bestellt, den er laut und genießerisch schlürfte.
Sie scherzten viel – fast so wie früher. Sie konnte über seine spritzigen Bemerkungen, seine kleinen Witze immer wieder lachen.
„Er ist wirklich amüsant; er ist gut – zu gut“, dachte sie – alles war wie früher.
„Die Amis sind noch schlimmer, als ich dachte. Das sind Baptisten, wenn dir das was sagt. Meine Güte! Ob ich ordentlich verheiratet wäre, wie viel Kinder ich hätte, ob ich regelmäßig in die Kirche ginge und so weiter. Ich habe gedacht, ich hätte mich für die Stelle eines Pastors in der Barbarakirche beworben – und nicht für den Posten des Topmanagers.“
„Aber du hast, wie ich dich kenne, die Leute um den kleinen Finger gewickelt?“
„Das kannst du glauben. Es war alles perfekt. Ich war ihr Mann – ich habe die Stelle. Morgen früh wird es den leitenden Mitarbeitern in einer großen Sitzung verkündet. Prost, mein Schatz! Auf meine – auf unsere Zukunft. Wollen wir uns noch an die Bar setzen oder gehen wir gleich rauf, Liebling?“
„Lieber gleich nach oben. Ich kann nicht mehr warten.“
Er blickte sie mit maßloser Gier an, seine Hände umfassten ihre Handgelenke, pressten sie als Ausdruck größten Verlangens.
„Komm!“, sagte er heiser.

Sie sang im Bad, wie sie es immer tat, wenn er nackt im Bett lag und ungeduldig auf sie wartete. Sie sang zwei Mal nacheinander ihr Lieblingslied ‚The old gumble cat’. Es war immer das gleiche Spiel; er wartete ungeduldig, und sie ließ sich Zeit, trieb ihn fast zur Weißglut. – Er liebte dieses Spiel.
Sie blickte auf die Armbanduhr und hing dann noch ‚Memory’ dran. Dann lächelte sie ihr Spiegelbild an, strich sich die Haare aus dem Gesicht und nickte sich zu.
„Na, dann mal los, du abgelegte Nadine.“
Sie trug ein hauchdünnes, fast durchsichtiges Negligee; ihre Figur war immer noch toll, knabenhaft schlank – gerade richtig, dachte sie zufrieden.
Zum ersten Mal seit einem Jahr hatte sie sich Make-up ins Gesicht geschmiert und die Konturen der Lippen mit einem dunklen Stift nachgezogen. Unordentlich. Es würde reichen, denn ihr Gesicht war glatt, ebenmäßig, schön – und ohne Regung; nur ihre Augen hatten einen Glanz, als hätte sie geweint.
„Wann kommst du?“
„Gleich! Sei nicht so ungeduldig.“
„Ich hab so lange auf dich gewartet. Jetzt kann ich nicht mehr. Komm! – Ich will dich jetzt!“
Sie stand in der Badezimmertür und sah ihn lächelnd an. Ja, so hatte sie ihn in Erinnerung, so hatte sie ihn erwartet. So hatte er sie erwartet.
Das Bettzeug hatte er weggenommen, unter dem Fenster abgelegt. „Mein Spielfeld!“, sagte er immer. „Da brauche ich jeden Zentimeter.“
Völlig nackt lag er auf dem Bett, die Arme ausgebreitet, als wäre er gekreuzigt; er war in jeder Hinsicht bereit für sie.
„Komm! – Komm, mein Kleines; komm und lass mich nicht länger warten.“
Das leise, fragende Klopfen hätte er fast überhört, so angespannt war er, hatte nur Augen und Ohren für die Frau, die so aufreizend vor ihm stand.
„Was ist? Ist da wer an der Tür, Nadine? Mach nicht auf! Hörst du?“, knurrte er ärgerlich und richtete sich etwas auf.
„Reg’ dich nicht auf. Ich habe eine Flasche Champagner für nachher bestellt.“
„Wunderbar!“, rief er und ließ sich lächelnd zurückfallen.
„Bist schon eine klasse Frau. – Eine der Besten überhaupt“, rief er vergnügt.
Nadine nickte Zustimmung, drehte sich zur Tür, bemühte sich, ihr Negligee zu verschließen, öffnete und machte eine einladende Handbewegung.
„Kommen Sie herein – bitte. Ich warte schon auf Sie.“
„Was ist, Liebling? Soll ich die Rechnung für den Champus unterschreiben?“
„Nein, du brauchst nichts zu unterschreiben.“
Sie ging voran, stellte sich vor das Bett und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Hör genau zu, Wolfgang! – Es ist Schluss! Es ist Schluss, Wolfgang!“
„Was?“
Sie stand da und genoss seinen entsetzten Blick, die hervorquellenden Augen, seine seifige Blässe, die Schweißperlen auf seiner Stirn und die plötzliche Erschlaffung, die er selber wohl nicht einmal bemerkte.
Er versuchte hektisch das Bettlaken unter sich weg zu ziehen; er riss heftig, stöhnte auf, aber es klemmte, gab nicht nach. Dann warf er die Hände nach vorne, hielt sie zwischen seine Beine, versuchte krampfhaft die Blöße zu bedecken.
„Was … Wer … Verdammte Scheiße!“, röchelte er und stierte auf die Besucher, die sich vor dem Bett versammelten und ihn aufmerksam musterten.
„Die Herren Scully und Hover brauche ich dir nicht vorstellen; ihr hattet ja heute ein nettes Meeting. – Deine Frau ist dir ja auch bestens bekannt. Die Herrschaften haben sich inzwischen sicher an der Bar selber bekannt gemacht. – Nur diese Dame …“
Sie winkte in Richtung Tür und wartete einen Augenblick. Sie lächelte leicht, fegte mit einer huschenden Bewegung die widerspenstigen Haare aus dem Gesicht.
„Das ist meine Mutter, Wolfgang. Ich war ihr noch was schuldig – weißt du. Entschuldige, dass ich euch nicht früher bekannt gemacht habe. Mama – dies ist mein ehemaliger Geliebter. Wie du siehst, hat er im Augenblick keine Hand frei, um dich formvollendet zu begrüßen.“
„Ich sehe es, mein Kleines. Ist ja eh nur eine flüchtige Bekanntschaft.“
„Natürlich, du hast recht, Mama. Nimmst du mich gleich mit? Ich bin mit dem Taxi hier. Warte, ich geh schnell ins Bad und zieh mich an.“

Nadines Mutter lächelte seltsam. Ihr Gesicht sah aus, als leuchte es; fast träumerisch blickte sie auf die Szene.
Die beiden Amerikaner und eine kleine, schmale Frau standen steif und still vor dem Bett, auf dem sich Wolfgang mühsam zur Seite wälzte, ständig bemüht war, die Hände nicht verrutschen zu lassen.
Die Frau hüstelte und blickte ihre Begleiter forschend an. Sie wirkte keineswegs schockiert, eher amüsiert.
Nadine hatte tiefes Mitleid mit dieser Frau gehabt, als sie sich zum ersten Mal trafen. Aber Karin, so sollte Nadine sie nennen, hatte abgewunken und säuerlich gelächelt.
„Nein, nein! Keine Bange. Er betrügt sie doch alle. Sie brauchen keine Hemmung zu haben. Sagen Sie mir alles, was sie wissen. Ich bin sicher, es wird nicht viel mehr sein, als das, was ich längst weiß. Aber – und dafür bin ich Ihnen dankbar – man braucht manchmal einen Anstoß, einen Schubser, wissen sie. Machen wir doch am Montag gemeinsam unsere Abrechnung, ja? Es ist noch so viel offen aus der Vergangenheit.“
Wolfgangs Blick irrte durch das Zimmer, blieb an seinen Kleidern hängen, die, unendlich weit entfernt, ordentlich auf einem Stuhl vor dem Schreibtisch hingen.
„Verflucht! Verflucht!“, stöhnte er und wagte nicht, den Blick zu heben.
„Gib mir sofort die Sachen da, Karin! Los!“ Er stierte seine Frau an, die weiter lächelte und sich nicht rührte.
Die beiden Amerikaner sahen ihn kopfschüttelnd an, dann gingen sie gleichzeitig, wie verabredet, zur Tür.
„Morgen! Morgen um zehn! Verstanden?“, sagte der Mann, der sich Nadine als Scully vorgestellt hatte. Sie warteten keine Antwort ab, warfen die Tür hinter sich zu.
Wolfgangs Frau lächelte und atmete tief durch.
„Ich bin froh, Wolfgang, dass es so zwischen uns endet. Es ist so herrlich, was ich hier erlebe; das hätte ich mir in den kühnsten Träumen – und ich hatte verflucht kühne Träume – nicht einfallen lassen. Wie auf einer Theaterbühne, findest du nicht? Irgendwie gefällt mir dein endgültiger Abgang.“
„Ja, Walter, du Schuft. Sie hat Recht, diese Frau. So habe ich mir das immer gewünscht.“
„Mama! Der hier heißt Wolfgang, Mama – nicht Walter. Du denkst an Vater, nicht wahr? Aber das ist hier nicht wichtig, sie sind alle gleich“, sagte Nadine, die angezogen aus dem Bad kam.
„Ich weiß durchaus, wie der hier heißt, mein Kind.“
„Ach, übrigens, Wolfgang. Wenn du morgen zu deiner Verabschiedung ins Büro gehst, dann bedanke dich doch in meinem Namen bei deiner Sekretärin. Sie ist übrigens keine Schnepfe, sie war nur eifersüchtig. Sie hat mir sehr geholfen, die ‚puritanischen’ Amerikaner und deine Frau ausfindig zu machen. Sie hat alles bestens erledigt. Du hattest deine Vorzimmerdame wohl auch schon abgelegt – kann das sein?“
„Ach. mein Kleines! Es gefällt mir, was ich hier sehe. Ich denke, wir können jetzt gehen, nicht wahr? Oder musst du noch etwas erledigen? Nein? Gut – dann gehen wir“, sagte ihre Mutter und fasste nach ihrem Arm.
„Ich komme mit. Hier ist ja alles klar“, sagte Karin und hakte sich bei Nadine ein.
Die Frauen gingen mit erhobenen Häuptern aus dem Zimmer. Nadine warf einen Blick zurück, sah das Häufchen Elend fast mitleidig an, pustete ihre Haare aus dem Gesicht und warf die Zimmertür krachend zu.
„Punkt! Gruß an alle Wolfgang und Walter“, sagte ihre Mutter.

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