Die italienische Nacht
von Christa Schmid-Lotz (Copyright)
Es war stockdunkel, als Hannes das Stadttor von Caprese durchschritt. Der Regen hatte nachgelassen. Über das glänzende Kopfsteinpflaster stieg er die Gasse hinauf, deren Häuser sich düster aneinander drängten. Er drückte auf den Klingelknopf der Pension. Nach einer Weile blinzelte ein Männchen mit Schlafmütze und spitzer Nase aus der Tür.
„Ah, Signore Westerhoff, einen Moment….“
Er führte ihn in den Gastraum mit der tiefen, rauchgeschwärzten Decke.
„Möchten Sie noch etwas essen?“
„Ja, gerne, ich habe eine lange Fahrt hinter mir.“
Hannes ließ sich nieder und sah sich um. Ein paar Tische und Stühle, ein Steinfußboden, eine Lampe, die wenig Licht verbreitete. Und er roch Fleisch, das den halben Tag in Wein geschmort hatte. Signore Magnoli stellte ihm einen Teller Spaghetti al Pomodoro hin, setzte sich ihm gegenüber und hob seinen Becher.
„Salute! Werden Sie morgen nach Florenz weiterfahren?“
„Salute! Ja, ich werde mit dem Direktor der Uffizien verhandeln. Die Staatsgalerie Stuttgart plant eine Sonderausstellung italienischer Maler, Bildhauer und Stuckateure.“
„Werden Sie auch unser neues Museum anschauen?“
„Morgen früh gehe ich hinauf. Einiges kenne ich schon aus meinen Büchern.“
Signore Magnoli erhob sich und brachte eine Kasserole mit Stücken von Rind und Huhn, Zwiebeln und Karotten; sie waren butterweich und fast schwärzlich rot vom Schmoren.
Nach Beendigung des Mahles wischte sich Hannes das Fett von den Lippen.
„Einfach köstlich…..viele Grüße an die Signora! Aber jetzt muss ich in die Falle, es wird ein anstrengender Tag morgen! Buona notte.“
„Buona notte, Signore.“
Über eine Stiege gelangte er in die Kammer, zog sich aus, legte sich ins Bett und starrte in die Dunkelheit. Der Schlaf wollte nicht kommen; das späte Mahl lag ihm schwer im Magen. Plötzlich hörte er ein Geräusch und fuhr auf. Sein Herz begann zu klopfen. Er sah, wie sich die Türklinke bewegte. Knarrend öffnete sich die Tür und eine Gestalt schleppte sich herein. Hannes spürte, wie sich seine Haare einzeln aufrichteten. Der Mensch oder was davon übrig geblieben war, trug ein vermodertes Wams, Beinkleider wie aus Pergament und von den Schuhen waren nur noch Rudimente übrig. Das Gesicht war bleich, von schwarzem Haar umrahmt; die Augen hohl. Vom Körper hingen staubige Fetzen herab. Er winkte Hannes mit Knochenhand zu sich; wie von Fäden gezogen, stand er auf und folgte dem Furchtbaren, die Stiege hinunter, durch die Gassen, die vollkommen verlassen waren. Der Tote schien schimmernd vor ihm her zu schweben und war wieder verschwunden, wenn eine Wolke den Mond verdunkelte. Mauern rechts und links; nur der Duft der Linden, der vom Fluss heraufkam, erinnerte ihn daran, dass er dies alles wirklich erlebte. Der kalte Schweiß lief ihm den Rücken herunter. Aus der Ferne waren Hufschläge zu vernehmen. Klappernd kamen sie näher. Ein Rappe hetzte durch die Gasse auf sie zu. Auf seinem Rücken saß eine Frau, madonnengleich, deren Bauch eine Wölbung zeigte. Direkt vor ihnen bäumte das Pferd sich auf.Hannes wich zurück und sah seinen Begleiter die Hände nach ihr ausstrecken. Dann war der Spuk verschwunden.
Sie erreichten den Marktplatz. Mächtig erhob sich die Kirche vor ihnen; am Eingangsportal strebten die Sandsteinfiguren der einen Seite ins himmlische Licht, die anderen stürzten in die Hölle. Dann nahm sie ein Raum auf, der Mittelalter und Weihrauch atmete. Dumpf hallten ihre Schritte durch das Schiff. Das Entsetzen lähmte Hannes derart, dass er sich nur noch kalt und steif fühlte. Die Fresken an den Wänden grinsten höhnisch, als sie die Krypta erreichten. Hinunter ging es in die Grabkammer, deren Bögen sich massig über Tomben wölbten. Auf einem Marmorblock lag aufgebahrt ein junger Mann, dessen Schönheit alabastern, fast überirdisch leuchtete. Der tote Meister zog ein Seziermesser aus einem der Särge und machte sich daran, die Bauchdecke des Toten aufzuschneiden. Hannes wandte sich ab, übergab sich und fiel in eine gnädige Ohnmacht.
Helles Licht fiel durch einen Spalt, er hörte den Gesang einer Amsel. Hannes atmete tief durch, tastete die Wand ab und sah den Schrank, den Tisch, das Waschbecken. Er war in seiner Kammer, es musste ein Alptraum gewesen sein. Doch der Geruch des Weihrauchs haftete noch an ihm. Zerschlagen stieg er die Treppe hinunter und fand Signore Magnoli fröhlich pfeifend an seinem Herd. Er beschloss, über die Geschehnisse der Nacht Stillschweigen zu bewahren, bat um einen Cappuccino, Brot und Käse und nahm das Frühstück gedankenverloren zu sich. Dann verabschiedete er sich von seinem Gastgeber und machte sich auf den Weg zum Museum. Die Gassen waren mit Menschen bevölkert, Scherzworte flogen hin und her. Lieferwagen mit glänzenden Früchten ratterten über das Pflaster. Auf dem Platz vor der Kirche nahm ihn das Marktgetriebe auf. Heftiges Schnattern und Gestikulieren; Schinken hingen an den Ständen, Sträuße aus Lavendel und Rosen. Auberginen und Tomaten lagen in Tonschüsseln eingelegt; Blumenkohl und Rauke, weiße Bohnen, Brokkoli, Parmesan und Trüffeln riefen all seine Sinne auf den Plan. Eine Frau streckte ihm eine Frucht entgegen; sie war von einer Süße, die er nie zuvor gekannt hatte. Verwirrt ließ er sich weitertreiben. Zwei Augen funkelten ihm dunkel entgegen. Wie eine Madonna stand das Mädchen vor ihm. Ihre Gestalt bog sich zart von einem Maultier weg, das sie am Zügel führte. Sie deutete einen Knicks an und war verschwunden. Hannes hatte das Gefühl, in zwei Hälften zerrissen zu sein, sah die Nacht, die Verwesung, hörte den Wind über die Gräber klirren und spürte alles Leben erkalten. Hörte die Musik des Lebens, sah das Licht, die Liebe, den golddurchfluteten Tag. Es schmerzte ihn und verschlug ihm fast den Atem.
Jetzt wollte er es wissen.
Im Garten des Museums fand er das „Kind nahe der Mutterbrust“. Verehrer des Meisters hatten es dort an einem exponierten Platz aufgebaut und dazu geschrieben: „Das war es, wonach er Zeit seines Lebens suchte und strebte …die Kraft des aufbrechenden Lebens und der Tod waren für ihn eine Einheit.“ Auf das höchste erregt betrat er das Museum, von einer dunklen Ahnung erfüllt, lief an Skulpturen, Bildern und Vitrinen vorbei. Ein Bild erregte seine Aufmerksamkeit. Er trat näher heran. Eine Krypta war dargestellt. Ein Mensch von hoher Gestalt stand vor einem Steinblock und sezierte die Leiche eines Jungen. Die Kleidung war mittelalterlich, die Haare fielen lang und schwarz auf die Schultern. Hannes bückte sich und las die Bildunterschrift, während ihm ein Schauer nach dem anderen den Rücken herunterjagte:
„Michelangelo bei seinen anatomischen Studien in San Spirito.“