Die Liebe der Poeten

von Andreas Züll (copyright)

Als Zeus, der Vater allen Irdischens, die Poeten in der Dämmerung des jüngsten Morgens schuf, erleuchtete er ihre Herzen mit einem besonderen Teil seiner Liebe. Denn sie hatte er dazu erkoren, das Lob seiner Schöpfung unter die Menschen zu bringen, seinen Geist in allen Geistern zu säen und die Liebe in die Herzen zu tragen, in ihren Versen und Liedern. So schuf er sie, als seine liebsten und nächsten Kinder unter allen anderen. Oft schwach von Gestalt, doch stark im Geiste.
Und als die ersten Sonnenstrahlen durch die weißen Wolken brachen und das taufrische Gras und die klaren Meere der neuen Welt – der Erde – berührten, erwachten die Poeten und begannen, ihr Lied zu singen. Die Liebe Zeus‚ strömte durch die wachsenden Wälder, die Felder und Berge und durch die Körper und Seelen der Erstgeborenen. So begann der große Aufbruch der Menschheit. Die Erde war Melodie und Zeus der Klang des Himmels.
Zeus verteilte die Erde gerecht zwischen seinen Kindern. Den Poeten aber gab er nichts von allem Irdischen, kein Land und keine Reichtümer. Ihre Welt und ihr Reichtum sollte einzig seine Liebe bleiben. So sollte ihnen der Platz neben ihm gehören, jener Platz, zu dem sie am Ende aller Tage zurück kehren werden. In ihren Versen und Liedern aber konnten sie stets im sanften Strömen ihrer Gedanken an diesen Ort gelangen, um Trost zu suchen und Kraft zu schöpfen. Und seine Liebe war stark in ihnen.
So vergingen Jahrtausende, in denen die Poeten unter den Menschen lebten, ihre Lieder sangen und ihre Verse für sie dichteten. Das Lob der Schöpfung – die Weisheit des Lebens – in den Herzen keimen ließen, so dass nichts von der Liebe des Göttervaters verloren ging.
Die Menschen liebten und achteten sie und lauschten ihren Worten und Klängen im Abendlicht und an den Feuerstellen. Bei ihnen fanden sie Hoffnung und Liebe, die ihnen selbst oft zu fehlen schien. Sie heilten ihre Wunden im Wissen um den großen Aufbruch und der allumfassenden Liebe des Zeus, auf die sie in allen Zeiten vertrauten.
Die Poeten konnten nicht lügen, denn Zeus Liebe in ihnen verwirkte jede Lüge, jeden Argwohn in ihren Herzen. Ihre Zungen waren rein und unbefleckt, wie der jüngste Morgen in dem sie geschaffen waren. Ihr Tun bestimmte die Liebe und Liebe war Wahrheit. Doch ihre Liebe konnte selten lange einem Menschen oder einer Sache außer dem Klang alleine gehören. Aber wenn ein Poet liebte, dann tat er es für die kurze Zeit nie mit halbem Herzen. In manchen von ihnen brannte die Liebe oft so stark, dass er zu verbrennen drohte und den Weg zu seinem Schöpfer früher beschritt, als es ihm bestimmt war.
So aber sollte ihnen auch die Wahrheit zum Verhängnis werden, denn im Wechsel der Gezeiten vergaßen die Menschen trotz aller Lieder und Verse das Wissen um den großen Aufbruch, und Zeus‚ Liebe starb in ihren Herzen als sie den Glauben verloren und seine Macht schwand. Die Menschheit aber begann, ihre Poeten zu fürchten und misstraute ihnen. Da Zeus ihnen aber vor Urzeiten auferlegt hatte, nur in Liebe und Wahrheit zu handeln, fanden sie zu tausenden bald einen grausamen Tod auf dem Scheiterhaufen. Sie wurden als Hexen und Verräter geächtet und erbarmungslos verfolgt. Das Böse herrschte über die trüben Meere und welken Gräser. Die Zeiten waren dunkel. Die Bücher und Gedanken brannten. So starben und klagten sie – seine liebsten Kindern – und waren mutloser denn je.
Doch auch wenn Zeus keinen vor Flammentod und Steinigung bewahren konnte, blieb seine Liebe in ihnen und half das Dunkel zu überstehen und das Feuer zu ertragen. So empfing er ihre Seelen in Scharen an seinem Thron, ihrem Platz an seiner Seite, an dem sie singen und schreiben werden bis in alle Ewigkeit.
Die Verbliebenen aber fanden einander und horchten in ihre Herzen und wussten, das Zeus mit ihnen war. Sie schrieben und sangen weiter. Und sie starben weiter. Denn sie glaubten daran, das Licht zurück in die dunklen Herzen der Menschen bringen zu können. So glaubten sie an die Wahrheit, dort wo Lügen regierten und säten Liebe, dort wo Hass herrschte und die Felder wie Unkraut umwucherte. Und mit jedem von ihnen, der aufrecht den Scheiterhaufen bestieg, kehrte das Licht zurück. Es war schwach und kaum spürbar, aber es nahm zu. In mehr und mehr Menschen keimte die Liebe wieder auf und sie halfen den Poeten, versteckten sie in ihren Speichern und Kellern, trotzten dem Bösen und lauschten wieder der Wahrheit und dem Wissen um den großen Aufbruch. Zeus‚ Macht wuchs wieder unter all seinen Kindern.
Als die große Dunkelheit erleuchtet und in den Abgrund zurück gedrängt wurde und Zeus‚ Geist über der Erde schwebte, um die Gräser wieder sprießen und die Meere wieder rauschen zu lassen, lagen die Menschen zu unzählbaren niedergeschlagen und gemordet zu seinen Füßen. Doch aus dem Meer aus Blut und Tränen schöpften seine Kinder das erste klare Wasser. Und die Poeten sangen sein Lied und die Welt stimmte ein. Zeus selbst schenkte der Menschheit ein neues Zeitalter. Es dauert fort in ihren Herzen und der Dichter Stimme.

Noch heute spürt jeder Poet diese eine vollkommene Liebe tief in sich, in der der Göttervater sie einst am jüngsten Morgen geschaffen hat. Manche wissen vielleicht nicht mehr, was es ist, was sie spüren, denn sie haben es im Kommen und Gehen der Zeiten vergessen. Aber sie können dennoch fühlen, dass es eine unbändige Kraft sein muss, die in ihren Venen fließt und ihren Geist erfüllt. Eine Macht, die sie singen lässt, wenn sie eine Blumen aufgehen sehen, die sie schreiben lässt, wenn eine Schönheit vorbeischwebt und die sie weinen lässt, wenn Unrecht geschieht. Und wenn sie ganz tief und leise in sich hinein horchen, können sie es hören, das Lied der Erstgeborenen.
Zu allen Zeiten hat man die Poeten verfolgt, gefoltert und in Ketten gelegt, sie aber auch verehrt, geliebt und in ihren Worten die Liebe gespürt. Die Zeilen eines Gedichtes, die Melodie eines Liedes, bewegen die Menschen tief in ihren Herzen. An manchem Herz prallen sie aber ab, denn es sind Herzen aus Stein, jene Herzen, die die Stimme Zeus‚ in ihnen und den großen Aufbruch vergessen haben. Doch solange die Poeten weitersingen und ihre Stimmen weit über Berge und Täler klingen, durch Wälder und Dörfer rauscht wie ein frischer Sommerwind, wird das Wissen um den jüngsten Morgen weiter leben und es Menschen geben, die es verstehen.
Zeus hält schützend seine Hände über jeden einzelnen von ihnen, denn noch dauert die Reise der Menschheit an und auch die Finsternis droht sich wieder auszubreiten. So schreiben sie weiter ihre Verse und singen ihre Lieder und lieben einander, im Unterbewussten, dass auch Zeus sie liebt bis zum Ende aller Tage. Dem Augenblick, da sie wieder vor Jovis Thron treten und ihren Platz an seiner Seite einnehmen werden.
Das ist das Vermächtnis des Göttervaters. Die Liebe der Poeten.

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