Die rote Mütze

von Andreas Züll (copyright)

Paris im Herbst – das war ein wahrgewordener Traum.
Verloren schlenderte er an der Seine entlang, durch die engen, verwinkelten Gassen, die sich durch die wuchtigen Mauern schlängelten, bis hin zu den Farben und Töne der Mont Matre, über der sich mächtig und zeitlos wie ein alter mythischer Baum Sacre Coeur erhob. In der ganzen Stadt bis hin vor die Tore Notre Dames verkauften Straßenhändler, in bunten Mänteln und Handschuhen mit offenen Fingerkuppen, gebrannte Kastanien, Gemälde und sonstigen Krimskrams. Der aufströmende Duft vermischte sich mit dem Stimmengewirr und dem stetigen Rumoren des Verkehrs, das von allen Seiten zu hören war.
Paris im Herbst – das war ein wahrgewordener Traum.
Ein nie enden wollender Rausch, der jeden klaren Sinn zu betäuben schien und auch den letzten Funken Verstand in die Lichtfluten und Klangfarbenmeere dieser Stadt mitriss. Es war vielleicht nicht seine Stadt, aber er hatte sie lieb gewonnen und nutzte jede Gelegenheit, einige Zeit in Paris zu bleiben. Fast schon fühlte er sich hier zuhause.
Wenn er nicht in eigener Sache unterwegs war, oder diese gerade erledigt hatte, verbrachte er meistens noch einige Tage in einem kleinen Hotel am Seineufer und reihte sich tagsüber in das Mosaik von Malern, Pärchen, Studenten, Bettlern und sonstigen verwegenen Wesen, die sich um den Eiffelturm scharten, nahtlos ein. Wenn man ihn nicht gerade ansprach und er offenbaren musste, dass er weder Franzose war, noch Französisch sprechen konnte, und daher in Englisch mit starkem deutsch-rheinischen Akzent antworten musste, fiel er mit seinem Zeichenblock, dem langen schwarzen Mantel und dem gedrehten Zigaretten gar nicht weiter auf. Dann absorbierte ihn die Stadt und machte ihn zu einem Teil von ihr – zu einem waschechten Pariser. Zumindest oberflächlich. So lange, bis er dann doch den und öffnete, und sein Geheimnis wieder preisgab, kein Franzose zu sein und alles war er sagen konnte, sich auf „Mercy” und einige zweifelhafte Sätze beschränkte, ganz zu schweigen von seiner brandmarkenden Aussprache. Sein Wortschatz entsprach also eben dem, was man aus alten Liebesfilmen und von den Mädchen, die sofort in der siebten Klasse den Französischkurs gewählt hatten, her kannte. Allerdings hatte er sich mittlerweile damit abgefunden, die Sprache der Liebenden nie sprechen zu können, sofern man das Französisch nicht mit einer anderen Art dieser „Sprache” verwechselte. Er mogelte sich halt so durch. Jene, die ihn auf seinen Ausstellungen ansprachen, taten dies auf Englisch und im Zweifelsfall griff sein Freund und Manager, Pablo Ludwig, ein. Dann donnerte auf den fragenden Besucher eine biblische Sintflut an Wörtern und deren Ausläufer herein, so dass er selbst sich zur rettenden Bar absetzen konnte. Er hatte Pablo, dessen Einfluss gerade in der Pariser Kunstszene nicht zu unterschätzen war, als Student in Köln kennen gelernt. Pablo hatte damals als Gallerist eine Reihe von verschiedenen Ausstellungen für die Uni organisiert und war schließlich in wahrsten Sinne des Wortes über einen wirrköpfigen Kunststundenten im letzten Semester und dessen Zeichenblock gestolpert – über ihn. Nachdem Pablo ihm die blauen Flecken und die aufgeschlagene Knie (Der schöne Anzug, so eine Schande!) verziehen hatte und er sich ein Pflaster auf die Stirn geklebt hatte, hatten sie in einer Kneipe am Severinstor den Grundstein für eine regelrechte Hassliebe gesetzt, die sich schnell zwischen dem verträumten Zeichner und dem brummigen Galleristen entwickelte und gemeinsame Arbeiten in Köln, Bonn, Berlin und eben auch Paris nach sich zog.
So hatte ihn auch diesmal eine Ausstellung für den Louvre, die der gute Pablo gegenüber der Museumsleitung durchgeboxt hatte, denn der Direktor schuldete ihm noch einen Gefallen (nach dem Warum sollte man besser nie fragen), in die Metropole der Künste verschlagen. Und jetzt, nachdem zwei harte Wochen des frühen Aufstehens (was er besonders hasste), der Empfänge und Ansprachen, der Beziehungspflege und dem Kontakteknüpfen endlich ein erfolgreiches Ende genommen hatten und der Großteil der Ausstellung den Besitzer gewechselt hatte (Pablo, Pablo …), genoss er die ihm verbleibende Zeit, bis er wieder zurück in die verschlafene Eifel – sein Zuhause – kommen würde. Lange war’s her. Dort würde er einem Auftrag der Kurverwaltung in Gemünd nachgehen. Kleine Fische mittlerweile – aber farbenfrohe.
So blieben ihm in dem kleinen Hotel an der Seine noch gut acht Tage, die er natürlich nicht wirklich als Urlaub ansah, mehr als musischer Ausklang einer Arbeitsreise. Ein Ausklang in vollen Zügen natürlich.
Zum Abend hin hatte er sich mit Pablo im Dauphin, einem Café in der Mont Matre, verabredet, um mit ihm noch einmal die Erfolge entsprechend zu begießen, denn dieser wollte schon morgens in aller Frühe den ersten Zug Richtung Köln nehmen. Business sells, versteht sich.
Da ihm noch einige Zeit bis zur vereinbarten Uhrzeit blieb, war er nun wieder in das Meer aus Wunderwesen um den Eiffelturm untergetaucht. Dort hatte er sich auf einer der vielen, endlos auf und nieder steigenden, Stufen einen stillen Platz gesucht, von dem aus er die sich vor ihm ausbreitenden Menschenmengen und hinter ihnen Paris selbst, nur geteilt durch Monsieur Eiffels gigantischen Stahlobelisk, gut überblicken konnte. Natürlich regte nicht nur das Pariser Wahrzeichen, unübersehbarer Beweis dafür, dass schon einmal ein Eifler (hatte Monsieur Eiffel doch wirklich Vorfahren aus der Eifel gehabt) seine Vision in Paris verwirklicht hatte, seine Phantasie an, sondern auch und gerade die vielen Menschen. Die Kollegen mit Block, Stift und Tusche, die engumschlungenen Liebenden (hier war im Alter nach oben hin keine Grenze gesetzt), die vielen verschiedenen Hautfarben und natürlich ganz besonders – die Pariserinnen.
Wild und mild und zuckersüß – das sind die Mädchen von Paris. Ein deutscher Dichter der sich Klabund nannte, hatte diesen Vers in den „Roaring Twenties” geschrieben. Allerdings erfreute der sich im ausklingenden Jahrtausend keiner allzu großen Berühmtheit mehr und nur durch Zufall hatte er auf einem Wühltisch eines Kölner Kaufhauses einen Gedichtband von ihm entdeckt. Dabei sprach der Mann ihm doch so aus der Seele! Die Mädchen hier waren wirklich eine Klasse für sich. Und manche von ihnen, die schon den Wintermantel rausgekramt hatte, denn der Herbst war nicht die gemütlichste Jahreszeit, landete sich freizügig gebender auf seinem Zeichenblock. Manchmal war es halt von Vorteil, die künstlerische Freiheit genießen zu können.An diesem Abend hatte er sich aber eigentlich vorgenommen, die Mädchen einmal außen vor zu lassen und sich Paris selbst zu widmen. Zuviel weibliche Schönheit konnte schließlich gefährlich werden, ja, sogar tödlich enden. Natürlich entbehrte auch Paris eines gewissen Reizes in dieser Hinsicht nicht. Aber er hatte sich vorgenommen, für Pablo zum Abschied die Seine zu zeichnen, so wie sie sich durch die Stadt räkelte und an der sie schon oft nach mancher durchgearbeiteten oder durchgefeierten Nacht zusammen gestanden und auf die Sonne über den Dächern gewartet hatten. Diese Stimmung war es, die er einfangen und dem Freund mit auf die Reise geben wollte. Ein Gruß von der Seine an den Rhein, der in den nächsten Monaten der einzige Strom sein würde, dem Pablo folgen konnte.
Er musste lächeln, als sich ihm der Gedanke aufzwang, dass Pablo vielleicht doch eine der Pariserinnen als Motiv vorziehen würde.
Aber ob man es nun als liebevolle Stichelei oder ein musisches Freundschaftsbekenntnis verstehen wollte, blieb schließlich jedem von ihnen selbst überlassen. Ansonsten war genügend Spielraum vorhanden, um beiden Standpunkten genüsslich-zynisch freien Lauf zu lassen. Schließlich war man nirgendwo so frei und ungebunden, wie zwischen den Rändern eines weißen Blattes. Und er war wildentschlossen, diesen Platz zu nutzen.
Es mag sein, dass diese Stadt ihre eigene Regeln hat oder dass es tatsächlich ein lenkendes Schicksal gibt, aber er sollte nicht lange an seinem Vorhaben festhalten können. Gedankenverloren versuchte er, die Szenerie zuerst in seinen Augen und dann auf dem Papier nachzuzeichnen, ließ seinen Blick über und durch Paris und seine Menschen streifen, die durch die Asphaltadern strömten, und das Grafit einige Male hin und her huschen. Aber irgendetwas, ein seltsames Gefühl, hielt ihn davon ab, das Bild in einem Guss entstehen zu lassen. Immer wieder zog sein Umfeld, die Menschen, die um seine Füße spülten, seine Augen in ihren Bann. Gab es doch so etwas, wie Vorhersehung? Schicksal? Pablo glaubte manchmal daran, wenn eine wichtige Arbeit anstand, aber er? War er nicht trotz aller Träumerei ein vernunftbegabter Vertreter der Gattung „Homo Sapiens”?
Doch es sollte nun einen einzigen, kleinen Augenblick dauern, um ihn eines Besseren zu belehren, diesen Teil seines oft konfusen Weltbildes gnadenlos zum Einsturz zu bringen. In diesem Augenblick war das Gewühle der Massen plötzlich völlig farblos und wälzte sich träge voran. Es war der Moment, in dem er zum ersten Mal in ihre Augen sah.
Es konnte kaum länger als eine halbe Minute, vielleicht weniger, gedauert haben, in der sie aus dem Meer auftauchte und sein Blick sie und ihre Augen, die unter einer roten Mütze hervorlugten, festhalten konnte. Dreißig Sekunden. Hätte man ihn aber gefragt, wäre es eine Unendlichkeit gewesen, als hätte er die nächsten Jahrtausende hier auf den Stufen gesessen und sie angesehen, hätte Aufstieg, Fall und Wiederaufbau kommender Generationen vorüberziehen lassen und wäre wie sie zu einem Wesen einer anderen, parallelen Dimension geworden, jenseits unseres Zeitverständnisses. Es war verrückt! Was für einen Unsinn reimten sich seine Gedanken da zusammen!
Doch dann riss ihn die Wirklichkeit ins Jetzt zurück, in das gleiche Paris, in dem er heute morgen aufgewacht war. Und doch … ein anderes.
Sie war wieder verschwunden! Verzweifelt versuchte er, die rote Mütze wieder auszumachen, sprang sogar auf und schwang sich auf eine der Mauern. Aber sie war weg, wieder eingetaucht in das Kommen und Gehen, für immer verloren für ihn.
Ihr Bild hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt und die nur langsam vergehende Hitze, des Brandzeichens, ihrer Mütze, löste ein unglaubliches Verlangen in ihm aus. Ohne Rücksicht auf Verluste trennte er sein unvollständiges Werk vom Block. Die Seine konnte warten – er musste sie zeichnen.

Erst, als er den endlosen Augenblick vor sich liegen hatte und ein flüchtiger Blick auf die Uhr ihm verriet, dass Pablo nun schon seit zehn Minuten im Dauphin warten musste, ließ sie ihn los und sein Kopf kühlte ab. Prompt folgte die Ernüchterung, die mit jedem rauschenden Hochgefühl Hand in Hand ging. Er würde sie sicher nicht wieder sehen. Die Chancen, in dieser Stadt einem einzelnen Menschen innerhalb von acht Tagen zweimal zufällig zu begegnen, lag mit astronomisch hohem Stellenwert unter Null. Noch dazu, wenn alles, was man über diesen Menschen wusste, war, dass er eine rote Mütze trug. Er versuchte, eine Hypothese aufzustellen, wie viele rote Mützen es in Paris wohl gab. Dann kam noch hinzu, dass er sie nicht verstehen würde. Es half alles nichts – sie war verloren. Alles, was blieb, war die Zeichnung.
Und doch wurde er ein Gefühl nicht los, dass ihn noch fest im Griff hatte, als er die Türe des Dauphin aufschob und ihm ein Gemisch aus Nikotin und gemahlenem Kaffee entgegenschlug: Dieser Augenblick war sein Schicksal gewesen.

Er hätte erwartet, dass Pablo erst die endlosen Standardtiraden über die Verspätung auf ihn niederbrechen lassen würde und hatte sich auch fest vorgenommen, sie über sich ergehen zu lassen und ihm dann alles was er dachte, genau zu erzählen, denn wenn ihn einer verstehen konnte, dann er. Doch Pablo Ludwig lächelte nur, so, als würde er sich tatsächlich freuen, ihn zu sehen und als hätte er die Verspätung nicht einmal registriert.
Ihm wurde furchtbar heiß, während er sich setzte. Er merkte, wie Blut in seine Wangen schoss. War er noch in dieser parallelen Welt und der Mann, der nun vor ihm saß, eine sympathische Version seines Freundes? Plötzlich merkte er auch, dass ihm diese Vorstellung gar nicht gefiel. Es war sogar das reinste Horrorszenario.
Wo kam diese Hitze nur her?
„Entschuldige, bitte, dass …” setzte er an, aber Pablo unterbrach ihn rücksichtslos. Gott sei Dank, so kannte er ihn!
„Jaja, schon gut. Völlig uninteressant. Ich muss dir unbedingt ein absolut reizendes Geschöpf vorstellen. Und sag mal, was sitzt du da so steif rum. Ist dir kalt? Brauchst du einen Cognac?” donnerte es auf ihn nieder, ohne dass Pablo Luft holen musste. Auch das noch, dachte er. Nicht genug damit, dass er sich seinen ohnehin schon wirren Kopf über das unscheinbare Wort „Schicksal” zerbrechen musste, jetzt hatte der Ludwig auch noch eine seiner nächtlichen Bekanntschaften mit angeschleppt. So hatte er sich das wirklich nicht vorgestellt!„Nein, danke. Ich möchte jetzt wirklich keinen.” winkte er ab.
„Gut”, Pablo sah nach dem Kellner. „Ich könnte jetzt auch einen vertragen!”
Erst jetzt viel ihm auf, dass schon zwei leere Schwenker auf dem Tisch standen und Pablo geräuschvoll drei weitere orderte.
„Sie ist gerade zur Toilette. Weiber, kennst du ja. Ist grade erst in Paris angekommen, Schüleraustausch oder so. Was weiß ich.”
Nein, er war in keiner Parallelwelt, so konnte nur einer reden. Aber Schüleraustausch? Wie alt sollte das Mädchen denn sein?
Pablo grinste. Er erinnerte sich daran, einmal über diese Art zu grinsen gesagt zu haben, dass er sich so die Fratze des Teufels vorstelle. Er hatte sogar ein Porträt gezeichnet und es so genannt. Pablo gefiel das. Der Teufel war wenigstens kein Spießer.
Und er? War er nun in der Hölle gelandet? War es deshalb so heiß? Oder lag es am Cognac, den er widerwillig runterspülte und von dem er gerne noch einen gehabt hätte.
Nervös sah er sich im Dauphin um. Die üblichen Gäste. Hier hockten Maler, Dichter, Musiker beiderlei Geschlechts und auch einige andere zweifelhafte Subjekte, die ihm noch nie ganz geheuer gewesen waren. Vielleicht lag es ja auch nur an der Atmosphäre, redete er sich selbst zu.
Aber dann sah er es – die rote Mütze hing an der Garderobe. Erst jetzt viel ihm auch auf, dass er seinen Mantel gar nicht abgelegt hatte. Kein Wunder, dass ihm so heiß war. Nein, es konnte nicht an der Mütze liegen. Die gehörte sicher einer, der älteren Damen, die am Nebentisch Patiencen legten.
„Hast du die Mütze auch schon bemerkt? Hat sie sich bei einem Straßenhändler zugelegt. Ein selten scheußliches Teil.”
Volltreffer. Das war kein Albtraum mehr, dass konnte nur die Hölle sein. Er hatte es immer gewusst, sein Freund und Partner, der jahrelang wie Bruder und Vater in einer Person für ihn gewesen war, war der Teufel höchstpersönlich.
Sein Magen krampfte sich zusammen.
Es war an der Zeit, den Mantel auszuziehen. Gehen konnte er jetzt nicht, zum einen, weil er sowieso nicht mehr laufen konnte, und zum anderen mochte er das Pablo nicht antun, auch wenn er der Teufel war. An Flucht war also nicht zu denken. Pablo nickte und er stand mühsam auf und schleppte sich zur Garderobe. Nun, es mag ein Klischee aus einem schlechten Hollywoodstreifen sein, aber neben dieser Gardarobe waren die Toiletten. Er musste sich also beeilen. Er wollte es nur ungern auf einen Zusammenstoß mit ihr ankommen lassen. Doch als er den Mantel aufgehängt hatte, wobei er einen großen Bogen um die Mütze machte, und sich dem Tisch wieder zudrehen wollte, saß er in der Falle. Er stieß mit einem dunkelhaarigen Mädchen, einiges kleiner als er, zusammen und lief ihr so praktisch in die Arme. Es bestand kein Zweifel daran, wer dieses Mädchen war, ihre Blicke trafen einander, wie schon vor einigen Stunden vor dem Eiffelturm und wieder schien es ihm, als währte dieser Augenblick eine Ewigkeit lang. Sein Kreislauf – das spürte er – legte Überstunden ein, um die Wallungen, die sich von den Füßen bis in die Haarspitzen und wieder zurück wühlten, unter Kontrolle halten zu können. Wild und mild und zuckersüß … ja, der selige Klabund verstand was von der Welt.
Sie lächelte verlegen. Es war doch verlegen? Nein, mehr schien es so, als hätte man dieses Lächeln einer Modezeitschrift entnommen. Sie strahlte mit beiden Augen in die Kamera. Klick!
„Entschuldigen Sie bitte.”
Verdammt, los, sag was. Egal was! Lass sie nicht wieder so gehen! Aber ein Wasserspeier auf Notre Dame war jetzt wohl lebendiger als er. Er stand nur da und schaute ihr in die Augen. Eine Sekunde verstrich, zwei Sekunden, drei, vier, fünf … jede einzelne Sekunde konnte er schlagen hören, sein Herz als Uhrwerk. Was sollte er sagen? Er sprach doch kein eh Französisch! Zehn, neun, … Sag was! Elf, Zwölf, …
Der Wecker klingelte. Sie hatte sich zu Pablo an den Tisch gesetzt. Was nun? Auch Pablo war sichtbar angetan von dem Mädchen. Sollte er ihm wohl anstelle der Seine die Zeichnung seines Schicksals mit nach Köln geben? Und, verflixt, wie kam er wieder zu den beiden an den Tisch? Er konnte schließlich nicht einfach weglaufen. Aber einfach so an den Tisch gehen? Pablo und sie tuschelten und kicherten. Bösartig. Gehässig. Über ihn?
Doch ein Künstler hat immer mehr Glück als Verstand, besonders hier in Paris. Ihr war durch ihren Zusammenstoß ein Päckchen Tempotaschentücher aus der Tasche gefallen. Eine deutsche Marke! Okay, schalt‚ einen Gang zurück, Junge. Wie ein Adler auf Raubfang stürzte er sich auf die Taschentücher, ließ sie noch im Schritt zwischen seinen Fingern hin und her wandern und stand plötzlich triumphierend, als hielte er den heiligen Gral selbst in der Händen, am Tisch. Und dann gab er es frei heraus zu und er wusste, sie würde ihn verstehen:
„Ich spreche aber kein Französisch, Mademoiselle!”
Pablo brummte.
„Das habe ich ihr gerade auch gesagt. Jetzt setz dich endlich und trink.”
Sie aber lächelte. Ein Lächeln, dass er in sich aufnahm und in alle Richtungen zu reflektieren schien. Die Hitze löste sich in eine wohlige Wärme, in der er eintauchen und mit der er treiben konnte. Ruhig setzte er sich wieder.
„Micky, darf ich dir den großen Meister persönlich vorstellen?”
Er neigte den Kopf ein wenig, als ob er sich auf einer viel zu kleinen, beengenden Bühne verbeugen wollte, um Pablos Ritual zu unterstreichen, in dem meistens mehr Sarkasmus als Ernst mitschwang und das er sich bei einer hübschen Frau nie verbieten konnte. Fehlte die Schlussformel:
„ … und ich habe ihn dazu gemacht.”
„Mein Bruder hat mir eben Bilder ihrer Ausstellung gezeigt.”
Keine Frage, sie war keine Französin. Das enttäuschte ihn ein wenig, denn so hätte er sich die ideale Pariserin, wild und mild und zuckersüß, vorgestellt. Allerdings wischte ein weiterer Blick in ihre Augen alle Enttäuschungen und Zweifel beiseite. Aber Bruder? Sie konnte doch nicht Pablo damit meinen? Nein, Pablo Ludwig konnte keine Familie haben. Und ganz bestimmt nicht so eine Schwester.
“Es freut mich, Sie kennen zu lernen, Micky.”
„Gentlemen like” kam immer gut an, dass hatte ihm sein Großvater schon beigebracht. „Ich freue mich auch.”
Sie reichte ihm die Hand über den Tisch. Sie sahen sich immer noch in die Augen, als er sie nahm und – festhielt. Da war es wieder, das Gefühl der Unendlichkeit. Das Dauphin und alles um sie herum löste sich in Wohlgefallen auf. Diesmal fühlte er sich nicht alleine in dieser Dimension. Micky war dort und hielt seine Hand. Es gab sie wirklich, die Liebe auf den ersten Blick, hier – in Paris.
„Hallo, bin ich plötzlich unsichtbar?”
Hatte da einer etwas gesagt? Da war nur so ein unwirklicher Unterton, eine seltsame Stimme. War das Gott? Nein, Gott hörte sich nicht an, wie Pablo. Das konnte einfach nicht sein …
Der stand jetzt sicher an der Seine und sah ihnen nach, wie sie dahin trieben, auf einem Fluß ins Nirgendwo.
Ein Bild, dass er gezeichnet hatte, damals, am Eiffelturm, als er sie das erste Mal gesehen, ihre rote Mütze sich in sein Herz gebrannt hatte.
Nein, sie brauchten gewiss keine weiteren Worte. Micky beugte sich vor und er begegnete ihr über dem Tisch, eingehüllt vom Cognacdunst. Sie begegneten sich und stießen zusammen, sanfter als an der Garderobe, spürten den Atem des anderen und die Hitze, die zwischen ihren Wangen anstieg.
Als es vorbei war, ließen sie sich wieder auf ihre Stühle fallen. Sie hatte die Augen geschlossen, er starrte Pablo an.
Der war sprachlos. Pablo wußte nichts dazu zu sagen! Er rechnete mit einer Flutkatastrophe an Flüchen, aber auch der sonst so lässige Gallerist sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Dann schien er sich langsam zu fangen.
„Das ging aber schnell mit euch.” stammelte er.
„Pablo, ich …” wollte er anfangen, aber schwieg dann.
Er hielt ihre Hand noch, und das Verlangen, es wieder zu tun, stieg wieder. Mit einem Bein stand er noch immer in der Parallelwelt und er dachte im Traum nicht daran, es dort wegzunehmen.
Endlich sagte auch Micky wieder etwas.
„Wie gesagt, ich freue mich auch.”
Da musste Pablo lachen und er lachte mit ihm.
„Du Teufelskerl!” er klopfte ihm auf die Schulter. Hatte der Teufel persönlich ihn gerade als Sohn angenommen? Nein, dass hatte Pablo schon lange getan. Teufelskerl, das hörte sich vielleicht seltsam an …
„Ich denke, wir sollten noch etwas trinken.”
Pablo nickte und bestellte eine neue Runde Cognac.

Sie hatten sich über den ganzen Abend nicht aus den Augen gelassen, ihre Hände in die des anderen gelegt. Pablo hätte zwar sicher gestehen müssen, so eine selten eigene Situation selbst in seinem bewegten Leben noch nicht erlebt zu haben, aber andererseits wußte er auch, dass ihn eigentlich nichts mehr wundern sollte. Und ganz sicher nicht in Paris.
Es stellte sich heraus, dass Micky nicht direkt durch einen Schüleraustausch nach Paris gekommen war (wie wußte Pablo doch über seine Familie Bescheid …), sondern durch eine Sprachreise, die die Unis anboten. Paris hatte nahegelegen, da ihr Bruder eigentlich zur selben Zeit hätte da sein sollen.
„Du wirst dich ja sicher um sie kümmern.” Der Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören, aber es war eine wohlwollende Art davon, ganz Pablo halt.
„Ich denke, ich werde auch ganz gut alleine zurecht kommen.” meinte Micky selbst dazu.
Einige wenige Gemeinsamkeiten hatten die beiden schon, stellte er fest, auch wenn es ihm sowieso ein Rätsel war, wie die gleichen Eltern einen solchen Engel in die Welt bringen und dann so einen – sagen wir – eigenwilligen Typ konnten.
Pablo hatte sich gegen Mitternacht von beiden verabschiedet. Zum Glück war er mit dem Taxi gekommen und fuhr auch mit einem solchen in sein Hotel, denn hinter ein Lenkrad hätte man ihn nicht mehr lassen können.
Sie schlenderten an der Seine entlang und tauchten als Paar ganz in die Beschaffenheit der Stadt ein, als ein Teil des stetigen Flutens und Rauschens des Menschenmeeres, dass nachts nur wenig abebbte. Hin und wieder blieben sie einen Augenblick lang stehen. Dann begegneten sie sich und spürten die Wangen des anderen, so wie einige Stunden zuvor über einem Tisch im Dauphin. Sie sprachen kaum miteinander. Worte, so war es ihm, waren in dieser Welt überflüssig.
Kurz bevor die Sonne sich über der Seine und den Dächern der Stadt erhob, verschwand eine hagere Gestalt mit schwarzem Mantel und Aktentasche in seinem Hotelzimmer. An der Hand hielt er eine weitere, weibliche Gestalt, die einen roten Hut trug.
In den nächsten Tagen sah Paris sie noch oft zusammen.

Auf dem Pariser Bahnsteig stand eine junge Frau, die eine rote Mütze trug, und sah verloren Richtung Deutschland. In der Hand hielt sie die Zeichnung eines Mädchens, dass eine ähnliche Mütze aufgesetzt hatte. Im Hintergrund umspülten Menschen das Bild und noch weiter abseits, hinter der Mütze kaum zu erkennen, zeichnete sich Monsieur Eiffels unglaubliches Monument ab.
Diese Stadt hat ihre eigenen Regeln – auch was die Zeit angeht. Sie war zu spät.

Im Abteil saß ein Mann mit einem Zeichenblock, und zeichnete einen Fluß, der sich kunstvoll durch alte Mauern und Brücken schlängelte. Derjenige, dem die Zeichnung gehörte ohne dass er davon wusste, würde den Mann am Bahnhof in Köln abholen. Er würde nichts weiter sagen und verstehen. Freunde, selbst wenn sie wie der Teufel selbst grinsen konnten, verstanden einen. Am Ufer des Flusses standen zwei dünn schraffierte Figuren. Eine davon hatte fast weibliche Züge. Nein, dass sind doch Pablo und ich, dachte der Mann bei sich.
Und die Worte des Dichters Klabund wiederholten sich noch einige Male in seinem Kopf, noch lange, nachdem die Räder des Zuges schon auf Schienen, die durch die Eifel liefen, donnerten.
Wild und mild und zuckersüß – das sind die Mädchen von Paris …

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