Die Spur des Steines

von Karlheinz Lörner (Copyright)

Lauscht Omar,
dem Märchenerzähler!

In der Natur geschieht nichts ohne Grund. Kein Stein liegt nur so zufällig in der Nähe eines Abgrunds, keiner aus Versehen am Ufer des Meeres. Der Kiesel liegt an diesem stillen heißen Tag genau an dieser Stelle, um zu erproben, wie lange er auf dem Wasser tanzen kann, um dann zurückzukehren in das Meer und zu feinem Sand zermahlen zu werden. Jeder Stein hat seine Bestimmung, das ist gewiß. Darum werdet ihr mir sicher glauben, daß so ein kleiner Stein sich rächen kann, wenn er schlecht behandelt wird.

Steine, das hab ich mir von einer Geologin sagen lassen, waren nicht immer nur Steine. Sie sind geboren worden wie die Menschen. Sie entstammen vielleicht dem Glutfluß aus dem Innern der Erde. Andere wurden, nachdem sie zu Sand zerrieben worden waren, wieder neu in Felsen gegossen. Wieder andere wurden zu Steinen aus den Skeletten toter Lebewesen und Pflanzen oder kamen als Boten der Sterne zu uns, eine niemals entschlüsselte Nachricht in sich tragend. Wer kann hier noch zweifeln, daß Steine ein Leben haben, da sie doch wieder und wieder sterben und geboren werden. Zu kurz ist der Mensch auf der Erde, um das Leben eines Steins zu verstehen. Darum, weil die Menschen doch nur einen Augenblick aufglühen und verlöschen, wie die sprühenden Funken eines Lavastroms an den Hängen eines Vulkans, erkennen sie nur das ihnen Gleichende, das Leben der Tiere und Pflanzen. Ein Stein ist für sie Materie, unbeseelt.

Als Erik den Stein in der alten Stadt Petra, der Stadt der Nabatäer fand, nahm er ihn als Zeichen seiner Hochachtung vor diesem Ort mit. Erik sammelte Steine, nein keine Edelsteine und keine Fossilien, ganz gewöhnliche Steine aus jeder Stadt der Welt, die er besucht und die ihn gefesselt hatte. Darunter waren solche Stücke, wie ein Mauerstein aus Bombay oder eine Tonscherbe aus Susa.

Der Stein, den er in einem der palastähnlichen in den Fels gehauenen Gebäuden der Nabatäer fand, war außergewöhnlich schön in seinen Farben. Das Lindgrün war von feinen sepiabraunen Bahnen durchzogen und bildete ein Netz gleich dem der Adern auf Handrücken eines Menschen. Der Stein war nicht sehr groß, quaderförmig, nicht kantig und schmiegte sich sanft in die geschlossene Hand Eriks. Ihm war er deshalb aufgefallen, weil er deutlich von dem Rostrot, Brandrot und Rosa der Umgebung abstach, das in grellen Marmorierungen das ganze Tal, die Schluchten Petras, durchzog. Man sah ihm an, daß es ein Stein mit einer Geschichte war.

Erik hatte, als er den Stein in den Schluchten von Petra fand, den Glanz des nabatäischen Reiches vor Augen. Aus der arabischen Wüste trafen die Weihrauchkarawanen aus Saba ein, der Weihrauch wurde dann in Platten an die Küstenstädte Judäas weitertransprtiert oder auf Eselkarren nach Damaskus geschleppt, dann weiter nach Aleppo und durch Kleinasien nach Byzanz. Nach Rom und weiter führten die Handelsstrassen das wertvolle Gut übers Meer. Vom Roten Meer kamen die Perlen, um persische Prinzessinen zu schmücken und aus Ägypten der Weizen, um den Hunger der großen Städte an den Küsten des Mittelmeers zu stillen. So pulsierte Leben durch die Zeltstädte der Nomaden in Petra. Der Reichtum der Händler der Stadt, der Karawanenführer und Kameleigner, der Besitzer der großen Handelskontore und Stapelplätze war sprichwörtlich und zog viele Handwerker an, vor allem Steinmetze, die die Grabdenkmäler erbauten und mit Säulenhallen und Erkern schmückten. Manche von ihnen kamen aus Ägypten, andere aus Rom und Griechenland oder Palmyra.

Der Stein war weich und ließ sich mühelos formen. Der Steinmetz fühlte die Wärme, die aus dem noch unbehauenen Felsen in die Hände strömte. Das sanfte Grün eines härteren Steinwürfels sollte eingefügt werden in das Rot des Grabmahls. Es bildete den Sarkophag nach dem Willen des Besitzers. Der grüne Fels war hier keineswegs eine Besonderheit. Er stammte aus einem nahen Steinbruch, war fester als der umgebende rote Sandstein und diente daher für Zwecke, die eine höhere Haltbarkeit verlangten.

Ein Sarkophag, das war die höchste Form, die der Mensch einem Stein verleihen konnte . Ein Sarkophag verhüllte die Sterblichkeit des Menschen und führte sie in die Unsterblichkeit wie ein Schiff, das steingeworden aus einer fernen Zeit hinüber in ein Paradies aus Palmen und Gärten an Seen mit süßem Wasser segelt. Im Griechischen, das Antilochos gebrauchte, bedeutete Sarkophag, Fleischfresser.

Der Steinmetz sah in seiner Arbeit auch eine Bedeutung. Er war der Erbauer des Totenschiffes. Bald würde der Tote in weiße, nach Weihrauch duftende Tücher gehüllt gebracht werden. In Palmöl und Balsam würden sie die Leiche tränken. Die nächsten Verwandten würden mit einer schweren Steinplatte den Sarg verschließen, und dunkel würde es um den Toten werden. Allein war er, entgültig ausgeschlossen aus dem Leben, verschlossen in einem geheimnisvollen grünen Stein.

Wenn die Seelen der Verstorbenen den Körper verlassen, kehren sie zurück in die unbelebte Welt, aus der sie gekommen sind. Sie kehren in die Steine zurück, aus denen sie her stammen. Haben die Menschen in ihrem Leben Glück und Weisheit gesammelt, Ist ihr Leben reich gewesen und erfüllt, beginnen die Steine, in die sie zurückkehren, innerlich zu leuchten, wie die Sterne in ihren Glutflüssen, aus denen alle Materie der Erde ja einmal erstanden ist. Einem Stein sieht man die innere Kraft äußerlich nicht an, die er durch so eine Seele gewinnt.

Der grüne Stein leuchtete innerlich in der Kraft, die er aus der Seele des Menschen gewonnen hatte. Als der römische Feldherr Aemilius Scaurus im Jahr 62 vor unserer Zeitrechnung die Nabatäa bedrohte, wurden die Araber Rom tributpflichtig und sollten 300 Talente Silber an Kontributionen zahlen. Die Handelsmacht der großen Stadt Petra war mit der römischen Herrschaft gebrochen und an die Stelle der Kontore trat eine römische Garnison, die einen kleinen Militärbezirk beherrschte, in dem ein paar Bauern mühsam ihre trockenen Felder bestellten und die Oliven ernteten. Aus dem harten Stein der Särge, die die Römer in den Gräbern der Nekropole fanden, befahl der Centurio der Garnison, einen Tempel der Aphrodite zu bauen. Die Steinmetze schlugen kleine quaderförmige Steine aus den Sarkophagen. So entstand der Tempel, dessen Ruine noch heute auf dem Talgrund steht. Der Steinmetz teilte mit mächtigen Hieben auf den schweren Meisel den grünen Sarkophag im Grab des Ismail, jenes Mannes, den seine Wege aus dem fernen Aleppo hierhergeführt hatten und der einmal reich an irdischen Gütern und reich in der Erkenntnis, daß Gott in allem wirkt, auch im Unbelebten, hier beerdigt worden war. Die erfahrene Hand formte die Steinplatten wie römische Ziegel und aus dem Behauen sprangen kleine Stücke in die Nischen und Winkel der Grabkammer. Niemand beachtete sie mehr in den folgenden Jahrhunderten, wertloser Abfall in längst ausgeraubten Heiligtümern.

Der Stein fühlte den Schmerz der Teilung seiner Kraft. Entfernt von ihm waren die Teile, die sein Ganzes ausmachten. Darum strebte er mit seiner Wesenheit nach der Vereinigung. Er suchte mit seinen Brüchen nach der Bruchstelle seiner Brüder, um sich über alle Schmerzen hinweg zu vereinen in dem einen Großen, daß die Erde einmal war in ihrem Anfang. Tief in sich fühlte der Stein die Kraft der Materie, sich in einem Punkt zu finden, um in sich die Seelen aller Wesenheiten des Universums zu fassen.

Nach dem Bau des Aphroditetempels verschwanden die Kohorten aus dem Tal. Die Unruhen in Judäa zwangen die Römer zur Bündelung ihrer Kräfte in Jerusalem. Der Sand hatte die Steine sanft zugedeckt. Die Schluchten füllten sich mit den Träumen der vergessenen. Seelen. Parther, islamische Kalifen, christliche Ritter, türkische Janitscharen zogen am Tal vorbei, ohne es zu beachten. Bis die Touristen in die Täler strömten und sich der Stille bemächtigten, die Stadt ausgruben und zur Schau stellten.

Als Erik den lindgrünen Stein in die Hand nahm im Grabmahl des Ismail, fühlte er die Wärme, die von ihm ausging. Er spürte, daß der Stein eine besondere Kraft besaß. Seine Hand schloß sich um das Andenken, daß er hier so leicht erworben hatte. Er wußte, daß er eine Geschichte in der Hand hielt.

Auch Erik war einer der Touristen, die auf den müden Kamelen durch die Schluchten geritten waren und auf den Hängen herum kletterten. Er hatte Angst vor den Schlangen gehabt, den alten, weisen Hütern der Steine und andächtig die Grabdenkmähler betrachtet. Erik hatte diesen kleinen, grünen Stein aus dem Grab des Ismail ausgewählt, daß er sich erinnerte an seine Reise nach Petra. Dort lag er in einer Messingschale neben der Kugel aus Urartu und der Scherbe aus Susa.

Als sich das Herz Eriks in einem schmerzvollen Krampf in einer stählernen Faust wand und wehrte, die Gewalt ihn niederwarf, mit der der Tod ihn anfiel, war kein Weg mehr ins Leben zurück. Still wurde die Welt, als er wieder zum Fleisch wurde, aus dem er gekommen war.

Seine Freunde fanden ihn, nachdem die Haustür durch die Polizei geöffnet worden war, vor dem Fernsehgerät im Wohnzimmer auf dem Rücken liegend, die Augen weit geöffnet, verzerrt das Gesicht Der Arzt stellte den Tod durch Herzinfarkt fest. Er löste die verkrampften zu Fäusten geballten Hände. In der linken hielt Erik die Bruchstücke eines lindgrünen Steins mit sepiabraunen Adern. Die Kraft der Krämpfe im Todeskampf hatte ihn in mehrere Stücke zerbrochen. Das war wenigstens die Annahme des Hausarztes.

Die Wunden eines Steins heilen in den Strahlen der Sonne. Er ahnt in ihrem Feuer seine Herkunft. Und auf einmal in tausend und tausend Jahren versteht er, daß der Zerfall, das sich Auflösen im Sand, das Sandkorn seine Bestimmung ist. In der Unendlichkeit der Sandkörner findet er sich wieder. Im kleinsten möglichen Teil seiner selbst wird er eins mit dem Ganzen. Wenn die Wüste die Erde bedeckt, werden die Seelen aller Wesen der Welt, die je gelebt haben, vereint sein in ihren Sanddünen.

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