Die Tränen des Prinzen

von Andreas Züll (copyright)

- Für Anne -

Diese Geschichte zu schreiben mag nicht das Einfachste sein, und die Zeit, die seitdem vergangen ist, zu überbrücken, scheint mir schier unmöglich. Doch ich muss und ich werde sie schreiben, allein schon um Rechenschaft abzulegen vor der Person, die eine Antwort verdient, auf Fragen, die ich mit gesprochenen Worten nicht beantworten könnte. Ich will versuchen, nichts auszulassen, von Anfang an erzählen, auch wenn es keinen wirklichen Anfang gibt, so wie es nie ein Ende geben wird und all unser Handeln mit allen Konsequenzen ewig währt. Es spielt keine Rolle, wie alt oder jung ich bin. Ich würde diese Geschichte heute nicht anders schreiben als in dreißig Jahren. Denn so wie sie hier steht, ist sie geschehen, als unauslöschbarer Teil von mir.
In meinem allzu kurzen Leben hat es so manches Hoch und Tief gegeben, und ungeachtet der Tatsache, dass noch so manche davon folgen werden, so reicht es doch aus, um einige Geschichten darüber zu schreiben. Doch das Ereignis, das ich mir von allen ausgesucht habe, um den Menschen davon zu berichten, mag gleichwohl das intimste von allen sein. Bisher legte ich euch meine Seele zu Füßen, die ihr ebenso übergehen wie bestaunen konntet, ließ euch Teil haben an meinen Träumen und Gedanken, meinem Zorn und meiner Liebe. Nicht aber an meiner realen, meiner greifbaren Liebe. Zu heikel das Thema, zu ungeschickt die Worte, die beschreiben könnten, was in mir vorging in der Nacht in der sich diese – meine und unsere – Geschichte zutrug.
Ich habe viel über diese Nacht nachgedacht, oft mit schmerzlicher Gewissheit, dass sie einmalig war, oft aber auch mit freudiger Erinnerung gerade daran, dass sie nur einmal stattgefunden hat und nie wieder stattfinden wird. Wie es geschah, was passierte, sind nur Fetzen in meiner Erinnerung. Vieles ist schon zu lange verdrängt, stetig darauf wartend, wieder ans Licht geholt zu werden. Es war ihr Name, der wie die Erfüllung all meiner Träume und Wünsche in mir klang, so hell und wunderbar. Und all meine Gedanken, mein Leben kreiste in diesen Tagen um diesen einen Namen, wie die Gestirne, die sich um die Sonne drehen, ohne das Wie und Warum zu kennen. Ich werde nie vergessen, wie sie mich das erste Mal umarmte, wirklich umarmte. Wie sich ihre Arme um mich legten und ihr Kopf sich sanft in meinen Nacken lehnte. Seltsam, an solche Momente ein ganzes Zeitalter lang nicht mehr zu denken und plötzlich hat man sie wieder so klar vor Augen, so unglaublich nah, als wäre kein Tag, nicht eine Sekunde vergangen. Ihre Arme, ihre Wärme, ihre blonden Haare. Sie war ein Traum, der nicht wahr sein konnte, so unglaublich schön und strahlend. Ich habe mich um sie gedreht, ohne das Wie und Warum zu kennen, ohne danach zu fragen. Heute weiß ich, dass alles so kommen musste, wie es gekommen ist, und dass aus den bittersten Trümmern oft die buntesten Blumen wachsen.
Es gibt einen Ort, den ich seit dieser Nacht nur ungern aufsuche, ein Knotenpunkt zwischen den Dörfern, ein Weg führt zurück nach Hause, der andere weit in die Eifelfelder, der dritte und letzte aber trägt einen an den Ort, an dem sie dir deine Träume nehmen und Hoffnungslosigkeit dafür geben. Dort haben wir gestanden, mitten auf der Straße, eng umschlungen, in der einzigen Nacht, die mir mit ihr geschenkt wurde. Mein Dorf, mein Zuhause, ist so wunderschön, wenn die Sonne untergegangen ist. Ich spüre die warme Sommernacht und ihre Lippen noch heute, wenn ich lange genug in mir danach suche, höre das scheue „ Ich liebe dich” und den Klang ihrer Stimme. Irgendwo tief in mir selbst ist dieses Gefühl immer noch in einer Glaskugel verschlossen. Ich muss sie nur finden und hervorholen. Und dann ist alles plötzlich wieder da. Ihre Stimme, ihr Geruch, die Zigaretten. Wir gehen spazieren, jedes Mal lenke ich unsere Schritte an der Haustür vorbei, finde einen neuen Weg, um dem Unausweichlichen zu entkommen. Mein Herz schlägt. Nie bin ich glücklicher gewesen.
Dann mein Zimmer, das Gefühl, mit ihr auf dem Boden zu liegen, zu schweben. Es gab da diesen Song von HIM, ich weiß nicht, einige kennen ihn sicher. Ein wunderbarer Rocksong, griffige Gitarren, Ville Valos gnadenlos depressive Nikotinstimme, das alles hat mich sehr mitgenommen: „Poisongirl”. Und sie war es, mein Poisongirl. I did it all just for her … loves Heart is death for me and my Poisongirl …Right here in my arms!
In diesem Moment hätte ich nie gedacht, dass es anders sein könnte. Aber lange danach hat mir Ville Valos verdammte Stimme noch die Tränen in die Augen getrieben. Plötzlich ging alles so schnell, eben noch waren wir durch die Sommernacht spaziert, hatten kaum ein Wort miteinander gesprochen, und dann schwebten wir zusammen über den Boden.
„ So soll es immer sein!”, hat sie gesagt, an solche Sätze erinnere ich mich ein Leben lang.
Ich beuge mich über sie, hauche einen mehr als schwachen Kuss auf ihre Lippen. Seltsame Küsse sind das. Die ersten, die ich erlebe. Den ersten habe ich ihr im Treppenhaus gegeben, unsere Lippen haben sich dabei kaum berührt, an derselben Stelle wie kein Jahr später dem Mädchen, das wieder Licht in mein Leben brachte. Ironie des Schicksals. Aber jetzt sind es seltsame Küsse. Und schöne. Ich warte bis sie sich zu mir vorbeugt, denn ich wage nicht, sie einfach von selbst zu küssen, ohne ihr Einverständnis. Sie ist eine wunderschöne Skulptur aus Glas, ich würde daran zugrunde gehen, sie zu zerbrechen. So soll es immer sein …
Ich habe nicht mit ihr geschlafen. Wie sollte ich es sonst ausdrücken? Wir haben nicht, lieber Leser! Tut mir Leid, Sie enttäuschen zu müssen. Aber wir haben nun einmal nicht. Nicht nur, weil ich sie nicht zerbrechen wollte, aber es ist nicht geschehen. Warum nicht? Ja, warum nicht? Vielleicht wollte keiner von uns, vielleicht hatte ich Angst. Sie nicht, sie war auf ihre Weise mutiger, erfahren. Ich weiß das Warum nicht. Damals schien es so, als dürften wir nichts überstürzen, als hätten wir alle Zeit der Welt. Denn wir liebten uns in dieser einen Nacht so unendlich und mit soviel Macht, dass sie hätte Ketten sprengen können. Eine Nacht voller Erotik, Wärme und Gefühl. Sie kam aus dem Bad in ihrem T-Shirt und Boxershorts, so ganz und gar nicht edel und doch schöner als alles, was ich in meinem Leben gesehen hatte.Und sie setzte sich zu mir auf die Bettkante, strich mir durch meine zerzausten Haare und lächelte. Lehnte sich an mich, küsste mich. Ich spürte ihre Nähe, ja wirklich, ihre Nähe. Nicht nur körperlich. Sie war nah und alles andere war so weit fern. Alle Freunde, alle Sorgen, der verdammte Alkohol und die Hoffnungslosigkeit. Alle Schmerzen waren weg. Da war nur sie und ich. Und wir liebten uns. Die Zeit stand still, nur die nikotingetränkte Luft und das Sternlicht waberten um uns. Dann kam der Morgen. Und wir wachten auf. Der ganze Zauber war vorbei.
Ihr Name. Leise flüstere ich ihn vor mich hin. Er strömt aus mir wie ein frischer Atemzug. Immer noch. Aber ich habe keine Tränen mehr. Ich konnte den Gedanken an sie und ihren Verlust so lange nicht ertragen. Ihr Name kam mir nicht über die Lippen, er war ein Gespenst in mir. Ihren Geruch, ihre Stimme, ihre Wärme, alles packte ich in Kisten und verstaute sie tief in den dunklen Abgründen meines Seins. Alles. So lange. Aber sie ist nicht tot, sie lebt. Auch für mich lebt sie wieder. Ich habe ihr verziehen. Ich hoffe, sie mir auch. Sie hat mein Leben verändert, sie ist der wichtigste Eckpfeiler. Ohne sie wäre ich nicht das, was ich jetzt bin noch was ich sein wollte. Ich habe die ersten Nächte nach ihr auf dem Boden geschlafen, neben Flaschen und Aschenbechern. Ich konnte es nicht ertragen, allein in meinem leeren Bett zu liegen. Sie hatte nur ein einziges Mal darin gelegen. Aber wenn ich mich zu ihrer Seite wandte, sah ich sie ganz deutlich neben mir, verschwommen und wunderschön. Ich konnte nicht. Ich habe Zeit gebraucht. Wenn wir heute davon sprechen, klingt es, als wären wir die Überlebenden ein und derselben Katastrophe und nur der eine kann den anderen verstehen. Kein Außenstehender. Ich liebe sie immer noch. Anders, nicht so wie früher, aber ich liebe sie. Als Freund und Verwandte. Und als Leidensgenossin. So werde ich sie in meinem Herzen behalten. Bis ich sterbe.

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