Die verlorenen Bäume

von Barbara Strauss (Copyright)

Das Mareinchen schwimmt durch das Wolkenmeer und hält aufmerksam Ausschau. Es ist auf der Suche nach den verlorenen Bäumen. Daß es allmählich an der Zeit ist, die Bäume zu finden, ist dem Mareinchen schmerzhaft bewußt, denn langsam lassen seine Kräfte nach. Lange wird es dem Mörderturm nicht mehr trotzen können. In der Ferne, im fahlbraunen Dämmerlicht, kann es ihn schon wieder ausmachen. Egal, wohin das Mareinchen auch flieht, am Ende taucht er immer wieder auf, der Turm. Oft erst nach Wochen, manchmal schon nach Stunden.
Das Mareinchen schiebt eilig einen Wolkenbausch vor sich, um nicht entdeckt zu werden und macht kehrt. Im bleichen Wasser unter ihm spiegeln sich Bäume – schemenhaft und trügerisch. Hoffnungsvoll läßt das Mareinchen sich fallen und landet sanft in einem Schaumbrunnen, den irgend jemand hier neben dem bleichen Gewässer vergessen hat. Das Mareinchen arbeitet sich durch den Schaum nach draußen und schüttelt sich. Kleine Wölkchen haften an seinem Körper. Es vergewissert sich rasch, ob es wohl keine von oben sind, aber es hat alles seine Ordnung. Alle Wölkchen sind an ihrem Platz – die oben und die unten. Die unten werden behutsam abgestreift; das Schütteln hat nicht viel genützt.
Nachdem es über den Schilfverschlag, der den Brunnen einfaßt, geklettert ist, läßt sich das Mareinchen am Ufer des toten Flusses nieder, um darin nach den Bäumen zu suchen, die es vorhin gesehen hat. Aber sie sind nicht mehr da. Der Wasserspiegel ist erblindet. Mutlos streichelt das Mareinchen die kranken Halme, in deren Mitte es sitzt. Sie fühlen sich saftlos und dürr an in seinen Händen und so zerbrechlich.
„Der nächste Windstoß wir euch brechen„, flüstert es, und: „Ich bin eines von euch.„
Als ein Grenzstein auf das Mareinchen zukommt, glaubt es für einen kurzen Augenblick, schon wieder unterwegs und auf der Suche zu sein.
„Nein„, sagt der Grenzstein „ich bin auf der Suche. Ich kann meine Grenze nicht wiederfinden.„ „Und ich suche die verlorenen Bäume!„ erwidert das Mareinchen und erhebt sich.
Der Grenzstein bittet, es begleiten zu dürfen, doch das Mareinchen winkt ab:
„Bleib` doch einfach, wo du bist, und rühr dich nicht vom Fleck, dann hast du wieder eine Grenze! Die Grenze ist dort, wo du bist. Wozu sonst nennst du dich Grenzstein?„
Müde, aber dankbar lächelt der Stein dem Mareinchen nach.
Um schneller vorwärts zu kommen, schiebt das Mareinchen einen Schilfstamm ins Wasser und läßt sich damit den Fluß hinuntertreiben. Daß das Wasser des Flusses zum Weiterkommen nichts beitragen kann, so bleich und leblos, wie es das Mareinchen umspült, spielt keine Rolle. Der Schilfstamm weiß, was von ihm erwartet wird. Er bringt das Mareinchen zu den Steinzacken. Dort will es auf die höchste Zacke klettern und die Gegend nach den verlorenen Bäumen absuchen.
Beim Klettern über die Steinzacken schürft sich das Mareinchen Hände und Knie auf, aber es gelingt ihm, einen besonders hohen Felsen zu erreichen. Es holt noch einmal tief Luft und beginnt sich hochzuziehen. Zentimeter um Zentimeter arbeitet es sich weiter. Als es das Mareinchen endlich geschafft hat, wird es beinah von einem naßkalten Wind wieder zurückgeworfen. Es schwankt ein wenig, doch dann steht es wieder sicher.
Vor sich erblickt es das Meer, das vom Sturm gepeitscht wird. Schaumfetzen fliegen auf das Mareinchen zu, schmutzig und böse. Zornig wirft sich die See gegen die Steinzacken und fetzt dem Mareinchen seine Gischt ins Gesicht. Das Mareinchen erinnert sich, was es den Grashalmen prophezeit hat und hält sich standhaft aufrecht. Es blickt den Küstenstreifen entlang, der sich links und rechts bis in den Himmel erstreckt. – Keine Bäume. – Die Welt ist wüst und leer, soweit es blicken kann. Nur dort, wo Wolken und Steinzacken zusammenstoßen, wächst langsam etwas aus dem Boden. Das Mareinchen muß gar nicht genauer hinsehen um zu wissen, daß es ratsam ist, diesen Ort schleunigst wieder zu verlassen. Es arbeitet sich über die restlichen Zacken weiter bis ans Wasser.
„Sei still„, befiehlt es dem Meer „sonst lege ich dich in Ketten!„
Doch das Meer lacht nur darüber.
„Kannst du mich vielleicht zu den verlorenen Bäumen bringen?„ fragt das Mareinchen tapfer. Das Meer bricht sein Gelächter ab und zieht sich vor dem Mareinchen ein wenig zurück. Vorsichtig macht das Mareinchen ein paar Schritte, bis es das Meer wieder eingeholt hat. „Versteckst du sie etwa dort unten?„
Vorwurfsvoll blickt das Mareinchen auf das Meer. Ein sanftes Rauschen ertönt als Antwort, das dem Mareinchen wie das Rauschen alter Bäume im Abendwind vorkommt. Es lacht erfreut auf und geht langsam weiter.
„Ich werde euch finden, und ihr werdet mich mit euren mächtigen Stämmen schützen.„
Mit diesen Gedanken schwimmt es aufs Meer hinaus.

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