Ein Mann von Welt
von Jürgen Jesinghaus (copyright)
(eine rheinische Geschichte)
Man kannte in Oplyr nur zwei Parteien, die „richtige“, das war die größere, und die „falsche“. Die Ausdrücke entsprangen einer Karnevalssitzung der Sankt-Aegidius-Gemeinde und wurden zum Ärger der kleineren Partei eine stehenden Redensart, worauf sich Pfarrer Kallmuth einiges zugute hielt. Zur richtigen Partei zählten die Alteingesessenen, die Nachkommen der pfiffigen Pächter und Halfen, denen die französische Domänenverwaltung – 200 Jahre sind es her – die Schlösser des vertriebenen Adels verkauft hatte. Diese Nachfahren stellten die Ortsvorsteher und Bürgermeister, sie besaßen die Geschäfte an der Hauptstraße oder die Kiesgruben, Quarzwerke und Straßenbaufirmen. Die anderen Einflußreichen, aus jüngeren Familien, waren in der Preußen-Zeit, als Koblenz “das rheinische Potsdam“ genannt wurde, emporgekommen, reich geworden durch Erfindung und Handel, mit dem Adelsprädikat geschmückt: die von Müllers und von Ranzels. Einer von ihnen, der alte von Ranzel, der in schwarzen Gummistiefeln, unter einem schottischen Plaid, auf seinem Traktor, einem ehrwürdigen Lanz-Bulldog, zum Gemüsegroßmarkt tuckerte, hatte sein Haus „Weinstein“, eine von Zwirner entworfene Villa im römischen Stil, zu einem Hotel umbauen lassen. Es stand auf dem Grund und Boden der Burg Fechtershausen, von der nichts übrig geblieben war als der Name und ein unterirdisches Gewölbe. Diese Gesellschaft der richtigen Partei verkehrte im Gasthof “Zur alten Marie“, wo sie die Schützenkönige und Karnevalsprinzen aushandelte.
Herr Dr. Schwadorf, nicht verheiratet, für den sich “trotzdem” sein Vorgesetzter, Herr Vettweiß, “absolut verbürgte”, war auf Gesellschaften ein gern geduldeter Gast, ein bewegliches Teilchen in einem Kristall, dem festgefügten Verband der Maßgeblichen. Er ließ sich bequem herumreichen, war artig und spannte niemandes Dame aus, unfähig zur schnellen Paarbindung, aber brauchbar als Tischherr, ein wohlerzogener promovierter Untergebener, “mein erster Mitarbeiter”. Er konnte zuhören, weil sich das Zuhören für ihn als bequem herausgestellt hatte, wofür er einhellig gelobt wurde, denn er schien stets von der Wichtigkeit seiner Gesprächspartner überzeugt zu sein. Zum Dank erntete er manche Anerkennung: “So einen tüchtigen Mitarbeiter könnte ich auch gebrauchen” oder “solche Mitarbeiter wie der Doktor sind heute dünn gesät.” Für Schmeicheleien dieser Art war Dr. Schwadorf nicht dumm genug. Er wußte, was es bedeutet: Kleines Arschloch. Er versuchte dann, wissend zu wirken, durch eine bestimmte Art zu schweigen: daß er eine für Außenstehende undurchschaubare Strategie verfolge, wenn er sich mit dem “zweiten” Platz begnüge, als führe er im Windschatten seines Vorgesetzten und würde im rechten Augenblick auf die Überholspur preschen.
Schwadorf war vor fünf Jahren der falschen Partei beigetreten, eigentlich nur, um seine zweite Position hinter Herrn Vettweiß zu rechtfertigen. Seinem Bedürfnis nach Harmonie kam entgegen, daß er außerhalb der beiden mächtigen Blöcke stand, der Bürgermeister-Fraktion und der Stadtdirektor-Fraktion, in denen sich die richtige Partei jeweils ihre eigene Opposition geschaffen hatte. Einige nannten ihn “das Gas“, weil er die Demarkationslinie beider Fraktionen passieren durfte, ohne Schaden zu nehmen. So unbedeutend war er. Schwadorf hatte sich selbst davon überzeugen können, als er zufällig hörte: Ein nützlicher Idiot. Er bezog den aufgeschnappten Wortfetzen auf sich und wurde in dieser Annahme bestärkt, ja sie wurde ihm zur Gewißheit, als man ihm unaufgefordert versicherte, er sei keineswegs damit gemeint.
Er hatte sich einmal für die Abteilung “Kulturarbeit” bei der Freiherr-vom-Stein-Stiftung beworben, war dort auf akademische Mitbewerber gestoßen, die zwar wie er selbst versäumt hatten, in der Fußgängerzone Wahlzettel und Luftballons zu verteilen, die aber im Gegensatz zu ihm einen Gönner besaßen und der GEZ angehörten. Er wollte über diese erfolglose Bewerbung nicht reden, denn eine Verbindung über die Stadtgrenzen Oplyrs hinaus hätte zwar sein Ansehen gesteigert, ihn aber auch des Rufs der harmlosen Neutralität oder neutralen Harmlosigkeit beraubt. Er zahlte regelmäßig an die falsche Partei. Seine Parteifreunde verlangten sonst nichts von ihm. Sie benutzten ihn nicht als Brückenkopf in der Verwaltung und befragten ihn nicht einmal nach Schwachstellen, deren Kenntnisse für eine oppositionelle Tätigkeit doch so wichtig ist.
Dr. Schwadorf bezog sein Selbstbewußtsein, ein Gefühl der Integrität, aus der Ablehnung, der richtigen Partei beizutreten. Herr Vettweiß hatte ihm nämlich geraten, gewissermaßen hinter vorgehaltener Hand, die Seiten zu wechseln. Das könne nicht als Opportunismus ausgelegt werden. Der Doktor sei ein gebildeter, ja geradezu intelligenter Mensch, das wisse man in der richtigen Partei zu schätzen. Bei seiner Fähigkeit zum Ausgleich, wer weiß, vielleicht gelinge es ihm nach dem Parteiwechsel, ein Wörtchen mitzureden und richtige Politik zu machen. Zigarrenabbeißer, Steigbügelhalter, Büchsenspanner, nun, das werde seinem Niveau nicht gerecht, aber Königsmacher, gell? Da war der Versucher an Dr. Schwadorf herangetreten und hatte ihn zwei Abende lang bedrängt. Er, ein Königsmacher – das war für den Historiker, den stellvertretenden Leiter des Liegenschaftsamtes, ein so verführerisches Bild wie die prallen Titten für den heiligen Antonius. Aber er blieb seinen Prinzipien treu, “sich selber treu“, wie er es in der Deutschstunde gelernt hatte.
Im verwilderten Bauernland, wo Pflaumenbäume sich in dorniges Gestrüpp verwandeln und Brombeerranken sich wie Netze über die Kirschbäume werfen, wo Herr von Ranzel planieren ließ, um eine neue Schützenhalle zu errichten, dort stieß der Bagger auf eine Ziegelmauer. Es haute beinahe den Baggerführer Röttgen vom Sitz, denn die äsende Maschine, die bis jetzt nur weiche Erde ausgehoben hatte, machte einen scharfen Ruck. Ihre knirschende Verbissenheit scheiterte an einem Gemäuer. Röttgen fluchte. Er stellte seinen Bagger auf den unerwarteten Widerstand ein und beseitigte noch zwei Meter Mauerwerk, bevor er sich entschloß, den Motor abzustellen. Die Ziegel paßten zu einem unterirdischen Abwassersystem. Er rechnete damit, für die Zerstörung einer Röhre getadelt zu werden, und sammelte für sich Argumente zu seiner Entlastung. “Ich mach auf keinen Fall weiter, solange das hier nicht geklärt ist“, sagte er zu den Kollegen. Sie beugten sich über die Flurkarte, die sie auf dem Dach eines PKW ausgebreitet hatten. Röttgen zeterte: “Hier gibt es kein Scheißhaus, kein Reservoir, nichts. Aber das IST ein Abfluß, da kann mir einer sagen, was er will, das ist solide Maurerarbeit, das träum ich nicht. Ich hab kein Signalband gesehen. Hat jemand ein Signalband gesehen?“ Die Arbeiten wurden endgültig eingestellt, die ersten Zigaretten angezündet. “Habt ihr Ärger mit dem Bagger oder keine Lust?“ fragte der Bauleiter, der soeben eintraf. Röttgen erhob sich, “tach Chef“, und stapfte zu dem Gemäuer. “Hier, Chef, haben SIE eine Erklärung? Ich hab vorschriftsmäßig gearbeitet – und dann DER Scheiß.“ “Zeig mal die Karte.“ “Ist nichts eingetragen, Chef.“ Der Bauleiter würde sich nun der Fundsache annehmen. Er beugte sich vor und besah den unter der Krume liegenden Tunnel, den ein Kind aufrecht hätte betreten können. “Lampe hat niemand?“ “Ne“. “Hol jemand den Rasierspiegel aus dem Bauwagen. Fahr den PKW hierhin, mach die Scheinwerfer an, fahr nicht direkt drüber, fahr am Rand!“ “Ich bin schon zigmal mit dem Bagger drüber, Chef, das hält wie Pech und Schwefel, das ist Qualitätsarbeit, davor nehm ich meinen Hut ab.“ Nachdem das Auto in die verlangte Position rangiert worden war, sprang der Bauleiter in den aufgerissenen Graben und ließ den Spiegel so gegen den Scheinwerfer halten, daß ein Lichtbündel in das Rohr zielte. Es hatte einen hufeisenförmigen Querschnitt. Der Leiter lugte vorsichtig hinein, um dem Licht nicht im Weg zu stehen, aber es sah doch so aus, als hätte er Angst vor einer Wolke von Faulgas, einem Heer von Ungeziefer, einer Schlange oder einer wilden Füchsin. Allen Umstehenden erschien es folglich als eine dem Chef zustehende Pflicht, als erster in den Tunnel zu schauen. Das Licht erblindete nach einigen Metern, der Tunnel war mit undurchsichtiger Dunkelheit vollgestopft. An der Innenseite haftete elfenbeinern glatter Sinter, der an den frischen Bruchstellen glitzerte. Die Kalkablagerung war unten dicker als in der Mitte und verschwand zur gewölbten Decke hin. Den Boden bildete ein Estrich, in den frisch leuchtende Ziegelkörnchen eingebacken waren. “Da ist viel Wasser durchgeflossen, Kumpels. Ich verständige den alten Ranzel, der soll sich mit der Stadt auseinandersetzen.“
Herr von Ranzel, auf dessen Grund der Fund gemacht wurde, fuhr heran, kletterte von seinem Lanz-Bulldog herab, begrüßte die Arbeiter mit Handschlag, sah auf den unterirdischen Gang und tippte auf einen Fluchtweg zur ehemaligen Burg. Den Sinter konnte er sich allerdings nicht erklären und teilte daher die Meinung, daß es sich um eine Wasserzufuhr handele, womöglich zur Versorgung der Burg Fechtershausen, das zeige auch die versteckte Bauweise. Man müsse abwarten, was die Stadt dazu sagt, ob sich in den Archiven ein Hinweis fände. Die Stadtverwaltung schaltete zunächst die Stadtwerke ein, die mit Bestimmtheit versicherten, daß im Flurstück “Teufelskralle” keine technischen Anlagen, weder Pumpstationen noch Wasserhäuschen, installiert seien. Das Liegenschaftsamt bestätigte den Namen “Teufelskralle”. Sein stellvertretender Leiter, Herr Dr. Schwadorf, erklärte außerdem, daß die Bezeichnung Kralle von Kalle herrühre, was daraus schließen lasse, daß der Fund zur römischen Wasserleitung gehöre, deren Reste in der Eifel so zahlreich gefunden worden seien. Er halte es daher für dringend geboten, das Landesmuseum zu beteiligen.
So geschah es. Schon am nächsten Tag erschienen zwei junge Damen vom Landesmuseum. Herr Dr. Schwadorf kehrte seinen bei der Verwaltungsarbeit selten geforderten Scharfsinn hervor und hielt den Damen und Arbeitern ein Referat: Aus der altfränkischen Flurbezeichnung Teufelskralle oder Teufelskalle folgere er, daß vermutlich schon im frühen Mittelalter ein Aufschluß der antiken Ruine bekannt gewesen sei. Warum denn sonst habe man die Bezeichnung Kalle ersonnen, woraus später im Volksmund aus Unwissenheit und aus der Vorliebe für Märchen und Übertreibungen Kralle und schließlich Teufelskralle werden mußte. Der Bauleiter möge schildern, wie die Erdbearbeitungsmaschinen (so drückte er sich aus) auf das Flurstück gelangten. “Wie immer“, sagte der Bauleiter, „von da übern Weg, der an der Böschung endet und plötzlich nach links abbiegt, in das Rapsfeld rein.“ Bitte schön, er, der Dr. Schwadorf, habe immer so ein Gefühl gehabt, daß eine Legionärsstraße ins Belgische oder eine Wasserleitung aus der Eifel dort verlaufen sei, wo heute der Weg ist. Denn „ in meinen Meßtischblättern heißt er ´Kehlweg´, ein uralter Aufschluß der Wasserleitung, die im kaum merklichen Gefälle über den Kamm des Vorbergs nach Norden verlaufen war und ausgeschlachtet wurde. Die Steine sind herausgebrochen und zum Bau fester Häuser verwendet worden, der Sinter zu Kalk gemahlen oder als falscher Marmor verkauft, mit Sicherheit vor 1811, denn aus dem Jahr stammt meine älteste Karte dieser Gegend ´Departement de la Roer´ mit der deutlich lesbaren Flurbezeichnung ´champ de diable´ und ´chemin Kel´. Die Franzosen konnten mit Kralle, Kalle und Kehl nichts anfangen, aber Kehl, verstehen Sie, eine Rinne, wo früher die Röhre lag, und Kalle, das fränkische …“ Die junge Dame, die ihm am meisten gefiel, Frau Dr. Elvernich, unterbrach ihn: “Jaja, Kalle – canalis, ein guter Hinweis, Herr Dr. äh, wir wußten schon, daß der Kanal über den Kehlweg lief und darüber hinaus in der Verlängerung, also hier vorbei. Das Museum ist aber auf solche Zufälle beim Baggern angewiesen, denn ein Antrag zur systematischen Erforschung wurde bisher immer abgelehnt, weil es angeblich wichtigere archäologische Probleme gibt, z.B. die neolithischen Funde im Braunkohlengebiet oder die Notgrabungen in der Kölner Innenstadt.“
Der Bagger war vom Kehlweg aus über die vom Bauleiter erwähnte Böschung auf das von Ranzelsche Grundstück gerasselt. Dabei hatten die Eisenraupen Teile des antiken Mauerwerks zermahlen. Das bestätigte die Theorie des Herrn Dr. Schwadorf, der Ziegelmehl und Humus in seiner weißen Beamtenhand haltend den größten Triumph seines Lebens genoß: Die Entdeckung des Abschnitts der römischen Wasserleitung auf dem Vorberg. Sie war zwar keine Sensation, schließlich kannte man seit Jahrhunderten ihren ungefähren Verlauf, aber die nächste Auflage des Buches ´Von den Römern zu den modernen Stadtwerken´ würde ein paar Details und Fotos mehr enthalten, und vielleicht auch ein Foto von ihm. Denn der Dr. Schwadorf fühlte sich, wenn auch mit zweifelhafter Berechtigung, als Urheber alles dessen. Die Damen hatten nur auf ihn geschaut, während sie ihr fachfrauliches Urteil abgaben, und ihm war es, als hätte ihnen seine richtige etymologische Deutung imponiert. Aber er wußte, daß er eine Veröffentlichung, an die er gedacht hatte, als das hellrote, von der Eisenraupe zerriebene Ziegelmehl durch seine Hände rann, den beiden würde überlassen müssen. Sein schütteres Haar, sein unscheinbares Aussehen, unter dem er litt, sein gepflegtes, in Rasierwasser getunktes Gesicht und sein säuerlicher Atem, den er, wegen der Metalle in seinem angegriffenen Gebiß, bei sich selbst vermutete, kurz: sein Äußeres wird den Frauen nicht genügt haben, um sich nur an ihn zu halten. Jedoch dieser eine Geistesblitz, den er angespornt durch die Gegenwart zweier attraktiver, darüber hinaus gelehrter Damen, in Worte gefaßt hatte, das allein war wohl für den günstigen Eindruck auf sie verantwortlich.
Der Stadtdirektor, Herr Nettekoven, steckte den Daumen seiner rechten Hand zwischen Mittelfinger und Ringfinge. “Wie ist es hiermit?” “Keine Ahnung“, sagte Herr Vettweiß, “außerdienstlich nichts Nachteiliges bekannt. Hatte mal eine Hotelaffäre, einen Samenkoller, aber nicht aktenkundig. Obwohl er sich geändert hat. Ich meine, es hat Zeiten gegeben, da war er anders. Jetzt ist er – euphorisch.” “Jemals verheiratet?” “Solange ich ihn kenne, ist er solo. Ob er sich mit Peep-shows zufrieden gibt, keine Ahnung, ansonsten tip-top, feiner Mann, bescheiden, obwohl in der falschen Partei, hat bisher keine Schwierigkeiten gemacht, aber mir fällt auf, daß er sich stark für die Archäologinnen interessiert. Er wird allmählich lästig, wie er um die beiden Museumstanten herumschlawenzelt. Denn es muß da oben weitergehen. Von Ranzel verliert die Geduld, und der war in der Sache Römerkanal nie pingelig. Ich glaube, wir sollten einen Zeithorizont festlegen. Bis dahin – und dann muß das Gerümpel im Museum sein. Es läßt sich sowieso nicht touristisch auswerten, ein Wanderweg längs der Überreste wäre auf ganzer Strecke nicht durchzuhalten, weil die Trasse durch Tiefgaragen, Kläranlagen und wilde Müllkippen führt. Die Taufkapelle der Kirche von Weiherswoll steht in einem Sinkbecken des Römerkanals, wußten Sie das?“ Herr Nettekoven sah den Sprecher über die Brille an und erwiderte: “Ein paar Teile Ihres Römerdingsda will ich öffentlich aufstellen. Ich denke an den Kinderspielplatz: Geschichte macht Spaß, an das Rathaus: Geschichte verpflichtet, und die Volkshochschule: Geschichte bildet. Ich will einen baldigen Beschluß, also sagen Sie das Ihrem Mann. Er soll seine Museumstanten auf Trab bringen.”
Herr Dr. Schwadorf lud die beiden Archäologinnen ins „Milano“ ein, um sie „auf Trab zu bringen.“ Er hatte sich vorgenommen, die Rechnung aus eigener Tasche zu zahlen und gab sich leutselig, als hätte er den Dank der Damen bereits empfangen. “Ich bin nur ein Zugereister, dem es schwer gemacht wurde, hier seßhaft zu werden, um so mehr, als Seßhaftigkeit meinem Wesen nicht entspricht, der ich gern über den Tellerrand hinausschaue. Als Immigrant, als Immi sozusagen, darf ich noch nicht in der ´Alten Marie´ verkehren, dem Hauptquartier der hiesigen Hautevolee. Wußten Sie, daß der Name eigentlich von der alten Mairie herrührt, dem Bürgermeisterhaus?“ Die Damen wußten es und lächelten fein um die Augen herum. “Das können Sie nämlich noch an der Rosette erkennen, die in den Farben blau-weiß-rot über dem Haupteingang leuchtet. Und nicht ohne Grund haben die wichtigen Mitglieder der richtigen Partei dieses Haus zu ihrem Stammlokal gewählt, verdanken sie doch ihren Wohlstand den frankophilen Urgroßvätern, denn das hier war früher Frankreich, Departement de la Roer. Ich bin eigentlich ein Franzose und seit 1815 auch ein Preuße.“ “Und nicht zu vergessen, seit zweitausend Jahren ein Römer“, rief Frau Dr. Elvernich. “Aber hier sinte Sie ein Italiano in Milano, Signore“, sagte der Kellner, der die Antipasti auftischte. “Ja“, meinte Frau Elvernich, “SIE sind ein Mann von Welt.“ Beide Damen lachten schallend. Das kränkte den Doktor. Er war noch gekränkt, als er seine Zabaglione mit dem Löffel aß, was bekanntlich ein Weltmann nicht täte.