Ein unbezahlbarer Hauptgewinn

von Heidi Muell (Copyright)

Voller Erwartung bestieg ich die Chessna – und klopfte mir selber auf die Schulter, weil ich so schlau gewesen war, an dem Preisausschreiben teilzunehmen.
Denn ich hatte ihn gewonnen, den Freiflug – und ich war ja so aufgeregt! Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich ein Flugzeug betrat.
Die Motoren heulten auf, die Chessna rollte auf die Startbahn, gab Gas und hob sachte ab in den Himmel. Es war unbeschreiblich schön – wir flogen über meine Heimatstadt und ich sah alles aus meiner erhabenen Perspektive…. erkannte meine alte Schule, den großen Supermarktcenter, die Autobahn. Wie winzig die Autos doch von hier oben aussahen – alles schien so unwirklich. Ich versuchte mir vorzustellen, wie der eine Autofahrer sich gleich ärgern würde, weil hinter der Kurve ein langer Stau auf ihn wartete… aber mich, mich konnte dieser Stau nicht jucken! Dann überflogen wir das Waldstück, in dem ich so viele Spaziergänge mit meinen Eltern und später meinem Freund unternommen hatte. Es sah so klein aus von hier oben – und doch waren wir da unten oft Stunden lang unterwegs gewesen.
Plötzlich machte das Flugzeug ein eigenartiges Geräusch und gab einen Ruck. Mit Erschrecken stellte ich fest, dass wir uns plötzlich im raschen Sinkflug befanden. Ich hatte Angst vor dem Tod. Dann ein Aufprall. Ich sah auf einmal alles aus der Vogelperspektive: wie die Chessna abstürzte, wie ich heraus geschleudert wurde, wie ich auf einer harten Grasfläche lag, mit einer Decke zugedeckt. Eigenartiger Weise konnte ich hören, was die Menschen neben mir dachten, ich konnte die Angst meiner Mutter spüren, obwohl sie gar nicht am Unfallort war. Dann wanderte ich zusammen mit vielen anderen Menschen auf einem Weg. Dieser Weg war steinig und schlängelte sich einen Berg hoch. Wir hatten alle Öllampen und einen Behälter mit Öl dabei und sollten acht geben, dass diese Lampen auch bis zu unserem Ziel brannten. Das Brennen der Lampen und der Öl-Vorrat standen in direktem Zusammenhang mit unserer Liebe zu Gott. Gott – ich hatte wohl geglaubt an einen Gott während meines bisherigen Lebens, aber mich nie mit Bibel oder Kirche näher beschäftigt. Auf dem Weg wurde jeder von uns an seiner schwächsten Stelle geprüft. Nur wer Gott wirklich bedingungslos liebte, hatte die Kraft, die ihm gestellten Aufgaben zu meistern. Vielen war es zu mühsam, sie ließen in ihrer Liebe nach, das Öl reichte nicht aus und ihre Lampen erloschen. Am Ende des Weges kamen wir an einem Haus an, und es brannten nur noch ein paar vereinzelte Lampen. Wir wenigen saßen dann in dem Haus im Keller bei Kerzenlicht und verschlossenen Fenstern und Türen. Draußen tobte es schlimm und ich hatte Angst. Gott hatte uns aufgetragen unter keinen Umständen Fenster oder Türen zu öffnen. So sollten wir drei Tage und drei Nächte ausharren, bis es draußen wieder still geworden war. Als der „Sturm“ vorbei war und wir uns nach draußen wagten schien die Sonne. Es war strahlend hell und warm und alles war klar. Aber die Harmonie, der Frieden und die Liebe, von der wir erfasst wurden, waren unbeschreiblich. Nach unserer langen Wanderung und der Zeit im Keller waren wir in eine von Liebe erfüllte Welt hinausgetreten. Gleichzeitig fühlte ich den starken Willen, wieder aufzuwachen – aber es gelang mir nicht. Da fühlte ich, wie mein Körper wie durch einen Strudel nach unten gezogen wurde, es gab abermals einen dumpfen Aufprall. Zunächst hielt ich alles für einen Traum. Ich dachte, ich würde zuhause im Bett liegen und hätte einen Alptraum. Immer noch spürte ich die Decke auf mir, welche die Illusion auslöste, im Bett zu liegen. Doch ein Traum? An meinem Kinn kitzelte etwas, ich schmeckte Blut…. nein, es war kein Traum.
“Wir haben sie wieder!” hörte ich die erregte Stimme eines Arztes über mir.
Ein Gedanke ließ mich nie mehr los, und das wird der Grund sein, warum ich unbedingt zurück wollte: Du hast deine Aufgabe noch nicht erfüllt und es ist für andere Menschen wichtig, dass du auf der Erde bleibst. Der gewonnene Freiflug hatte mir mehr geschenkt, als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Eines Tages werde ich zurückkehren in die Liebe, in das Licht und die Harmonie, die ich für einen kurzen Augenblick erfahren durfte.

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