Ein Zündholz unter Trümmern
von Andreas Züll (copyright)
Es waren dunkle Träume in der Nacht, die ihn hatten aufschrecken lassen. Im Reflex schlug er den Arm zur Seite und verfing sich in leeren Laken. Dann entsann er sich. Es war nicht Nacht, er hatte nicht geträumt. Er wusste nicht, was es bedeuten sollte1. Zum ersten Mal erkannte er, dass es ihn auch nicht mehr interessierte. Und jeder Tag war wie ein neues Wunder, um das er nicht gebeten hatte2.
Der Bilderrausch in seinem Kopf ebbte ab. Und Schmerzen kamen.
Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann es angefangen hatte, dass er keine Pfennige mehr fand, dass er Menschen aus seinem Kopf verlor. Zuerst waren es nur Namen und Gesichter, dann fehlten ganze Zusammenhänge. Ein Prozess, der sich nicht aufhalten ließ, ganz gleich, was er dagegen zu unternehmen versuchte. Es war nicht so, dass sein Gedächtnis nachließ, nein, das war in Ordnung. Es fehlten nur Bausteine darin, die restlos verschwunden waren. Sein Verstand hatte damit begonnen, seine Gedanken zu demontieren. Warum?
Immer mehr Menschen fielen durch dieses Sieb. Die Löcher darin wurden größer. Er glaubte, dass es nun vorkam, dass selbst solche hindurch fielen, die ihm wichtig gewesen waren. Er konnte es nicht mit Bestimmtheit sagen – diese verdammte Erinnerung! -, aber das eigenartige Gefühl dass es so sein mochte beschlich ihn wieder und wieder. Der Unterbau seiner Gedanken war also marode geworden. Wie lange ging das schon, mochte es dauern, bis dass sein Kopf in sich zusammenfiel?
Er griff nach seinem Jackett und zog eine lädierte Schachtel Zigaretten aus der Brusttasche. Ein, zwei, drei brüchige, geknickte Kippen. Was sollte er damit? Eine automatische Handlung, mit mechanischer Präzision ausgeführt, eine der Zigaretten von den anderen absondern, zum Mund führen und anzünden. Anzünden … Der Griff zum Feuer. Das musste die Antwort sein.
Er brannte nicht mehr.
Seine Herzgegend war kalt. Angewidert zog er die Hand davon. Kein Feuer. Keine Zündhölzer. Nichts, nichts, nichts. Das bisschen Sehnsucht hatte ihn nicht umgebracht3.
„Verdammt …“
Nur ein Wort. Er hatte es ausstoßen wollen, nur ein Wort, das er mit dem Schutt hätte ausspucken können. Es war nur ein Flüstern. Ein resignierendes, schwaches Wortspiel. Als ihm dies aufgefallen war, wiederholte er es noch ein-, zweimal und versuchte, den Geschmack des Wortes zu erfassen, mit der Zungenspitze tippte er es an, tastete nach ihm von allen Seiten. Vage erinnerte er sich daran, dass es einmal nach Freiheit und Trotz geschmeckt hatte, bitter auch, manchmal auch grausam befreiend. Ich war der Wein …4
Da war nichts mehr. Nicht schal, nicht sauer. Er liebte dieses Leben5. Im Präteritum. Ein Tempusfehler. Alles ein Tempusfehler. Aus Prachtbauten konnten doch keine Ruinen werden!
Ein weiterer Mensch war durch das Sieb gefallen. Er hatte ihm nachgesehen und bedauernd die Schultern gezuckt, teilnahmslos. Da war noch ein leiser Hauch von Liebe in ihm. Etwas trommelte mit geballten Fäusten gegen die Innenwände seines Brustkorbs, wehrte sich, schrie.
Es fühlte sich seltsam an, stelle er verwundert fest. Er klopfte zurück. Warum öffnete nur niemand die Tür?
Hallo …
Dann halt nicht. Was auch immer geschehen sein mochte in den Jahren die zurücklagen, wie sehr auch immer sich die Welt verändert hatte, es war nicht mehr seine Schuld. Es stimmte schon. Erst kam das Fressen. Und niemals die Moral6.
Jetzt war es vorbei. Nur noch eine leise Ahnung, eine flüchtige Erinnerung, ein Brennen in Kopf und Herzen, als hätte er in Flammen gestanden, die alles verschlungen hatten bis nur noch Asche zurückgeblieben war. Dunkle Schatten. Und Träume in der Nacht. Er verzehrte sich nicht mehr.
Unter den Trümmern zog er ein Zündholz hervor.
Da saß er lächelnd am Rand des Siebs und rauchte.
Hallo … verdammt … Hallo …