Ekkehard, März 1978
von Sigrid Kriener (Copyright)
Ekkehard war schon am Nachmittag gekommen. — Er hatte eine Flasche “Johnny Walker” mitgebracht. Als sie leer war, zogen wir ein Haus weiter, eine Gewohnheit aus längst vergangenen Studententagen. Wir waren beide nicht mehr ganz nüchtern. Die schummrige Beleuchtung in der Kneipe ließ alles um uns herum verschwimmen. Der Lichtkegel der Deckenlampe sperrte selbst unsere Körper aus und erhellte nur die Tischplatte, einen Aschenbecher, randvoll mit Kippen, die wir während der vergangenen Stunde darin ausgedrückt hatten. Mein Freund hatte seinen Unterarm auf die Tischkante gelegt und hielt eine Zigarette zwischen den Fingern. Der Rauch stieg kräuselnd nach oben und mein Blick folgte ihm konzentriert, bis zum Kinn, der vollen Unterlippe und dem dunkelblonden Schnurrbart darüber; alles andere lag im Dunkel..
“Ich habe Krebs.”, sagte Ekkehard, “Lungenkrebs. Nicht mehr zu operieren.”
Wir saßen einander gegenüber, zwischen uns zwei Pils und irritiertes Schweigen.
“Ich glaub’ das nicht.”, antwortete ich und zog den Kopf zwischen die Schultern, wie eine Schildkröte, die Deckung sucht. -
“Doch, doch”, sagte er und nickte dabei mit dem Kopf. “Mein Freund ist Arzt. Er hat mir die Röntgenbilder gezeigt.”
“Ich kann mir nicht vorstellen, daß Du stirbst”, wehrte ich ab und wischte dabei nervös mit der Hand über die Platte des Eichentisches.
Befangen spähte ich zu Ekkehard hinüber, ertastete scheu seinen massigen Umriß. Auch im Sitzen war er ein unförmiger Riese. Unproportioniert. Ihm fehlte der rechte Arm….
“Gottseidank, der Rechte”, hatte er einmal lächelnd zu mir gesagt, und seine Augen blitzten dabei herausfordernd. Er war Linkshänder. Nur ein Auge hatte geblitzt, auf dem anderen war er blind. Als Kind hatte er einem Spengkörper gefunden und damit gespielt. – Wir kannten einander seit ich 17 war. Beide studierten wir damals Kunst; ich war neu an der Akademie und er schon ein paar Semester weiter, sehr viel erwachsener, vierundzwanzig, verheiratet, ein Sohn. Auf Festen stand er meist beiseite, eine Tabakdose unter seinen Armstumpf geklemmt und trommelte darauf mit den Fingern den Takt zur Musik. Er verehrte mich schüchtern und ich liess es mir scheu gefallen. Wir waren Freunde. Ich stand ihm oft Modell. Als er zwei Jahre später die Hochschule verließ, war es kein Abschied für immer, sondern wir sahen uns in den folgenden zwanzig Jahren immer wieder bei Gelegenheit.
Schweigen war auf uns gefallen. Mich fröstelte… Wir tranken unser Bier aus und verließen inunsgekehrt die Gaststätte. Ich wollte nur heim, weg von ihm, weg von dem, was er mir erzählt hatte; ich wollte die Bettdecke über meinen Kopfziehen und aufhören zu denken. Er begleitete mich nach Haus. Vor der Tür ein verlegener, fast wortloser Abschied.
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Ich hörte nichts mehr von Ekkehard aber ich dachte oft an ihn. Ich fragte mich, ob er noch lebte und verdrängte diese Gedanken dann wieder. Nach einigen Jahren war ich überzeugt, daß Ekkehard inzwischen gestorben war. – Ich trauerte, aber meine Trauer hatte nichts Konkretes, an das sie sich hätte halten können, kein Grab, kein Datum, nichts, nur die Erinnerung an unser letztes Gespräch.
Jahre später traf ich auf einem Straßenfest Uwe, einen ehemaligen Kommilitonen. Wir verabredeten uns auf ein Glas Wein am Abend bei mir zuhause. Ich wußte, daß er seit langem Professor an der Kunsthochschule in K. war. Im Verlauf der Unterhaltung fiel beiläufig ein Name, der mich erstarren ließ….
“Nein…”, sagte ich verblüfft, ” … du meinst doch nicht Ekkehard? Der ist doch längst tot.”
” Nee”, antwortete Uwe “wie kommst du darauf? Der leitet bei uns die Grafikklasse.”
- Er erzählte von Ekkehard, von dessen rauschhaften “Alkoholexzessen” und seiner Vitalität, trotz vorhergegangener Infarkte. Ich hatte plötzlich ein Gefühl, als wäre ich der Szene entrückt und würde alles von weiter außen sehen. Irgendwie überstand ich den Abend. Mühsam überspielte ich die Wut, die ein mir empor kroch, nachdem ich den Schock überwunden hatte, den diese Nachricht in mir ausglöst hatte. Ich machte Witzchen, dabei hätte schreien mögen vor Empörung. Dieser Mensch hatte mich fast zwanzig Jahre glauben lassen, er sei tot! Ich war ausser mir. Zwei Jahre lang war ich ihm böse. Dann suchte ich im Telefonbuch die Nummer der Hochschule heraus. Weitere sechs Monate vergingen, bis ich mich dazu durchrang ihn anzurufen. Ich erreichte ihn nicht. Zwei Monate später endlich, hatte ich ihn am anderen Ende der Leitung.
Januar 1999
Seine Stimme war die alte. Unverkennbar. Ich nannte meinen Namen. Einen Moment Schweigen.
“Ich habe sehr oft an dich gedacht”, hörte ich ihn sagen.
“Ich bin stocksauer auf dich”, brach es aus mir heraus ” Wie konntest du nur? Ich hab’ geglaubt, du seiest tot…”
” Ach ja… stimmt…”, er war leicht überrascht… “damals glaubte ich wirklich, daß ich sterben müsste. – Es war ein Irrtum. Ich weiß auch nicht wieso. Der Arzt hatte wirklich…”
Seine Erklärungen rauschten an mir vorbei. Wieder hing Sprachlosigkeit zwischen uns. -
” Du hättest dich mal melden können.”, grummelte ich schliesslich. -
“Ich dachte, Ihr wäret in Frankreich”, erwiderte er.
Ich schwieg. Es stimmte. Ich war mit meiner Familie für drei Jahre in Frankreich gewesen. Bevor er mir von seiner Krankheit erzählt hatte, hatte ich ihm von den Umzugsplänen berichtet.
“Ich komm dich besuchen… Ich komme öfter nach H. Ich freu mich.” seine Stimme klang fröhlich.
“Ich freu mich auch.”, antwortete ich ernst.
Ein paar Monate später klingelte mein Telefon. Ekkehard war am Apparat.. Er erzählte mir, daß am folgenden Wochenende im Fernsehen eine Sendung über ihn ausgestrahlt würde. Seine Stimme klang etwas aufgeregt “Da kannst Du mich schon mal wiedersehen”. Er lachte. – Ich sah ihn. Das war Ekkehard, wie ich ihn in Erinnerung hatte: mächtig wie eh und je. Älter geworden zwar, die Züge ein wenig schwammiger, das kurzgeschorene Haar fast weiß und noch immer das Zwinkern in den Augen, die Verhaltenheit in der Stimme. Humor, Bescheidenheit gemischt mit einer Spur von Stolz. – Ich erkannte ihn und gleichzeitig war er mir eigenartig fern.
Im Frühsommer erhielt ich eine Postkarte. Eine Einladung zu einer Ausstellung. Ekkehard Th. und Schüler. Es war eine unpersönliche Galeriepost. Ich war frustriert. Was hatte das mit mir, mit uns, zu tun? Was sollte ich da? Ich fuhr nicht hin.Kurz vor Weihnachten traf ich Uwe wieder. Wir tratschten ein wenig und wünschten einander dann alles gute fürs Neue Jahr.
“…und grüß Ekkehard von mir.”, sagte ich beim Abschied.
Ich sah, wie er einen momentlang die Luft anhielt, dann kam er einen Schritt näher.
“Ekkehard ist im Oktober gestorben.” sagte er leise.
Nur im ersten Moment war ich überrascht. Dann – seltsam ruhig. Die Welt war für mich wieder in Ordnung.