Endgültig

von Steffi Beckmann (Copyright)

Die Alten sprachen oft vom Schicksal, wenn sie im Park beieinander saßen. Dann ließen sie ihr bisheriges Leben Revue passieren, gaben sich ihren Erinnerungen vollkommen hin. Für mich war das Gerede lediglich deren Versuch, ihre Realität in eine Schablone zu zwängen. Sich nicht damit auseinander setzen zu müssen scheint oftmals der einfachere Weg. Es ist vielleicht angenehmer das Schicksal für Alles und Jedes verantwortlich zu machen. Eine bequeme Art sich selbst aus der Lebensverantwortung zu stehlen. Glaubte ich ihren Worten, so wäre jede Sekunde meines und überhaupt allen Daseins vorherbestimmt, unabänderbar und ohnehin durch Nichts und Niemanden zu beeinflussen.
Der allgemein behauptete Contrapart zu den Fügungen des Schicksals ist weniger mystifiziert, jedoch für mich selbst auch nicht klarer definiert. Wer hat ihn schon ganz genau ergründet, den Zufall. Gewiss haben sich Mathematiker, Physiker und andere Wissenschaftler daran versucht, manche von ihnen ihr Leben lang. Einige der Alten sprachen auch darüber. Oft diskutierten sie leidenschaftlich und vor allem laut. Eine wahrhaftige Einigung wurde jedoch nicht erkennbar, zumindest für mich.
So blieb es mir selbst bis zu diesem Zeitpunkt unbenommen zu entscheiden, an das Schicksal zu glauben oder alles nüchtern und distanziert als Zufall abzutun. Ehrlich gesagt, ich mochte mir gar keine weiteren Gedanken darum machen. Ich sah meiner Dreijährigen beim Spielen im Sand zu, genoss den sonnigen Tag und freute mich auf das noch vor uns liegende Wochenende.

Schweißgebadet erwachte ich an diesem Sonntagmorgen. Ein Albtraum ließ mich schlaftrunken und irritiert durch das Halbdunkel meines Zimmers blicken. Schwer war es, einen klaren Gedanken zu fassen. Die Traumbilder, welche ich gesehen hatte, machten mir einerseits Angst, andererseits war ich solcher Art Träume längst gewohnt. Genau wie bereits in der Nacht zuvor hatte ich den Vater meiner Dreijährigen zum Greifen nah vor mir gesehen. Sein Portrait, kreidebleich, vom Tod bereits gezeichnet. Er hatte mich zu sich gerufen, um Hilfe gebeten. Sollte ich ihm tatsächlich erneut meine Beachtung schenken?

Tagsüber ließen mich diese Gedanken nicht los, ich beschäftigte mich eingehend mit ihm, mit uns, mit meinem Leben in den vergangenen Jahren. Obwohl wir bereits kurz nach Beginn meiner Schwangerschaft keinen Kontakt mehr hatten, erschien alles mehr als real. Getrieben von innerer Unruhe griff ich zum Telefon und rief am nächsten Morgen auf seiner Arbeitsstelle an.
Ein ungutes Gefühl in der Magengegend verspürend, einen dicken Kloß im Hals während ich dem Rufzeichen lauschte. Es dauerte eine Ewigkeit bis sich am anderen Ende der Leitung sein Arbeitgeber meldete. Auf meine Bitte, mir den Vater meines Kindes ans Telefon zu holen, räusperte dieser sich kurz und teilte mir knapp mit, dass dies nicht ginge. Man hatte ihn am Abend zuvor in ein Krankenhaus gebracht. Meine Knie begannen zu zittern, mein Puls flog, alles begann sich zu drehen. Bildlich gesprochen neben mir stehend, legte ich auf.

Einige Stunden später saß ich mit meiner Dreijährigen im Zug und fuhr in die Nachbarstadt. Auf dem Gang des Krankenhausflurs begegneten wir uns. Vergangenheit und Gegenwart verschmolzen in diesem Moment, wehmütig und liebevoll zugleich. Er sah sein Kind. Zum zweiten Mal. Wir redeten, lang.

Wie der Abspann auf einer alten Zelluloidrolle gestaltete sich der Abschied. Der Herbstwind trieb uns erneut auseinander. Mein Kind und mich, ungeschützt in Richtung Bahnhof. Er, winkend hinter dem Fensterkreuz seines Krankenzimmers. Bis wir unseren Blicken endgültig entschwanden.

Während der Heimfahrt lag meine Kleine friedlich schlummernd in meinem Schoß. Erschöpft, nichts ahnend in ihrer kindlichen Unbeschwertheit. Meinen Kopf an die beschlagene Fensterscheibe des Zugabteils gelehnt sah ich die Herbstlandschaft in goldenem Farbenspiel vorbeifliegen. Mit einer gewissen Vorahnung behaftet und dennoch beruhigt lauschte ich meiner inneren Stimme. Sie gab mir Recht. Es tat gut sich endlich ausgesprochen zu haben, nach so vielen Jahren. Ich war im Reinen mit ihm, mit uns, mit meinem Schicksal. Endlich.

Zwei Wochen später, ein amtliches Schreiben des Familiengerichts. “Die Alimentezahlungen des Herrn G. werden eingestellt. Herr G. verstarb am 16.10. 1986″.

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