Ephrata

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Daniel Spielstein war arm und alt, aber kein Penner – Strandgut der Geschichte. Er wohnte in einem sonst leer stehenden Haus der Bahn AG. An dem Abend, als die Gojim in ihren Kirchen saßen, erfüllte er sich einen Wunsch, den er lange mit sich herumgetragen und immer wieder verworfen hatte. Er nahm seinen Mantel vom Rasenmäher, der als Kleiderknecht neben seinem Bett stand, zog ihn umständlich über, stets bereit, sich in seiner Tätigkeit zu unterbrechen, darauf hoffend, dass eine Stimme zu ihm spricht: Daniel, am besten du bleibst zu Hause, um das Fest der Gojim hier zu feiern, es ist der Geburtstag eines Juden und nicht verboten, darauf eine Flasche zu trinken (den Rest aus einer Flasche). Daniel wartete auf diese Stimme und ließ sich darum Zeit beim Ankleiden. Aber die Stimme meldete sich nicht. Unangesprochen durfte er die Stiefel anziehen. Als er aufbruchbereit vor seiner Wohnungstür stand, wusste er, jetzt mache ich es, jetzt hält mich auch keine Stimme mehr zurück. Entschlossen verließ er das Haus. Nichts fuhr, keine Tram, kein Bus.

Am Ende der Kirchhoffstraße, Ecke Bendenweg, lag sie vor ihm: Die funkelnde Stadt, die Stadt der Straßenbahnen, das Straßenbahndepot ­– Ketten beleuchteter Trams, ohne Passagiere, ohne Fahrer, sich selbst genügend. In der heiligen Nacht hatten sich die Wagen auf dem Betriebshof versammelt und leuchteten zu ihrer eigenen Sicherheit. Gelbe, grüne und rote Lichter hingen an den Masten. Daniel kletterte über die Barriere, überquerte die Gleise, die im Licht des Betriebshofs schimmerten, und zwängte sich durch eine Hecke in die verbotene Stadt der Straßenbahnen, die groß wie glänzende Weiber lagerten. Er schritt genießend an den Bugen der Bahnen vorüber. Helle Gassen öffneten sich ihm, menschenleer und warm beschienen. Fünf, sieben, acht Reihen, dann stand er vor der niedrigen, gitterbewehrten Betonmauer: Zehntausend Bullen schützen Bush, wer schützt mich? Dein Gott ist tot, nimm meinen. An der Siemensstraße jenseits der Mauer wohnten Türken hinter zugezogenen Tüchern, als versteckten sie sich in der heiligen Nacht, als könnten auch sie des Mordes am Heiland bezichtigt werden. Daniel kehrte um, bog in eine Gasse und schritt über Steinplatten an den beschrifteten Flanken der Bahnen vorüber: Stadt mit Herz (Patenschaft mit Bethlehem), Einkaufszentrum am Markt (Gold, Weihrauch und Myrrhe), Sekuritas versichert Ihre Familie (Herodes bringt Kinder um) – und erschrak ins Mark. Er blickte hier, wo er jetzt mit niemandem gerechnet hatte, durch die Scheiben einer beleuchteten Bahn in das Gesicht einer Frau. Als hätte er unter Entengrütze das bleiche Gesicht einer Toten im Wasser gesehen.

Daniel ging weiter. Ist sie tot? Ist sie überhaupt jemand? Du delirierst! Flutlicht, Betriebshof, Appellhof, Scheinwerfer. Der christliche Soldat gibt dir den Feuerstoß in deinen Stern von Bethlehem. Du hörtest nicht einmal den Knall, geschweige den Anruf (wenn es einen Anruf gäbe). Du sähest, wie es dir den Mantel zerreißt und dein Blut hervorspritzt. Dein Körper übernähme die Kontrolle, er regelte den Rest. Du ließest es geschehen, schautest in die Glut der Bogenlampen. In ihnen würden dann die Engel sichtbar, die Engel Jahwes.

Sie ist an der Endstation sitzen geblieben, sagte er sich, der Fahrer hat sie übersehen und sie samt Straßenbahn hier abgestellt. Daniel suchte die beleuchteten Fenster ab – und es graute ihn. Hier an diesem Fenster! Hier hat sie gesessen und jetzt ist sie fort. Daniel wollte fliehen, aber er hätte sich dann gestehen müssen, dass er sich nicht mehr auf seine Sinne verlassen konnte. Er bog in die nächste Gasse und suchte die Fenster ab. Sie ist hinter deinem Rücken ausgestiegen und fortgegangen. Sie hat dich erkannt und ist geflohen. Seine Theorie war logisch. Er musste sie nur prüfen. Als er wieder vor dem Wagen anlangte, hinter dessen Fenstern er die Frau erkannt zu haben glaubte, drückte er auf den Knopf der Vordertür. Sie knarrte, ruckte und zuckte ein letztes Mal. Dann gab sie einen Spalt frei. Daniel zwängte sich zwischen die Türschwingen und drückte mit Bauch und Rücken solange, bis er einsteigen konnte.

Da sah er sie liegen, aus der Sitzreihe gefallen, in den Gang gerutscht. Sie ist tot. Jetzt musst du die Polizei rufen und wirst erklären dürfen, was du hier suchst. Da wäre es mir schon lieber, sie ist nur ohnmächtig (auch sonst wäre es mir lieber). Er ging auf die leblose Gestalt zu. Er legte seine Hand auf ihre faltige Backe. Ihr Gesicht war noch warm. Er stützte ihren Kopf. Sie stöhnte. Er hob sie auf einen Sitz. Währenddessen schlug sie die Augen auf. Sie war nicht überrascht. Sie lächelte schwach.
„Ich hole einen Krankenwagen“, sagte er.
Sie schüttelte den Kopf.
„Wollen Sie nicht?“
Sie bestätigte, dass sie nicht wollte.
„Geht es Ihnen besser?“
Sie nickte und lächelte. Sie ordnete ihr Haar. Es war schwarz gefärbt und wuchs aschfahl aus der Kopfhaut. Ihre Augenhöhlen schimmerten lila. Rouge lag dick auf den Wangen, ihr Mund prangte schwarz. Früher war sie eine schöne Frau gewesen, dass sie die Illusion von Schönheit so farbengewaltig verteidigte. Die vom Regen fleckigen Scheiben der Straßenbahn hatten ihr altes Gesicht in weichen Umrissen nach außen scheinen lassen, geisterhaft.
„Sie sind an der Endstation nicht ausgestiegen?“
„Wie konnte ich“, sagte sie.
„Der Fahrer hat sie übersehen?“
Sie nickte. Sie war so schwach, dass sie beinahe wieder hingefallen wäre. Daniel fing sie auf und hielt sie fest.
„Sie sind schon einmal ohnmächtig geworden, nicht wahr, bevor Sie in die Endstation einfuhren? Deshalb hat Sie niemand gesehen? Weil Sie zwischen den Bänken lagen?“
Sie nickte und zeigte auf ihn: Du hast es erfasst.
„Schwanger werden Sie nicht sein“, sagte Daniel und lachte.
Sie lachte mit. Ihr Lachen wurde jäh zu einem Weinen, ein Rinnsal wand sich über ihr Gesicht und versiegte in dem Taschentuch, das Daniel ihr an die Backe legte. Sie sah aus, als hätte sie lange nichts gegessen. Ihre schönen braunen Augen waren umflort. Sie entfernte den nassen Schleier, indem sie die Lider zusammenpresste.
„Was mache ich jetzt mit Ihnen?“
Sie zuckte die Achseln.
„Sie sind viel zu schwach, um weit zu gehen. Ich hole ein Taxi.“
Sie war jedenfalls nicht dagegen.
„Werden Sie mir wieder ohnmächtig?“
Sie wusste es ja auch nicht. Daniel setzte sie so, dass sie nicht leicht hinunterrutschen konnte.
„Auf jeden Fall komme ich wieder, auf jeden Fall!“

Er suchte einen Ausgang zur Siemensstraße. Er zwängte sich zwischen Mauer und Hecke hindurch, und bald stand er vor der Tür des ersten dieser grauen zweistöckigen Häuser, die der Stadt gehören und in denen überwiegend Ausländer wohnen, wahrscheinlich Türken, den Mädchen mit den Kopftüchern nach zu urteilen, die man in den Sandkästen spielen sieht, wenn man tagsüber daran vorübergeht. Er schellte. Ein Mann riss die Türe auf. Daniel fragte:
„Darf ich bei Ihnen telefonieren? Es ist dringend, ich möchte ein Taxi bestellen.“
„Kein Taxi. Arsch lecken. Frau aus Taxi geworfen, weil Frau von Türke. Also wegmachen! “
„Ich wollte nur ein Taxi bestellen. Vielleicht haben Sie ja kein Telefon, entschuldigen Sie.“
Ein Greis, der aussah wie ein Rabbi unter seinem Käppchen, erschien hinter dem Mann und drängte ihn beiseite, fast ohne ihn zu berühren, denn der junge Kerl trat demütig aus dem Weg.
„Wir haben Telefon.“
Der Alte streckte seinen Arm aus. Daniel folgte der bezwingenden Geste und murmelte im Vorübergehen eine Entschuldigung. Der Patriarch schien ihn mit seiner sanften Gewalt in die Wohnstube zu drücken. Er schritt zu einem Blumenständer, auf dem das Telefon stand.
„Taxi hierher?“
„In zwanzig Minuten hierher, wenn es Ihnen recht ist.“
Der Alte drückte Tasten und führte in einer raumgreifenden Geste den Hörer zum Ohr.
„Abdülkadir Keyik hier, bitte Taxi in zwanzig Minuten in Siemensstraße.“
Der Alte unterbrach sich, lauschte und lächelte. Er hob den Hörer vom Ohr und reckte ihn weit von sich, ehe er ihn gravitätisch auf die Gabel fallen ließ.
„Heilig Abend kein Taxi, alle besetzt. Heilig Abend fahren Deutsche mit Taxi.“
Er winkte Daniel herbei und hob wieder den Hörer ab.
„Soll ich selber telefonieren?“
Der Alte nickte.
„Welche Adresse haben Sie? Wenn Sie mir die bitte aufschreiben.“
Der Patriarch rief. Ein Mädchen trat aus einem Nebenraum. Der Alte sagte etwas. Das Mädchen grüßte schüchtern, eilte zurück, kam wieder mit einem Füller und einem Schulheft in der Hand. Der Alte diktierte. Sie schrieb: Siemenstraße 144, Dransdorf. Sie überreichte Daniel das Heft, ohne ihn dabei anzusehen. Der Alte legte seine Hand auf ihren Scheitel und verabschiedete sie. Dann wählte er und Daniel brauchte nur noch in die Muschel zu sprechen.

Er beeilte sich, auf den Betriebshof zurückzukehren. Er zwängte sich an derselben Stelle durch die Hecke und betrat den beleuchteten Raum, in dessen Licht die Straßenbahnen, die selber strahlten, wie durchsichtige Wesen erschienen, Straßenbahnen des himmlichen Jerusalems. Er fand seine Freundin und erklärte ihr, dass er sie jetzt stützen und mir ihr zu den Häusern gehen werde, wo ein Taxi auf sie wartet. Er hob sie zärtlich aus der Sitzschale und schob sie vor sich her durch den Gang auf die Türe zu. Er trug ihr Handtäschchen, das er unter dem Sitz rechtzeitig entdeckt hatte. Langsam kletterten sie auf die Steinplatten. Er hakte sie unter, und so defilierten sie an den Straßenbahnen vorüber.
„Wer hat die Straßenbahnen erfunden? War es nicht Sir Isaac Newton?“
Daniel kicherte. Wenn sie etwas von Straßenbahnen oder Physik versteht, muss sie glauben, ich bin verrückt.
„Wie heißen Sie, meine Liebe?“
Die Alte blickte auf und nickte. Sie war damit beschäftigt, nicht zusammenzubrechen, deswegen nannte sie ihren Namen nicht. Ich hätte ihr etwas zu essen mitbringen sollen. An Wichtiges denkt man nie. Aber ich habe wenigstens die Zeit für die Ankunft des Taxis richtig geschätzt (er hatte sie nicht, denn es stand schon mit laufendem Motor vor dem Haus der Türken).

Grußlos ließ der Fahrer sie einsteigen und drehte sich in seinem Fahrersitz um:
„Wohin?“
„Zum Hauptbahnhof“, sagte deutlich Daniels neue Freundin. Ich habe kein Geld dabei! Nicht einmal einen Personalausweis. Was soll einer in der heiligen Nacht mit Pass und Geld? Der Fahrer wird die Polizei rufen. Die Polizei wird uns wegsperren, jeden in eine getrennte Zelle. Wenn schon. Ich werde darauf bestehen, dass die Dame etwas zu essen kriegt. Von mir gar nicht zu reden. Daniel fuhr zusammen. Sie bemerkte seine Unruhe und schaute ihn fragend an.
„Ich habe vergessen, Geld mitzunehmen“, sagte er.
Die Alte öffnete ihr Täschchen und suchte das Portemonnaie. Sie öffnete es, so dass er in den dunklen Tresor schauen konnte. Dort erkannte er drei Scheine.
„Mein Gott, wie schön! Geld ist sehr wertvoll“, sagte er. Die Alte schaute ihn groß an und nickte. Sie verstand etwas von der Welt.

Was wären die Städte ohne McWhopper´s, diese Oasen in der Wüste nach Ladenschluss, wenn die Leute sich in ihren Wohnungen verkriechen, in Ratskellern verstecken, in Kinos flüchten oder in Bahnhofshallen versammeln, als wäre eine Ausgangssperre verhängt worden, als patrouillierten Unsichtbare eines außerirdischen Tyrannen in der Stadt oder als kröche ein giftiges Gas durch die Straßen und vertriebe sogar den Wind, auch er auf der Flucht in alle Ritzen, die letzten Passanten mit sich reißend. Für manche ist McWhopper´s die letzte Zuflucht, die ihre Anstrengungen verdoppelt, dem Malstrom der Einsamkeit zu entkommen. Sie stoßen die Tür auf und lassen sich in die Wärme fallen, wie man aus kaltem Wasser steigt und sich in den Sand wirft. Gerettet. Du demokratische Asylstätte, deren Licht nicht in zugezogenen Vorhängen versickert, die du von weitem einlädst, Kaffee bereithältst, auch nach Ladenschluss. Vergeben seien dir die Burger und die festgeschraubten Stühle. Gesegnet seien die Frauen in ihren Schürzen. Sie tragen auf der Brust das “M” wie Metropole, wie Mutter. Bei dir muss man nicht die Garderobe abgeben, sich nicht dem Hochmut festlich gekleideter Kellner aussetzen, sich nicht ihrer Bedienung unterwerfe. Hier musst du keinen Geschäftsführer kommen lassen, der dir hilft, das Selbstbewusstsein in der getäfelten Arroganz eines Feinschmeckerlokals aufzurichten. Dich hätte Walt Whitman zum Künstlercafé auserwählt.

Als sie am Bahnhof ausstiegen, hatte die Alte eine so bestimmte Art angenommen, dass Daniel nicht mehr zu fragen brauchte, was jetzt zu geschehen habe. Sie wusste genau, was zu tun war, und er schien ihr zu folgen, obwohl er neben ihr ging und sie am Oberarm stützte. Sie traten in den Lichtkreis von McWhopper´s. Da schrie sie auf. Die Alte schüttelte energisch den Kopf und zerrte Daniel in den hellen Eingang des Fastfood-Restaurants. Daniel sah im Vorübergehen einen Bettler knien, ja, auf seinen Knien stehen, vor einem Gulli in der Fußgängerzone. Der Mann hatte seine Prothesen vor sich hingelegt und links und rechts je eine Krücke, wie ein Samurai seine Schwerter. Dann legte er seinen Leib bloß. Um sich das Wakizashi in den Bauch zu rammen? Er urinierte in den Gulli. Dabei rief er etwas, er hielt eine Ansprache – das Totengedicht, gerufen, damit es weit trägt, damit es alle hören? Als Daniels Begleiterin schrie, musste sie gesehen haben, wie der letzte Freund in der Todesstunde das Schwert hebt, um dem Samurai den Kopf abzuschlagen.

Sie hatten im Restaurant Platz genommen. Daniel fragte:
„Was hat der gerufen?“
„Dieses Ferkel da draußen, wenn Sie den meinen … der hat gerufen: Prost und Friede auf Erden, Prost hat der gerufen!“
Daniel sagte:
„Wie soll ein Mann, der beide Beine ab hat und auf Prothesen und an Krücken geht, wie soll ein solcher Mann pissen, das frage ich mich. Wissen Sie, der lebt vielleicht im Hauptbahnhof und schämte sich, in sein Wohnzimmer machen, und deshalb ist er nach draußen gegangen. Er wollte sie nicht erschrecken, Madame.“
Sie wiegte ihren Kopf.
„Es hat mich aber schockiert“, sagte sie für sich und schlug ihre Hände vors Gesicht. Sie nahm sie erst wieder herunter, als das Blaulichtgewitter durch ihre Finger blitzte und ein Krankenwagen in der Fußgängerzone hielt. Da schaute sie erleichtert auf.

Sie waren nicht allein bei McWhopper´s, sie fielen nicht auf. Im Radio swingten Glenn Miller und Benny Goodman, während sich Daniel und die alte Dame unterhielten. Sie sprach pausierend, abgehackt, dabei knabberte sie zierlich an Fritten, so wie die Damen ihres Jahrgangs aus der besseren Gesellschaft an schokoladeübergossenem Backwerk. Sie wiederholte, was Daniel schon wusste (als wähnte sie ihn dement), dass sie in eine Tram gestiegen und ohnmächtig geworden war, dass er sie gefunden hatte und dass sie zusammen mit dem Taxi gefahren waren. Dann aber berichtete sie von ihrer Tochter, dass sie verheiratet sei und einen Kosmetikladen unterhalte (das erklärt, warum die alte Dame, die früher eine Schönheit gewesen war, so reichlich die Farben der Jugend aufgetragen hatte). Dass ihr Mann nicht mehr lebe – und überhaupt ihr Mann: Er war Prokurist, einer von der Sorte mit Chauffeur. Wenn der Gatte mit dem Flugzeug unterwegs war, machte sie mit dem Fahrer Einkäufe. Der Fahrer hatte Verständnis für die Frau, half ihr, wo er konnte, liebte sie. Die Bett-Affäre, die Schwangerschaft. Dreiecksgeschichten lassen sich am Heiligen Abend nicht ausloten, man verliert sich im Gestrüpp der Theologie. Jetzt musste Daniel mal was fragen, um das Gespräch auf eine solide Basis zu stellen.
„Wie heißen Sie, Madame?“
„Samantha.“
„Ist das ein Zauberwort?“
„So heiße ich. Mein Vater ist Amerikaner.“
Sie lehnte sich zurück und schaute stolz auf ihr Gegenüber.
„Und ich heiße Daniel. Darf ich Sie Sam nennen, Samantha? Wissen Sie, meine Liebe, woran mich Samantha erinnert? An eine Schlange, die einem den Hals wärmt und mit ihrer Zunge die Ohren ausleckt.“
Sie schlug entzückt die Hände vor den Mund, aber so, dass sie sprechen konnte.
„Daniel, das dürfen Sie nicht sagen. Ich habe nichts, aber auch gar nichts von einer Verführerin.“
„Ich nehme an, Sie wollten am Hauptbahnhof umsteigen und haben es aus den bekannten Gründen versäumt. Wohin wollten Sie denn, meine Liebe?“
„Zu meinem Sohn, ins Hotel International.“
„Ihr Sohn arbeitet dort?“
Sie nickte.
„Er ist vielleicht Geschäftsführer, nein? Oder Kellner?“
„Ihm untersteht das Café. Es ist auch am Heiligen Abend offen.“
„Sie wollten ihn heute besuchen – im Café?“
Sie nickte.
„Dann wird es aber Zeit, dass Sie ihn anrufen, Samantha. Er sorgt sich um Sie.“
Sie schaute aus dem Fenster. Ihr Schauen verwandelte sich in Weinen. Aber sie hatte sich bald wieder gefangen. Sie fingerte an den Papierservietten und betupfte damit die Augen.

„Jetzt will ich Ihnen mal was sagen, meine Liebe. Ihr Sohn arbeitet gar nicht mehr im Hotel. Sie fahren aus alter Gewohnheit hin, weil Sie den Heiligen Abend im Hotel International verbringen wollen. Ihr Sohn ist fortgezogen?“
Samantha stellte sich stur, starrte auf den Tisch und kratzte mit dem Zeigefinger über die polierte Oberfläche. Dann bequemte sie sich zu sagen:
„Hat Autos verkauft, schwarz.“
„Heißt das, er hat Autos geklaut?“
Sie nickte.
„Der Geschäftsführer hat mich vorige Woche angerufen und gesagt, dass ich unschuldig bin, deshalb darf ich kommen. Ich schäme mich aber.“
„Sie wollten gar nicht ins Hotel? Sondern zu Ihrem Sohn ins Gefängnis?“
Sie nickte.
„Keine Besuchszeit, und nur deshalb wollte ich doch ins Hotel.“
Sie wischte sich wieder über die Augen, und es sah so aus, als wollte sie zum dritten Mal weinen.

Um Samantha aufzuheitern, erzählte Daniel eine Geschichte, die ihm für heute passend erschien, weil Bethlehem darin vorkommt.
„An einem Sommertag in der Nordstadt, wo die Menschen nicht nur auf der Straße sitzen, um Tee oder Bier zu trinken, sondern auch, um sich die Haare schneiden zu lassen, an einem solchen heißen Tag saß ich in einem Sessel auf der Römerstraße. Der Friseur führte ein brennendes Streichholz an meinen Ohren vorbei und um mein Kinn herum. Er wollte so die letzten Härchen entfernen, da fragte ich ihn: Woher kommen Sie? Und verbrannte mir prompt das Kinn, weil ich es bewegte. Er sagte zögerlich, als hätte er Angst, dass ich ihn auslache: Bethlehem. Und ich antwortete, unwissend, unbedacht: Dann sind Sie ja aus Israel. Er stierte mich an – und verschwand im Haus. Da saß ich nun und ließ eine bunte Truppe Touristen an mir vorüberziehen. Japaner fotografierten mich, ein Holländer wollte wissen, ob ich für Aftershave Reklame sitze. Dann, endlich, erschien der Mann unter dem Türrahmen und blieb dort mit verschränkten Armen stehen. Ich drehte mich um. Er schaute finster auf mich und rief: Ich bin Palästinenser, Pa-lä-sti-nenser! Ich verstand und entschuldigte mich: Ich bin Deutscher, da können Sie mal sehen, wie wenig ich über das moderne Israel weiß. Als oller Jude lebe ich immer noch in der Bibel. Wir beide, Sie und ich, lieben Bethlehem, nicht wahr? Sie, weil sie dort geboren sind und vielleicht Ihre Jugend dort verbracht haben, und ich, weil es die Stadt meiner Träume ist, die Stadt Rahels, Ruths und Davids. Wir müssen uns doch deswegen nicht streiten. Er kam zu mir und nahm den Frisierumhang ab. Er hielt zwei Spiegel hoch, einen vor mir, einen hinter mir, so dass ich ihn sehen konnte: Er lächelte versöhnlich. Er machte auf mich einen intelligenten Eindruck und darum zitierte ich, während ich mich aus dem Sessel stemmte und mein Kleingeld zählte, den Propheten Micha: ´Und du, Bethlehem Ephrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei.´ Diesmal war er nicht beleidigt. Er grinste, verstehen Sie? Ich habe ja nicht gesagt, dass Olmert dieser Herr in Israel sei, ich habe auch nicht behauptet, es sei der Palästinenser-Präsident Abbas oder die Bundeskanzlerin Merkel oder Condoleezza Rice. Es wird erst jemand sein, wenn, wie Micha auch gesagt hat, die Menschen im Nahen Osten ihre Schwerter zu Pflugscharen machen. Das hat der Kerl genau verstanden. Und wissen Sie was, Samantha? Er wollte mein Geld nicht annehmen.“
„Nein!“
„Ja. Und ich will Ihnen noch was erzählen. Eines Tages zog die schöne Ruth nach Bethlehem, im Gefolge ihrer Schwiegermutter. Ruth kam von der Ostseite des Toten Meeres. Ich glaube, es gehört heute zu Jordanien, aber ich will nicht wieder was Falsches sagen. Hören Sie mir zu?“
„Was ist mit der schönen Ruth?“
„Sie ist die Urgroßmutter des Königs David, der auch aus Bethlehem stammt.“
„Und noch einer stammt aus Bethlehem, den dürfen Sie aber nicht unterschlagen, Daniel!“
„Wie könnte ich. Seinetwegen sitzen wir doch hier! Es heißt bei den Christen: Von Jesse kam die Art. Diesen Jesse hat die schöne Ruth auf ihren Knien geritten, denn sie war seine Großmutter.“
„Sie sind in Ruth verliebt, Daniel, das spüre ich.“
„Eine literarische Liebe, nur eine literarische, Sam. Sie hat so schöne alte Sachen gesagt: ´Wo du hingehst, da will auch ich hingehen. Wo du stirbst, da sterbe ich auch.´ Aber Samantha! Was ist denn? Habe ich falsch zitiert, vielleicht ein Wort ausgelassen?“
Sam verzog ihr Gesicht zum Greinen.
„Mein Mann ist tot, und ich lebe noch. Mein Sohn im Gefängnis. Ich wollte ihn ja besuchen, ich wollte es, Daniel!“
Dann brach es aus ihr heraus, sie weinte hemmungslos, so dass sich die Leute nach ihr umdrehten. Sie schluchzte lange, bevor sie wieder sprechen konnte.
„Und Naomi Chin, Naomi, Naomi! Sie ist in die Staaten gefahren. Ich habe sie alleine ziehen lassen. Ich bin ihr nicht gefolgt.“
„Aber Sam, ich hole Ihnen eine Serviette oder zwei. Dass Sie mir nicht vom Stuhl fallen! Hätten Sie denn hinterherfahren müssen? War sie eine Verwandte?“
„Naomi ist aus Liverpool gebürtig, Tochter eines Chinesen und einer englischen Mutter schwedischer Abstammung. Sie war von unirdischer Schönheit. Ich traf sie eine zeitlang oft in den Gesellschaften, die mein Mann besuchen musste und zu denen er mich mitnahm. Ich glaube, sie wurde eingeladen einzig wegen ihrer Schönheit. Ich wüsste nicht, dass ihre Eltern eine gesellschaftliche Stellung eingenommen hätten oder besonders reich gewesen wären. Ich glaube sogar, ihr Vater war ein Restaurantbesitzer in Soho.“
„Ja?“
„Sie war die einzige Frau, die ich geliebt habe. Ich habe sie angebetet. Sie war jünger als ich, in dem magischen Alter von dreiundzwanzig, wo Frauen von innen heraus leuchten. Wir Frauen sehen es auch – wenn nicht überhaupt nur wir! Ich hätte ihr in allem den Vortritt gelassen, und wenn sie unbegreiflicherweise Gefallen an meinem Mann gefunden hätte, ich wäre einverstanden gewesen, nur um in ihrer Nähe zu sein. Wissen Sie, in welcher Rolle ich mir vorkam, ich, die ich damals auch eine Schönheit war, dem Gerede der Männer nach zu urteilen?“
„Ja?“
„In der Rolle ihrer Zofe. Ich liebte meinen Mann, glauben Sie ja nicht, ich hätte ihn nicht geliebt. Trotz allem. Aber für sie hätte ich mich zerrissen. Nicht, dass Sie meinen, ich wäre eine Sappho, obwohl ich, Gott weiß es, und Sie sind der erste, dem ich es sage, mit ihr ins Bett gegangen wäre. Sie können sich vorstellen, wie schön sie war, und wissen Sie, was sie studierte?“
„Ja?“
„Sie studierte theoretische Physik in Stanford. An einem Linearbeschleuniger! Fragen Sie mich nicht, was das ist! Wegen dem ist sie in die Staaten gefahren, wegen dem hat sie mich verlassen! Sie war das Ebenbild Gottes. Ich hatte sieben Tage und sieben Nächte lang geweint, als sie in die Staaten ging, und war drei Monate krank.“
„Jetzt ist es raus, Sam. Sie haben nie darüber gesprochen und deshalb angenommen, sie verraten zu haben? Sie haben auch Ihren Mann und Ihren Sohn nicht verraten. Naomi auch nicht. Glauben Sie es mir, Sam. Vielleicht hätte ich von Ruth nicht sprechen sollen. Aber wenn ich es recht bedenke, war es gut so. Und eines müssen Sie wissen: Sie sind nicht Ruth. Sie sind eine alte Frau. Ich darf das sagen, denn in unserem Alter spielt die Wahrheit die Hauptrolle. Sie ist neben dem Geld das einzig Kostbare, das uns bleibt. Jetzt, wo Sie über Naomi gesprochen haben und sich ihrer nicht schämen, jetzt folgt sie Ihnen. Denn SIE ist Ruth und wird Sie nicht mehr verlassen. DAS ist die Wahrheit.“
„Daniel!“

Er bestand zur vorgerückten Stunde darauf, dass sie ihr Portemonnaie umkippte und nachzählte, ob es für eine Fahrt mit dem Taxi noch langt. Ihr Essen zum Heiligen Abend bei McWhopper´s musste beendet werden, weil der Börseninhalt nur noch für die Fahrt zum Augustinum reichte, dem Altenheim, wo Samantha lebte. Sie verabschiedeten sich und versprachen, sich wiederzusehen. Schon im Taxi sitzend rief sie:
„Wie kommen Sie nach Hause, Daniel?“
Sie bewegte den Taxi-Fahrer, der schon angefahren war, anzuhalten, und erkundigte sich nach den Möglichkeiten des Nachhausekommens. Sie hatte längst vergessen, dass Daniel ohne Geld unterwegs war.
„Mit dem Nachtbus.“
Da konnte sie beruhigt ins Augustinum fahren. Dort würde sie sagen, dass sie einen alten Bekannten getroffen habe und deshalb nicht im Hotel International gewesen sei.

Der Nachtbus fiel aus. Daniel wusste, dass alle Straßenbahnen im Betriebshof versammelt waren, fahrbereit, aber fahrerlos. Er nahm sich Zeit, wie immer vor langen Wanderungen. Es lohnte sich noch nicht, die zurückgelegte Strecke in Anteilen am Gesamtweg zu schätzen und sich auszumalen, wie dieser Anteil immer größer würde. Er studierte die Gärten der Vorstadt und die Lichterbäumchen hier und da. Er rief sich den Abend in Erinnerung, stellte sich Samantha vor und versank ins Grübeln. Dann fiel ihm auf, wie eine Brandmauer glühte und ein Autowrack glänzte. Er staunte über die hellen Baumstämme, die Weiden erstrahlten am betonierten Bach. Er drehte sich um und sah auf dem Damm neben dem asphaltierten Weg, auf dem er ging, den leuchtenden Bug einer Straßenbahn, als hätte sie sich verirrt oder als wäre sie ausgesandt worden.

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