Erster Mai

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

I.

Die Burschen sind laut und harmlos. Sie haben sich den Traktor von einem Vater geliehen und fahren durch die Nacht. Die Birken auf dem Anhänger – gekauft oder geklaut? Einmal im Jahr kocht das Bauernblut. Eichen-Erinnerung. Weg mit dem Gestrüpp, abgehauen die Besen, gereinigt der Boden, der viele Jahrhunderte durch armdicke Wurzeln heiliger Bäume gelüftet wurde. Die Menschen hatten mit der Gier rodender Mönche Kolosse gefällt, das Fachwerk der Häuser aufgerichtet, Kirchenstühle geschnitzt, Hochseeschiffe gebaut – und jetzt? Jetzt liegen sie auf dem Bauch vor den Kümmerlingen, den Birken und Fichten, oder heben den Blick zu den Wipfeln: die Bifurkation erfüllt sie mit Sorge. Sie schleudern Kiesel nach den Katzen der Nachbarn und hindern sie, die Krallen an der Rinde zu wetzen. Reihenhausbesitzer stoßen die Nester der Amseln aus den Zweigen, damit der Garten nicht bekackt werde. Fichten und Birken in den Parzellen: Symbole der Unfruchtbarkeit auf unfruchtbarem Rasen. Wenn Ihr Mumm habt, Ihr Burschen, klettert über den Jägerzaun und fällt die Birke. Sie gehört nicht auf den schweren Boden. Schneidet sie dem Vater ab und schenkt sie der Tochter. Sein Gezeter soll eure Geilheit anfachen, euer Verlangen nach ihr, nach ihren braunen Waden, der weißen Brust mit den roten Knospen, die Ihr in der Loge eines Kinos oder im Hofausgang der Diskothek schon gesehen habt. Tut nicht so! Lasst euch nicht zweimal bitten: Rüber über den Zaun!

Sie sitzen auf den Seitenklappen des Anhängers, jeder eine Flasche Bier in der Hand, jeder auf den anderen achtend, ob er nicht beim Schlucken ins Hintertreffen geriete und in eine Außenseiterlage gedrängt würde. Niemand will der erste sein, niemand der letzte, alle wollen so sein wie alle anderen, dann sind sie laut und stark. Sie haben acht Bierkästen unter den Zweigen versteckt. Der Fahrer wird später den Streifenbeamten die Ordnungsmäßigkeit der nächtlichen Partie mit reinem Atem erklären (unter Hinweis auf eine Flasche Mineralwasser). Er wird in der Lage sein, außer den Wagenpapieren, dem Führerschein und der Rechnung für drei Birken auch das Erlaubnisschreiben für die Minderjährigen zu präsentieren, in dem die Vormünder ihr Einverständnis und die Übernahme der Haftung für alle Eventualitäten bescheinigen. Mit dieser Sicherheit ausgestattet, widmen sie sich der nächtlichen Ruhestörung unter dem Schutz eines anerkannten Brauchtums.

Der unruhige Schläfer wird geweckt, immer wieder, durch das anschwellende, von den Rheinbergen zurückgeworfene Tuckern des Traktors auf seiner Rundreise durch die Siedlung, über die asphaltierten Feldwege der Gemeinde. Wenn es abschwillt und sich verkehrt zu den süßen, fast sinnlichen Tönen einer italienischen Nacht, in der Musik, Korso und fernes Gelächter sich mit Düften vermischen, dann dreht sich der Schläfer zur Seite, wickelt sich wieder ein, um dösend auf das Versiegen zu lauschen und die Entfernung zwischen seinen Ohren und dem Trecker zu schätzen. Erst wenn es graut, der erste Vogel schlägt, erst im abschwellenden Brüllen besoffener Männer bleiben die Augen zu, und noch im Schlaf schwillt und ebbt die Rundfahrt. Wenn dann am Morgen, wie bestellt zum ersten Mai, die Sonne scheint, ein Traktor über die Landstraße rumpelt, hinter sich einen leeren Anhänger, dann zucken die Mundwinkel vor Wut und Erschöpfung, das Herz krampft sich zusammen. Und das erste herzhafte „gottverdammte Arschlöcher“ dieses Frühjahrs.

Heute ist Feiertag. Wenigstens die Rasenmäher bleiben im Keller – bis auf einen kleinen, den ein bandscheibengeschädigter Mann spielerisch über den grünen (und nichts als grünen) Rasen bewegt, um die vorwitzigen, sich der Ordnung des Gartens widersetzenden Halme zu bestrafen. Aber auch dieser Mann wird in einer halben Stunde Kaffee trinken und am Abend das erste Grillessen dieses Jahres zelebrieren, und während draußen feiner Spiritusqualm vorüberzieht (und die Terrassentür deswegen geschlossen bleibt) wird die Tagesschau Normalität stiften, zwar mit Berichten über Gewerkschaftskundgebungen, zwar mit Traktoraufmärschen protestierender Bauern, aber das wird die Vorfreude nicht schmälern, die Freude auf eine Nacht, wo spät die Autos wie immer bei laufendem Motor auf das Heben des Garagengitters warten, und wo Güterzüge durch die weite Halle eines vom Alb befreiten Schlafes in die Träume rattern.

II.

Wer es eilig hat, auf das Flachdach zu klettern zwecks Einrichtung eines MG-Nestes, um die Landstraße unter Feuer zu nehmen, oder wer einen Ball zurückholen will, der beim Bolzen auf das Dach geflogen ist, oder wer glaubt, in Abwesenheit der Bewohner von oben herab besser in das Haus einzubrechen, oder wer sonst es für nötig hält, auf das Dach zu steigen, z.B. um den Kies abzutragen und die Teerpappe zu erneuern, oder wer meint, die Aussicht von hier oben sei besonders schön, der hebt seine Hände an die Stangen der Leiter, die in Kopfhöhe beginnt, und stößt sich an der Hauswand ab, solange, bis er mit einem Fuß die untere Sprosse erreicht. Inzwischen sind die weißen Presskalkschindeln, die auf gelber Isoliermasse aufliegen, unter den Tritten geplatzt. Das geschieht immer, wenn jemand auf diese Weise das Haus entert. Immer werden die Platten erneuert und stets ist das Lamento groß, denn nie zahlt die Versicherung und nie findet sich ein Verursacher. Deshalb hat sich den zwei Schildern ´Parken verboten (privat)´ und ´Bolzen verboten´ ein drittes hinzugesellt: ´Leiter benutzen verboten´. Um dieses Verbot zu bekräftigen, wurde ein Knäuel aus Stacheldraht an der untersten Sprosse befestigt. Der Regen hat nun eine Rost-Wolke auf die weißen Fliesen gezeichnet (wo früher nur zwei zarte Striche in Verlängerung der Holme zu erkennen waren).

Dumpfe Schritte über dem Kopf, kurze Befehle, nachts, aus bedrohlicher Höhe, nicht von der Straße (dann dürfte man hoffen, dass sich Schritte und Befehle verflüchtigen), sondern auf dem eigenen Dach – trotz des Stacheldrahts an der Leiter! Fallschirmjäger in nachtblauer Seide, der Angriff aus dem All. Die Verteidigung wird kompliziert, wenn man sich nicht mehr auf die Zimmer im oberen Stock verlassen kann. Der Mut ist groß, denn die Wut ist groß. Der Hausherr erhebt sich, entschlossen. Liegenbleiben wäre das Eingeständnis einer Niederlage. Bademantel über, Socken an, durch den Flur ins Besucherzimmer, Rollos hochgerissen, je energischer desto besser (vielleicht bewegt es den Feind zum Rückzug), Blick durchs Fenster. Bürgerkrieg: Drei Männer zwischen den Gärten und Männer auf dem Dach, der laufende Motor – eines Panzers? Des Treckers. Erster Mai. Die beiden mannbaren Töchter im Nebenhaus beschwören die Burschen, ja alles vorsichtig zu machen, die Pflanzen nicht zu beschädigen, den Nachbarn nicht zu stören. Da erscheint schon die imposante Gestalt des Nachbarn auf dem Balkon, eines Herrn der Lage! Sein Anblick ruft Entschuldigungen hervor, ein Prost und hochgereckte Flaschen dem König im Morgenrock. Sie verlangen Leutseligkeit und Verständnis von ihm. Er gewährt sie und flicht einen leisen Tadel in seine Huld. Er schreit flüsternd:
„Macht solange den Motor aus – und Hals und Beinbruch.“

III.

In der Familie gab es zuerst ungläubiges Staunen, ja eine gewisse heitere Ratlosigkeit, es wurde sogar gelacht, dann drängte sich mehr und mehr die Frage in den Vordergrund: Warum gerade hier, die müssen doch wissen, dass hier kein Mädchen wohnt. Wer macht denn solche Scherze? Da sich die Eltern diese Frage nicht beantworten konnten, aber immer wieder stellten, je länger desto ungeduldiger, wurde der Sohn, siebzehn Jahre, gedrängt, nach einer Erklärung zu suchen.
„Diese Birke und das rosa Klosettpapier, wie Lametta in die Zweige geworfen, das macht man doch nur bei Mädchen – oder was hat das zu bedeuten. Hast du vielleicht eine Erklärung? Das sind doch deine Freunde, die wissen doch, dass du keine Schwester hast.“
Zwei Tage blieb die Birke an der Regenrinne festgebunden, bis der junge Mann das Bäumchen mit dem Rad zur Friedhofsgärtnerei schleifte. Er stopfte es Stück für Stück in die Häckselmaschine, nachdem er unter Aufsicht eines belustigten Arbeiters alle Äste mit der Axt abgehauen hatte. Immer wieder diese Frage: Wer macht das mit dir? Und endlich:
„Hast du es dir nicht selbst zuzuschreiben? Hast du vielleicht Anlass dazu gegeben, sprich! Hat dich jemand in der Umkleidekabine nach dem Turnen beobachtet?“
„Beobachtet wobei? Ich habe nichts mit Jungen, wenn Ihr das meint.“
„Das glauben wir ja, aber warum dann der hässliche Baum mit dem rosa Papier? Das lassen wir nicht auf uns sitzen! Das musst du in der Schule klären.“
Und in der Schule: Wer liebt dich denn, mein Süßer? Wer will dir an die Wäsche? In den Läden hat sich herumgesprochen, dass diesmal nicht nur Mädchen mit Liebesbeweisen bedacht wurden. Alle wissen, was das bedeutet. Keine Schülerin wird aussagen, dass sie mit ihm geschlafen hat. Einige werden behaupten, sie hätten beim Tanzen auf dem Schulball nichts gespürt, wie sonst bei den Kerlen. Die Mädchen gefallen sich in der Beschreibung ihrer Erlebnisse, haben sich notiert, wie oft sie geküsst wurden, und die Großmeisterinnen (die es schon einmal hinter sich gebracht haben) lächeln und sagen: Mit dem doch nicht. Und wenn die sagen, der hat nichts mit mir, dann hat er nichts mit Mädchen, dann macht der andere Schweinereien. Aber mit wem?

„Überleg doch mal! Ist dir was Besonderes an Lehrern aufgefallen? Hat dir einer schöne Augen gemacht?“
„Ein Lehrer schöne Augen! Seid Ihr bescheuert? Wir sind in einer Art persönlicher AG. Der Deutschlehrer hat uns paarmal nach Hause eingeladen.“
„Und was hat er dort mit euch gemacht? Ist er verheiratet?“
„Mit uns hat er gar nichts gemacht. Wir haben gemeinsam Michelangelos Sonette gelesen. Der Lehrer hat italienisch rezitiert, und dann haben wir seine deutsche Übersetzung besprochen.“
„Ich denke, der ist Regisseur oder Modeschöpfer oder sowas!“
„Michelangelo war Architekt, Bildhauer, Maler, Dichter – kein Mittelstürmer bei Lazio Rom, wenn du das meinst!“
„Werd nicht frech! Wie sieht es denn bei deinem Lehrer zu Hause aus?“
„Flur, Zimmer, Tisch, Stühle, Schrank.“
„Keine Bilder? Nackte Männer an den Wänden? Fotos griechischer Statuen, Wagenlenker, Diskuswerfer, die Griechen waren doch alle – äh.“
„Was waren die Griechen?“
„Werd nicht frech!“
„Nein, nicht, was du denkst, nur Reproduktionen, eine Venus in der Muschel und eine Maria Magdalena als Sünderin, ziemlich geil.“
„Werd nicht frech!“
„Und ein echtes Gemälde, die zeitgenössische Kopie eines Bildes aus dem 17. Jahrhundert, hat über Tausend Euro gekostet. Es zeigt einen Christus mit zum Himmel verdrehten Augen, als wär ihm gerade einer abgegangen.“
„Da haben wir es ja! Wer gehört denn sonst noch zu dieser sogenannten AG?“
„Peter.“
„Ihr beiden alleine? Aha! Und warum Ihr beiden alleine?“
„Die anderen interessieren sich nicht für Literatur.“
„Ausgerechnet mein Sohn muss sich dafür interessieren. Ich habe einen Sohn, der sich für Literatur interessiert!“
Ob Peter auch einen Maibaum erhalten habe. Nein, der wohne schon im Städtischen. Da seien die rückständigen Bräuche abgeschafft worden.
„Du bist der einzige vom Lande, der sich für Literatur interessiert? Was haben wir großgezogen! Geh in die Jugendmannschaft des Fußballclubs, damit du dein Ansehen wieder herstellst.“
„Verzichte. Da werden Torschützen von hinten besprungen.“
„Werd bloß nicht frech, du Literat!“

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