Glasbetonkörper

von Christa Schmid-Lotz (Copyright)

Die U-Bahn kündigte sich mit einem Windstoß an; die Wagen sausten an Steffen vorbei und standen schließlich still. Ein Menschenstrom ergoss sich aus den Türen, drohte ihn mitzureißen. Er kämpfte sich durch die Menge und stieg ein.
„Zurückbleiben, bitte …”, sagte die Stimme aus dem Lautsprecher.

Die Bahn war überfüllt, ausdruckslos starrten die Menschen vor sich hin. Steffen hielt sich an einem Griff fest, der schmierig war und nach Schweiß roch. Er sah einen freien Platz und setzte sich. Ihm gegenüber saß eine junge Frau, die in einem Buch las. Sie hatte halblange, dunkelblonde Haare, ein schmales Gesicht, genau wie Anne. Steffen versuchte, den Titel zu erfassen. „Das Leben ist ein Schatten und nicht aufzuhalten”. Das zielt direkt auf mich, dachte er. Ich fühle mich nur noch als Schatten meiner selbst. Er schluckte und sah wieder auf das Buch. Nicht aufzuhalten, nicht auszuhalten. Ja, so ist es. Ich halte mich selbst nicht aus. Das Leben jagt an mir vorbei, die Zeit zerfließt und lässt sich nicht fassen.
Bei dem Gedanken, dass sie ihn anschauen könnte, begann sein Herz schneller zu klopfen
Die junge Frau sah auf und lächelte. Einen Moment stand die Zeit still. Anne am Strand auf der Sithonia, ihre Augen hatten die Farbe des Meeres.
„Interessiert Sie das Buch?”, fragte sie.
Er fiel in die Gegenwart zurück und der Schweiß brach ihm aus allen Poren.
„Ich interessiere mich für gar nichts”, antwortete er. Sein Mund war trocken.
Sie schaute ihn erschrocken an. Steffen wand sich innerlich, er wollte raus, nur raus. Die Bahn verlangsamte ihre Fahrt.
„Nächster Halt: Ostendstraße”, tönte die Stimme aus dem Lautsprecher. Steffen stand abrupt auf und drängte sich durch die Menge zur Tür. Er stolperte über den Bahnsteig, rannte hinaus in die kalte Dezemberluft, zum Mainufer hinab. Hier konnte er freier atmen. Die Sonne hing blass zwischen schweren Wolken; Blätter raschelten unter seinen Schuhen. Gedankenverloren ging er den gemauerten Kai entlang. Hier war er im Sommer oft mit Anne gewesen. In den Nächten nach den Rockkonzerten hatten sie sich unter den Palmen im „Nizza” geliebt. Sie war alles gewesen für ihn. Ich habe nicht mehr die Kraft für zwei, hatte sie bei ihrer letzten Begegnung gesagt.
Das Wasser war schmutziggrün; Krähen fielen zeternd in die Pappeln ein und ein Obdachloser prostete ihm mit einer Flasche Rotwein zu. Vielleicht liege ich auch bald auf der Straße wie der, dachte Steffen. Hinter den Weiden ragten die Glasbetonkörper der Großbanken in den Himmel. Ein Schweigen lag über Frankfurt, untermalt vom Grundrauschen der Zivilisation.

Er lief am Eisernen Steg vorbei zum Römer. Das Rauschen wurde stärker. Menschen glitten vorüber wie Schatten, Satzfetzen gellten in seinen Ohren. Das ist die Hölle, dachte er, durch die Welt zu gehen und von niemandem bemerkt zu werden. Auf dem Römer waren Weihnachtsstände aufgebaut; Düfte nach Thüringer Bratwurst und Glühwein wehten ihm entgegen. Das Gedränge und die Stimmen wurden so dicht, dass er das Gefühl hatte, zur Bedeutungslosigkeit zu schrumpfen. Er kämpfte sich zu einem Stand durch und bestellte eine Curry mit Pommes. Beim Essen tropfte ihm Ketchup auf den Mantelkragen. Ein paar Jugendliche schauten in seine Richtung und lachten. Steffen verließ fluchtartig den Weihnachtsmarkt. Vor der Buchhandlung „Wohlthat” fiel sein Blick auf ein Plakat:„Weitere terroristische Anschläge auf weiche Ziele werden erwartet. Meiden Sie strategisch wichtige Punkte.” Das Gefühl der Angst und der Trennung vom Rest der Welt steigerte sich zur Panik. Kalter Schweiß lief ihm den Rücken herunter; er hatte das Gefühl, von den Beinen aufwärts gelähmt zu werden. Lauf, solange du noch kannst!, rief er sich zu.

Er rannte durch die Fußgängerzone, rannte immer weiter, bis er an eine Kreuzung kam. Autos hupten, das Rauschen schwoll an, steigerte sich zu einem Brausen, schwoll wieder ab. Reifen quietschten, Lastwagen dröhnten, ein Presslufthammer ließ die Erde erzittern und das Dröhnen ging in ein Krachen über, das die Welt zu sprengen drohte. Steffen verlor den Boden unter den Füßen. Die Fassaden der Häuser senkten sich; in einem rasenden Wirbel flogen Menschen, Fahrräder, Autos, Wasserhäuschen und Schaufenster an ihm vorüber. Das Krachen wurde zum Kreischen, wurde durchdringend, überlaut, ohrenbetäubend, markerschütternd, grenzüberschreiend. Die Mauern stürzten mit einem finalen Knall über ihm zusammen.

Er öffnete die Augen. Kalkwände, der Geruch nach Desinfektionsmitteln. Eine Frau näherte sich seinem Bett. Sie trug einen weißen Kittel und blickte ihn aus warmen, braunen Augen an.
„Guten Abend”, sagte sie mit einer angenehm tiefen Stimme.
„Wie komme ich hierher? Ich will sofort nach Hause.”
Steffen machte Anstalten, aus dem Bett zu steigen.
Sanft drückte sie ihn zurück in die Kissen.
„Mein Name ist Dr. Christiansen”, sagte sie und lächelte.„Sie sind vom Notarzt bei uns eingeliefert worden. Sie hatten eine psychotische Dekompensation.”
„So ein Quatsch! Was soll denn das sein?”
„Sie sind seelisch zusammengebrochen.”
„Etwas ist über mich hereingestürzt – dann verlor ich das Bewusstsein.”
„Jeder psychisch kranke Mensch ist hypersensibel, was seine Umwelt betrifft. Sie brauchen vor allem Ruhe und Schonung.”
Ob es wirklich Hilfe für ihn gab? Er sehnte sich nach nichts mehr als danach. Einfach nur Ruhe, eine Welt, die überschaubar war, mit leisen Tönen und Menschen, die miteinander redeten.
„Ich brauche Sie nicht”, sagte er laut.
„Wir bieten Ihnen an, einige Zeit zur Behandlung hier zu bleiben. Mit den neuen Psychopharmaka und mit Psychotherapie können wir Ihnen helfen, ein beschwerdefreieres Leben zu führen.”

Glaub ihr nicht. Die wollen dich lahm legen, deine Gefühle niedermachen. Er wusste nicht, ob diese Stimme in ihm oder außerhalb seiner selbst war.
Steffen presste die Lippen zusammen. In seinem Kopf rasten die Gedanken. Er konnte keinen von ihnen fassen, auch nicht den Bruchteil von einem Gedanken.
Die Ärztin schaute ihm in die Augen.
„Wir brauchen Ihre Compliance. Sind Sie mit der Behandlung einverstanden? Ich möchte Ihnen eine Haldol- Spritze geben. Sie wirkt dämpfend auf das zentrale Nervensystem.”
„Nein, keine Spritze, lass dich nicht von ihnen einfangen”, schrie die Stimme. „Lauf weg! Du kannst dich noch retten!”Steffen sprang aus dem Bett, stieß die Ärztin beiseite, rannte aus dem Zimmer, vorbei an Pflegern und Schwestern, die ihn vergeblich aufzuhalten versuchten, hinaus aus der Klinik, in die Stadt hinein. Er keuchte und sah gehetzt in die Gesichter, die sich zu teuflischen Fratzen verzerrt hatten. Steffen hielt inne. Einen Moment lang stand die Zeit still.
Ohrenbetäubendes Krachen riss ihn herum. Schaufensterscheiben klirrten. Es schmerzte ihn in den Ohren und er presste verzweifelt seine Hände darauf. Das Ungeheuer bohrte sich hinein in das Glas, in den Beton, in die berstenden Fassaden. Alles Leben ging in Flammen auf, alle Zivilisation brach auseinander und flog dem Nichts entgegen. Und über dem zerflatternden Sinn sah er ihre Augen, die über alle Grenzen hinweg voller Liebe waren.

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