Grenzgänger

von Christa Schmid-Lotz (Copyright)

Hoch über den Pyrenäen flirrt das Licht des Mittelmeeres und Dörfer reihen sich wie Perlen in die Wellen aus Erde und Macchia. Einzelne Gehöfte stehen neben Steineichen, Ziegen grasen verstreut und klettern über Felsen. Am Fuß der Berge, umrahmt von Rebstöcken das Städtchen Banyuls sur Mer. Es war das steingewordene Asyl dreier Menschen geworden, ein Haus, ockerrot, dessen Fenster sich zum Meer hin öffneten. Die Sonne war untergegangen und die Nacht fiel ohne Übergang herein. Lisa Fittko kehrte aus dem Ort zurück, wo sie Brot, Wasser und Decken organisiert hatte.

„ Ich bin ganz aufgeregt … es ist das erste Mal, dass ich Flüchtlinge über die Berge führe!“

Walter erschrak.„Ich dachte, wir nehmen den Küstenweg …“

„Feuchtwanger hat ein bisschen viel geredet in New York … seitdem wird die Küste stärker bewacht. Die Gestapo schnüffelt schon in Cerbère herum. Es ist die einzige Möglichkeit. Der Bürgermeister hat mir den Schmugglerpfad über die Pyrenäen gezeigt.“

„Also, gehen wir.“

Walter nahm seine schwarze Tasche und verließ mit Lisa und den beiden anderen das Haus. Sein Herz tat weh, er fühlte sich müde und unendlich alt. Er wäre gern noch an diesem Ort geblieben, hätte den Fischern beim Einholen der Netze zugeschaut und geschrieben. Doch die Flucht, die schon durch halb Frankreich geführt hatte, war noch nicht zuende. Sie wanderten bergauf durch die Weinberge und kamen nur langsam voran. Es wurde kühler, der Weg steiniger und steiler. Außer dem Schrei der Eulen und den Ziegenglocken war kein Laut zu vernehmen. Der Kegel von Lisas Taschenlampe tanzte voraus und erhellte den Abglanz einer Vegetation, die auch in diesen Höhen noch dem Wetter trotzte. Sterne standen eisig klar am Himmel. Walters Atem ging schwer. Er spürte die Nervosität der anderen. Mühsam stolperte er weiter, die schwarze Tasche an sich pressend. Sie war ihm wichtiger als sein Leben. Sie mussten sich unter freiem Himmel ein Nachtlager einrichten und drängten sich zusammen, um sich zu wärmen. Am anderen Tag stieg die Sonne glühend empor. Nach Stunden, die Walter wie Tage vorkamen, sahen sie die roten Dächer von Port Bou unter sich. Weit draußen auf dem Meer, im Glast des Horizontes, zog ein Dampfer dahin.

„Wir sind da!“, rief Lisa. „Gehen Sie gleich zum Polizeiposten und zeigen Sie Ihre Papiere. Sie haben ja von Horkheimer das Visum für die USA. Und morgen früh nehmen Sie den ersten Zug nach Lissabon … aber das wissen Sie ja alles. Viel Glück in Spanien, Herr Benjamin!“

„Viel Glück in der freien France,“ entgegnete er mit einer Verbeugung.

Lisa verabschiedete sich von ihren Begleitern und machte sich auf den Rückweg. Walter nahm seine letzten Kräfte zusammen und stieg mit den anderen den Berg hinab. Verbrannte Erde überall. Kein Haus des Dorfes war ganz geblieben, der riesige Bahnhof schwer beschädigt. An diesem Ort hatte die letzte Schlacht des spanischen Bürgerkrieges stattgefunden.
Auf der Polizeiwache wies man ihre Papiere zurück.

„Sie brauchen ein französisches Ausreisevisum, um bei uns einzureisen. Wurde gestern von der Regierung beschlossen“

Den drei Flüchtlingen wich alles Blut aus dem Gesicht. Sie wussten, was das bedeutete.
In einer Seitengasse stand das Gebäude, das ihnen Zuflucht bieten sollte. Walter klopfte an die Tür und kurze Zeit später wurde ihnen aufgemacht. Der Mann sah hastig in die Gasse hinein.

„Venga, Senoras, Senor Benjamin … Sie sehen furchtbar krank aus! Aqui, in diese Kammer. Die Damen nach oben.“
„Ich bin am Ende. Könnten Sie mir einen Arzt schicken?“
„Si, un poco mas tarde.“

Walter legte sich aufs Bett und schloss die Augen. Das alles hätte er sich und vor allem den anderen ersparen können, wenn er schon damals in Ibiza … er hörte, wie die Wellen an den Strand rauschten und die Möwen kreischten. Die Schmerzen waren wieder stärker geworden. Er zog seine Tasche zu sich herüber und entnahm ihr ein Päckchen, drehte sich zitternd eine Zigarette und rauchte sie hastig. Der Schmerz ließ nach und er hatte das Gefühl, dass der Raum sich allmählich ausdehnte. Es war, als seien noch mehr Menschen um ihn herum. Irgendwann dämmerte er hinüber.

Jemand fasste ihn sanft an der Schulter. Der Medico war gekommen. Er war schwarz gekleidet, lang aufgeschossen und uralt.
Walter richtete sich auf.
„Ich danke Ihnen unendlich, dass sie gekommen sind, Monsieur. “

Die Bewegungen des Arztes waren langsam, unsicher, sein Ausdruck einsilbig.
„Wo sitzt denn der Schmerz? Da?“
„Ja, genau da …“
Wie der Holzwurm, der den Herrn Holz auffrisst, dachte er.
„Ich gebe Ihnen etwas Laudanum. Nehmen Sie auf keinen Fall Morphin zu sich!“

5.40. Ein Pfiff des Zuges hatte ihn geweckt. Jetzt müssten Sie eigentlich, ohne Kaffee zu trinken, in die Kleider fahren und zum Bahnhof rennen. Barcelona, Madrid, Lissabon. Er würde nie mehr den Fischern beim Einholen der Netze, den Tänzerinnen im Barrio Chino zuschauen. Sein Schreiben, die Literatur war unterlegen im Kampf gegen die Barbarei. Er bekam keine Luft mehr, hörte sein eigenes, erbittertes Röcheln.

6.15. Ein Hahn krähte. Halb liegend schrieb er einen Brief an seinen Freund David, nahm eine große Dosis Morphin und lehnte sich wieder zurück.

„Monsieur, Sie haben mir doch versprochen …“, aber das war jetzt nicht mehr wichtig. Er versank in einer dunklen, ihn süß umfangenden Namenlosigkeit, die nur mehr Bilder des Gewesenen zuließen. Er würde über keine weitere Grenze mehr gehen, keinen Geleitbrief mehr vorweisen müssen. Die dicke Brille sank ihm von der Nase und mit einem Seufzer schloss er die Augen.

Als der Arzt seine Untersuchung beendet hatte, krachte es an der Tür. Ein Beamter der Guardia Civil kam hereingepoltert.

„Que paso? Was ist passiert?“
„Senor Benjamin ist tot.“
„Todesursache?“
„Hirnblutung.“
„Es desagragable. Das ist unangenehm.“

Er ging hinaus und sie hörten ihn halblaut mit einem Kollegen sprechen. Beide kamen mit ernsten Mienen zurück.

„Die Umstände veranlassen uns zu einer Ausnahme. Die beiden Damen dürfen einreisen.“Epilog
Der Friedhof von Port Bou steht auf einem Felsen über dem Meer. An seinem Eingang befindet sich eine Tafel mit den Worten: Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu wahren als das der Berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht. Der Besucher erfährt, dass die schwarze Tasche, die wertvolle Dokumente enthielt, nie wieder aufgetaucht ist. Und dass an diesem Ort ein Kampf gegen das Vergessen stattfindet. Er geht durch einen Tunnel, der im Wasser endet. Aber nur scheinbar führt der Weg in die Freiheit; es ist eine Glaswand davor. Ockerrot kleben die Häuser in der Bucht, verbrannte Erde und Baumstümpfe weisen anklagend in den Himmel, mächtig ragt das Gebirge empor, Dörfer reihen sich wie Perlen in die Wellen und am Horizont verglast das Licht.

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