Hallo

von Steffi Beckmann (Copyright)

Während der Semesterferien helfe ich gelegentlich Peter, meinem Freund, in dessen Taxiunternehmen aus. Im Lauf der Zeit hat sich das so eingespielt bei uns. Schließlich wollen wir für uns beide eine gemeinsame Zukunft aufbauen. Da zählt jeder Cent zum ganzen Euro.
Und wieder so ein Tag, an dem sich Fassungslosigkeit breit macht. Entsetzen und heulendes Elend reichen sich die Hände, schütteln sich warm.
Ich stehe in diesem steril getünchten Hausflur, den Türknauf noch in der Hand und warte auf die alte Frau Schröder, meinen nächsten Fahrgast. Während ich mit einem gekonnten Schnipp den Rest meiner Zigarette auf den Gehweg befördere, kreisen die Gedanken in meinem Hirn.
„Hallo, hallo”, höre ich es schallen, durchdringend, gleichzeitig zerbrechlich, splitternd wie Glas. Es hat keinerlei Bedeutung, für mich. Es kann mich nicht meinen, ich warte hier nur. Gehöre gar nicht hierher. “Hallo, hallo!” Da ist es schon wieder, fordernder. Ich wische es weg, denn es stört mich, irgendwie.
Meine Hand friert langsam am Türknauf fest. “Hallo, Hallo, jetzt habe ich dich erkannt”, klingt es. Fast erleichtert denke ich: “Schön, endlich.” Das Wippen meiner rechten Schuhspitze wird ungeduldiger. Frau Schröder sucht kramend in ihrer, recht abgenutzt aussehenden, Handtasche nach dem Wohnungsschlüssel. Sie ist nie bereit für die wöchentlich wiederkehrende Fahrt zur Praxis ihres Hausarztes. Egal, ob ich pünktlich bin oder mich verspäte, sie ist noch nicht fertig.
Inzwischen wird es höchste Zeit. Da ist es wieder dieses “Hallo”, bettelnd, es macht mich mürbe, tut weh in meinen Ohren. Frau Schröder sagt: „Das geht nun schon seit 30 Minuten so.“ Nach der heutigen Ursache für das Rufen zu suchen, daran habe sie zwar gedacht, erklärt sie, doch es sei ihr unmöglich. Leider. Sie kann die Treppen nicht steigen, sie selbst ist gebrechlich und alt. Keiner im Haus steigt die Treppen nach oben, niemand ist da, der es könnte.
Ich könnte, ich bin jung und gesund. Frau Schröder nimmt inzwischen im Wagen Platz, während ich in den Hausflur zurückkehre. Ich beginne, das “Hallo” zu suchen. Es steht irgendwo in einer Tür, verloren, alt und hilflos. Es ruft, ruft nach mir!? Es sieht mich nicht. Ich kenne es nicht. Ich kenne nur den Hausflur, seit Jahren. Es muss dringend zur Toilette ruft es, das „Hallo“. Auch das noch, und das passiert ausgerechnet mir, einer vollkommen Fremden. Ich steige die Treppen weiter nach oben und nun sehe ich es zum ersten Mal. Wir stehen uns direkt gegenüber. Es bekommt ein Aussehen. Ein aufflackerndes Erkennen erleuchtet für einen Moment den Hausflur.
Eine alte Dame ist die Ruferin. Ihr ehemals weißes T-Shirt hat sicher auch schon bessere Tage gesehen, genau wie sie selbst. Ich erkenne Spuren der letzten Mahlzeiten, nicht gerade wenige. Mit der offenen Vertrautheit eines 3- jährigen Kindes, bittet sie mich zu sich herein. Sie stützt sich auf eine vierrädrige Gehhilfe, scheint froh, der Einsamkeit entkommen zu sein, diesmal. Der eben noch beabsichtigte Gang zur Toilette, sie hat ihn schon wieder vergessen. Unkenntnis darüber wer oder was ich bin. Sie scheint nicht einmal zu wissen, wer oder was sie selbst ist.
Ich helfe ihr zurück in ihren Sessel. Ein Glas Orangensaft steht auf dem Tisch, daneben eine Lesebrille, keine Zeitung. Im Chaos des Zimmers werde ich von drückender Schwüle empfangen. Sicher sind alle Heizkörper in der Wohnung bis zum Äußersten auf gedreht. Es riecht unangenehm, ich kann kaum atmen. Ekel kriecht mich an oder ist es mein eigenes Entsetzen?
Sie bleibt still vor sich hin starrend in ihrem Sessel sitzen. Bevor ich die Wohnungstür hinter mir zu ziehe, bittet sie mich leise und mit zitternder Stimme, Herrmann zu suchen. Sie vermisst ihn, sie braucht ihn, sie wartet auf ihn. Ihren Herrmann.

Zurück beim Auto empfinde ich den Schmerz dieses eben gesehenen Jammerbildes, bohrend, stechend. Ich kann es kaum glauben. Wer ist Herrmann?
Als ich den Motor starte, sagt Frau Schröder seufzend: “Das war Frau Pauly. Sie hat Alzheimer, seit Jahren.”

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Go back to top