Heimkehr nach Jacobsund

von Reinalde Wahnrau-Sander (Copyright)

Heute Morgen bin ich auf unseren Hof zurückgekehrt. Göran, mein Sohn, bewirtschaftet ihn jetzt. Er ist inzwischen achtundzwanzig Jahre alt, und seit einem Jahr ist er mit Elisa verheiratet. Sie ist eine hübsche, junge Frau mit blondem Haar, einer rundlichen Figur und einem fröhlich freundlichen Gesicht. Es sieht so aus, als könnte sie meinen ernsten, traurigen Göran glücklich machen. Glücklich macht ihn gewiss der Anblick, wenn sein kleiner Sohn Ole an Elisas praller Brust seinen Hunger stillt. Der Kleine ist zwei Monate alt und ein prächtiger Bursche. Auch ich fühlte nach so langer Zeit wieder so etwas wie ein kleines bisschen Glück, als ich die beiden sah.
Jetzt schlafen sie schon, die drei. Ich sitze hier auf der Veranda und schaue in den noch hellen Himmel. Sie sind lang, die Abende hier oben im Norden von Norwegen, aber nur in den Sommermonaten.
Elisa hat für mich das Zimmer eingerichtet, dessen Tür auf die Veranda führt, die an der Westseite des Hauses verläuft. Früher einmal war es Georgs und mein Schlafzimmer. Ob Elisa das gewusst hat? Sie hat mir ein schönes, großes Bett hineingestellt mit weichen, weiß bezogenen Federkissen. Darüber hat sie die Bettdecke gebreitet, die ich als junge Frau an den langen Winterabenden, die es hier in Norwegen gibt, gearbeitet habe. Georg hat neben mir gesessen und die Armlehnen für den Lehnstuhl geschnitzt. Den hat Elisa mir auch ins Zimmer gestellt, dazu den alten, bunt bemalten Schrank, den es schon auf dem Hof gab, als ich als junge Ehefrau hierher gekommen bin. Georg sagte, seine Großmutter hätte ihn mit in die Ehe gebracht. Ein Tisch und zwei Stühle fehlen auch nicht in meinem Zimmer. Auf den Tisch hat Elisa einen Fliederstrauß gestellt. Göran hat Großvaters Schaukelstuhl für mich repariert, damit ich auf der Veranda darin sitzen kann. Sie haben sich solche Mühe gegeben, es mir gemütlich zu machen.
Es ist so lange her, dass ich zum letzten Mal hier war, hier auf dieser Veranda, hier in diesem Haus, hier in diesem Zimmer. Fünfzehn Jahre! Fünfzehn Jahre war ich fort. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit und dann doch nur wie ein Augenblick. Es ist mir hier alles so vertraut und doch so fremd. Ich habe heute den Schrank gestreichelt, in den ich einst mein Brautkleid gehängt hatte. Ich habe mit Befremden den modernen Anbau an das alte Haus gesehen. Göran und Elisa wohnen dort. Sie haben Zentralheizung und elektrisches Licht.
Ja, es hat sich viel getan in den fünfzehn Jahren, die ich fort war. Jacobsund ist eine Stadt geworden. Früher war da nur ein Bahnhof und der Krämerladen vom alten Johannson. Heute sind wir über asphaltierte Straßen an schmucken Häusern vorbei gefahren, manche sogar aus Stein und drei Stockwerke hoch. Aber auch rot und gelb gestrichene Einfamilienhäuser, traditionell aus Holz gebaut, mit weißen Fensterrahmen und gepflegten Vorgärten habe ich gesehen.
Die Wiese hinter unserer Scheune sieht aus wie immer und die Schafe darauf auch. Aber es werden wohl nicht mehr die gleichen sein. Die alten Birken unten am Fluss sind noch älter geworden, genau wie ich. Der Rosenstrauch an der Südseite des Hauses, den ich gepflanzt habe, rankt bis zum Dach und blüht in üppigem Rot.
Ich sehe hinaus in die Weite des Abends. Ich mag noch nicht in dies Zimmer gehen, das Elisa so liebevoll hergerichtet hat und das für mich so voller Erinnerungen ist, Erinnerungen an dich, Georg. Hier in diesem Zimmer haben wir unsere Hochzeitsnacht verbracht. Hier bin ich deine Frau geworden. Weißt du noch, Georg? Ich war so ein junges Ding, so voll Lebensmut und Fröhlichkeit. Ich habe dich so sehr geliebt, Georg! Wir waren glücklich hier, hier in diesem Zimmer, hier auf dieser Veranda. Hier haben wir an den langen, hellen Sommerabenden gesessen, die so waren wie der heutige Abend, und über den vergangenen Tag und unsere Träume für die Zukunft geredet. Hier hast du meine Hand gehalten, Georg. Hier hast du mich geküßt. In diesem Zimmer habe ich unseren Sohn Göran empfangen und ge-boren und unsere Tochter Sigrun, die mich jetzt verachtet, weil ich nicht zulassen konnte, dass sie je erfuhr, was wirklich geschehen war. Hier haben wir die Kinder aufwachsen sehen. Ja, fast! Hier waren wir glücklich bis zu dieser unseligen Nacht vor mehr als fünfzehn Jahren.
Es war ein langer, harter Winter gewesen. Aber der April brachte unerwartet ein paar schöne, sonnige Tage. Der Schnee auf dem Südhang fing an zu schmelzen, und an manchen Stellen lugte schon das Gras hervor. Georg hatte die Schafe auf die Wiese gelassen, damit sie von dem Gras fressen konnten. Als Göran sie abends wieder in den Stall treiben sollte, kam er atemlos auf das Haus zugelaufen.
„Vater, zwei Schafe sind tot. Irgend ein Tier hat sie gerissen, vielleicht ein Wolf.“
Georg besah sich den Schaden.
„Das war kein Wolf. Das war ein Bär. Sieh dir die Spuren an, mein Sohn! Es war ein großer Bär.“
„Ich wusste gar nicht, dass Bären so nah an die Häuser kommen.“
„Sie haben Hunger, Göran. Es gibt kaum noch etwas zu fressen für sie nach dem langen Winter. Da kommen sie schon manchmal in die Nähe der Menschen.“
Ich hörte dem gelassen zu. Bären waren schon häufiger bis zur Siedlung gekommen. Mein Großvater hatte mal einen geschossen. Das Fell hatte er gerben lassen und in seinen Lehnstuhl gelegt. Ich erinnerte mich, dass ich als Kind die Weichheit dieses Felles geliebt hatte. Bären machten mir keine Angst. Aber Göran war dreizehn Jahre alt und witterte das Abenteuer.
„Wenn der Bär unsere Schafe reißt, müssen wir ihn doch töten, Vater. Gehen wir auf Bärenjagd?“
„Nein, mein Junge,“ lachte Georg, „wir passen nur auf, dass der Bär nicht noch mehr von unseren Schafen frisst.“
Es war stockfinstere Nacht. Zunächst wusste ich nicht, was mich geweckt hatte. Ich hörte Georgs leichte Atemzüge neben mir. Auch er war wach und horchte. Aber dann merkte ich es. Es hörte sich an, als ob Holz splitterte. Es rumorte und tobte. Dazwischen hörte ich das tiefe Brummen des Bären und das ängstliche Blöken der Schafe. Der Bär war da. Ich griff nach den Streichhölzern auf meinem Nachttisch.
„Nicht,“ sagte Georg leise und hielt mein Hand fest, „mach kein Licht. Das vertreibt ihn nur. Ich versuche ihn zu erwischen.“Ich hörte das Rascheln, als Georg seine Hose und Jacke anzog, das Klicken der Tür, als er sein Gewehr aus dem Waffenschrank nahm. Sehen konnte man in der tiefschwarzen Dunkelheit nichts. Klick! Georg entsicherte das Gewehr. Krrr! Die Haustür knarrte. Ich tappte zur Tür und starrte in die absolute Dunkelheit. Ich strengte mich an, etwas zu sehen. Aber da war nur Finsternis! Schwere Wolken verdunkelten den Himmel, kein Stern, kein Mond, nichts! Noch nicht einmal die Schneereste leuchteten auf. Ein leises Rascheln hinter mir! Ich drehte mich um. Aber im Haus war noch weniger zu sehen. Dann wieder das unheimliche Rumoren am Stall.
Der Knall des Gewehrschusses erschreckte mich fast zu Tode. Im Mündungsfeuer von Georgs Gewehr sah ich die beiden für einen kurzen Augenblick. Hochaufgerichtet stand der Bär keine drei Meter vor Georg. Ein zweiter Schuss aus einem Gewehr direkt neben meinem Ohr ließ mich fast taub werden und vor Schreck erstarren. Dann Totenstille. Nach einer Ewigkeit, wie mir schien, sagte Göran neben mir:
„Ich glaube, ich habe ihn getroffen.“
Ich tastete mich auf Göran zu und nahm ihn in die Arme.
„Vater wird gleich zurück sein.“
Aber Georg kam nicht. Als das frühe Dämmerlicht des Morgens ein paar Konturen erkennen ließ, gingen Göran und ich zitternd in den Hof. Da lagen sie, der Bär und Georg. Ihr warmes Blut hatte die Schneereste geschmolzen, und der Frost des Morgens das Blut gefrieren lassen. Der Bär hatte ein Einschussloch in der Brust, Georg im Rücken.
Ich weiß nicht mehr, wie laut und wie lange ich geschrien habe.
Auf einmal waren sie alle da, unsere Nachbarn Erik und Anna, Frederik und Brigitta, das ganze Dorf. Göran stand da mit kreidebleichem Gesicht. Tränen strömten über seine Wangen. Er hatte sich erbrochen.
„Ich habe geschossen,“ schrie ich, „ich habe doch nur auf den Bären geschossen.“

Vor Gericht habe ich es immer wieder gesagt: „Ich habe geschossen. Ich habe auf den Bären geschossen.“
Niemand hat Göran gefragt. Er hat nie etwas gesagt. Er saß im Gerichtssaal mit versteinertem, kalkweißem Gesicht.“
Sigrun war erst elf. Der Hass erstickte ihre Stimme, als sie mir entgegen schleuderte:
„Du hast meinen Vater umgebracht.“

Heute Morgen bin ich nach fünfzehn Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen worden. Ich werde jetzt zu Bett gehen, das in diesem Zimmer steht, in dem ich zuletzt mit Georg geschlafen habe. Aber ich werde das Licht nicht ausmachen. Ich lasse die Lampe die ganze Nacht an. In allen Nächten.

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