Im Labyrinth

von Barbara Strauss (Copyright)

Zur Zeit der Sommersonnenwende machte Antara sich auf den Weg. Sie schlug sich durch den Fels, in den sie einst verbannt worden war, sprengte Gestein und zwängte sich durch rauhe Spalten, bis sie das grüne Labyrinth erreichte. Dort wusch sie sich mit dem schwarzen Wasser aus dem Fluß der Zeit, und ihr geschundener Leib wurde wieder weiß und makellos.

Nur ab und zu konnte sie den fahlen Himmel über sich sehen, als sie weiter vordrang in das dunkle Grün, immer dem Lauf des Flusses folgend. Als sie merkte, daß er sie auf den falschen Weg geführt hatte, war es beinah zu spät. Ein Sumpf griff träge nach ihr. Er schmatzte und brodelte.

„Ein Labyrinth ist ein Labyrinth„, wisperte und kicherte es in den Blättern.

„Du mußt dich verirren, um den rechten Weg zu finden„, knarrte es im Gehölz.

Nur der Fluß sagte kein Wort.

Antara ergriff einen dürren Ast. Der Sumpf schwappte über vor Bosheit.

„Damit soll dir die Umkehr gelingen?„ gurgelte er.

Antara beachtete ihn nicht. Der Ast würde nicht brechen, weil sie von ihm erwartete, daß er sie rette. Doch von solchen Dingen hatte der uralte Sumpf keine Ahnung.

Antara wich ab vom Lauf des Flusses. Da ergriff ihn große Trauer, und er ließ sein Wasser so klar werden wie Glas, und von seinem Grund schimmerten Kristalle und Gold. Jedoch vermochte er Antara damit nicht zu beirren.

Ihre Suche galt nicht ihm.

Ziellos irrte Antara nun weiter, bis ihre Haut von Dornen zerfetzt und der Durst unerträglich war. Jetzt tat es ihr leid, den Fluß verlassen zu haben. Undankbar sei sie gewesen, warf sie sich vor. Müde legte sie sich auf kühlen Grund, um ihrem brennenden Körper Linderung zu verschaffen.

Da schlang sich etwas Kaltes um ihre Brust, und sie schrie auf. Es waren unzählige Finger, die nach ihr griffen, eisig und beinahe ohne Substanz. Schwärzer als alles, was sie bisher gesehen, umschlangen sie Antara. Und als sie sie abschütteln wollte, vereinten sie sich zu einer einzigen Hand, und sie schwamm darin.

Der Fluß war ihr nachgeschlichen, hatte sie eingeholt und in sein Bett getragen.

„Sei meine Geliebte!„ flehte er und wiegte sie verführerisch.

Ihr Leib wurde wieder weiß und makellos, der Durst gestillt, und ihre Haut prickelte vor Erregung, als der Fluß sie sanft mit seinen Wellen koste. Beinahe hätte sie sich hingegeben. Im letzten Augenblick bäumte sie sich auf und schwamm ans Ufer.

Ihr Begehren galt nicht ihm.

Antara irrte weiter und gelangte schließlich an ein kunstvoll gedrechseltes Tor aus Holz, älter noch als der uralte Sumpf und härter noch als der Fels, aus dem sie sich befreit hatte, und es hatte weder Spalten noch Ritzen, durch die sie sich zwängen konnte. Auch vermochte sie den Riegel nicht zu sprengen. So setzte sie sich vor das Tor um zu warten.

Ihr gehörten die Unendlichkeit, alle Nächte, alle Trauer und alle Sehnsucht. Nur der nicht, der hinter dem Tor auf sie wartete.

„Das ist das Ende des Weges„, säuselte es hinter ihr. Der Fluß hatte nicht aufgegeben. Abwechselnd schwarz und dann wieder kristallklar streckte er seine nassen Arme nach Antara aus. Sie rückte näher ans Tor, bis sie beinahe eins wurde mit dem glatten, uralten Holz und suchte dem Fluß zu entkommen.

Ihr Sehnen galt nicht ihm.

Der Fluß zerrte an ihr, um sie von dem Holz zu lösen, und sein Wasser machte das Holz rissig und weichte es auf. Da lächelte Antara befreit, und der Fluß wich geblendet zurück. Doch als er erkannte, daß ihr Lächeln nicht für ihn bestimmt gewesen war, ließ er zornig eine Woge gegen das Mädchen prallen, und das Tor zersprang in unzählige Splitter.

Antara stolperte über die Schwelle. Hinter ihr gefror der Fluß hoch aufgetürmt zu Eis. Auch der Atem Antaras wurde zu Eis. Die Suche war zu Ende. Antara erhob sich und blickte zu einem Galgen auf. Ein Körper, so jung und wohlgestaltet, wiegte sich im frostigen Hauch. Es war zu spät.

„Wärst du geblieben, er wäre zu dir gekommen!„ dröhnte es hämisch aus dem Schwarz hinter ihr.

Antara setzte sich unter den Galgen. Ihr blieben die Unendlichkeit, alle Nächte, alle Trauer und alle Sehnsucht zu wachen mit dem toten Geliebten.

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