Katzenmond

von Christa Schmid-Lotz (Copyright)

Das Haus von Tante Olga stand noch genauso da, wie Johann es in Erinnerung hatte. Weiß, herrschaftlich, halb versteckt hinter uralten Bäumen. Der Bach gluckste immer noch an der Weide vorbei. Johann sah zu den Fenstern im zweiten Stock hinauf. Hier hatten er und seine Schwester Lisa oft ihre Ferien verbracht. Dreißig Jahre war das jetzt her!
Er dachte an die Beerdigung, daran, wie teilnahmslos er alles über sich hatte ergehen lassen. Kurz nach dem Tod der Tante hatte sich seine geliebte Schwester das Leben genommen. Seitdem war nichts mehr wie zuvor. Johann konnte sich kaum noch auf seine Arbeit konzentrieren, hatte Alpträume und manchmal fiel ihm tagsüber der Kopf auf die Brust vor Müdigkeit. Seine Gedanken drehten sich ständig im Kreis.

Er wollte wissen, warum Lisa ohne Abschied gegangen war, warum zwei Menschen, die sich so nahe standen, einfach auseinandergerissen wurden. Im Elternhaus hatte er keinerlei Hinweise entdeckt. Hier, wo Lisa und er so glückliche Tage verbracht hatten, würde er vielleicht etwas finden.
Er schloss die Tür auf, durchquerte das Vestibül des Flures und ging über die Treppe langsam nach oben.
‚Der gleiche Geruch wie damals!’, dachte er.
Seine Wahrnehmung hatte ihn nicht getäuscht: in der Küche wimmelte es von Katzen; schwarze, rotgefleckte, graue, getigerte. Sie lagen zusammengerollt und schnurrten, strichen auf lautlosen Pfoten herum und blickten ihn an, als warteten sie auf etwas.
Natürlich! Während der Beerdigung hatte ihm jemand erzählt, es sei Tante Olgas Letzter Wille gewesen, die Tiere nicht in fremde Hände zu geben. Sie hatte abgöttisch an ihnen gehangen. Täglich kam jetzt eine Nachbarin, um sie zu versorgen.

Vorsichtig bahnte Johann sich einen Weg aus der Küche. Im Flur blickte ihm ein bleiches, hohlwangiges Gesicht aus dem dunklen Oval des Spiegels entgegen; die braunen Haare standen ihm wirr um den Kopf. Im Wohnzimmer hingen verblichene Bilder an den Wänden, eine gehäkelte Decke lag auf dem Rauchtisch. Alte Bücher wandten ihm ihre mürben Rücken zu. Ein Sekretär weckte seine Aufmerksamkeit; er war mit Intarsien verziert. Als er eine Schublade herauszog, ließ ihn das knarrende Geräusch zusammenfahren. Ein vergilbtes Fotoalbum lag darin. Johann begann zu blättern. Da war Tante Olga in ihren jungen Jahren. Gut hatte sie ausgesehen. Sie hatte ihre Arme fest um ihre beiden Brüder gelegt und blickte halb stolz, halb verlegen in die Kamera.

Die Brüder hatte er nie persönlich kennen gelernt; sie waren früh gestorben. Er erinnerte sich aber gut an seine große, strenge Tante mit den langen grauen Haaren, die sie meist zu Zöpfen gebunden und als Schnecke in ihrem Nacken getragen hatte. Und die immer ein wenig muffig roch. Heftig riss Johann die anderen Schubladen auf. In der untersten stand ein schlichtes, hölzernes Kästchen. Er öffnete es. Alte Schmuckstücke glänzten auf, feingearbeitete Uhren und einige Goldstücke. Er ließ sie durch die Finger gleiten. ‚Die haben höchstens Liebhaberwert,’ dachte er, ‚deswegen hat sie das Kästchen in ihrem Testament auch nicht erwähnt.’
Fast hätte er einen Brief auf dem Grunde der Schatulle übersehen. Johann riss ihn auf und las in der steilen, altdeutschen Schrift der Tante:

“Im fahlen Schein des Totenlichts,
bin mit den Brüdern ich vereint.
Küss ihr Gebein im fernen Nichts,
nehm’ ein Mädchen mit, das weint.”

Johann war kreidebleich geworden, Schweiß perlte von seiner Stirn. Von wem stammte dieses Gedicht? Hatte Tante Olga sich auch umgebracht? War seine ganze Familie krank? Ihm war übel, seine Knie zitterten. Er setzte sich auf den Fußboden in der Küche. Samtige Katzenhaare strichen über sein Gesicht.
Eine lähmende Müdigkeit überfiel ihn. Er konnte sich nicht entschließen, aufzustehen und aus dem Haus zu gehen, hatte Angst vor der kommenden Nacht, Angst, ins Bodenlose zu fallen.
Lang dämmerte er dahin. Als er wieder zu sich kam, war es dunkel. Durch das Küchenfenster schien fahl der Mond herein. Die Katzen hatten sich an ihn geschmiegt und schnurrten. Das tröstete ihn, aber er fühlte sich so verlassen wie nie zuvor in seinem Leben. Er dachte an die Tage, die er hier mit seiner Schwester verbracht hatte, an das Baumhaus, das sie gebaut, an den Bach, in dem sie versucht hatten, Forellen zu fangen, an ihre Streifzüge durch die Wälder und an die Katzen. Immer, wenn die Tante sie gerufen hatte, waren sie in einer Reihe aus dem Garten gekommen und auf Samtpfötchen die Treppe hinaufgerannt. Einmal war eine aus dem Fenster des zweiten Stockwerks gesprungen; sein Herz hatte heftig geklopft, aber sie war weich gelandet.

Ein Geräusch ließ ihn auffahren. Die Küchentür drehte sich quietschend in den Angeln. Seine Haare sträubten sich und seine Hände wurden nass. Entsetzt starrte er auf die Gestalt, die im Rahmen stand. Es war seine Tante. Ein muffiger Geruch wehte ihm entgegen. Ihr faltiges Gesicht war totenbleich, ihr Körper aufgedunsen und mit einem schmutzigweißen Hemd bekleidet. Sie spitzte die Lippen und wisperte:„Mies, Mies, Mies“!
Die Katzen fauchten, machten einen Buckel, dehnten sich und schlugen ihm dabei sanft ihre Krallen in die Oberschenkel. Dann liefen sie wie an einer Schnur gezogen zu der Gestalt hinüber. Und auch Johann spürte den unwiderstehlichen Zwang aufzustehen. Die Tante drehte sich um. Ihr graues Haar fiel ihr in unordentlichen Zöpfen auf den Rücken. Sie ging hinaus, gefolgt von den Tieren. Johann lief wie von einem bösen Zauber getrieben hinterher. Krachend fiel die Tür hinter ihnen zu. Die knarrenden Dielen der Treppe hinunter, wo sich der Katzengeruch mit dem nach Verwesung mischte. Durch den mondbeschienenen Garten gingen sie stumm in Richtung des Baches; die Trauerweiden glänzten und ließen ihre Zweige ins murmelnde Wasser hängen. Johann sah alles wie in Trance. Die Welt war in einer lautlosen Gespenstigkeit versunken.
Sie erreichten eine hölzerne Brücke, die sich bogenförmig über das Wasser spannte. Auf der anderen Seite begann der Wald. Oh Gott, da war doch der Friedhof! Er versuchte umzukehren, doch seine Beine gehorchten ihm nicht. Er wollte schreien, aber kein Laut kam über seine Lippen. Der Mond war hinter Wolken verschwunden und er sah die Katzen nur noch als Schemen. Die Bäume standen dunkel, kein Blatt regte sich. Die Pforte zum Friedhof war offen. Von den Kreuzen her schien es zu wispern und zu flüstern; Nebelschwaden wallten über die Gräber. An einer Grube, die wie der Schlund eines Abgrunds gähnte, machte die Tante halt. Sie hob die Arme. In diesem Moment trat der Mond hinter den Wolken hervor. Er beleuchtete den aufgeschütteten Erdwall, auf dem in einer Reihe die Katzen saßen.Plötzlich tauchte aus dem Nichts eine weitere Gestalt auf. Johann fiel auf die Knie. Es war seine Schwester Lisa! Ihre blonden Haare flossen auf ihr weißes Hemd. Tante und Schwester blickten ihn aus unergründlichen Augen an und winkten. Alles drehte sich um ihn, er stürzte und fiel in die Dunkelheit hinein. Er landete hart auf dem Rücken. Erde rieselte auf ihn herab, erst kleine Brocken, dann immer mehr. Jetzt waren es schon riesige Klumpen, die ihm in Augen, Nase und Mund drangen. Ganze Kaskaden von Erde stürzten auf ihn herab. Er bekam keine Luft mehr. Neben den morschen Brettern eines Sarges spürte er zerbröselnde Knochen. Mit einem Ruck fuhr er auf, strampelte, ruderte, schwamm in der feuchten, klebrigen Dunkelheit und hatte endlich seinen Kopf frei. Er sah die Sterne blinken, roch das feuchte Gras, hörte ein Käuzchen schreien. An einer Stelle war so viel Erde aufgehäuft, dass er sich zum Rand des Grabes hochschwingen konnte. Die Gestalten und die Katzen waren verschwunden. Johann sog seine Lungen voll mit der würzigen Luft und begann zu rennen, durch den Wald, in den nun der erste Morgendämmerschein drang. Über die Brücke rannte er, am Bach entlang zum Haus, das in der frühen Sonne schimmerte, die Treppen hinauf, in den Flur, in die Küche hinein. Da lagen zusammengerollt die Katzen, schwarz, getigert, rotbraun und grau. Sie atmeten leise, ihre Körper hoben und senkten sich und ein starker, lebendiger Geruch ging von ihnen aus. Johann setzte sich zwischen sie. Ich habe die Krankheit zum Tode überwunden, dachte er. Die Sonne schien zum Fenster herein, und er betrachtete glücklich die goldgelben Flecken auf dem Fell der Tiere.

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