Kindheitssommer

von Sigrid Kriener (Copyright)

An einem jener Sommertage, die sich unendlich dehnen, in einem Sommer, der selbst kein Ende zu nehmen schien, spielten mein Freund und ich am Streek. Es war früher Nachmittag und das Flüßchen war nur noch ein Rinnsal, das zwischen Steinen und Flußkieseln dahinplätscherte. Der Himmel über uns war tiefblau, und die Wolkengebirge, die sich darin türmten, ließen ihn unermeßlich hoch aussehen; die Erde darunter lag platt in der flirrenden Hitze und sah aus, als ob sie schwitzte. Die Sonne brannte in unsere Nacken, während wir ich mit bloßen Füßen im seichten Wasser hockten und die kleinen Fische beobachteten, die unter uns hin und her flitzten.
„Das sind Stichlinge” sagte mein Freund.
Ich schwieg und dachte darüber nach, weshalb man diesen Fischen wohl gerade diesen Namen gegeben hatte. Wenn sie einen Moment lang im Wasser still standen, waren die kleine Stacheln auf ihren Rücken deutlich zu erkennen. Schön fand ich sie nicht. Durch die schräg einfallenden Sonnenstrahlen wirkten sie überaus schmal,
besonders wenn man sie von der Schattenseite betrachtete, fast wie dunkle Nadeln. Die Stacheln gaben ihren Körpern etwas Skeletthaftes. Aber sie standen nie lange still. In dem flachen Wasser und den niedrigen Furchen, die die Strömung in den Flußsand gespült hatte herrschte reger Betrieb. In kleinen Schwärmen bewegten sich
die Fischlein von der sonnigen Mitte Des Flußbetts auf das Dunkel des Uferstreifen zu, um dann plötzlich, wie auf Befehl, zu wenden und wieder wärmere Gefilde anzusteuern. Dabei begegneten sie einigen Nachzüglern, denen sie auf anmutigste Weise auswichen, so daß man hätte glauben können, sie tanzten miteinander.
Ab und zu störten mein Freund und ich den silbrigen Reigen, indem wir einen Kieselstein ergriffen und ihn mitten in einen Schwarm warfen. Dann teilte sich dieser V-förmig, um sich nur wenig später wieder auf die gleiche Weise zu vereinen. Manchmal griff ich mit der Hand in den Schwarm und versuchten einen der Fische zu erhaschen. Mein Freund fischte mit einem Marmeladenglas nach ihnen und hatte mehr Glück als ich. Neidvoll betrachtete ich den Fang. Die silbrigen jungen Stichlinge stießen mit ihren Spitzmäulern an die Glaswand des Gefäßes und zuckten unruhig in ihrem Gefängnis. Ihre weißen Augen hatten einen starren Ausdruck, die Kiemen fächelten aufgeregt.
„Is ja gemein”, sagte ich….
„Mein Opa hat auch welche”, antwortete mein Freund stolz. Aus seinem Tonfall war zu schließen, daß er sich jetzt ebenbürtig fühlte. – Ein nagendes Gefühl zehrte an mir. „Trotzdem”, beharrte ich ….
Er hielt das Glas gegen die Sonne. „…fünf Stück…”, sagte er zufrieden. Dann sah er mich mit seinen hellen Augen an und begegnete meinem dunklen, mürrischen Blick.
„Na gut”… er hob das Glas und mit einem Grinsen, ohne dabei den Blick von mir zu lassen, schüttete er die Stichlinge in hohem Bogen zurück in das Element, aus dem er sie gefischt hatte. „…kann mir ja immer wieder welche holen.”
Mit ruckhaften Bewegungen schossen die Winzlinge in alle Richtungen davon und schlossen sich gleich darauf wieder der Schar ihrer Artgenossen an. Von einem Augenblick zum anderen war mir wieder leichter um’s Herz.-
Nun zogen wir kleine Kanäle mit Stöckchen in den weißen Flußsand und lenkten die Ströme des Wassers in andere Richtungen. Mit entzückten Ausrufe begleiteten wir die Stromfahrt eines Fischleins, das durch das strudelnde Wasser von seinem Kurs gerissen wurde. Später saßen wir auf der sonnigen Uferseite, rupften Binsen und flochten kleinen Körben und Matten, die wir auf dem Wasser schwimmen ließen. Vorbei an Kieselsteinen suchten sie sich ihre Bahn, blieben auch wohl hängen an abgestorbenem Holz, das ihnen den Weg versperrte, aber das kümmerte uns nicht. Mit erhitzten Köpfen, kühlen Füßen und schon ein wenig müde betrachteten wir das Gewimmel unter und auf der Wasseroberfläche. Wasserläufer huschten darüberhin, unten zwischen den Fischen taumelten Schwimmwanzen und Ruderwanzen schnellten durch das Wasser. Kleine Mückenschwärme standen in der Luft und gelegentlich schwirrte eine Libelle vorbei.
Die tieferstehende Sonne kündigte den Abend an. Ein Weilchen blieben wir noch. Der Moor-Express mit rollte mit ratternden Rädern über die Schienen heran und überquerte den kleinen Fluß. Unter dem Brückenbogen hielten wir uns die Ohren zu. Zeit heimzugehen. – Ich schlief unruhig in dieser Nacht… schlanke kleine Fische mit starren Pupillen huschten durch meine Träume.

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