Kleiner Bruder

von Karlheinz Lörner (Copyright)

Lauscht Omar,
dem Märchenerzähler!

In Shiraz zu Zeiten des großen Herrschers Nur-Ed-Din des Prächtigen lebte auf den Straßen der großen Stadt ein kleiner Hund. Er war wohl der geringste seiner verachteten Rasse. Ein Elend war es, ihn anzuschauen, nur Hunger und Demut, sein Fell stumpf und die Knochen hielten nur mühsam das wenige zusammen, das durch den Markt sich in die Winkel drückte, wo der Unrat in großen Haufen Eßbares versprach. Die Gassenjungen, die an den Tischen und vor den Läden um Bakshisch und Brot bettelten, trieben ihn mit Steinwürfen aus den Hallen und er verkroch sich des Nachts unter die Wedel der Dattelpalmen, die der Shimum heruntergerissen hatte.So war das Leben des kleinen Hundes in der prächtigen Stadt, als er Ahmed begegnete.

Ach, Ahmed, mein Sohn, wie beschreibe ich dich? Rühmt dich doch dein Bild im Wasser des Brunnens, nennt deine dunklen Augen den Spiegel seiner Seele. Und die Wolken darüber zeichnen ihr Bild nach deinem Haar. Sanft ist der Schwung deiner Brauen wie die Flaumfedern der Nachtigall und ihre Lieder sind das Echo zu deinem Gesang. Wenn du tanzt auf den Straßen, folgt der Wirbelwind deinen Spuren. Ahmed, mein Sohn, du ein kleiner Tänzer zum Klang der Rhubab, ein Artist, der über den Himmel auf einem Seil gehen kann.

Er hatte seinen Platz im Lager der Spielleute vor dem Karawan Serail. Und er verdiente sich sein Brot bei den Hamams, den großen Badehäusern und den Teestuben. Ahmed fand den kleinen Hund zusammen gekrümmt unter einem der Tische, als er das Fladenbrot in den Bohnenbrei tauchte. Gerade als er den Bissen in den Mund stecken wollte, fiel sein Blick auf ihn. Und ohne lange zu überlegen schob er ihm das Stück zu und lachte: ” Da kleiner Bruder, das ist für dich. Ich mag nicht, daß andere Hunger leiden, während ich aus vollen Schüsseln esse.” Aus trüben Augen blickte das Tier argwöhnisch auf die ungewöhnliche Gabe, hatte es doch den Stock oder zumindest einen Steinwurf erwartet. Dann kroch es vorsichtig näher und schnappte das Brot hastig, zerrte es in einen Winkel und verschlang es. Groß war die Überraschung und größer wurde der Hunger als der ersten Gabe weitere folgten.

Als Ahmed sich nach einer Weile vom Tisch erhob und hinüber zum Brunnen ging, war es darum nicht verwunderlich, daß der Hund ihm in geringem Abstand folgte. Ahmed trank in langen Zügen und gab auch ihm aus der hohlen Hand zu trinken. “Es wird wohl sein, kleiner Hund, daß wir Freunde geworden sind.” Und Ahmed strich über das struppige Fell, daß sich das Tier wollig schnaubend streckte und die Vorderpfoten auf seine Knie legte.

Solche Geschichten geschehen tausendfach auf dieser Erde. Sie sind immer wieder ein Wunder, doch sie bedeuten nichts, nur ein bißchen Barmherzigkeit in einer harten Welt. Aber die Geschichte Ahmeds ist dann doch eine Rose im Garten Allahs geworden.

Eblis, so hatte Ahmed seinen neuen Freund getauft, nach dem Engel der Dunkelheit, dem Schatten Allahs, Eblis folgte ihm wie ein Schatten auf jedem Weg, den er ging. Tanzte er auf den Plätzen oder ging über das Seil, folgte der ihm aufmerksam mit den Augen. Bald lernte er von seinem Meister die vielen Kunststücke und war in allem ein um so gelehriger Schüler, als seine Kräfte zunahmen und sein Fell seidig weiß schwarz in der Sonne glänzte. Ja, er wurde berühmt in der ganzen Stadt, und Ahmed und Eblis durften ihre Kunst
zeigen in den Häusern der Herren und in den Serails auf den großen Hochzeitsfesten. Wäre einer dabei gewesen und hätte aufmerksam in die Augen des Hundes geblickt , die jetzt wach und hell die Welt betrachteten, hätte er sich wohl Gedanken um die Kraft gemacht, die daraus strahlte. Aber wer sieht schon in die Augen eines Hundes, steht doch die Kreatur so unendlich weit unter dem Menschen.

Nach Monaten der Freundschaft war es der dicke Wirt der Teestube am Grab des Hafiz, der am Abend im Fackellicht bei der Wasserpfeife zu Ahmed sagte: “Was ist eigentlich mit deinen Augen Ahmed. Mir scheint, dein Hund führt dich durch den Basar. Wirst du blind oder was? Bei Allah, gib den Armen an der Freitagsmoschee und bitte ihn um dein Augenlicht.” Aber Ahmed lächelte nur sanft, strich über die Ohren seines Hündchens und entgegnete: “Lange schien mir´s schon so, daß die Straßen dunkler würden und im Nebel versinken mir die Dinge. Aber beim Tanz brauche ich keine Augen. Und Allah hat mir sein
Licht ja geschickt mit seinem Schatten, meinem Eblis.” “Mach dir keine Sorgen Ahmed, Liebling der Stadt, kleiner König der Gaukler. Bei mir wirst du immer ein Unterkommen haben. Auch bei den andern im Viertel.” Aber Ahmed lächelte nur stumm und ging hinaus in die Dunkelheit. Und so war`s bald in der Stadt bekannt, daß der blinde Ahmed dem kleinen Hund folgte, daß das Hanfseil das Band war, an der ihn Eblis durch seine immer Finsternis zu führen begann.

Ach, Ahmed mein Sohn, wo sind die Sonnen geblieben, die unter deinen Brauen einmal glänzten. Die Fackeln sind vergangen, alle Kerzen ausgelöscht, die Farben der Welt haben sich in ihr graues Gegenteil gekehrt. Ach, Kind der Welt, möge der Schatten Allahs immer bei dir sein und dich behüten.

Eblis war nicht mehr wieder zu erkennen. Mit seiner neuen Aufgabe schien seine Kraft zu wachsen. Tapfer griff er die Gassenjungen an, zeigte die Zähne den anderen Hunden, wurde zum Vorbild des treuen Dienstes, blieb bei Ahmed jede Sekunde bei Tag und schlief bei ihm in den Nächten im kleinen Hinterzimmer beim dicken Wirt, eng geschmiegt an seiner Seite.

Ahmed träumte sich die Welt im Schlaf neu in diesen Nächten. So war es wohl kein Wunder, daß ihm der kleine Hof bald im Traum ein Rosengarten schien und die Teestube ein Schloß, die engen Fenster die tausend Türme und der Wirtsraum als Festsaal Gold geschmückt, prächtige Bilder an den Wänden. Verwandelt hatte sich der Mazarlikdijj der alte Märchenerzähler, der von seinem wurmstichigen Sitz die Heldentaten des Ali deklamierte. So nach den vielen Nächten, der Dunkelheit, schienen ihm gar die Gäste der Teestube in prächtige Gewänder gekleidet. Geborgen verschlief Ahmed seinen Kummer und seine Nacht und während ihm der Tag zur Nacht wurde, wurde ihm durch die Gnade Allahs die Nacht zum Tag.Aber wie konnte es geschehen, daß eines Abends in der Fastenzeit dunkle Augen auf ihn gerichtet schienen, schwarze Locken flossen über die marmorweißen Schultern, schwarze Schleier verhüllten die Glut anmutig, eine Perle in einer Muschel wahrhaftig ein Kleinod im Meer des einzigen Gottes.
Und Ahmed waren sie wie die Augen seines kleinen Hundes. Darum war ihm die Frau vertraut und fremd zugleich, die auf ihn zu trat, seine linke Hand nahm und auf ihre Stirn legte als Zeichen ihrer Ergebenheit. Sie errötete vor ihm, wie der Himmel, wenn im Osten die Sonne aufgeht. Ach, wie beschreibe ich die Anmut, verblassen doch die Knospen der Rose vor ihr, wenn sie sich zum ersten Mal der Sonne öffnen. So zart war ihre Haut wie der Duft der Weintrauben vor der Kelter.
“Du, der mir folgte durch die Gassen, komm, folge mir auf meiner Bahn. Bald führe ich dich zu Ruhm und Reichtum”, sprach das Wesen zu Ahmed, hatte seine linke Hand noch ergriffen und war vor ihm niedergekniet. Ahmet erhob sich von seinem Lager. Er ging dieser Frauengestalt nach, hinaus in die Nacht. Aus den Toren grüßten ihn ehrerbietig die Freunde alle, als er folgte hinaus vor die Stadt, dort, wo der große Karawan Serail lag. Und es schien ihm, als wenn in der Dunkelheit die Reiter Nur-ed-Dins, des Prächtigen, bewaffnet mit goldnen Lanzen heran ritten. Die Fackeln warfen unruhige Schattenbilder von
Kamelen auf die ockergelben Wände und über die Arkaden. Man belud die Tiere mit Kaufmannsgütern. Die Diener hetzten hin und her, die Haudahs schwankten auf den Kamelrücken. Verschleierte Damen bestiegen sie über kleine Leitern. Reiter jagten Säbel schwingend aus den offenen Toren. Händler, würdig mit weißen Bärten, standen vor den liegenden Lastkamelen und notierten auf Pergamenten die Waren, die aufgestapelt über Höcker geschnallt wurden. Hier wurde offensichtlich eine Karawane zusammengestellt, eine der Karawanen, die auf den überlieferten Wegen durch die Steppen und Wüsten die kostbaren Handelsgüter des Ostens weit in die Türkei, hinüber nach Istanbul führten.
Die Gestalt bestieg eine der Haudahs. Drüben vom Platz schritt ein Perser mit wuchtigem schwarzem Vollbart heran, Säbel und Dolch kreuzweis an dicken Lederriehmen über den Kaftan gebunden. Ahmed war ehrfürchtig stehen geblieben, als er den Baß erkannte. Mulaih Hassan wars, der Führer der königlichen Karawanen Eine braune nervige Hand schob den Vorhang der Sänfte beiseite, hinter dem die Führerin Ahmeds verschwunden war und ein Baß dröhnte hinein:

“Bist du bereit, meine Tochter? Wir brechen auf.” Und “Vorwärts, treibt die Kamele an”.
Die Treiber antworteten: “Auf, auf.” Eine dünne Stimme rief aus der Sänfte: “Papa, darf ich den kleinen Hund mitnehmen. Ich will, daß er mich begleitet. Er ist so seidig und kann so viele Kunststücke.”

Als Ahmed das hörte, bemerkte er, daß er ja ohne den Hund los gelaufen war. Wollte man ihm etwa Eblis stehlen? Im Augenblick dieser Erkenntnis aber erwachte er Ärgerlich grob knurrte der Baß: “Was willst du für den Hund, Junge? Schnell.”
Ahmed antwortete hastig: “Ich gebe diesen Hund niemals her. Er ist mein Augenlicht, und mehr noch, er ist mein Freund.”
“Gut denn, so sei es, wie es wolle. Ladet alles auf die Kamele. Ladet alles auf die Kamele, der Tag bricht an.”

Ahmed hatte keine Wahl, die Herren der großen Karawanen waren allmächtig. Darum machte er es sich im Tragsessel bequem und so im Schaukeln schlief er ein und vergaß die Zeit.

Die Dattelpalmen der verlassenen Oase wiegten sich im Wüstenwind. Strahlend stand die Sonne, ein Glutofen, in dessen Flammen die Weltteile täglich neu geschmiedet werden, über dem harten Elefantengras. Selten lagerten hier die großen Karawanen einmal, wenn sie den nächsten Karawan Serail nicht erreichen konnten. Sie lassen dort Dinge zurück, die sie auf ihrem Weg nicht mehr brauchen können. Manches wird auch an den Lagerfeuern vergessen. An einem der erloschenen Feuerstellen lag ein mit Goldblech beschlagenes mit kleinen Türkisen verziertes Kästchen. Darin befand sich eine Perlenschnur
wie Kinder sie tragen mit 365 kleinen Perlen und ein Schlüssel eingeschlagen in einem Zettelchen.

Zwischen den zerfallenden Lehmmauern verlassener Gebäude lag ein verwundeter Esel im Schatten einer gewaltigen Schirmakazie. Wilde Hunde hatten ihn angefallen und seine Seite aufgerissen, bevor er sie mit seinen Huftritten hatte verjagen können. Ein blinder kleiner Junge im Sand und weinte einsam. Man hatte ihm das wertvollste genommen, seinen liebsten Freund, seinen kleinen Hund. Das Kästchen hatte er neben sich gefühlt und hielt es umklammert wie einen Schatz, der ihm Eblis wieder bringen konnte.

Ahmed, mein Sohn du mußt zu dem Brunnen finden, mußt die Datteln suchen und die wilden Früchte essen, mußt dir ein Dach bauen aus Palmwedeln gegen die Sonnenstrahlen. Ich werde meine Hand über dich halten, wo immer du gehst, wache bei dir, wenn du dich zur Ruhe legst.

Am gleichen Tag entdeckte Ahmed auch den verwundeten Esel und ertastete seine Verletzung. Das Tier hielt still und verfolgte jede seiner Bewegungen mit klugen braunen Augen. “Wenn ich auch meinen besten Freund verloren habe, wahrhaftig, so hat mir Allah doch statt seiner einen neuen Freund geschenkt. Wahrhaftig seine Güte ist grenzenlos. Wie Perlen reihen sich die Tage an die Schnur des Lebens. Und in jeder Perle spiegeln sich die Augen der Freunde, die mich begleiten. Ahmed begann den Esel zu pflegen, sein Leben in der Verlassenheit einzurichten. Am Tag sammelte er die Früchte, ritt auf Ariah durch das Wäldchen, der eifrig ausschritt, aber immer auch darauf bedacht, den tapferen Reiter sicher über die Hindernisse zu tragen. Esel sind so klug, er hatte gespürt, schon zu Anfang, daß sein Freund blind war. Und mit der Pflege seiner Verletzung wuchs in dem Tier die Liebe zu dem Arzt, der ihm die heilenden Kräuter auflegte und die Wunde täglich reinigte. So begannen beide füreinander zu sorgen. Darum überlebten sie auch, als der Brunnen versiegte. Denn der Esel fand sicher aus seiner Witterung eine neue Wasserstelle und Ahmed grub mit einer zusammen gezimmerten Schaufel ein Wasserloch und schöpfte Ariah mit seinen Händen die ersten Wassertropfen.
Doch nie vergaß er Eblis und hielt das Kästchen mit dem geheimnisvollen Zettel sicher verborgen.Über das Jahr war keine Karawane durch die Oase gezogen. Draußen vor der kleinen Welt hatte es wieder Krieg gegeben. Afghanische Reiter waren aus den Bergen herabgezogen und das kleine Königreich und die Stadt Shiraz, die Perle des Geistes war unter die Faust eines fremden Fürsten geraten.

Davon ahnte Ahmed nichts, nichts davon, daß ihm seine einsame Insel in der unfruchtbaren Steppe das Leben gerettet hatte. Auch, daß das kleine Mädchen, das ihm für seinen Hund das Kästchen zurückgelassen hatte, verschleppt worden war und eine der Frauen des Emirs von Kandahar wurde. Der dunkle, gewaltige Vater war im Kampf getötet worden, das habe ich von einem der Goldhelmsoldaten erfahren. Einer der Afghanensäbel hatte ihm die rechte Schulter bis zum Herz gespalten. Über das Schicksal des kleinen Hundes aber habe ich nichts erfahren können. Wer weiß schon um das Schicksal von Hunden in diesen wirren Zeiten.

Es war wohl um die selbe Zeit in diesem Jahr, da träumte Ahmed in der Nacht, als er neben Ariah lag und dessen Wärme suchte, die Nächte waren kalt geworden, denn der Winter stand bevor, daß neben ihm ein strahlend weißes Pferd stand an Stelle des kleinen Esels. Er konnte sehen, daß die Kruppe mit weißen Sternen bedeckt war und Schweif und Mähne berührten in glänzend weißen Wellen den Boden. Und ihm war, als ob eine Stimme sprach: “Öffne das Kästchen und lese den Zettel! Dann werde ich dir deine Augen für immer wieder schenken und darüber hinaus Ruhm und Reichtum.” Ahmed nahm den wohl gehüteten Zettel aus dem Kästchen und las die Zeilen darauf zum ersten Mal:

Folge mir durch die Wüsten und Zeiten
Folge mir über Berge in meinen Palast
Möge mein Zauberpferd dich leiten
Sei in meinem Garten mein lieber Gast.

Ahmed zögerte nicht, legte die Perlenkette um, jede der 365 Perlen glänzte schöner als die weißen Wolken, die seine einsamen Tage begleitet hatten. Er schwang sich auf sein Zauberpferd und die Berge unter ihm hatten bald die trockene Ebene abgelöst. Schneefelder blinkten herauf zwischen zederndunklen Wäldern als Ariah über den Himmel galoppierte. Er hatte sich fest in die Mähne gekrallt und sah unter sich zwei große Meere vorübergleiten. Ein gewaltiger Fluß setzte die Spur und an einem Hang zwischen Weinbergen lag ein strahlender Palast. Davor dehnte sich an beiden Ufern eine fremde Stadt.

Am goldenen Tor empfing ihn ein Schaffner und wollte das Pferd am Zügel einem Reitknecht übergeben “Herr, die Diener geleiten dich hinauf in den Saal. Dort wirst du erwartet von der Fürstin des Landes.” Ahmed hielt die Mähne seines Pferdes fest in der Faust und schaute trotzig auf die Fremden.
“Herr, auch für dein Pferd wird gesorgt. Wir bewahren es sicher im schönsten Stall.” Freundlich nickte der Stallbursche, ein alter Pferdemeister mit schlohweißem langen Schnurrbart. Ahmed ging keinen Schritt voran. Es kam im so seltsam vor, daß er sehen konnte und die fremde Sprache verstand. Und so mochte er nicht von seinem Freund lassen und auch keinen Schritt weiter gehen. “Ihr Herren, mögt ihr mir verzeihen, aber ich bin nur ein Tänzer. Bei den Göttern, die ihr verehrt, bei Allah, meinem Herrn. Keinen Schritt geh ich sehend in dies Schloß. Auch ist mir die Freundschaft zu meinem Esel wichtiger als die Bekanntschaft mit einer unbekannten Herrin.”

Der Schaffner mit dem Barett und dem lindengrünen Samtmantel, die Diener, der Stallbursche, sie alle lachten und die Schnurrbärte bebten dabei:
“Wahrhaftig, ein Dummkopf! Aber vielleicht kommt ja die Herrin ans Tor. Er ist ja wohl der lang Erwartete. Aber wahrhaftig, wie vermessen!” Trommeln wurden geschlagen, dazu schrillten Fanfaren.

Wahrhaftig, meine Brüder, sie selbst erschien. Ach Achmed, mein Sohn, wem durftest du wieder begegnen, der Prinzessin deines Traumes, damals als du Eblis, dein Augenlicht an den Herrn der Karawane verloren hattest.

“Schon einmal warst du mein Gast auf einem meiner Schlösser. Ich bin ein Ifrid, dir zu Diensten. Heute nach einem Jahr deiner Treue habe ich meine Kraft durch dich wieder gewonnen. Der Bann ist von mir genommen und ich darf zurückkehren in meinen Blumengarten. Darum kann ich mein Versprechen heute einlösen, guter Freund. Vertrau mir. Die 365 Perlen sind die Tage deines Mitleids gewesen, die mich befreit haben. Der Schlüssel öffnet dir in der Mitte dieses Palastes den Schrein, in dem deine Augen ruhen. Der Palast und die umliegende Stadt werden dein Eigentum sein.”

“Sag mir vor allem eines, Ifrid, wo ist mein kleiner Freund geblieben?”, antwortete Ahmed.
“Die Ifriden nehmen oft die Gestalt der Tiere an, sind sie gebannt oder verletzt worden. So gewinnen sie die Herzen der Menschen durch ihr Mitleid.”
“Dann wisse Ifrid, nichts wünsche ich mir mehr als daß Eblis bei mir wäre. Denn ihm, nicht dir, hat meine ganze Liebe gegolten.”

Der Ifrid wuchs vor den Augen Ahmeds zum Berge überragenden Riesen. Seine weibliche Gestalt wandelte sich zum Giganten. Gleich einem Dschin war er, bevor das Siegel Salomos diese Wesen bannte. Und eine Stimme donnerte herab wie der Vulkan, wenn er glühende Lava über die Erde speit:

“So sei es, Mensch!”

Die Reiter der Vorhut führten den Karawanenführer zu dem merkwürdigen Ort der verlassenen Oase, in dessen versiegten Brunnen und Wasserstellen nur noch der Sand der Wüste gefunden worden war. Unter einer gewaltigen Schirmakazie hatte man die Leichen eines kleinen Hundes neben denen eines Esels gefunden. Gelehnt am Stamm des Baumes fand man die Überreste eines Menschen. Die knorrigen Wurzeln der Akazie verbanden die drei miteinander, als ob aus ihnen neues Leben in den blühenden und grünenden Baum übergegangen sei.

“Allah sei uns gnädig”, und der Karawanenführer kniete nieder und mit ihm die Reiter, die harten Männer der Wüste, vor dem Wunder der Offenbarung. Und neben ihm kniete ein kleiner Junge mit schwarzen Locken:. “Ahmed, mein Sohn, lerne daraus, die Liebe ist der Überwinder des Todes.”

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