Lamda sucht das Gesicht
von Karlheinz Lörner (Copyright)
Nichts würde ihm mehr Schrecken bereiten, als das Gesicht zu sehen. Lamda murmelt vor sich hin:”Nichts bereitet mir mehr Schrecken, als das Gesicht zu sehen.”, immer wieder. Trotzdem sucht er nach ihm in der farblos dunklen Halle. Gotische Pfeiler führen hinauf zu Vierungen, die sich in grauem Staub verlieren, der in dem Licht spielt, das aus den Obergaden in die Dämmerung fällt. Die grauen Kutten der Mönche heben sich nur ab, wenn sich die Falten der Gewänder bewegen und das Licht die Schattierungen sich kraftlos zufällig verändert. Lamda steht mitten unter ihnen, ein Mitglied dieses grauen Ordens. Die Gesichter der Mönche sind verborgen unter den Kapuzen und die, die sie zurückgeschlagen haben, sind nicht zu erkennen im matten Licht.
Da deutet einer mit dem Zeigefinger auf einen anderen und ruft laut hinüber über den Opferstein in der Mitte des Saals: “Du bist es, den Lamda sucht.”
Lamda weiß, daß er ihn jetzt greifen, fassen muß. Es wird erwartet. Er muß, will ihm ins Gesicht sehen. Der, auf den gedeutet wurde, ist ein Hühne und Lamda fragt: “Fasse ich ihn an und führe ihn ans Licht? Er wird mich besiegen.” Er geht zu ihm, die Hand legt er ihm auf die Schulter, fühlt die Stärke, erwartet die Abwehr. Seine Unzulänglichkeit und Schwäche wird ihm bewußt. Doch der andere wehrt sich nicht. Seltsam weich fühlt er sich an und fügsam. Am Arm führt ihn Lamda an ein Portal. “Endlich sehe ich in sein Gesicht, in das Gesicht dessen, zu dem die Frau, die ich liebe, gegangen ist.”
Dort, wo das Licht aus den Obergaden auf den Durchgang fällt, in der Schnittlinie zwischen Schatten und Helle, steht eine Bank. Dorthin führt er ihn, leicht, wie man ein Schaf zur Schlachtbank führt, legt ihn, greift ihm an den Hals und dreht das Gesicht des anderen so in das Licht.
Das Grau wird zu braunen und gelben Farben in dem hageren Gesicht, das ihn gleichgültig, müde anblickt. Die schmalen Lippen des Alten lächeln hilflos zu Lamda hinauf, der sich über ihn gebeugt hat.