Leb’ wohl Jonathan
von Paola Reinhardt (copyright)
Sie war nicht eigentlich schön zu nennen, aber wo immer Julia auftauchte, stiftete sie Unruhe in meinem Leben. Ich erinnere mich noch genau an die Art, wie sie mich in der Straßenbahn ansah, morgens um halb acht, wenn wir zum Gymnasium in die nahe gelegene Stadt fuhren. Ihre Augen waren so blau wie die Vergissmeinnicht in unserem Garten und sie hatte lange, schwarze Zöpfe und Wimpern, als hätte man sie angeklebt. Sie stand immer vorn neben dem Straßenbahnführer und wirkte so zart, so zerbrechlich, wie sie sich fest an die Eisenstange klammerte, während die Bahn durch die Schienen schlingerte. Mir war dann immer zumute, als müsse ich hingehen, meinen Arm um sie legen, sie festhalten, sie stützen. Nie stimmte sie in das widerliche Gegacker ihrer Mitschülerinnen ein. Nein, sie lachte wie ein vernünftiger Mensch lacht. Julia war schon ein ungewöhnliches Mädchen! Wie ein Schmetterling, mühelos, leichtfüßig bewegte sie sich und ich hatte Mühe, ihr mit den Augen zu folgen, sobald sie das Trittbrett der Straßenbahn verließ. Zu spät begriff ich, dass sich ihre Blicke nur bei mir ausruhten, und dass sie nichts zu bedeuten hatten. Jedenfalls nicht das, was ich mir eingebildet hatte. Eines morgens war es vorbei, und sie sah durch mich hindurch, als existiere ich nicht, sei nur eine Fensterscheibe, hinter der sie ihr Ziel erspähen konnte. Ihre Blicke ruhten verträumt auf Jonathan, sobald er neben mir stand. Ihre Stirn runzelte sich, sobald mein breiter Rücken Jonathan verdeckte. Ich hätte ihn erdolchen könne! Warum ausgerechnet Jonathan?
Sie, nur immer wieder sie, war der Grund meiner Zerstreutheit, meiner Faulheit, Nachlässigkeit und der schlechten Zensuren kurz vor dem Abitur. Natürlich fiel ich durch. In meinem Kopf war kein Platz für chemische Formeln, auch für Cäsar nicht und nicht für Goethe. Von meinem Zimmer aus konnte ich über Felder sehen: Roggen, Weizen, Gerste, Hafer und zwischendurch führte ein Weg, lang und schmal bis hin zur untergehenden Sonne. So jedenfalls hat sich der Blick bei mir eingeprägt. Unauslöschlich! Wogende Felder und zwei Menschen, die langsam kleiner wurden, die verschwanden. Nichts gaben diese wogenden Felder preis! Sie verwehrten jeden Blick, und ich war allein mit meiner Verliebtheit, meiner Traurigkeit, meinem Hass.
„… und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel, Amen.” Die Stimme des Pfarrers schreckt mich aus meinen Gedanken, holt mich zurück an das geöffnete Grab vor mir, an Jonathans Grab. „Amen.”
Lange habe ich damals dort am Fenster gestanden, die Nägel abgekaut, ihn verwünscht, mir vorgestellt, was sie wohl tun würden. Ich sah Julias Gesicht vor mir, braun gebrannte Haut und strahlendes Vergissmeinnicht. Die Sonne war inzwischen blutrot untergegangen, der Himmel dunkelblau geworden, tiefdunkelblau. Da sah ich wie zwei Menschen sich langsam auf unser Haus zu bewegten. Die Hände ineinander verschlungen, dann sich plötzlich lösend und wie ertappt um sich sehend. Für mich stumm, gingen sie auseinander. „Paul, he Paul, schläfst du schon?”, rief etwas später eine Stimme. „Paul!” Ich drückte meinen Kopf tief in das Kissen und heulte ohnmächtig los vor Wut. Jonathan, verflixter Jonathan! Da rief doch dieser Jonathan nach mir!
„…Herr, lass den lieben Verstorbenen ruhen in Frieden und gib ihm die ewige Ruhe. Amen.” „Amen”, betet die Trauergemeinde. „Amen“, bete auch ich.
Ich wollte immer Arzt werden, solange ich denken kann. Und ich bin es geworden, trotz des wiederholten Abiturs und der zeitweiligen Leere in meinem Kopf. Es war an einem schwülen, gewittrigen Sommermittag, als Julia ohnmächtig in der Straßenbahn hinfiel. Natürlich wusste ich sofort warum. Ihr Blick suchte Jonathan während sie sich von einer Freundin gestützt auf einen schnell freigemachten Sitzplatz kauerte. Doch Jonathan spielte Karten. Er spielte dauernd Karten, in der Pause, im Schwimmbad, in der Eisdiele, in der Straßenbahn. Nichts hatte er von all dem mitbekommen, nicht einmal hochgesehen. “Los zeig mir dein As her, ich will es sehen!”, beschimpfte er stattdessen seinen Nebenmann mit hochrotem Kopf und diesem widerlichen besessenen Blick, den er immer hatte, wenn er Karten spielte. Ich hasse Karten!
Von nun an ließ ich Julia keine Sekunde mehr aus den Augen, sobald sie morgens oder mittags in unsere Straßenbahn einstieg. Sie war noch immer blass und zerbrechlich, aber sie stand nicht mehr auf dem gewohnten Platz neben dem Straßenbahnführer. Nein, sie steuerte sofort auf einen freien Sitzplatz zu, oder klammerte sich fest an die Lehne einer Bank, wenn keiner mehr frei war. Für mich stand fest, dass sie schwanger war. Schwangeren wird es besonders in den ersten Monaten übel, hatte ich irgendwo gelesen.
„He Paul”, sagte eines morgens Jonathan zu mir und schreckte mich aus meinen Gedanken. „Du, ich war gestern mit Rita im Kino. Ein tolles Mädchen, sag ich dir! Ich habe ein Bild von ihr, willst du es sehen?“ “Bist du verrückt, Jonathan?” Meine Stimme war plötzlich laut geworden. Und meine Hände pressten sich ganz fest in den Hosentaschen zusammen, damit sie nicht zuschlugen in dieses blöde, grinsende Gesicht vor mir. „Was soll das, Paul?”, maulte Jonathan. Die anderen lachten über unseren Streit. Bis zur Englischstunde hatte ich mich halbwegs wieder beruhigt. „Du Jonathan”, flüsterte ich, „warum warst du nicht mit Julia in dem Film?” “Julia? Wieso Julia?” Er tat erstaunt. Doch dann grinste er plötzlich. „Sag mal, warst du deshalb vorhin so sauer auf mich? Bist wohl scharf auf sie, was? Ich schenk sie dir! Sie ist nämlich genauso beschissen sentimental wie du.“ Mir blieb die Spucke weg. In mir war nichts als Wut! Später wurden die Englischhefte ausgeteilt. „Please translate it”, sagte unser Pauker und gab uns einen Text. Ich saß nur da und starrte Löcher in die Wand. Starrte vor mich hin, rannte raus und musste kotzen. Man schickte mich nach Hause, und ich haute mich ins Bett. Mutter gab mir Tabletten, kochte Tee, und um ein Haar hätte sie mir sogar warme Kompressen auf den Bauch gelegt. Um ein Haar, verdammt!
„Lasset uns beten, für denjenigen aus unserer Mitte, der dem lieben Verstorbenen als Nächster folgen wird: Vater unser …“ Die Stimme des Pfarrers klingt laut und deutlich und holt mich zurück aus meiner Erinnerung. Es hat inzwischen angefangen zu schneien. Die Luft ist klar und kalt. Ich weiß nicht so Recht wohin mit dem schwarzen Hut in meinen Händen – und die Blaskapelle spielt noch immer. Plötzlich verdrängt die Sonne die grauen Wolken. Sie scheint auf Kränze und Blumen, auf schwarz gekleidete Menschen – und ich friere noch immer. “Jonathan Voss war ein aufrechter Mann”, sagt der Pfarrer gerade. “Ein Mann, den wir alle geliebt und geschätzt haben. Gott hat ihn viel zu früh aus unserer Mitte genommen. Lasset uns beten: Herr vergib uns unsere Schuld, und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Amen!”
„Amen!“ Plötzlich spüre ich eine bekannte Hand in der meinen und weiß sofort, woran Julia denkt. Ihre Augen sind noch immer so blau wie die Vergissmeinnicht in unserem Garten. Doch ihre Haare trägt sie längst nicht mehr zu Zöpfen geflochten, sondern streng zurückgekämmt und elegant zu einem Knoten verschlungen. Wie schon gesagt, Julia ist nicht eigentlich schön zu nennen, aber wo immer sie auftaucht stiftet sie Verwirrung bei mir. Auch heute noch!
“Leb wohl, Jonathan, mein Freund Jonathan! Verzeih mir, Jonathan!” Denn natürlich hat Julia damals kein Baby bekommen, damals in jenem schrecklichen Sommer. Ihre Schwangerschaft hat nur in meiner Phantasie existiert, in meiner Verblendung, meiner blinden Eifersucht, meiner Sorge um Julia.