Liebesmagie
von Barbara Strauss (Copyright)
Er liebte alle beide. Die Rote Frau und die Weiße Frau. Da er keine von beiden enttäuschen wollte und sich zudem nicht zwischen ihnen entscheiden konnte, wandte er sich weder der einen noch der anderen zu. Die Frauen aber wichen nicht von seiner Seite, denn sie liebten ihn gleichermaßen, und er stand zwischen ihnen. Die Rote Frau beachtete nicht die Weiße Frau, und die Weiße Frau beachtete nicht die Rote Frau.
Während aber die Rote Frau der Überzeugung war, seine Zuwendung am ehesten durch Geduld erreichen zu können, schaute die Weiße Frau dem Mann fordernd ins Gesicht. Der aber erwiderte ihren Blick nicht. Die Weiße Frau gab sich nicht zufrieden und griff nach ihm. Ihre Berührung löste Begehren in ihm aus.
Um seine Liebe nicht zu verraten schloß er die Augen und ließ geschehen. Mit zuckenden Lidern genoß er das Feuer und koste zarte Haut ohne hinzusehen. Dabei vergaß er seine Liebe zur Roten Frau. Als er eines Nachts die Augen öffnete, sah er über sich den Mond silbrigweiß und prall. Er sah die Weiße Frau neben sich, und ihr Bauch glich dem Mond. An die Rote Frau hatte er keine Erinnerung mehr.
Die Rote Frau aber, des Wartens müde, war weggegangen. Sie hatte gelernt, daß Geduld in der Liebe niemals belohnt wurde. Die Weiße Frau hatte ihr gezeigt, wie sie einen Mann für sich gewinnen konnte. Sie hatte seine Gier gesehen. Nun wollte sie einen für sich alleine finden.
Eines nachts, als der Mond silbrigweiß und prall am Himmel stand, gelangte die Rote Frau an einen Fluß. Sie entledigte sich ihrer Kleider und stieg in das Wasser. Ein Feuer brannte in ihr, und sie lechzte nach Kühlung. Doch je länger die Wellen ihre nackte Haut kosten, desto mehr entbrannte sie.
Da erblickte sie einen Mann, der lag am Ufer und schlief. Sein Brustkorb hob und senkte sich im Rhythmus der Wellen und sein Atem vermischte sich mit dem Flüstern des Wassers. Die Rote Frau stieg ans Ufer, setzte sich neben den Schlafenden und strich mit den Fingern über seinen unbekleideten Körper. Er öffnete die Augen und ließ geschehen.