Made in taiwan
von Steffi Beckmann (Copyright)
kennen sie das? haben sie sich auch bereits des öfteren gedanken gemacht, wenn sie eines dieser ausländischen produkte in den händen hielten. was mag beispielsweise die informationen “made in taiwan” preisgeben? oder konsumieren sie solcher art produkte erst gar nicht?
es begab sich vor urzeiten, dass eine fette vollgefressene made nach genossenem mahle in ihrem gourmet menü einschlief. das menü, ein gelangweilter apfel, verband sich noch einige zeit mit dem windsüchtigen zweig, bevor er durch pflückerhand samt stiel von ihm getrennt wurde. einmal mehr eine abgerissene verbindung. der apfel erhielt ein vorerst anderes heim, zusammen mit seinen unzähligen brüdern und schwestern. bequem lagerte er nun in einer stiege und schmiedete insgeheim erste reisepläne. bekannt war, nur die besten und knackigsten waren auserwählt zu reisen. so auch er.
es war eine stürmische überfahrt von der die mittlererweile erwachte made kaum etwas mitbekam. sie fraß sich weiterhin durch. nach einiger zeit wurde es der made langweilig und sie beschloss ihr inzwischen fasst völlig vertilgtes menü zu verlassen um sich womöglich am nachbarlichen brunchbuffet erneut zu laben. auf dem etwas beschwerlichen weg dorthin wehte der made ein laues lüftchen um die ohren. sie wunderte sich einmal mehr, reckte sich über den stiegenrand und erblickte eine ihr bisher unbekannte welt. ohne wiesen, ohne apfelbäume dafür aber voll von kisten, tonnen und containern.
sie vermuten richtig. die made befand sich just in diesem moment im containerhafen. mehr wusste sie nicht, bis jetzt. sie war ein aufgewecktes kleines ding und gerade als ein hafenarbeiter an ihr vorüber hastete heftete sie sich ihm an den ärmel. vollkommen unbemerkt natürlich. wie clever von ihr. sie sollte es nicht bereuen. der hafenarbeiter beendete gerade seinen kräftezehrenden arbeitsalltag und begab sich seinerseits auf den heimweg. nun erschloss sich für die fette reisemade die gesamte schönheit der umgebung. bequem gelagert, wie in einer sänfte genoss sie den ausblick. das weite meer, die vielen schiffe, die schmucken lagerhäuser. die skyline der stadt. dies alles lag ihr förmilch vor dem bauch. als der hafenarbeiter samt made das hafengelände gerade verlassen wollte erspähte diese ein großes, wenn auch verwittertes holzschild “welcome to taiwan” las sie gerade noch im vorbeischaukeln. nun wusste sie wo sie war. freudig erregt, wenn auch gleichermaßen etwas schockiert, stellte sie fest, sie war tausende seemeilen von zu hause entfernt. dies ließ sie über kurz oder lang in tränen ausbrechen. neben der bis eben andauernden freude machte sich nun bereits heimweh in ihr breit. ihre familie würde sie bereits vermissen. ihre brüder und schwestern sie im bauche der amsel vermuten. wahrscheinlich wurden gerade die trauerfeierlichkeiten für sie abgehalten. welch jammer. und nun, durch eine hastige armbewegung des hafenarbeiters wurde sie auch noch abgeschüttelt. entsetzlich.
wochen später, die made hatte sich in ihre neue situation voll und ganz ergeben. ihre tage waren gefüllt von der nahrungssuche im hafenmüll und ihr bauch auch. es begann ihr zu gefallen. neue freunde wimmelten um sie herum. für diese war sie der exot. und nun prahlte sie bereits öffentlich mit ihren reise erlebnissen. manchmal schmückte sie diese geflissentlich aus um aufzutrumpfen. in stilleren stunden nagte jedoch das schlechte gewissen an ihr. sie dachte an die daheimgebliebenen, zurückgelassenen, womöglich noch immer um sie trauernden. was sollte sie anstellen um ihnen wenigstens ein winziges lebenszeichen zukommen zu lassen?
in einer dieser schlaflosen nächte hatte die made dann eine stichhaltige idee. sie suchte das nächste tattoo studio auf. es gab einige davon am hafen. nun ließ sie sich ihren namen, zum glück hatten ihre eltern sie einfach nur “made” getauft, auf den bauch tätowieren. platz war genug. um den heilungsprozess der tattoowunde zu unterbinden schrubbelte sie täglich mehrmals über kies, holz und mancherlei andere spitzige gegenstände. so kam es, dass sich das tatto entzündete und an stelle des namens in der haut, eine geschwulst in form des schriftzuges obenauf bildete. die made war höchst erfreut und glücklich darüber. jeder andere hätte den tätowierer verklagt.
entschlossen kroch sie nun auf den nächstliegenden und bald zu verladenden kistenstapel. eine ladung kirschsirup. einiges an glas war bereits zu bruch gegangen. unmittelbar an den kisten staute sich ein see des roten saftes. die made, äußerst vorsichtig, tauchte ihren fettgefressenen balg hinein. allerdings nur den teil mit der geschwulst. nun kroch sie auf die einzelnen kistenwände und hinterließ ihre spuren. dort wo eben noch stand “in taiwan” war nun plötzlich zu lesen “made in taiwan”. zufrieden mit sich und ihrem werk und vor allem beruhigter ringelte sie zurück zu dem stinkenden abfallhaufen, der vorerst ihre neue heimat war.
bedenken sie, das madige hallo, als die kiste mit dem kirschsirup natürlich genau an die madenheimatliche apfelplantage ausgeliefert wurde. ein wahres freudenfest wurde nun dort gefeiert. es wurde gezecht und geschlemmt. gelacht und gejauchzt. allerdings war die apfelernte danach vollkommen vernichtet. wen interessierte das. doch nur den plantagenbesitzer und was zählte der schon. schliesslich wusste man nun, die made lebte. da stand es ja, ja rot auf holz.
letztendlich gründete die made in taiwan eine familie und vermehrte sich rasend. kinder und kindeskinder wurden auf pilgerreise in aller herren länder geschickt. jedoch nicht, ohne sie vorher darin zu unterweisen ihren namenszug zu hinterlassen. wo auch immer sie sich gerade befinden mögen.
sehen sie, daher tragen allerhand konsumprodukte bis zum heutigen tage die besten reisegrüsse mittlererweile aller maden dieser welt. also wundern sie sich nicht weiter, sondern fühlen sie sich einfach nur gegrüßt.