Metamorphose
von Andreas Hoch-Martin (Copyright)
Die meisten Veränderungen gelten als wertvoll, da sie uns helfen neue Blickwinkel einzunehmen. Einige aber sind es nicht…
In diesem Sinne wünsche ich Dir alles Liebe und hoffe, dass Du so oft wie möglich die richtigen Entscheidungen in Deinem Leben fällst.
Metamorphose
Nachdem ich die Augen aufschlug, dehnte ich genüsslich jeden Muskel meines Körpers und fing an, mir in aller Seelenruhe den Schwanz zu lecken.
In genau diesem Moment wusste ich, dass ich ein ernsthaftes Problem hatte…
Ich hoffe nicht, dass Du jetzt denkst, ich sei ein Mensch mit besonders ausgeprägten moralischen oder ethischen Werten, – das war ich noch nie und ich werde es wohl auch nicht werden….
Nur hatte ich schon in frühester Jugend versucht, mich oral zu befriedigen, was mir mangels körperlicher Wendigkeit leider nie gelang und ich hatte mich damit abgefunden, diesen Job in Zukunft anderen zu überlassen.
Insofern war mir dieser Gedanke nicht gänzlich unvertraut.
Aber ich hatte in meinen kühnsten Träumen nicht damit gerechnet, dabei in einem Korb zu liegen und das Maul voller Haare zu haben.
Aber lass mich von vorn beginnen:
Als mein Sohn fünf Jahre alt wurde, beschlossen meine Frau und ich, dass es für ihn an der Zeit sei, endlich Verantwortung zu übernehmen.
Verantwortung! Diese Grundfeste unserer Gesellschaft, auf der jede Form von Erfolg basiert, galt in unserer Familie von je her, als nicht zu unterschätzender Wert.
Mit vier bekam ich beispielsweise meinen ersten Hund.
Meine Aufgabe bestand darin, jeden Tag zwei mal mit dem Tier auf den Hof zu gehen und ihm das Futter zu bereiten.
So lernte ich bereits frühzeitig, was es heißt, für das Leben eines Mitgeschöpfes verantwortlich zu sein.
Leider verstarb Bonny, als ich acht wurde.
Er sollte das Stöckchen holen, mit dem ich seine Lektionen unterstrich.
Selbstverständlich bekam er nur zu Fressen, wenn er ein neues Kunststück vorzuführen bereit war. Auch Bonny hatte schließlich seinen Teil Verantwortung zu tragen.
Leider weigerte sich das dumme Tier, seine neu erworbenen Kunststücke meinen Eltern vorzuführen, so dass die Folgen nicht ausblieben und er es zwar in den Teich hinein, aber leider nicht mehr heraus schaffte.
Nun denn, nachdem der Kadaver verbuddelt war, natürlich nicht ohne ausreichende Tränen und herzzerreißende Schluchzer meiner weichherzigen Mutter, bekam ich einen Hamster.
Da Hamster aber zu einer der verantwortungslosesten Spezies im Tierreich gehören, weilte auch Micky nur kurz unter uns.
Leider Gottes gaben meine Eltern da bereits auf und ich bekam mein erstes Fahrrad.
Diesen Fehler wollten meine Frau und ich nun nicht wiederholen und so schenkten wir Alexander zu seinem sechsten Geburtstag eine Katze.
Wir bekamen das Tier von einer verwahrlosten, alten, schmutzigen Frau für den Bruchteil dessen, was es eigentlich wert war. Sie lief mit drei kleinen Katzen durch unsere Siedlung und versuchte, diese für etwas Geld zu verkaufen.
Also nahmen wir die kleinste.
Das winzige Wesen war schwarz, angeblich von edler Abstammung, und sollte fortan Muriel heißen.
Vom ersten Tag an brachte Muriel Aufregung in unser Haus.
Nachdem ich sie in unserem Wohnzimmer abgesetzt hatte, verkroch sie sich unter das Sofa.
Dort war sie die nächsten beiden Tage auch nicht mehr hervor zu locken, sie pisste in die Ecken und biss sich beinahe das gesamte Fell vom Körper.
Alexander mochte das Tier vom ersten Tag an nicht.
Weißt Du, „mögen” ist vermutlich nicht der passende Begriff für das, was unser Sohn empfand… ich glaube, er hasste Muriel.
Alexander hasste Muriel dafür, dass sie da war, dass sie die gleiche Luft atmete wie er.
Dabei konnte das Tier doch nichts dafür!
Es war schließlich seine Verantwortung, sich um die Katze zu kümmern!
Natürlich bekam er Ärger, wenn Muriel statt aufs Katzenklo, in unsere Sitzecke kackte.
Es war seine Aufgabe, sich um das Tier zu kümmern und er hatte die Verantwortung für sie!
Leider versagte er…
Ich versuchte, Alexander in die empfindsame Psyche einer Katze zu versetzen.
Der Junge bekam fortan sein Essen nur noch aus einer kleinen, silbernen Schüssel und seine Toilette bestand vorübergehend aus einem Töpfchen, randvoll gefüllt mit weißem Sand.
Nach fünf Tagen hatte Alexander indes Magenkrämpfe und musste ambulant entleert werden.
Nun, dem Tier ging es nicht anders und unser Wohnzimmer stank zunehmend nach Raubtierkäfig.
Eines Tages beobachtete ich unseren Sohn bei dem Versuch, Muriel an ihr Katzenklo zu gewöhnen, indem er sie erst davor zu Boden drückte und dann auf ihr Hinterteil einschlug, um ihr deutlich zu machen, dass hier der Ort ihrer Notdurft war.
Das Tier schrie erbärmlich und pisste vor Angst auf unseren Badeteppich.
Alexander wurde so wütend, dass er wie von Sinnen auf die Katze einschlug und sie anschließend gegen die Wanne schleuderte.
In diesem Augenblick sah ich ein, dass er nie ein wirklich verantwortungsvoller Tierfreund werden würde.
Fortan begann Muriel zu zittern wenn sie ihn nur in ihrer Nähe wähnte.
Seitdem wir das Tier, mitsamt seinen Utensilien in den Keller sperren, hat sich das Problem der mangelnden Hygiene fast wie von selbst erledigt.
Sie schleicht zu ihrem Fressnapf, anschließend auf ihr Klo und letztlich legt sie sich auf die Decke, die wir ihr an Weihnachten gemeinsam geschenkt haben.
Leider hat sich das Verhältnis zwischen Muriel und Alexander nicht sonderlich verbessert.
Vor zwei Tagen erwischte ich ihn dabei, wie er dem armen Tier Juckpulver in das zitternde Fell rieb.
Selbstverständlich bekam er seine gerechte Strafe!
Auge um Auge – Zahn um Zahn und je eher er beginnt Verantwortung zu übernehmen, um so besser für ihn!
Nun, jedenfalls konnte er in der Nacht nicht schlafen, so sehr juckte ihm „das Fell”.
Meine pädagogischen Bemühungen schienen gefruchtet zu haben.
Gestern Abend beobachtete ich meinen Sohn dabei, wie er versuchte Muriel zu baden.
Er hatte die Badewanne bis unter den Rand mit kaltem Wasser gefüllt und war gerade dabei, das Tier unterzutauchen, um es von seinen juckenden Qualen zu erlösen.
Er ist ja noch klein und weiß nicht um die Gefahr solcher Reinigungsrituale.
Noch rechtzeitig konnte ich die schreiende, hustende Katze aus der Wanne ziehen und in den Keller sperren.
Nachdem ich Alexander eine Weile in das Wasser getaucht hatte, rubbelte ich ihn mit einem weichen Badetuch trocken und brachte ihn zu Bett.
Muriel und mich verfluchend, schlief er endlich tränenüberströmt ein.
Das Tier wurde zu einem Problem.Meine Frau meinte, wir sollten darüber nachdenken, Muriel in liebevollere Hände zu geben.
Ich widersprach aufs heftigste, da ich der Meinung bin, dass Verantwortung nicht einfach so zu delegieren ist und Alexander es schließlich lernen müsse, eine begonnene Aufgabe auch verantwortungsvoll zu beenden.
Was soll ich sagen. Ein Wort ergab das andere und schließlich lief ich wutentbrannt aus dem Haus. Ich war über das mangelnde pädagogische Fingerspitzengefühl meiner Frau so außer mir, dass ich erst einmal um den Block laufen musste.
Frische Luft schnappen…
An das, was danach geschah, kann ich mich nur noch sehr schwach erinnern.
Ich muss wohl einige Zeit gelaufen sein…
Als ich müde wurde, ging ich nach Haus, meine Familie schlief schon…
Ich weiß noch, dass mich etwas in den Keller trieb…
Vielleicht wollte ich mich bei Muriel entschuldigen…
Über unsere Zukunft reden…
Ich erinnere mich an ihre bernsteinfarbenen Augen…
An ihr Lächeln…
Das schimmern ihres Fells…
Ich wusste, dass alles gut werden würde…
Von da an verblassen meine Erinnerungen…
Ich spürte noch das Streicheln ihrer Pfoten auf meinem Kopf, bevor ich einschlief …
…und den Geruch einer verwahrlosten, alten, schmutzigen Frau.
Nun liege ich im Korb von Muriel und hoffe, dass meine Gedanken Dich erreichen.
Ein völlig neues Körpergefühl hat sich meiner bemächtigt, aber das muss wohl ein Traum sein…
…weißt Du, einer von der Sorte, die einen nach dem Aufstehen angsterfüllt zum Spiegel treibt und der nur durch kaltes Duschen zu verdrängen ist…
Allerdings treibt mir die Vorstellung an Wasser eine Gänsehaut über die Glieder!
Aber was passiert hier nur?
Ich höre Geräusche aus dem Haus!
Oben schlurft meine Frau müde über den Küchenboden!
Aber da ist noch etwas anderes!
Etwas, das mir eine Welle gefrorenen Wassers durch die Gedärme jagt!!
Ich weiß nur noch nicht so genau was es ist…
Ich spüre, dass hier etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist!!!
Etwas, das an einen üblen Geruch erinnert…
…ETWAS…
…Ein Hauch, der das Fell zu Berge stehen lässt…
ENTSETZEN!!!
ANGST!!!
PANIK!!!
Eine Gefahr, die näher kommt…
Die stärker wird!
Die lähmt!!!
Mich in meinen Korb drücken lässt!
Meine Muskeln erstarrt…
Kann mich kaum bewegen…
Höre so laut wie noch nie…
sehe so scharf.
spüre leise erschütterungen.
werden stärker.
kommen näher.
kinderfüße!
halten vor der kellertreppe!!!
rieche metall in verschwitzen händen. wird stärker. lauter. kommt näher.
licht fällt unter der kellertür durch. der schlitz wird breiter. brüllende schritte auf der treppe! kann mich nicht bewegen!! kriege keine luft mehr!!!
alexander!!!… riesig!… kommt zu mir… krieche in meinen korb… ganz nach hinten… lacht mich an… ich erfriere… er ist so hässlich… er hebt die hand… es funkelt so kalt…
fahrrad wäre vielleicht besser gewes…