Monbijou
von Jürgen Jesinghaus (copyright)
Eigentlich wohne ich ja in der Krausnickstraße. Zur Zeit bin ich allerdings außer Haus. Nicht weit von meiner Wohnung entfernt, an der Oranienburger, erstreckt sich ein Park, mehr eine Grünanlage, an der man abends besser nicht alleine vorbei geht, weil es passieren kann, daß jemand aus dem Busch springt, einem die Gaspistole vor die Nase hält und Asche für Schnee haben will. Früher stand dort das Schloß Monbijou. Es hatte den Krieg zwar überlebt, aber so angeschlagen, daß die Regierung es abreißen ließ. Das fiel ihr leicht, denn es war ein Symbol des Junkertums und des preußischen Militarismus, kein augenfälliges, aber dennoch konterrevolutionär. Ich gehörte kurz vor dem Abriß, 1958, zu der Umzugsbrigade und mußte dafür sorgen, daß einige Exponate des Hohenzollern-Museums, das Monbijou beherbergte, ausgelagert wurden. Man wollte nicht alles zerstören, einiges verhielt sich ja neutral gegenüber dem Sozialismus und sah außerdem schön aus.
Jetzt darf ich es ja ruhig sagen, mir kann sowieso keiner: In einer Schublade des Schlosses fand ich etliche verschnürte schwarze Mappen. Wenn sie auch für den Sozialismus keinen Wert besaßen, sie mochten trotzdem für einige Verrückte, die auf alte Sachen stehen, wertvoll sein. Ich nahm die oberste Mappe mit nach Hause. Auf einem weißen Etikett stand säuberlich: „3. Armee (Kronpr.), II. Corps (bair.)“. Zu Hause, also in der Krausnickstraße, schnürte ich die Mappe auf und fing mit der Untersuchung an, immer unter dem Gesichtspunkt, welchen Wert könnten die Dokumente, die ich zu finden hoffte, für andere haben, für Russen z.B. oder für West-Berliner, wie viel würden sie dafür geben. Ich fand ein beschriebenes Blatt in Deutsch und einige an den Rändern zusammengebundene Blätter auf Französisch. Den deutschen Text hat der Leutnant Joseph Huber verfaßt. Er schildert, wie die französischen Blätter in seine Hände gefallen sind. Ich will hier nicht alle Einzelheiten ausbreiten, sondern nur das Wichtigste mitteilen. Aber den ersten Satz gebe ich wörtlich wieder.
„Napoleon III. hat uns und den Preißen am Todestage der verewigten Königin Louise, nämlich am 19. des July, den Krieg erklärt, und das ist eine Unverschämtheit!“ Ende August 1870 besetzte eine Kompanie Bayern das Dorf La Besace westlich der Maas. Die militärische Lage hatte sich zugespitzt. Die Bayern waren nervös, überall sahen sie Franktireurs. Vor denen hatten sie am meisten Angst, und als schließlich ein Schuß fiel, da wurde viel geschrien und herumkommandiert. Von den Bewohnern ließ sich niemand blicken. Drei Soldaten zerrten einen jungen Mann auf die Straße, der geschossen haben soll. Sie diskutierten und gestikulierten. Es sah ziemlich bedrohlich aus. Über dem Haupt des Jungen braute sich Unheil zusammen. Man konnte den Pulverdampf schon riechen. Da trat eine Frau auf die Dorfstraße. Sie hielt einen Stock hoch, an dem ein weißer Lappen hing, und wünschte einen Offizier zu sprechen. Langer Rede kurzer Sinn: Sie führte den Leutnant Huber in ein Haus, wo ein Lehrer wohnte, mit über 90 Jahren vermutlich der älteste Mann im Ort. Der Greis sorgte sich um den Erhalt des Dorfes. Er glaubte wahrscheinlich selbst, daß Franktireurs in den Häusern steckten und herumballerten, und daß deshalb ein Ort in Schutt und Asche gelegt würde, wie es ja schon passiert war. Er versuchte in einer Ansprache, den Leutnant zu besänftigen, und als sich dessen Nervosität nur noch steigerte, denn er verstand Französisch kaum, da kramte der Mann, der sich vor eine Anrichte hatte schieben lassen, ein paar beschriebene Blätter hervor, die dem Leutnant beweisen sollten, warum La Besace verschont zu werden verdiente. Huber nahm die Papiere, dankte und kehrte auf die Straße zurück. Er ließ den Geistlichen des Ortes kommen. Das sah nun gar nicht gut aus, nämlich so, als sollte jemand den letzten Beistand erhalten. Der Huber Joseph aber befahl dem Pfarrer nur, den Gefangenen in die Sakristei zu sperren, bis der Staub über der abrückenden Kompanie verflogen wäre. Die Nerven hatten sich beruhigt. In diesem Dorf fiel kein weiterer Schuß, kein Mensch verlor sein Leben, und auch die Häuser blieben ganz. Erst einen Tag später und ein paar Kilometer nördlich entbrannte der Kampf, der als die Schlacht von Sedan in die Geschichte eingegangen ist.
Der Greis aus dem Dorf La Besace ließ die Geschichte, die ich erzählen werde, durch seine Nichte aufzeichnen. Wann das genau war, geht aus den Unterlagen nicht hervor. Der Mann selber konnte nicht mehr schreiben, weil ihm an jeder Hand zwei Finger fehlten. Er hatte sie in den Winterfeldzügen 1812 verloren, als er mit Monsieur, so pflegte er den ersten Napoleon zu nennen, Hals über Kopf aus dem kalten Rußland geflohen war. Die Geschichte auf den gebundenen Blättern ergänze ich um einige Passagen, die der Alte, damals ein junger Kerl, noch nicht wissen oder bestenfalls ahnen konnte. Ich habe auch keine Lust, den Text wörtlich aus dem Französischen zu übersetzen. Deshalb berichte ich zwar wahrheitsgemäß, aber mit eigenen Worten.
Die Königin floh vom Schlachtfeld bei Jena, auf dringenden Rat des alten Herzogs von Braunschweig. Sie wandte sich nach Berlin, raffte das Wichtigste zusammen und reiste hastig weiter an die Oder, als sie hörte, die Schlachten bei Jena und Auerstedt seien „ungünstig“ verlaufen, aber der König lebe noch. In ihrer Begleitung befanden sich die alte Oberhofmeisterin, eine weitere Dame, ein Kammerherr und ihre zwei Kinder. Zu ihrem Schutz waren der junge Leutnant von Finow und drei ihm untergebene Reiter abkommandiert. Finow liebte die Königin unsterblich und hoffnungslos. Darum sorgte er sich wie eine Glucke um sie. Er hatte sich vorgenommen, seine Königin um jeden Preis zu beschützen, und vor allem, sie vor französischer Gefangenschaft zu bewahren. Die Königin und ihre zivilen Begleiter vertrauten ihm ganz. Sie nannte nur das Ziel einer Tagesreise und überließ dem Offizier die Wahl eines sicheren Weges. Er setzte, einem militärischen Grundsatz folgend, auf Schnelligkeit und wählte daher die breite Straße. Um die kleine Kavallerie nebst Reisewagen vor einer unliebsamen Begegnung zu schützen, befahl er einem Reiter, die Nachhut zu bilden, und überließ ihm das feurigste Pferd. Als Vorhut bestimmte er zwei Reiter. Der erste vorn mußte in Sichtweite des zweiten Reiters traben, und zwar in der größtmöglichen Entfernung, die einen Sichtkontakt noch zuließ, und der zweite in maximaler Sichtweite zum Reisewagen. Ihnen oblag es auch, die richtige Distanz einzuhalten und sich Finow jederzeit wenigstens optisch mitteilen zu können. Beide Vorreiter waren unbewaffnet, im Gegensatz zur Nachhut, die Befehl hatte, Feinde an der schnellen Verfolgung zu hindern, nämlich durch Schüsse in die Luft, denn Leichen auf seinem Weg konnte Finow nicht gebrauchen. Er mußte mit dem Schlimmsten rechnen, der Gefangennahme. Finow blieb in der Nähe der Kutsche und erkundigte sich von Zeit zu Zeit bei der Hofdame nach dem Befinden der Königin, denn gelegentlich wurde aus Gründen der Toilette eine umständliche Pause eingelegt, durch die eine anfällige strategische Lage entstand. Der junge Gardeoffizier war dann in heller Aufregung und drehte seinen Kopf wie ein Uhu, mal in die Richtung der Damen, mal nach vorn, mal nach hinten, um Zeichen drohender Gefahr rechtzeitig zu erkennen.
An der Kreuzung des Reiseweges mit der Straße nach Stettin, die durch einen Kiefernwald führte, geschah es. Eine französisch-hessische Patrouille sah den preußischen Vorreiter in derselben Sekunde wie der Vorreiter die Franzosen und Hessen. Er warf sein Pferd herum, gestikulierte nach hinten zum zweiten Reiter und setzte über einen Zaun auf eine Weide vor dem Wald, um die Aufmerksamkeit der Verfolger vom Reiseweg abzulenken. Die Hessen schossen sein Pferd nieder. Es stürzte, und sie nahmen den Reiter gefangen. Er verwickelte die feindlichen Kavalleristen in eine Diskussion darüber, ob das Tier den Fangschuß erhalten oder ob man es besser einem Veterinär überlassen solle. Die Stute starb den Heldentod. Ein französischer Offizier namens Rodez vernahm ihn, und ein hessischer Dragoner dolmetschte. Ob er alleine sei? Ja, als Kurier. Wo er seine Meldetasche habe? Die Botschaft sei hier im Kopf. Welche Botschaft? Das gehe nur den König von Preußen und seine Gemahlin etwas an. Wo sich denn der König aufhalte? „Das interessiert wohl die Herren Franzosen, das möchten Sie wohl gerne wissen?“ „Bitte, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“ Er halte sich an der Weichsel auf, inmitten eines kampferprobten Korps. Und die Königin? Zu Schwedt in einem festen Schloß. Und die Botschaft? Dürfe er nicht verraten. „Sie sind kein Kurier! Sie sind hier, um unsere Stellungen auszukundschaften! Ich hätte nicht übel Lust, Sie zu füsilieren.“ „Das wäre gegen jedes Recht, ich trage Uniform, und im übrigen lautet die Botschaft: Die Königin ist schwanger, eine wichtige Nachricht, aber ohne jeden militärischen Nutzen!“ Da sei er ja noch einmal um die Füsilade herumgekommen, spöttelte Kapitän Rodez. Der Preuße wurde als Gefangener in die Obhut eines Wachtmeisters gegeben. Kapitän Rodez aber war unzufrieden mit dem Verhör. „Der Gefangene hat ohne Not den vermeintlichen Aufenthaltsort seiner Königin genannt.“ „Sie haben ihn gefragt, mon capitaine“. „Was hättest du an seiner Stelle geantwortet? Was hätte jeder von uns geantwortet? Wir hätten ausgerufen: Erschießt mich, machen Sie mit mir, was Sie wollen, aber wo sich Madame la reine aufhält, werde ich Ihnen auch unter der Folter nicht verraten. So oder ähnlich hätten wir geantwortet – zuerst einmal, pas vrai? Aber dieser Kerl fantasiert. Er behauptet, was ihm als erstes in den Sinn kommt: Schwedt. Da ist sie nämlich nicht, so wenig wie der König an der Weichsel! Also? Sucht mir die Gegend ab! Und kommt mir nicht ohne Gefangene zurück!
Die Franzosen und Hessen hatten die Kutsche aufgebracht. In ihr saßen eine alte Dame und ein alter Herr. Sie gestanden dem Kapitän Rodez, daß sie vor Napoleon flüchteten. Die Alte behauptete, sie komme aus dem Mecklenburgischen und sei eine Gräfin Gransee, und sie hätten nur einen Groom. „Einen Groom in preußischer Husarenuniform?“ Ein Husar habe sich erboten, ihnen einen sicheren Weg nach Osten zu zeigen. „Wir haben Ihren Wagen nicht auf der Straße gefunden“, sagte der Hesse, „sondern hinter Büschen, einen Steinwurf vom Weg entfernt.“ Sie hätten den Schuß gehört und Angst gekriegt, heutzutage seien ja nicht nur Franzosen unterwegs, sondern auch andere Räuber. Der Hesse grinste. „Sie vertreten Ihre Sache gut, Gräfin. Mir ist aufgefallen, daß die Radspuren, die von der Straße hinter die Büsche führen, tiefer sind als diejenigen, die wieder herauskommen, außerdem weisen Hufspuren in die andere Richtung.“ Das eben sei der Groom gewesen, der Feigling. Der habe im Wagen gesessen, zur Unterhaltung und für kleine Handreichungen, und als die Reiter auf sie zustürmten, sei er auf das Pack-Pferd gesprungen und – weg! Der Kapitän fragte seinen rheinbündischen Untergebenen: „Warum hast du ihn nicht verfolgt?“ „Mon capitaine, ich habe niemanden fliehen sehen. Ich habe nur diese beiden Herrschaften angetroffen.“
Zum ersten Mal kam Rodez der Gedanke, daß er keine Landpomeranze in einer Chaise vor sich hatte, sondern jemand Bedeutendes, eine Dame vom Berliner Hof. Er bat den Hessen, nicht mehr zu dolmetschen, und setzte selbst das Verhör auf Französisch fort. „Und wer sind Sie?“ fragte er den Alten, der französisch antwortete, etwas knödelig, aber fließend, wie man bei Hofe spricht. „Ich bin nur der Bruder.“ „Sie sind es NUR? Glauben Sie, ich hätte Sie für den Außenminister gehalten?“ „Ich wollte damit sagen, daß ich, obwohl selbst ein Graf von Gransee, nicht der Ehemann der Gräfin bin.“ An die Alte gewandt, fragte Rodez: „Madame, sind wir uns schon einmal begegnet?“ Er faßte sie scharf ins Auge. Die Frau, die den Fehler ihres Begleiters erkannt hatte, nämlich auf eine französische Anrede fließend en francais zu antworten, radebrechte so, daß Rodez ihr das Wort abschnitt. Er sah sie forschend an. In der Art, wie sie gesprochen hatte, lag eine unzureichende Schlauheit.
Aus seinen Erinnerungen tauchte eine Szene auf: Der Empfang des französischen Gesandten im Berliner Schloß zum Geburtstag des Königs. Rodez, ein Niemand, gehörte zufällig zur Gesandtschaftswache. Das Beste an ihm war seine Uniform. Sie glitzerte an allen Ecken, und so stellte er buchstäblich die militärische Macht Frankreichs dar. Er selbst war unwichtig. An seiner Linken hing ein Zierdegen, ein Zahnstocher. Er kam sich nicht nur überflüssig, sondern auch albern vor. Der König verhielt sich wie immer bedrückt und lustlos. Natürlich nahm er keine Notiz von der französischen Machtentfaltung in Person des Kapitäns. Der Gesandte gab sich gelangweilt, aber nicht bedrückt. Auch er nahm keine Notiz von Rodez, er kannte nicht einmal seinen Namen.
Da erschien die Königin von Preußen, Luise Leukophryene, die Königin mit den glänzenden Brauen. Die Menge teilte sich wie das Rote Meer. Der Gesandte straffte sich. Die Königin blickte auf den kleinen Kapitän Rodez, nicht lange, sie lächelte, und für einen Pulsschlag gehörte sie ihm. Sie grüßte ihn selbstverständlich nicht, nicht einmal durch ein Kopfzucken, aber sie hatte ihn wahrgenommen, wie sonst keiner von den Schranzen, die vor lauter Vornehmtuerei nicht scharf genug an einem vorbeisehen konnten. Jeder in der Menge, selbst der Türaufreißer, bildete sich ein, daß die Königin ihn angesehen hätte, als wäre sie ein schönes Bild, das gleichzeitig jeden anblickt, wo er auch steht. Obwohl sie ihn nicht mehr beachtete, verfolgte Rodez sie von nun an mit seinen Blicken. Sie mochte hintreten, wo sie wollte, seine Augen waren auch da. Bei dieser Augenjagd mußte ihm auch die Alte aufgefallen sein, denn auch sie war immer bei der Königin, die Oberhofmeisterin, eine Dogge. „Stehen Sie nicht rum“, hatte der Gesandte ihm zugeflüstert, da nutzte Rodez die Gunst des Augenblicks, bevor er den Audienzsaal verlassen würde, und verneigte sich gegen die Königin zum Abschied, als wäre er der Botschafter, der Botschafter seiner selbst, und dieses Mal nickte die Königin Luise, so daß alle bewundernd und neidisch zu ihm hinsahen, selbst der Ambassadeur.
Rodez verleugnete vor sich selbst, daß der Gedanke an die Königin, der sein Sonnengeflecht warm überflutete, etwas mit der Alten vor sich zu tun hätte. Barsch befahl er die Suche nach weiteren Insassen der Kutsche, und als es darum ging, den Verantwortlichen für die Streife zu bestimmen, erschien ihm die Sache so wichtig, daß er sich selbst dazu ernannte. Den übrigen befahl er, sich in den Wald zu schlagen. Er ritt mit seinem Trupp zum Versteck des Reisewagens, und von da folgte er den Schleifspuren im Gras auf den Wald zu, bis sich eine Schneise auftat, die ihm den Blick auf eine Kate freigab.
Sein Gegenspieler, Leutnant von Finow, hatte besorgt dem Wunsch der Damen stattgegeben, die Kätner um eine Unterkunft zu bitten. Er und der zweite Soldat seiner Vorhut beobachteten, durch die Bäume getarnt, die Übermacht der französischen Patrouille. Finow entschloß sich, gegen sein Temperament, in der Nähe der Königin keine Schießerei zu dulden. Er machte es wie die Amsel, die ihre Küken beschützt, indem sie fortflattert, um Räuber vom Nest zu locken. Die beiden Leibwächter liefen tiefer in den Wald hinein, von der Hütte fort, und Finow schoß zwischen die Baumkronen, als er glaubte, sie seien nun weit genug entfernt. Er wollte die französische Streife auf sich ziehen.
Kapitän Rodez jedoch verbot seinen Leuten, in die Richtung loszureiten, aus der sie den Schuß gehört hatten, denn er durfte seine Kräfte nicht zersplittern. Er befahl, einen Kordon um die Hütte zu ziehen und die Waffen bereitzuhalten. Dann stieg er vom Pferd, hängte seinen Säbel an den Sattel, so daß jeder es sehen konnte, und ging stracks auf das Haus zu, ein flaues Gefühl im Magen. Er klopfte an die Tür. Nach einer Weile öffnete die Bäuerin, nur einen Spalt. Rodez grüßte, und zwar betont unfreundlich, um anzudeuten, daß jedes Hinhalten zwecklos sei. Das Zeichen wurde verstanden. Die Frau ließ in ins Haus. Er sah ergebene Gesichter. Was sollte er die Menschen fragen, die Bauersleute, den Jungen und die abgehärmte Frau, die vor ihm standen? Er rief den Hessen. Der mußte nach Neuankömmlingen fragen und möglichst grob versichern, daß niemandem etwas geschähe. Und während der Hesse sein Bestes tat, dachte Rodez darüber nach, weshalb genau er sich für die Flüchtlinge, die er hier vermutete, interessieren sollte. Da war das seltsame Verhalten, zuerst des Grooms oder Husaren und dann der Alten, die er wahrscheinlich schon einmal gesehen hatte, nicht irgendwo, sondern im Schloß zu Berlin. Und da war die aberwitzige Vermutung, eine hochgestellte Persönlichkeit – die Hoffnung, Madame mit den glänzenden Brauen … Er verscheuchte den Gedanken an die Königin.
„Sie behaupten, hier ist niemand Fremdes, außer uns beiden natürlich.“ „Und warum heult die Frau dann?“ Rodez machte einen Schritt auf die nächste Tür zu. Da umklammerte der Junge die Beine des Kapitäns und sagte: „Da dürfen Sie nicht rein, da schläft Mama.“ Rodez beugte sich zu ihm und antwortete: „Aber ich bin die Patrouille. Ich muß in jedes Zimmer gucken. Das ist meine Pflicht. Das weißt du doch!“ Das schien der Junge zu wissen, aber er verlangte Rodez´ Reiterpistole. Der Kapitän entlud sie und reichte sie ihm. „Gib sie mir zurück, wenn ich das Zimmer untersucht habe.“ Er betrat die Kammer. Die Frau, die geweint hatte, folgte ihm dicht auf den Fersen. In dem Kastenbett schlief eine Dame. Die Vorhänge waren zurückgeschlagen. Rodez trat ans Bett. Sein Herz überschlug sich. Vor ihm lag Madame und schlief. Die Monarchin schnarchte ein wenig. „Wer ist die Dame?“ fragte Rodez verwirrt. Als Antwort begann der Schatten hinter ihm wieder zu schluchzen.
Er dachte: Wenn ich die Königin gefangennehme, werde ich unsterblich. Nein: ich werde nur eine Fußnote der Historiker. Wird Monsieur mich befördern? Wenn ich vor ihn hintrete und sage: Sire, mon general, ich habe eine Frau im Bett überrascht, als sie schlief, und dann gefangen genommen? Monsieur wird sich amüsieren, ja er wird sich freuen, denn vor dieser Frau hat er mehr Gamaschen als vor dem Einfaltspinsel von König. Dabei sieht sie gar nicht furchterregend aus, im Gegenteil. Monsieur würde ihn nicht befördern. Dazu gehört mehr. Dazu müßte der kleine Kapitän Rodez eine Batterie im Sturm erobern, aber eine ziemlich große. Monsieur kann man nichts vormachen. Wenn ich sie wecken lasse, und ich erkläre ihr die Gefangennahme, wie wird sie mich ansehen? Ausgelöscht sein wird die Erinnerung an den Blick, der mich, wenn auch kurz, beleuchtet hat. Sie wird mich überhaupt nicht anblicken – und wenn doch, dann wird es furchtbar.
„Mon capitaine, wollen Sie die Frau heiraten und hier Wurzeln schlagen?“. Rodez stürzte aus dem Haus, vergaß seine Pistole. Er saß auf. Der Kronprinz von Preußen lief herbei. „Mon capitaine, vous avez oublie votre pistolet.“ Der Kleine grüßte militärisch. Rodez nahm den polierten Griff aus Nußbaumholz entgegen. „Merci, mon camarade.“ Er befahl den Aufbruch und schonte die Königin von Preußen wie David den König Saul.
Bei der Kutsche angekommen, fragte Rodez die Alte, nur um sie zu ärgern: „Wer ist die Dame in der Hütte? Ich meine nicht die Bauersfrau!“ Und die Alte, ohne zu zögern: „Meine Königin.“ Sie sagte es aber so, wie ein Liebhaber sagt: Mein Schatz. Der Kapitän gab die Kutsche frei und entließ den uniformierten Vorreiter aus der Gefangenschaft. Die Alte trat vor Rodez und sagte: „Gott gewähre Ihnen ein langes Leben!“ „Ihrer Königin und Ihnen auch.“ „Ihr letzter Wunsch ist bereits erfüllt. Sie hätten ihn nicht äußern sollen, denn Gott erfüllt lieber zwei Wünsche als drei.“ „Er erfüllt gar keine Wünsche.“ „Sagen Sie das nicht, mein Sohn!“ Als die Kutsche außer Sicht war, fragte der Hesse: „Was berichten wir nun? Es sind immerhin Schüsse gefallen.“ „Schreib in deinen Bericht, du habest eine Gräfin Gransee in ihrer alten Kutsche vorüberrasseln hören, und es wäre dir vorgekommen wie Gefechtslärm!“
Das ist die Geschichte, die auf den gebundenen Blättern steht. Der bayerische Offizier, dem das bedeutende Dokument in die Hände gefallen war, schrieb dem Sinn nach: Der Lehrer des Dorfes La Besace hat mir ein Geschäft vorgeschlagen, ein Geschäft unter Ehrenmännern, denn er war bereits vor über 60 Jahren in Vorleistung getreten: Die Mutter unseres obersten Kriegsherrn gegen die Rettung des Dorfs. Ich habe in den Handel eingewilligt und ein gutes Geschäft gemacht. Denn ich hätte das Dorf sowieso nicht eingeäschert. Aber auch der Lehrer Rodez kommt auf seine Kosten. Ich werde seine Aufzeichnungen pflichtschuldig meinem Regimentskommandeur Alois Grafen zu Sayn-Mittenwald aushändigen. Und der weiß bestimmt, etwas damit anzufangen. Soweit der Huber Joseph.
Zuerst habe ich mich nicht getraut, die Dokumente zu verhökern. Ich wollte abwarten, ob jemand die Mappe vermißt. Im Sommer 1961 wurde dann die Mauer gebaut, deshalb war gar nicht daran zu denken, die Papiere im Westen an den Mann zu bringen. Erst nach der Wiedervereinigung, als man anfing, bei uns aufzuräumen und alles auf den Kopf zu stellen, habe ich auch bei mir, also in der Krausnickstraße, aufgeräumt und bei der Gelegenheit die Mappe wiedergefunden und die Dokumente, uneigennützig wie ich bin, dem Deutschen Historischen Museum angeboten. Ich bin dadurch nicht reich geworden. Jetzt sitze ich in U-Haft in der JVA Moabit. Man will mich als Urkundenfälscher anklagen. Es gebe gar keine Grafen oder Fürsten zu Sayn-Mittenwald. Das ist doch nicht meine Schuld! Außerdem ist es für die Geschichte völlig belanglos. Ich hätte es besser gar nicht erwähnt! Der psychologische Gutachter bescheinigt mir, ich sei ein notorischer Lügner. Aber Sie wissen ja selbst, was man von Psychologen zu halten hat.