Mutterliebe

von Andreas Hoch-Martin (Copyright)

Ich bin ein Mensch, der Pünktlichkeit liebt.

Lieben ist, glaube ich nicht das passende Wort. Pünktlichkeit ist für mich so wichtig, wie essen oder atmen.
Meine Mutter hat mich da zum Glück richtig erzogen.
Kam ich zu spät vom Kindergarten, schlug sie mir wortlos das an den Kopf, was sie gerade in der Hand hatte.

Bücher taten nicht so sehr weh. Trotzdem lese ich nicht gern. Ich meine, ich kann lesen, aber es macht mir keinen besonderen Spaß.
Manchmal, aber das war eher selten, schlug sie mich auch mit einem Bügel.
Wer nun glaubt, es gäbe zwischen Ursache und Wirkung in jedem Fall einen kausalen Zusammenhang, dem sei gesagt, Bügel hasse ich nicht.
Im Gegenteil!
Bügel sind für mich so etwas wie eine Spange.
Die, die alles zusammenhält. Ich meine, kein Mensch kann doch im Grunde auf Bügel verzichten.
Bügel warten am Eingang Deiner Wohnung auf dich und laden dich ein, Deine Sachen auf ihnen abzuhängen. Sie sind so etwas wie stumme Diener. Sie sind da, um dir die Gewandungen zu geben, wenn du gehst und sie sind auch dann noch da, wenn du wieder heim kommst. Und nichts macht sie glücklicher als dein Jackett oder die Hose, die du sorgfältigst auf ihnen zurücklässt.
Meine Mutter sagte immer: “Ordnung ist das halbe Leben”. Sie hatte damit nicht ganz recht. Ich behaupte, dass Ordnung das ganze Leben ist.
Jemand, der keine Ordnung hält, der hat meines Erachtens den Titel “Mensch” nicht verdient.
Ich meine, wodurch unterscheiden wir uns denn von Tieren oder anderen Lebensformen? Doch nur durch Ordnung.
Ich bin sehr froh darüber, dass meine Mutter mich z.b. in den Kartoffelkeller sperrte, wenn mein Zimmer mal nicht aufgeräumt war. Ich meine, es war nie schmutzig oder so. Aber sie hat mir immer wieder gesagt, ich solle die Tagesdecke über meinem Bett straff ziehen.
“Eine straffe Tagesdecke zeugt von einem straffen Geist”, sagte sie.
Bei einer Falte auf meiner Tagesdecke, ohrfeigte sie mich nur. Waren es zwei oder mehr, sperrte sie mich ein, damit ich darüber nachdenken konnte. Ich bin ihr heute sehr dankbar dafür, denn anders lernen Kinder schließlich nicht.
Sie wollte nur mein Bestes. Und es ist schließlich was aus mir geworden.
Ich habe eine ordentliche Wohnung, meine Hemden sind sauber und auch immer gebügelt. Nie würde sich bei mir der Abwasch türmen.
Ich bin ein angesehenes Mitglied unserer Gesellschaft.
Nichts ist mir unangenehmer als Verschwendungssucht. Wenn ein Kind, – Verzeihung, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Kerner, Gustav Kerner, wie der Wein! Ich bin 48 Jahre alt und Grundschullehrer.
Also, wo war ich stehen geblieben? Ach ja, wenn ein Kind in meiner Klasse sein Heft nicht akkurat beschriftet, hat es sofort verloren.
Auch eine Klassenarbeit, die nicht wirklich, und ich meine wirklich(!), ordentlich abgegeben wird, zieht natürlich zwangsläufig eine schlechtere Note nach sich. Wenn das nicht hilft, muss es eben nachsitzen.
Nachsitzen heißt, es muss so lange im Heizungskeller der Schule warten, bis ich denke, dass es genug ist.
Bei besonders hartnäckigen Schülern mache ich auch mal das Licht im Keller aus.
Die meisten Eltern wollen das ja heutzutage nicht mehr, aber ich bin verantwortlich für meine Schüler, und was mir geholfen hat, kann nicht schlecht für die sein.
Mittlerweile sagen die Kinder ihren Eltern nicht mehr, dass sie nachsitzen müssen. Ich habe es ihnen verboten. Seitdem zwei Schüler aus unserer Schule verschwunden sind, glauben die anderen, sie seien im Heizungskeller verschollen.
Wie dem auch sei, meine Schüler sind jedenfalls viel ordentlicher als die der Parallelklassen…

Seit einiger Zeit bin ich, wie man so schön sagt, „auf Freiers Füßen”.
Jetzt, wo meine Mutter nicht mehr unter uns weilt, habe ich ein Zimmer übrig und kann mir ein ordentliches Frauchen suchen. Nicht so eine neumodische Emanze, sondern eine, die wie meine Mutter ist.
Ich habe da gar keine hohen Ansprüche. Ich meine, sie muss sauber sein, einen straffen Geist besitzen und sie muss gut für mich sein.
Das Aussehen ist mir egal. Ich bin da nicht so wählerisch.

Seit meine Mutter gegangen ist, habe ich viel Zeit. Ich unternehme ausgedehnte Wanderungen und genieße die Natur. Mein Heimatort ist wirklich sehr idyllisch.

Meine Mutter wurde zunehmend merkwürdiger. Ständig verschüttete sie ihren Tee.
Kekse zerkrümelte sie und ließ diese anschließend achtlos zu Boden rieseln. Ständig lief ich mit dem Kehrbesteck um sie herum.
Nun ja, sie konnte nicht mehr so gut hören und zittern tat sie auch immer mehr, aber etwas Rücksichtnahme kann man doch wohl auch von alten Menschen erwarten.
Wenn es mir zu viel wurde, beispielsweise wenn sie mal wieder eingenässt hatte, schob ich sie in ihrem Rollstuhl in die Besenkammer, damit sie über ihr Verhalten nachdenken konnte.
Das hat auch oft geholfen.
In letzter Zeit aber war sie so senil, dass sie nur noch unordentlich war.
Ich meine, das ist doch kein Zustand für so eine alte Frau. Und für mich auch nicht.
Jetzt hat sie es besser, da wo sie nun ist.

Der Heizungskeller meiner Schule ist ein sehr ordentlicher Raum. Sie konnte sich davon überzeugen und ich glaube, sie war sehr stolz auf mich, als ich sie dorthin brachte.
Der Ofen ist ein ausgesprochen modernes Gerät, nicht rußverschmutzt, oder so.
Und groß ist er auch. Oft stehe ich nach dem Unterricht davor und sehe ihn mir an.
In letzter Zeit kann ich stille Zwiesprache mit meiner Mutter halten, wenn ich dort stehe.

Mal sehen, vielleicht spende ich ihren Rollstuhl einem Altenheim…

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