Nach dem Sturm
von Barbara Strauss (Copyright)
Er brach in der Nacht über mich herein, ganz unerwartet, so wie eben das Unerwünschte nie erwartet wird. Oft befürchtet, gewiss, doch vorbereitet war ich noch nie im rechten Augenblick.
Er hatte sich schon angekündigt, längst ehe ich schlafen ging, und dennoch hatte ich die Zeichen nicht wahrgenommen. Eine gewisse Leichtfertigkeit muss ich mir heute doch vorwerfen, aber damals verstand ich die Andeutung nicht, so wie ich eben immer erst hinterher klüger bin. Also merkte ich nicht, dass der leichte Frühlingshauch zum Wind geworden war, der mir sanft aber bestimmt die Haare zerzauste. Beim Zubettgehen horchte ich noch eine Weile hinaus und in mich hinein, beruhigte mich schnell und dachte – nein, war mir sicher -, dass sich der Wind wieder legen würde. Dann schlief ich tief eine Weile lang, doch lange genug, um das Einsetzen des Sturmes zu versäumen. Höchstens ein unruhiger Traum, an dessen Inhalt ich mich nicht mehr erinnern kann, machte mich darauf aufmerksam, aber er konnte mich nicht wecken. Ich erwachte eben erst, als der Sturm schon mit all seiner Kraft über mich hinwegfegte. Regen peitschte mir ins Gesicht und hinderte mich am Aufstehen. Doch ich musste weg von da, ich lag ja schon in einer tiefen Wasserlache, und wollte ich nicht ertrinken, musste ich den Schlaf überwinden. Die Hoffnung aber, dass das Schlimmste wohl schon vorüber sei, machte mich träge. Ich beobachtete das Unwetter weiter, ohne auf das Höhersteigen des Wassers zu achten.
Als aber Regen und Sturm immer mächtiger tobten, wurde ich mir meines Leichtsinns bewusst. Ich wollte aufspringen, fand aber keinen Halt mehr im schlammigen Grund. Um mich herum waren Dunkelheit, Sturm und Hoffnungslosigkeit. Ein Schrei nur, ein einziger, aber reichte, und jemand zog mich heraus und brachte mich weg.
Das war am frühen Morgen. Das Gewitter verfolgte mich noch einen ganzen Tag lang und die darauffolgende Nacht. Sie brachten mich immer weiter weg, bis der Sturm an Kraft verlor und endlich aufgab. Noch einen Morgen später blickte ich über eine schlafende Stadt hinüber zum östlichen Horizont, wo sich die Sonne zwischen Millenniumstower und Donauturm bereit gemacht hatte, in einen wolkenlosen Himmel zu steigen.