Neugier

von Steffi Beckmann (Copyright)

„Entschuldigen Sie bitte. Verzeihung, Sie da, ja Sie. Darf ich fragen, was Sie da gerade lesen?“. Aufdringlich vor Neugier beugte sich die rundliche Dame mit den silberfarbenen Pudellöckchen zu ihrem Gegenüber. „Ein Buch“, nuschelte der ihr gegenüber sitzende, bereits etwas ergraute Gentleman unfreundlich. Diese knappe Antwort ließ die alte Lady unbefriedigt in ihrer Wissbegier. War doch für sie die alltägliche Fahrt mit der DB-Bahn eine willkommene Abwechslung. Abermals beugte sie sich vornüber, um den Schutzumschlag des Buches in Augenschein zu nehmen. Doch dieser wurde seiner Bestimmung vollends gerecht. Auch nicht einen winzigen Einblick gab er frei. „Ist es ein spannendes Buch?“ fragte sie. Missmutig blickte der Gentleman kurz auf und erwiderte sein knappes „ja“. Auf ein Gespräch ließ er sich jedoch nicht ein.
„Schade“, dachte die Dame. Dabei liebte sie doch banale Bahnkommunikation sehr. Etwas enttäuscht wandte sie sich der im Abteil mitreisenden jungen Frau zu. Sprudelnd wie ein Wasserfall floss nun ihre ganze Lebensgeschichte ungefragt von den Lippen. Sie lästerte über den ungehobelten Klotz, ihren Ehemann Gott hab ihn selig. Der es vorgezogen hatte, lieber allabendlich in seiner Stammkneipe zu hocken, als ihr Gezeter länger zu ertragen. Jammernd sprach sie von ihren undankbaren Kindern, die sich vor Jahren schon von ihr abgewandt hatten, weil sie diesen ständigen Zank und Streit ihrer Mutter mit Gott und der Welt nicht mehr ertragen konnten. Dabei hatte doch gerade sie sich nie etwas vorzuwerfen gehabt. Im Gegenteil, man verurteilte sie zu unrecht als Klatschbase. Nein, so Eine war sie ja nun wirklich nicht. Die junge Frau war ob so viel Vertrauensseligkeit sichtlich unangenehm berührt. Daher zog sie es vor, sich mit einem bedauernden Schulter zucken, nach kürzester Zeit aus dem Abteil zu verabschieden.
Zurück blieben nur die alte Lady und der Furcht einflößende Graumelierte. Sich um einen gelangweilten Gesichtsaudruck mühend, blickte die Dame nun angestrengt aus dem Fenster. In rasender Geschwindigkeit sausten Häuser an ihr vorüber. Abwechselnde Landschaftsbilder flimmerten vor ihren wachsamen Augen. Sie versuchte jetzt im Spiegel der Scheibe, dem Inhalt der offensichtlich hochinteressanten Lektüre auf die Spur zu kommen. Nun zückte der Herr auch noch seinen goldenen Kugelschreiber und einen winzigen Schreibblock. Hastig kritzelte er darauf herum. Ungeduldig rutschte die Dame auf ihrem Sitz hin und her. Ihr Herz begann zu rasen. Sie barst schier vor Neugier. Das war gar nicht gut. Ob der Körperfülle und des fortgeschrittenen Alters hatte ihr Hausarzt sie schon mehrfach und eindringlich gewarnt. Jegliche Aufregung müsse vermieden werden. Ihr Kreislauf schien bereits außer Kontrolle zu geraten, während das Blut in ihren Ohren rauschte. Sie erstarrte. Der „Goldkugelschreiber“ musterte sie nun. Wenn auch kurz, so doch sehr aufmerksam. Sie konnte seinen abschätzenden Blick genau sehen, im Scheibenspiegel.
Eiskalt, das linke Auge etwas verkniffen, so starrte er sie an, bevor er wieder etwas auf dem winzigen Schreibblock notierte. Ihre Gedanken begannen sich zu überschlagen. Düstere Gedanken. Was mochte er da kritzeln? Was ist das für ein Buch? Alles um sie herum begann sich zu drehen. Sie rang verzweifelt nach Atem, wie ein alternder Goldfisch nach dem Liebesakt. Kurz vor der Einfahrt in den kilometerlangen Tunnel geschah das Unerwartete. Die alte Dame fasste an ihr Herz, bevor sie in sich zusammensackte.
Am Zielbahnhof angekommen konnte man nur noch ihren Tod feststellen. Es war zu spät. Der graumelierte Gentleman steckte Kugelschreiber und Notizblock seelenruhig in seine Manteltasche. Schlug das mysteriöse Buch zu und begab sich zum Ausstieg. Der Strom von Transportwilligen flutete auf den Bahnsteig. Der Herr im Anzug langte mit stoischer Gelassenheit nach seinem Handy. “Bestattungsinstitut Trauerweide, was können wir für sie tun?“, meldete sich eine sonore Bassstimme am anderen Ende der Leitung. „Ich bin es Chef, die Arbeit ruft. Eben ist wieder Eine ihrer grenzenlosen Neugier zum Opfer gefallen. Die Personalien habe ich bereits aufnotiert, die Jungs können sie jetzt holen kommen“.
Er sah dem gerade auf dem gegenüberliegenden Gleis einfahrenden Zug entgegen. Ließ sich mit all den anderen Reisenden hineinsaugen und nahm Platz. Ihm gegenüber eine üppig, rundliche, kleine alte Dame mit einer feinen Kurzhaarfrisur. Eine potenziell Neugierige, gewissermaßen.
Während der Chef des Bestattungsinstitutes „Trauerweide“ die Angehörigen der soeben Verblichenen mit allseits bekannter Grabrednerstimme informierte und seine Dienste geflissentlich, jedoch mit einer nicht zu verleugnenden Aufdringlichkeit, anbot.

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