New York, New York
von Jürgen Jesinghaus (copyright)
I.
Sie heißt Elke. Sie hasste ihren Namen und brachte ihn anagrammatisch mit Ekel in Verbindung. Die Eltern stammten vom Niederrhein, waren katholisch, muteten die Erziehung, die sie selbst ertragen hatten, auch der Tochter zu, „eine bittere Medizin gegen den störrischen Willen, zur Lenkung des Fleisches, zur Ehre Gottes.“ Verspätungen auf dem Schulweg wurden mit Schlägen geahndet. Der Vater schlug mit dem Riemen (sie schämte sich dann ihrer Nacktheit). Die Mutter musste währenddessen das Essen aufwärmen, damit das Kind seine warme Mahlzeit empfinge. Kinobesuche und Gänge ins Freibad waren verboten, denn der Vater litt keine „streunende Katze“. Er wollte sich später nichts vorwerfen lassen. Der Vater. Er wusste nicht, dass auch Mädchen masturbieren, sonst hätte er nächtliche Kontrollen „durchgeführt“. Die Mutter war ein eine Schürze, ein Nichts.
Der Vater, im Krieg Oberfeldwebel, immerhin ein Ober, wenn auch kein Oberst, ist zu besichtigen auf gelbstichigen Fotos mit Büttenrand: Jungentyp vom Aussehen enthäuteter Karnickel, von fern betrachtet eine Made. Er war in Simferopol verwundet worden. Man hatte ihm ein Bein amputiert, was sein Selbstvertrauen minderte. Er fühlte sich seitdem nicht mehr als richtiger Mann. „Die schönste Zeit“, pflegte er zu sagen, „war die Zeit am Schwarzen Meer, die Zeit auf der Krim, wo ich Russisch gelernt habe – oder Ukrainisch. Gegen die wahren Russen habe ich nichts. Der Russe ist ein religiöser Mensch.“ Er klammerte sich an diese Jugend. Nach dem Krieg hatte er sein Leben abgeschlossen und ganz in den Dienst seiner Tochter gestellt. Aus ihr sollte etwas Rechtes werden. Man würde nicht früh genug damit anfangen können. Er verteidigte den Hitler, wo die „Heuchler“ ihn verdammten. War es doch der „frei gewählte Reichskanzler und Führer“, der die Arbeitslosen von der Straße geholt, mit „Pius dem Großen“ Konkordate geschlossen habe und im Sommer 41 den Bolschewiken zuvorgekommen sei, und der sich mit Churchill, dem „schlauen Fuchs von der Themse“, vertragen hätte, wenn die Engländer einsichtiger gewesen wären. „Nur das mit den Juden hätte er sich überlegen sollen, denn die haben ihm das Genick gebrochen.“ Der Vater legte auf Bildung Wert, und so setzte er energisch durch, dass die Tochter das Lyzeum zu Ende besuchte, als sie schon früh, vor der Studentenzeit, vom alternativen Leben träumte und lieber eine Schreinerlehre gemacht hätte.
Einmal sah Elke in Gegenwart ihres Vaters eine TV-Sendung über den Krieg, einen Beitrag über die Schlacht um Kiew und die ersten Tage des Vormarsches: Panzer knicken Birken, Soldaten winken, waschen sich in Trögen, lachen immerzu, zwei Ukrainerinnen entblößen ihre Brüste, sie tanzen, ein Offizier humpelt ins Bild und empfängt ein Blumengewinde, als hätten die Nazis Hawai erobert. Elke kicherte. Sie lachte an unpassender Stelle, wie der Vater meinte, so dass sie darüber in Streit gerieten. Während der Auseinandersetzung um die rechte historische Gesinnung schwang sich der Vater über sein Holzbein, erhob sich schwer aus dem Sessel, griff die Krücke, die an der Armrolle lehnte, und schlug der Tochter auf die Schulter, dass ihr Schlüsselbein brach. In ihrem Schmerz und ihrer die Angst verzehrenden Wut rief sie, dass er moralisch nicht befugt sei, sie zu tadeln, geschweige zu schlagen. Jemand, der sich den Heimatschuss gesetzt habe, möge sich ins Knie ficken. Sie wiederholte es zweimal, damit er es genau verstünde. Der Vater brach daraufhin weinend zusammen und wurde ohnmächtig. Später bestand er auf einer Entschuldigung und sprach wochenlang nicht mit seiner Tochter. Er ließ durch die Mutter ausrichten, dass sein einziges Kind unter seinem Dache wohnen dürfe, obwohl er „sein kleines Mädchen verloren“ habe.
Nach einer dann doch noch zustande gekommenen Versöhnungsfeier (anlässlich ihres Abiturs) verließ sie das Elternhaus und verlor sich – jetzt als ‘Elena’ – in der linken Szene West-Berlins. Sie wurde ‘Elen’ genannt und lebte in WGs am Stutti in Charlottenburg, später in der Kreuzberger Oranienstraße, putzte, spülte, kaufte ein und errang sich so das Wohlwollen der Geistesfürsten, die sich gegenseitig in Theologie und Soziologie abfragten und die Frauen für emanzipiert erklärten. Ob sie sich vorstellen könne, dass ihr Vater sie missbraucht habe. „Aber ja“, antwortete sie, „natürlich hat er das.“ Dann erkannte sie die Bedeutung der Frage und korrigierte sich. DARAN habe sie nie auch nur im Traum gedacht. Aber weil sie bereit sei, alle Tabus zu brechen, wolle sie auch DARÜBER nachdenken. Und eines Tages verkündete sie, dass sie mit Sicherheit überhaupt kein Verhältnis zu ihrem Vater, dem kleinkarierten Nazi-Arschloch, gehabt habe, also auch keine sexuelle Beziehung. Punkt. Der habe nur geschossen und geprügelt. Sie sei wahrscheinlich nicht einmal seine Tochter.
Die 60er. Worte des Vorsitzenden Mao, die Jubelperser und Benno Ohnesorg, unter den Talaren der Muff von tausend Jahren, Che Guevara, verwandelt euren Hass in Energie, das Massaker von My Lai, überhaupt Vietnam, aber auch Woodstock, die Anfänge der Ulrike Meinhof, die Sit-ins, Gretchen Klotz und Rudi Dutschke, die Theologie und der Marxismus. Elen wollte nicht zurückstehen, und darum studierte sie an der FU was Soziales. Sie hielt sich in Frauenzirkeln auf. Sie diskutierte mit Frauen über Frauen, über die Bedeutung des Reaktionszyklusses unter besonderer Berücksichtigung der Refraktärphase für die Befreiung der Frau aus dem Joch männlicher Bevormundung. Dann lernte sie Julian kennen. Sie hörte auf, alle zwei Tage mit ihrer Mutter zu telefonieren, und fing an, über ihren ersten „offiziellen“ Orgasmus zu schwadronieren. Das erregte keine Schwester, bis sie eher beiläufig bekundete, dass ein Mann, ihr Freund, Julian, ein Maler, den Orgasmus bei ihr ausgelöst habe, und dass sie nur von Männern beigebrachte Orgasmen als solche bezeichnen wolle. Du redest wie ein Kerl, du Flittchen! Redet sie nicht wie ein Kerl? Den Film über das Te des Tao nicht gesehen? Eine Stunde über dem Abgrund schweben, selbstreinigende Kontraktionen der Vagina auf dem Pfad zur göttlichen Ruhe? Einzige Bedingung: keine Maschine außer Higo Zuiki. Kein Schwanz, du Flittchen, sonst schneiden wir dir die Klitoris ab! Sie hatte es satt. Die erste depressive Phase setzte ein. Julian bevaterte sie und ließ sie tagsüber bei sich in der Akademie Modell sitzen. Aber er wollte nicht, dass sie sich auch für die ersten Semester feilbot, sie sei schließlich als seine Freundin bekannt! Macho! Scheißkerl. Bevatern, das hat ihr noch gefehlt! Sie wechselte zur Theaterwissenschaft, um ihrer Krise mit künstlerischen Mitteln zu begegnen.
Da bekam Julian ein Stipendium nach New York wegen zweier in Acryl gemalter Bilder, die angeblich die Hintergründigkeit der Technik, ihre Bedrohungspotenziale, aber auch ihr verselbstständigtes Sein als Paradigma menschlicher Existenz unter einer an Mondrian erinnernden funktional gegliederten Oberfläche manifestiere – wie ein Kritiker schrieb. Bei solcher Kritik war die Vergabe des Stipendiums für die akademischen Lehrer an kein Risiko mehr gebunden. Julian könnte die Werke nach New York mitnehmen und es dem Zufall überlassen, ob er sie nur verkaufen oder in einem Potlatch-Happening zu Ehren frühmarxistischer Indianer vernichten würde. Solche Absichtserklärungen gingen ihm glatt von der Zunge, wie auch die Feststellung, er werde das Stipendium mitgehen lassen, obwohl die Bilder nichts taugen könnten, wenn sie ein bürgerlicher Kritiker lobt.
Die Bilder, die Julian verabscheute, weil sie ein Bourgeois gelobt hatte, zeigten vordergründig folgendes: Beim ersten Bild den Längsschnitt durch einen Einzylinder-Stirling-Motor mit Rhombengetriebe auf rosa Untergrund. Lufteinlass und Zerstäuber leuchten wie Gloriolen. Das Lippenstiftrot auf dem Brenner, dick aufgetragen und schmierig, lässt sich mit den Fingern ertasten. Die Farbe des Kühlraums, ein taubes Smaragd, wirkt nichtssagend und darum geheimnisvoll. Dafür erstrahlen Arbeits- und Verdrängerkolben in hellem Silber. Das Rhombengetriebe protzt mit Purpur wie ein Kardinal. Schwarze Linien gleicher Dicke trennen die farbigen Flächen voneinander. Beim zweiten Bild den Grundriss eines Elektronen-Synchrotrons. Der Ringtunnel ist vollgestopft mit sattem Blau, der Radialtunnel mit demselben Lippenstift gezogen (nämlich mit Elens) wie der Brenner des Stirling-Motors, ebenso der Linearbeschleuniger. Die Laborgebäude strotzen vor Lila, der Generator brummt in Rosa und der Kontrollraum prangt in Grün. Die Farbflächen sind wiederum durch sorgfältig gezogene schwarze Linien gegeneinander und gegen den goldgelben Hintergrund abgesetzt.
Die korrespondierenden Farben auf beiden Bildern veranlasste die Kritiker in New Yorker Studentenkreisen, statt von einem Diptychon von einem unvollendeten Triptychon zu sprechen, weil das Werk aus nur zwei Tafeln bestehe und nach der dritten unerschaffenen schreie. So biete es ein Sinnbild des Unvollkommenen, aber auch der Entwicklungsmöglichkeiten. Julian hatte dieser (vermutlich nicht bourgeoisen) Kritik ihren Anteil am schöpferischen Prozess eingeräumt. Da kam ihm ein Zufall zu Hilfe, eines der Ereignisse, die in New York häufig stattfinden. Jemand hatte einen benzingetränkten Lappen angezündet und in ein leerstehendes Haus geworfen (frage einer warum). Nach einer Stunde entschloss sich das Haus, für die Anrainer sichtbar zu brennen. Es brannte lichterloh, und der Eisverkäufer auf dem Parkplatz an der Ecke Fifth Avenue und 131. Street machte den höchsten Stundenumsatz seines Lebens. Die Gaffer kauften bei ihm und leckten schnell, denn der Russ setzte sich auf die Eisbällchen und würzte sie mit Zigarrenaroma. Nachdem die Feuerwehr angerückt, das Haus ertränkt und wieder abgerückt war, erschien Julian in Begleitung zweier Neger, Tänzern einer Straßentheatergruppe, und brach drei noch triefende verkohlte Fensterrahmen aus dem ersten Stock – das Rohmaterial seines Triptychons. In seinem Atelier, nicht weit von der Ruine, stellte er ein Gerüst auf, das aus den drei Rahmen bestand. Den mittleren verankerte er in einer Predella aus Beton. Die Flügel behängte er mit seinen beiden Bildern. Ihre Anordnung überließ er dem Zufall (der seiner Ansicht nach der beste Künstler ist).
Julian entwickelte, inspiriert durch das unvollendete Triptychon (von einem vollendeten Diptychon wollte er nichts wissen), seine Philosophie der Unvollkommenheit, des Unterentwickelten, nach Vollendung Strebenden, aber nie Erreichenden. Darin erblickte er den Sinn von Kunst. Und darum veranstaltete er Happenings, in denen er geometrische Figuren zerschlug, Partituren von Mozart und Abbildungen der Gaußschen Normalverteilung zerriss, sogar ein Bild von Cynthia Myers vor einem Jaguar XJ6 (Sechs-Zylinder-Reihenmotor) – nicht um das Schöne, das Bewährte zu verhöhnen, sondern um das Vollkommene zu erlösen, es aus seinen engen Grenzen, die keine Abweichung erlauben, zu befreien.
II.
Elen war ihrem Julian nach NY gefolgt. Sie wollte dort so lange bleiben, bis ihr das Geld ausgehen würde, also mindestens vier Monate (es langte für zwei Wochen). Sie fand durch Julian Anschluss an Gruppen, die Straßentheater machen. Sie brauchte nicht großartig eingeführt zu werden. Du lernst jemanden kennen, kriegst eine Telefon-Nummer, hallo, komm vorbei. Sie blieb vierzehn Tage in der Gruppe, schlief nachts bei Julian und lebte tagsüber auf der Straße. Das letzte Geld verlor sie – standesgemäß – auf theatralische Weise.
Es stieß ihr das zu, womit jedes Greenhorn in NY ständig rechnet. Nahe dem Haus, aus dem der Rahmen des Triptychons stammte, stellten sich ihr zwei Jungen und zwei Mädchen in den Weg. Die Mädchen befummelten sie und nahmen ihr das Geld fort, gewaltlos, schnell, geschäftsmäßig wie Zollbeamtinnen. Elen bekam kein Messer zu sehen, denn sie wehrte sich nicht. Die Dollars, mit denen sich die Jugendgang zufrieden gab, hätten bestenfalls für eine Woche gereicht. Es lohnte sich nicht, wegen der paar Kröten erstochen zu werden. Ein Unglück kommt selten allein. Julian trennte sich von ihr. Er zog nach Baltimore. Ob es zu seinen künstlerischen Verpflichtungen gehörte oder nicht, darüber machte sich Elen keine Gedanken mehr. Es war ihr egal. Sie hatte ja schon Schlimmeres erlebt, ihren Vater, die Zicken in Berlin und das Verbrechen auf New Yorker Straßen. Sie wollte nicht von Julian abhängen, New York nicht verlassen und auf keinen Fall nach Deutschland zurückkehren. Sie klammerte sich an New York. Es würde noch lange dauern, bis sich das Gefühl einstellt, alles gesehen, alles erlebt zu haben, was sich mit ihrer körperlichen Unversehrtheit noch einigermaßen vertrüge. Außerdem schuldete NY ihr etwas (nicht nur ein paar Dollar).
Julian überließ ihr zum Trost das Triptychon, das zwar über den grünen Klee gelobt worden war, aber niemand gekauft hatte. Elen wollte es als Theaterkulisse verwenden. Sie schrieb dazu einen wirren Text, den die Theatergruppe für spleenig hielt und nicht aufführte, nicht aufführen konnte. Weil das Triptychon nicht vollkommen war, brauchte er nicht zerstört zu werden. Daher blieb es in Julians Wohnung, die sie bezogen hatte, und diente ihr als Paravent. Sie lasierte die verkohlten Rahmen und erneuerte die Lippenstift-Partien. Nach dem Verzehr der knappen Mittel, die Julian ihr zurückgelassen hatte, lehrte sie zwei Stunden pro Woche die Kinder eines jüdischen Immigranten deutsche Literatur (Borchert, etwas Dürrenmatt, etwas Brecht, Kästner, aber nicht Böll, den mochte sie nicht). Das reichte zwei Tage in der Woche zum Essen, darum ging sie in den Haushalten reicher Leute putzen. Dieser Job war anstrengend, wurde aber mit acht Dollar die Stunde gut bezahlt.
Ihre große Chance kam mit dem Angebot, eine Stelle als Table Dance Girl, als Teedeegee, anzunehmen. Jemand aus der Theatergruppe spielte ihr eine Telefon-Nummer zu, und sie rief an. Man fragte sie, ob sie tanzen könne. Sie dachte, tanzen kann jeder, und sagte ja. Sie wusste nicht genau, was ein Teedeegee tun muss, nur ungefähr. Das aufputschende Gogo für mach schon, bring es, du musst kommen, zeig es mir, go on, yeah, weiter, weiter, marschieren, stell dich nicht an, beweg deinen Arsch, du zeigst es mir, lass dich nicht hängen, bring es endlich, genug für heute. Das erinnerte sie an David Hemmings, den Fotografen in Blow Up, dem Film, den sie in einem Kino-Tempel der Houston Street gesehen hatte (Hausten nicht Justen). Sie lernte, es zu bringen und zu kommen. Sie marschierte und machte voran. Das Ausziehen hatte ihr von Anfang an keine Schwierigkeiten gemacht. Der Choreograf war schwul und so fachmännisch wie ein Gynäkologe. Er zeigte nicht die geringste Begehrlichkeit von der Art, wie Elen sie von den Demos kannte, an denen sie einmal (aber nur einmal) nackt teilgenommen hatte. Sie erzählte später: Zuerst habe ich vor mich hin getanzt, dann habe ich mir einiges von den Schwestern abgekuckt und mir selbst Bewegungsabläufe beigebracht, die mir persönlich liegen und bei denen ich mich gut fühle. Dann nahm mich Fag, der Schwule, in die Mangel. Er war der einzige Mann, den ich respektierte. Ich liebte ihn sogar, seiner Disziplin und Professionalität wegen, die mir das Gefühl gaben, eine Künstlerin zu sein. Und verdammt noch mal, wieso war ich keine Künstlerin? Ich konnte mich nicht ans Klavier setzen und spielen, ans Klavier setzen ja, aber nicht spielen, nicht einmal den Flohwalzer. Aber auf den Tisch springen konnte ich und tanzen, dass die Männer ein Rohr kriegten. Ich kam an. Die Männer mochten mich. Sie setzten sich vor mich hin und tranken Bier. Ich brachte ihnen Schluckbeschwerden bei, wenn ich den Zeigefinger zwischen die Beine steckte. Manchmal ging ich mit 500 Dollar pro Abend nach Hause.
Ein halbes Jahr später bezog sie – mit Triptychon – ein Loft in der Bronx. Eine gekälkte Betonsäule quadratischen Querschnitts und eine schwarz lackierte Druckmaschine standen mitten in ihrer Wohnhalle, dem einzigen Raum neben Badezimmer und Toilette. Sie hatte sich etabliert. Nun musste sie ihren Aufenthalt durch Heirat legalisieren. Darum interessierte Elen sich zunehmend für die Männer, die im Tingeltangel vorbeischauten und mit hündischen Blicken um Beachtung warben. Sie würde einen von ihnen heiraten. Elen genoss die Macht über die Kerle, die ihr zu Füßen saßen, ohne die Augen von ihr zu wenden. Sie brauchte nur in den Hüften zu schaukeln, die Hände auf den Po zu klatschen, über den langen Tisch zu schreiten, und die Spanner reagierten mit Geldscheinen. Reagierten, man kann auch sagen ejakulierten. Denn sie würden sie gerne vollspritzen, das spürte sie, das schmierige Papier war nur ein Ersatz. Sie begann damit, ihre Kunden auf die Wohnung zu nehmen. Eine emanzipierte Frau, dachte sie, ist stark genug, Männer zu gängeln, ihnen zu gewähren oder zu versagen, eine emanzipierte Frau braucht ihnen nicht aus dem Weg zu gehen.
Der erste war ein Staatsanwalt, den sie geheiratet hätte, wenn er nicht beim Hochseefischen ertrunken wäre. Der zweite: ein Mann, der lange Haare über sein sanftes Pferdegesicht fallen ließ, ein Vietnam-Veteran, der am Knie verletzt worden war und unter PTSD litt. Ihn hätte sie vermutlich geheiratet. Er brachte einen blinden Hund (keinen Blindenhund) in die Liaison. Das Verhältnis zerbrach, weil der junge Veteran auf der Straße einen mit Junk vollgepumpten Deutschen erstechen musste. Der Dreckskerl hatte den blinden Hund getreten, weil der nicht zur Seite gesprungen war. Dann gab es da plötzlich das Messer. Es ließ sich auf seinem Weg durch die Bauchschwarte nicht mehr aufhalten. Der Deutsche starb am Schock. Der Coroner erklärte, die Wunde selbst sei nicht tödlich gewesen, und das Gericht erkannte auf mildernde Umstände, aber nicht auf Notwehr (ein Deutscher ist allemal mehr wert als ein blinder Hund), es berücksichtigte jedoch die Kampfeinsätze in Vietnam und die daraus resultierende seelische Zerrüttung. Trotzdem, Elens Heiratskandidat musste für fünf Jahre ins Gefängnis.
Der dritte Mann erfüllte zu bald die Gewaltstatistik. Zuerst raspelte er Süßholz, küsste ihr die Hände, kniete vor ihr, dann wurde er allmählich handgreiflich und langte ihr an die Brust. Elen entzog sich und wollte eine Platte auflegen. Das mach nur, Baby, aber beeil dich. Sie legte die Enigma Variations auf, um den Mann zu ernüchtern (wie sie später erzählte). Willst du mich verarschen? Glaubst du, deswegen wär ich hier? Er drehte am Knopf des Lautsprechers, bis er nicht mehr zu verstehen brauchte, was sie rief, nämlich dass er hier nicht den wilden Max markieren solle, sie würde es ihm auch so machen. Der Mann hörte davon nichts, wie gesagt, und warf sie gegen die Druckmaschine, so dass ihr die Luft ausblieb. Sie ließ sich zu Boden gleiten. Verdammtes Dreckschwein. Sie hatte nicht den Mut, ihm die Finger in die Augen zu stechen, aber sie schlug ihn aus unterlegener Position und schrie dabei einen schaurigschönen Diskant. Das hielten die Nerven des Mannes nicht aus, darum würgte er sie. Als sie aufwachte, blutete sie zwischen den Beinen. Der Unterleib schmerzte. Sie schleppte sich aus der Wohnung in einen 24-Stunden-Laden.
Die Vergewaltigung brachte sie abermals in die Krise. Elen konnte nicht mehr in der Teedeegee-Bar arbeiten, weil sie sich vor den Männergesichtern ekelte. Zu ihrer eigenen Sicherheit nahm sie eine Freundin auf die Wohnung, eine Bekannte aus der Theatergruppe, eine Irin, Eileen. Sie hatte unter dem Pseudonym Karin Billed ein S&M-Institut gegründet. Elen durfte einmal zuschauen, geschützt durch einen semipermeablen Spiegel. Sie sah eine gefesselte Frau, wie Andromeda mit hochgereckten Armen, die Brüste preisgebend. Die Dame erregte sich, nach dem Schrei-Stöhnen zu urteilen, während Karin ihr mit einem blitzenden Messer um die Nippel strich, so dass Elen befürchtete, sie würden abgeschnitten und augenblicklich wie Mensch-ärgere-dich-nicht-Figürchen zu Boden fallen. Aber nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil. Karin liebkoste ihr Opfer und überzeugte es davon, dass es geborgen sei, dass ihm nichts Grausames geschehe und dass sie, Karin, niemals „die Grenze überschreiten“ werde. Elen brach in Tränen aus. So behütet sein! Beim Italiener in der Kenmare Street erklärte Eileen (alias Karin), dass ihre S&M-Praktiken Religion hätten. „Ist unsere abendländische Bilderwelt nicht voll S&M? Der heilige Sebastian, he? Die heilige Barbara, der sie die Titten abgeschnitten haben? Die Leiden und das Entzücken der Heiligen? Und dann der Super-Cowboy Jesus Christus? Wie er sich am Kreuz windet. O, lass es genug sein! He? Ihr leidet und sollt getröstet werden – das ist die Message. Komm Kleines, mach dir nichts daraus. Ich bin sanftmütig, ich verletze niemanden, ich führe sie an den Abgrund, aber ich halte sie fest. Ich bin stark.“
Eileen war die starke Frau. Sie stammte aus Mayo, war kurze Zeit am Abbey gewesen, hatte Synge und O’Casey gespielt und konnte in einer traurigen, getragenen Stimme Yeats rezitieren. Sie besaß außerdem große, weiche Brüste, und Elen fing an, sie zu lieben, wegen alledem: Dass sie aus Mayo stammte, Schauspielerin war, diese Stimme hatte und wegen der warmen Anlege- und Ruhestelle – und der Religion, dem tieferen Sinn von S&M. Und klang Eileen nicht wie Elen, nur viel, viel schöner? Die Entdeckung ihrer sapphischen Liebe stürzte sie in Selbstzweifel. Sie wollte jetzt keinesfalls NY verlassen. Jetzt gerade nicht. Die Stadt schuldete ihr vieles. Sie klammerte sich an sie und erwartete von ihr weitere Aufschlüsse über sich. Sie musste zunächst das Gefühl der Ohnmacht überwinden und dann mit ihrem Gefühl für Eileen fertig werden.
Elen hatte ja das Geld für eine psychotherapeutische Behandlung. Außerdem war es eine Selbstverständlichkeit, sich psychotherapieren zu lassen – in einem Stadtteil, wo fast jedes Haus einmal brennt, nichts Außergewöhnliches. Originell war nur ihre Idee, gleich selbst Psychotherapie zu studieren. Sie besuchte eine teure Privatschule, die ihr ein anerkanntes Diplom aushändigen würde. Den Unterricht (in der Lexington Avenue) finanzierte sie mit ihren Ersparnissen aus der Teedeegee-Bar, und so fuhr sie zur Lexington viele Monate unbehelligt in den Graffiti-U-Bahnen der Linie 4 von der Woodlawn Station bis zum Grand Central durch eine kühle, verinnerlichte Welt, um zu lernen, wie man zu sich findet, ohne sich zu verletzen. Sie hatte in der ganzen Zeit keinen Kontakt zu Männern, außer mit einem um die 50, der ihr eine milde Form der Religion beibrachte, eine Selbstbespiegelung, in der angeblich auch die Welt erkennbar würde, eine abführende, beruhigende Betrachtungsweise, in der von allem etwas vorkam: Transpersonale Psychologie, populärwissenschaftlich ausgedünnte Quantentheorie, Zen-Buddhismus (um nur drei zu nennen). Er lehrte sie, ihre Angst zu verdinglichen und dann zu zerstören (deshalb zertrümmerte sie das Triptychon). Einmal war es dazu gekommen, in Hui’s Reishaus, dass der Mann seine papierleichte, unberingte Hand auf ihre Knie legte und seufzte. Das hatte sie zugelassen, ohne zur Toilette laufen und kotzen zu müssen. Aber am selben Tag drängte Elen ihre irische Freundin, mit ihr zu schlafen. Eileen gewährte es, stark, geduldig, zärtlich. Als die Irin einen Monat später die gemeinsame Wohnung verließ, um nach LA zu ziehen, schluckte Elen eine halbe Schachtel Schlaftabletten und wachte zwei Tage später hungrig auf. Sie weinte, saß vor dem TV-Gerät, weinte, sah Werbespots, weinte, trank eine Flasche Tullamore Dew, Eileen zu Ehren, und legte sich nackt aufs Bett, die Whisky-Flasche zwischen den Brüsten. Sie verbrachte zwei buddhistische Tage. Dann setzte sie ihre Studien fort, als wäre nichts gewesen.
Nach ihrer Ausbildung erhielt sie eine Stelle als Beraterin in einer katholischen Mädchenschule, wo Kinder schwarzer Einwanderer aus der Karibik unterrichtet wurden. Elen hatte ihre Behauptung, religiös zu empfinden, nicht beweisen müssen, weil die Nonnen sich nur EINE Form der Religiosität vorstellen konnten oder weil sie – im Gegenteil – durch den Umgang mit Fremden gelernt hatten, viele Ausprägungen religiösen Lebens zu dulden. Elen kam sich vor wie Barbarella im Zentrum des KGB. Keiner durfte etwas über ihre Vergangenheit wissen. Sie kleidete sich streng und trug eine Brille. Sie zog in die Nähe der Capuchin Sisters of Cana, in ein Viertel bürgerlicher Armut. Die Kinder, mit denen sie arbeitete, verhielten sich aggressiv, litten unter den Konflikten, die afro- und lateinamerikanische Familien ohne festes Einkommen zu ertragen hatten. Aber sie waren begabte Schauspieler. Elen organisierte Rollenspiele, und die Kinder gaben schreiend und gestikulierend wieder, was ihnen während häuslicher Streitereien zugestoßen war. Sie besaß nun, was sie wollte: die therapeutische Arbeit, das Theater (und mit ihm die Erinnerung an Eileen), etwas Sicherheit, ein ausreichendes Gehalt. Selbstachtung. Sie arbeitete gerne mit den Nonnen. Sie mochte Frauen, die ohne Männer auskommen. Und sie nannte sich wieder Elke – Elkii. Die Schraube der Dialektik hatte sich gedreht, eine Umdrehung nach oben. Elke war angekommen. New York hatte sie nicht ausgespien.