Nil nisi bene
von Jürgen Jesinghaus (copyright)
I.
Die Pförtnerloge war nicht besetzt. Brosheim fand keine Klingel und entschloß sich, ohne Signal ins Innere zu dringen. Dazu mußte er die Tür zwischen Vorraum und Flur aufstoßen. Hinter dieser Tür stand eine Frau, so nah, daß er nicht zu drücken wagte. Er gestikulierte, um die Gestalt zur Freigabe aufzufordern. Die Frau, die ihre Hände gefaltet hatte, trippelte nach hinten. Brosheim stieß die schwergängige Tür auf und erreichte den Flur des Altenheims Sankt Joseph. Hinter ihm schwenkte das Türblatt langsam ins Schloß zurück.
„Woher kommst du“, hörte er.
„Ich komme jetzt aus der Stadt.“
„Da muß ich auch hin, denn alle warten auf mich. Sie können ohne mich nicht anfangen. Würdest du bitte die Tür für mich aufmachen, du bist so stark!“
Sie hob ein glänzendes Gesicht gegen ihn. Aus den Falten leuchtete es. Sie lächelte verklärt und anzüglich.
„Ich hatte viele Männer wie dich. Ich habe sie alle vernascht.“
Sie legte den Kopf ganz in den Nacken, ihr Gesicht schwankte über dem Stengel ihres dünnen Körpers.
„Warten diese Männer auf Sie?“
„Was sagst du, mein Junge?“
„Wer wartet in der Stadt auf Sie?“
Die glänzende Schamlosigkeit fiel von ihr ab, und ihr Gesicht wurde alt. Was hatte er da eben zu sehen bekommen? Einen Dämon, der aus dieser Ruine nicht ausziehen wollte, weil er angefangen hatte, die Frauenseele, die auch in dieser Ruine hauste, zu lieben? Ein träger, glänzender Geist war in dieser Frau und hatte sich ihm kurz gezeigt, wie wahrscheinlich früher sonst nur auf dem glatten Mädchengesicht. Eine Narretei, daß er sich auf dem Antlitz einer alten Frau abmalte, die hinter schwergängigen Türen eines Altenheims lebte: ein Sex-Dämon.
„Sie haben viele Männer geliebt?“ fragte er.
Sie nickte und sagte:
„Es war mein Leben. Jetzt bin ich hier. Wenn Sie mich fragen, ob ich lieber tot sein will oder hier in der Welt, dann möchte ich doch lieber hier sein. Wenn sie mich nur rausließen! Aber ich kann warten. Ja, ich habe meine Söhne geliebt.“
Brosheim hielt sein Lächeln zurück. Hier sprach der Mutter-Dämon, der zusammen mit dem Sex-Dämon und der Frauenseele als heilige Dreifaltigkeit in der Ruine wohnte. Brosheim fing an, die Alte zu mögen.
Da rollte eine Geherin auf runden Fersen heran, in einen weißen Kittel verpackt, und rief:
„Mädchen, Mädchen, wieder auf Achse, nun mal hopp!“
„Sie dürfen so nicht mit ihr reden.“
„Und Sie haben hier Vorschriften zu machen?“
„Ich mache sie nicht, ich erinnere daran. Sie reden mit Ihrer Mutter ja auch nicht so.“
Die Geherin packte die Frau am Arm.
„Sie ist verwirrt, sie verirrt sich draußen, es kann ihr was passieren. Ich würde meine Mutter auch nicht draußen rumlaufen lassen, in dem Zustand.“
„Kann ich die Oberin sprechen?“
„Die Oberin kann überall sein. Manchmal nimmt sie Gestalt an, wo man es gar nicht vermutet. Ich würde an Ihrer Stelle zuerst im Speisesaal nachsuchen, jetzt ist Topfguckzeit. Wenn sie da nicht ist, gehen Sie mal in die Kapelle!“
Als Brosheim im Eingang des Speisesaals erschien, verstummte das Gemurmel an den Tischen. Die Alten stierten, und er sah in ihre Gesichter. In den Blicken, auf die er prallte, lag ein gieriges Interesse.
„Guten Tag zusammen.“
Er kam mit leeren Händen, er hatte keine Botschaft, er würde keine Zauberkunststücke vorführen, keine Lieder singen. Er schämte sich.
„Ich suche die Oberin.“
Eine Dame, die durch eine hochgeschlossene Bluse mit einem Stehkrägelchen und weißen nach hinten gezogenen Haaren sehr vornehm wirkte, mühte sich, ihren Stuhl vom Tisch abzurücken. Sie stand auf und stützte eine Hand auf die Stuhllehne. Es sah so aus, als wollte sie Brosheim offiziell empfangen und eine Ansprache an ihn richten. Sie blieb einen Augenblick so stehen, dann setzte sie sich wieder, und als sie saß, strich sie mit beiden Händen über ihr Haar. Jemand applaudierte. Brosheim nickte und lächelte verbissen.
„Ich wünsche einen angenehmen Tag“, sagte er.
II.
Der Weg zur Kapelle war ausgeschildert. Er folgte dem Matthias-Grünewald-Finger, der in Fleischfarben auf das Holz des Wegweisers gepinselt worden war, und kam zu der offenstehenden Flügeltür des Gebetsraumes. Brosheim sah den zuckenden Hintern einer Ordensfrau, die auf den Knien lag und mit ruckartigen Bewegungen Messingstäbe polierte. Als sie merkte, daß jemand da war, stand sie auf. Sie trug eine Schürze über ihrer Ordenstracht und hielt ein gelbes Tuch in der Hand. Sie war klein und hatte einen furchendurchzogenen, viereckigen Kopf.
„Das Personal fehlt für den Gottesdienst.“
Sie streckte ihm den betuchten Arm entgegen, und Brosheim mußte ihn zur Begrüßung anfassen. Er wunderte sich über die dicken Gelenke, die sich kaum zur Hand verbreiterten. Es rührte ihn, daß sie das, was sie tat, als Gottesdienst bezeichnete.
„Kann ich Ihnen helfen?“ fragte die Oberin.
„Ich will Sie nicht vom Gottesdienst abhalten, ich bin auf Ihren Wunsch gekommen, ich heiße Brosheim.“
Sie ließ sich auf die vorderste Bank nieder und schlug mit der flachen Hand neben sich zum Zeichen, daß er sich setzen sollte.
„Die alte Dame ist inkontinent, wir müssen viel waschen, ihre Wäsch ist nicht gekennzeichnet, lassen Sie Namensetiketts anfertigen und nähen Sie sie in jedes Nachthemd. Alles wird schnell schmutzig, nicht nur durch Stuhl und Harn. Sie schlägt den Pfleger, wenn er sie füttern will, sie bespritzt ihn und sich selbst mit Hagebuttentee. Sie hat Kraft genug, einen Joghurtbecher wegzuschlagen. Im Rollstuhl bleibt sie nicht mehr sitzen, sie läßt sich runterrutschen und liegt dann da auf dem Boden. Sie könnt sich den Tod holen.“
„Das will sie ja.“
„Ja, sie hat keine Lust mehr.“
„Dann füttern Sie sie nicht.“
„Sie muß essen.“
„Sie will aber nicht.“
„Will sie einen Geistlichen?“
„Sie macht sich nichts draus. Ich glaube nicht, daß sie sich etwas daraus macht.“
„Sie muß ja nicht viel essen, nur daß sie nicht ausdörrt, wenigstens trinken. Auf Sie hört sie vielleicht.“
„Ich werde ihr sagen, sie soll trinken.“
„Mir streckt sie die Zung raus, wenn ich ihr sag, daß sie trinken soll.“
„Das tut sie?“
„Nicht nur einmal.“
„Im Krankenhaus hat sie damit angefangen. Ist das so bei allen Heimbewohnern hier?“
„Sie sind alle anders, aber nie macht es Freud.“
„Und das dürfen Sie sagen?“
„Was ich alles darf! Solang ich nur weitermach, ist es IHM egal.“
„IHM?“
„Ja.“
„Und für IHN putzen Sie den Altar?“
„Das ist wirklich das Mindeste, was ich für IHN tun kann!“
„Der Kirchenputz ist keine Erholung?“
„Eine Erholung würd ich das nicht nennen. Noch ein paar Jahr und ich leg mich selbst ins Bett. Mir tut schon jetzt der Rücken weh. Gott sei davor, daß ich Rheumatismus in die Händ krieg.“
Brosheim spürte, daß ihr das Sitzen guttat und daß es ihr schwerfallen würde, noch einmal auf den Knien zu rutschen.
„Also, ich werde ihr das mit dem Trinken nahelegen, mehr kann ich wohl nicht tun, und natürlich für die Etiketts sorgen. Soll ich sie auch vor die Tür fahren, zur Straßenbahnhaltestelle? Letztes Jahr, vor der Amputation, ist sie noch allein in die Stadt gefahren. Sie kennt jedes Café in der City. Haben Sie es mal mit Kaffee versucht? Ob sie den trinkt?“
„Das bringt sie um. Vordietürfahren ist vorbei, aus. Sie ist schlimmer dran, als Sie denken. Sie wär uns beinah die Trepp runtergefallen. Schwester Angelika hatte sie neben die Aufzugstür gerollt, etwas versetzt, damit die Leut besser raus- und reinkönnen. Die alte Dame hat es fertig gebracht, sich an die Trepp zu rollen und aus dem Stuhl zu rutschen! Damit fing es an. Jetzt macht sie sich einen Sport draus. Wir haben gehofft, wir könnten sie durch die Terrassentür auf den Hof fahren, damit sie noch ein bißchen Sonne tankt, aber nu wird es nix. Ich weiß nicht, wann unser Herr sie ruft, ich hab keinen sechsten Sinn. Mir sterben sie weg, ohne daß ich den Tod am Bett warten seh. Wenn sie trinken wollt und etwas essen dazu, könnt sie noch ein paar Wochen leben.“
„Wozu?“
„Diese Frage stellt nur ein Müßiggänger!“ Sie stützte sich auf und ballte das Staubtuch in der Faust. „Diese Frage brauche ich nicht zu beantworten! Ich könnt es auch nicht, ich wollt auch nicht, und gottlob muß ich nicht. Diese eine Sorg ist mir abgenommen.“
Statt sich wieder zum Putzen hinabzulassen, riß sie Brosheim am Arm.
„Die Pause ist zu End, ich zeige Ihnen, wo die alte Dame liegt.“
III.
Die Tür stand offen. Das Zimmer war nahezu quadratisch. Nur die nach außen gestülpte Fensterfront bildete einen Erker, vor dem ein Tischchen und zwei Stühle standen. Der Rollstuhl lehnte zusammengeklappt an der Wand. Die Gardinen waren weit aufgezogen. Die Passanten auf dem Weg vom alten Dorf zur Straßenbahn konnten in das Zimmer schauen. Als er seinen Kopf nach rechts drehte, sah er in die starren Augen der Greisin, die seit altersher gewußt zu haben schien, daß er in diesem Augenblick da wäre. Sie lag in dem Bett an der Wand zum Badezimmer. Über dem Bett hing als einziger Schmuck ein Kruzifix. Nachdem er es intensiv betrachtet hatte, als interessierte er sich dafür, trat er an sie heran und fragte, sich unbefangen gebend:
„Wie geht es dir?“
Die Greisin hatte die Decke zurückgeschlagen. Sie trug eine Windel, aus der ein Stumpf und ein blaugemusterter Beinstock herausragten. Die Alte erinnerte mit ihren Extremitäten, trotz ihres abstoßenden Anblicks, an einen Säugling, der auf dem Rücken liegend, seine Glieder bewegt und ungeniert mit ihnen zuckt. Endlich schaffte sie es, ihre Knochenhand an Brosheims Arm einzuhaken. Ihr Mund war ein Trichter geworden, der die umliegende Gesichtshaut einsog und nur gelegentlich wieder losließ, wenn sie wie jetzt etwas sagen wollte.
„Du mußt mir helfen!“
Brosheim fragte zu ihr hinunter:
„Wie?“
und wußte, daß sie ihn nicht hören konnte, weil ihr Hörgerät auf dem Nachttisch lag. Es gab nichts zu helfen. Sie beobachtete seine Lippen, in der Erwartung, daß er spricht. Er stopfte ihr die Otoplastik in ein Ohr. Sie schlug danach, als wollte sie es nicht haben.
„Du mußt viel trinken, sagt auch die Schwester Oberin!“
Wäre ich ein guter Mensch, dachte er, würde ich jedesmal nach Feierabend hier sitzen und ihre Hand halten, wenn sie es wollte. Ob sie es wollte, wußte er nicht. Man mußte sich vor ihren Schlägen in Acht nehmen. Sie holte Luft und seufzte, und dann stieß sie den Ton hervor, der ein Ausbruch der Seele sein konnte: Heraus aus diesem Wrack, das gestrandet war und keine Bestimmung mehr hatte. Was diese Seele festhielt, war Qualitätsarbeit der Natur, ein starkes Herz, ein intaktes Stammhirn.
„Ich würde dir gerne helfen, wenn ich nur wüßte wie. Die Oberin sagt, du mußt unbedingt was trinken. Ich setze mich da an den Tisch.“
Sie nickte, und er ließ sich auf einen Stuhl fallen. Er hörte wieder den hellen Schrei, der durch keinen musikalischen Einfall variiert wurde. Dann rief sie:
„Hol mich doch raus, Nachtigall!“
Sie hob den Arm wie eine Ertrinkende auf einem Bild, das er in dem Krankenhausblättchen ´Sankt Elisabeth´ gesehen hatte: Jesus hilft dir. Der Kopf war schon unter Wasser und Jesus auf dem Meer noch nicht zu sehen, ein Meer ohne Jesus, mit einer herausragenden Hand, wie von Max Ernst – so erschien Brosheim die Knochenhand der Greisin, die nach einer Nachtigall griff. Er hob auch seinen Arm und winkte. Die Alte, die ihren Kopf zu ihm gedreht hatte, und ihn durch das Gitter sehen konnte, bewegte ebenfalls ihre Hand, schöpfend, dann fordernd. Komm mal her. Er stand auf und trat an ihr Bett. Sie stocherte gegen den Schrank, den sie von ihrem Kopfkissen aus sehen konnte. Brosheim ging zum Schrank und öffnete ihn. Die Alte sah teilnahmslos herüber. Er ließ den Schrank offen und ging wieder zu seinem Stuhl zurück, um abzuwarten, was nun passieren würde. Sie schrie eine Weile. Brosheim wäre gern aus dem Fenster gesprungen. Er wartete vergeblich, daß sie einnickte. Stattdessen sah sie ihn an: fremd, kalt, nicht erkennend. Sie winkte fordernd und krächzste, als er bei ihr stand:
„Jakob und Judith.“
„Wer ist Jakob? Judith ist die Schwester aus dem Krankenhaus. Aber wer ist Jakob?“
Judith ist die Schwester, ist Jakob der Pfleger? Tachchen, ich bin dein Pfleger, mein Name ist Jakob, wir werden uns gut vertragen, wie heißt du? Ich heiße Jakob wie der Rabe Jakob. Wir brauchen uns nicht zu genieren. Das ist Penatencreme, wir müssen alles dick einschmieren, damit uns nichts wehtut. Ist Jakob der bescheuerte Pfleger aus dem Krankenhaus? Oder ihr Onkel, der dritte Bruder ihres Vaters, der Onkel, der auf dem Feld der Ehre fiel, das sich bis in die Lazaretts erstreckt hatte, wo die Typhuskranken auf den letzten Angriff warten?
„Ich muß jetzt gehen. Ich komme bald wieder.“
Sie reichte ihm nicht die Krallenhand. Er streckte seine Hand aus, aber sie nahm sie nicht und blickte an ihm vorbei. Ihre Wangen fieberten und ihre Lippen waren rot vom Früchtetee, den man ihr hatte einflößen wollen. Beim Hinausgehen schob er die Schranktür zu. Auf dem Flur hörte er die Alte zum vierten Mal schreien. Er kam sich vor wie jemand, der einer Frau in den Rücken schießt.
Er stellte sich vor, daß er der Maschinist dieses Körpers wäre, der immer noch aus Milliarden komplizierter Dinge bestand, die funktionierten. Wenn er die übelriechende Materie wirklich verstünde oder bescheiden ausgedrückt: sie auch nur zu einem winzigen Bruchteil durchschaute, wäre er nobelpreiswürdig. Während er auf den Fahrstuhl wartete, versuchte er, über die tieferliegende Schicht der Existenz zu philosophieren, über die Unsterblichkeit der Elektronen, über ihre Reinheit und ihre Einsamkeit auf ungewissen Bahnen. Der Ekel entsteht erst auf der höchsten Schicht, wo Elektronen sich zu Scheiße und Leichen zusammensetzen, zu Ausflüssen und Hautkrebs. Er versuchte jedenfalls, der hinsiechenden Frau eine Bedeutung zu geben, die nicht aus ihrem Verdienst herrührte, sondern aus der Natur selbst, die sich den Luxus erlaubt, aus chemischen Reaktionen und elektrischen Feldern einen Schaum zu erzeugen, der das Knochengerüst umwabert, einen Schaum aus Schmerz und Wahnsinn.
IV.
Am Telefon erklärte die Oberin, die Fingerspitzen seien blau gewesen. Die alte Dame habe die Nacht noch gelebt, die Nachtschwester sie wach gesehen. Warum sagt sie es nicht endlich, dachte Brosheim. ´Die alte Dame´ war eine Frau, die nie gern gelebt hat. Nie hat sie etwas gesagt, was ich hätte behalten wollen, nie hat sie etwas wirklich verstanden, trotzdem ist sie so alt geworden.
„Gegen 3 Uhr? Ja was war da, was sagten Sie? Lebte noch? Aha.“
„Um 4 Uhr nicht mehr. Sie ist erlöst worden“, sagte die Oberin.
Wie denen das aus dem Mund unter die Gemeinde fährt, dachte er. Das stimmt ausnahmsweise: erlöst worden. Es wäre meine Pflicht gewesen, bei ihr zu wachen. So ist sie einsam gestorben. Sie ist allein dem Minotaurus entgegengegangen. Vielleicht hat sie ihn gar nicht richtig gesehen.
„Schwester! Warum haben Sie es mir nicht gesagt?“
Er hörte nichts.
„Schwester?“
„Ja?“
„Die blauen Hände haben Sie doch nicht erst in der Nacht gesehen!“
„Nein, nachmittags schon, und sie wollt auch nicht mehr trinken.“
„Sie hätten es mir vielleicht gestern nachmittag sagen sollen.“
„Sie waren nicht da.“
„Aja. Entschuldigen Sie.“
Die Oberin bat ihn noch, den Bestatter bis spätestens Mittag vorbeizuschicken. Der Hausarzt habe schon den Tod amtlich festgestellt. Die Sachen müßten noch geholt werden.
„Schwester? Nehmen Sie alle Sachen, die Sie gebrauchen können. Danke, daß Sie mich angerufen haben.“
Er hängte ein. Sie ist tot. Na schön. Um drei ist es noch dunkel. Die Nachtigall, nicht die Lerche. Die Alte hat nicht gekämpft, sie ist hinübergesegelt. Sie hatte nie gekämpft. Oder du hast es nie gemerkt. Du hast vieles nicht gemerkt. Es sind schon jüngere Leute gestorben. Schlacht bei Sedan, Schlacht vor Verdun, Schlacht um Stalingrad, Schlacht hier, Schlacht da, Schlachten überall, an manchen Stellen mehrmals. Strategische Punkte ziehen Gehirne an. Dort laufen sie aus und vertrocknen. Mehr als einen Kubikkilometer Menschenhirn hat es auf der Erde nie gegeben, das paßt in ein Braunkohleloch. Weniger als ein Millionstel davon war hochaktiv, gefährlicher als Plutonium, die gefährlichste Masse der Welt: Frankenstein-Pudding. Wenn er in sich hineinhorchte, mußte er doch spüren, daß ein Sender ausgefallen war! Es schellte.
Der Mann an der Tür neigte den Kopf und versuchte zuerst, einen erschütterten Eindruck zu machen. Er sprach von Beileid. Brosheim bat ihn ins Zimmer.
„Hören Sie, sie war über 90, war inkontinent und hatte nicht die geringste Lust weiterzuleben. Nach Lage der Dinge werde ich außer Ihnen und den Trägern der einzige am Grab sein.“
Das Telefon.
„Ja? Ja, er ist hier. Er beeilt sich.“
Brosheim wandte sich an den Bestatter, der zur Normalität eines freundlichen Geschäftsmannes zurückgefunden hatte.
„Wann Sie endlich kommen?“
„Nach dem Mittagessen“, flüsterte er.
„Haben Sie gehört? Nach dem Mittagessen!“ schrie Brosheim in die Muschel und legte auf.
„Sie drängeln“, sagte der Bestatter, „weil sie keine Klimaanlage haben, keinen Kühlraum. An die Kapelle haben sie gedacht, aber nicht an den Kühlraum, dabei ist der naja fast so wichtig, verstehen Sie?“
„Was gibt’s denn da zu verstehen?“
„Schuldigung.“
„Was machen Sie im Sommer?“ fragte Brosheim versöhnlich.
„Bei Zweibettzimmern im Sommer, da werden die Schwestern nervös.“ Er lachte breit und fuhr fort: „Sie erscheinen am Grabe und außer Ihnen sonst keiner? Pfarrer? Pastor?“ Brosheim winkte ab.
V.
Über dem Land hing eine verschlissene Wolkendecke. Das Licht rieselte hindurch. Brosheim, der sich zur Feier des Tages einen schwarzen Pullover übergezogen hatte und darüber noch eine mantellange Windjacke, ging, die Hände in der Tasche, langsam über den Parkplatz zur Hauptstraße, wo sich die Autos entlangschoben. Er mußte zum Friedhof hinüber, dessen Steinmauer sich an der Straße hinzog. An der Tankstelle wartete er auf eine Gelegenheit zur Überquerung. Er beobachtete einen Mann, der es nicht schaffte, die Zapfpistole um das Wagenheck herum in das Loch zu stecken. Schließlich trug er sie zurück und versuchte nun, sie in der Halterung einzurasten. Als ihm auch das nicht gelang, legte er sie vorsichtig auf den Betonboden, zwängte sich in sein Auto und floh. Der Tankwart im Blaumann rannte heraus, riß den Zapfhahn hoch und schüttelte voller Empörung den Kopf.
„Das sind die wahren Kriminellen“, rief er zu Brosheim hinüber, „Sie haben es gesehen, das sind die wahren Kriminellen, die Dummen, das sind die Gefährlichsten!“
Brosheim bestätigte die Wahrheit durch Kopfnicken.
„Wieviel Uhr ist es?“
Der Blaumann ging zurück in seinen Laden. Kurz darauf streckte er den Kopf heraus:
„3 Minuten nach.“
Brosheim brauchte nur die Ampelschaltung an der großen Kreuzung abzuwarten, die Straße zu überqueren und dann ein Stück an der Friedhofsmauer entlangzugehen. Er hatte das Tor erreicht und ging auf der anderen Mauerseite wieder ein Stück zurück. Er sah über die Mauerkrone hinweg, wie der Blaumann die Halterung prüfte. Wahrscheinlich glaubte er nicht an soviel Dummheit, wahrscheinlich glaubte er, daß die Halterung kaputt war. Der Blaumann blickte herüber und hob den Daumen. Brosheim wußte nicht: war die Halterung in Ordnung oder gab es nicht soviel Dummheit, wie zu befürchten stand? Er bog um die Friedhofsecke, die durch eine kleine Bastion verstärkt wurde. Hier stank es nach Pisse. Durch die Hecke nebenan war ein Pfad zur Seitenstraße gebrochen worden. Brosheim bog in den Heckenweg, an dem die Reihengräber lagen. Fünf Männer im abgewetzten Schwarz standen an dem Sarg, der auf zwei Querstangen über der Grube lag. Der Bestatter empfing Brosheim grinsend. Schadenfreude, dachte Brosheim, es interessiert ihn, wie man es anstellt, jemanden ohne Aussegnung unter die Erde zu bringen. Er reichte ihm knapp die Hand.
„Guten Morgen.“
Dann stellte er sich den Sargträgern vor, jedem einzeln. Die Träger blickten betreten und senkten die Köpfe gerade so tief, daß sie noch sehen konnten, wie Brosheim die Hände abspreizte.
„Tja.“
Sollte heißen: bringen wir es hinter uns. Der Sarg polterte gegen die Seitenwände des Lochs und kam schief unten auf. Sie zogen schnell die Seile ein und falteten die Hände. Über der ausgehobenen Erde lag eine grüne Kunststoffdecke ausgebreitet. Ein Schäufelchen, mit einem Klecks Erde beladen, lehnte an dem bedeckten Hügel. Brosheim ergriff sie und warf den Lehm zurück ins Loch. Er faltete die Hände vor seinem Geschlecht und besah sich den eingebrannten Palmwedel auf dem Sargdeckel. Ihm fiel ein, was er vergessen hatte: Das Blumenopfer, einen Kranz mit der Aufschrift ´Im stillen Gedenken´. Brosheim blickte auf. Die Männer hatten sich schon davongestohlen und soeben den Hauptweg erreicht. Der Bestatter, der sich umsah, grüßte noch einmal. Brosheim nickte ihm zu und wartete, bis er ihm den Rücken kehrte, dann hob er einen Stein auf, der am Rand des frischen Hügels lag, und warf ihn in das Grab. Der Stein sah nicht so aus, als hätte er lange in der Nachbarschaft von Leichen gelegen. Trotzdem juckte die Wurfhand. Brosheim verließ die Grabstätte und streifte seine Hände an einem Buchsbaum ab, der den Verwesungstrank mit den Wurzeln aufgesaugt und verwandelt haben mochte. Dieser Gedanke störte Brosheim nicht, denn zwischen dem Verfall unter der Erde und den ledrigen Blättern lag eine komplizierte, von der Sonne betriebene Maschine des Lebens. Als er die Mauer wieder erreicht hatte und sich nach links drehte, zu der Stelle, wo die Grube in den Boden gerissen war, bemerkte er, daß der Totengräber die Kunststoffbahn zurückschlug und sich anschickte, mit einer richtigen Schaufel das Loch zu schließen. Das nenne ich eine christliche Beerdigung. Ich muß einen Kurzen kippen. Der Tag ist so verdammt normal, ein grausig sachlicher Morgen, an dem Autos fahren und Kneipen zu haben. Er wartete die Ampelschaltung ab, dann ging er hinüber. Er betrat das Kassenhäuschen der Tankstelle. Der Blaumann war weg. Eine Angestellte sah Brosheim auffordernd an, und Brosheim fragte:
„Haben Sie was Hochprozentiges?“
„Nur Dosenbier.“
„Bier macht müde.“
„Magenbitter.“
„Also gut.“
Sie suchte das Regal ab und fand einen Karton. Sie brach ihn auf.
„Gott ist entweder krank oder bringt Leute um“, sagte Brosheim.
Die Angestellte drehte sich erschrocken zu ihrem Kunden, dann spähte sie zur offenen Tür, als suchte sie eine Fluchtmöglichkeit.
„Sie kennen doch die Anzeigen: Nach langer schwerer Krankheit nahm Gott, der Herr und so weiter.“
„Ach so, kenn ich.“
Sie stellte ein Fläschchen vor ihn und nannte einen Preis.
„Machen sich Beerdigungen hier bezahlt?“
„Nö.“
Er zählte ihr das Doppelte des verlangten Betrages hin.
„Ich wünsch Ihnen was.“
Dann ging er in den furchtbar normalen Tag.