Oh, Samantha!

von Paola Reinhardt (copyright)

Es war schon Spätherbst, als David auf die Insel zurückkehrte. Alles schien unverändert. Möwen kreischten über dem steil abfallenden Strand vor seinem Haus. Der Wind rüttelte an den grün verwitterten Fensterläden und der Wasserhahn über der Badewanne tropfte noch immer. Anna hatte ihn höflich, aber mit einer ungewohnten Fremdheit empfangen. Ihr Haar war noch weißer geworden, doch ihren aufrechten Gang und den klaren Blick hatte sie nicht verloren. „Es ist gut, wieder hier zu sein, Anna“, sagte der Mann und sah hinaus in den Garten, wo der Wind sein unsanftes Spiel mit den Dahlien und Astern trieb. „Warum bist du so lange fortgeblieben, David?“ fragte Anna vorwurfsvoll. Den ganzen Sommer über hatte er sie allein gelassen, eigentlich sogar seit den ersten Sonnentagen, als die Urlauberinvasion einsetzte. Anna verstand das nicht. Davids Besitz lag einsam, fest abgegrenzt und eingezäumt und nur selten verirrten sich ein paar Neugierige bis an die Gartenpforte. Es waren also nicht die Touristen, vor denen er geflohen war. David hatte in diesem Sommer zuerst für ein paar Wochen bei Freunden in der Nähe von Biarritz gewohnt, danach eine Einladung auf Elba angenommen, und anschließend versucht, sich auf einer Segeltörn vor Griechenlands Küsten zu amüsieren. Doch im Grunde hatte er sich in all den Monaten nur gelangweilt. Nachdenklich trat der Mann vom Fenster zurück und setzte sich an seinen Schreibtisch. Das aufgeschlagene Lexikon zeigte noch immer die gleiche Seite wie vor seiner Abreise. Daneben lagen Zeitungen und Briefe fein säuberlich von Anna nach Eingangsdatum geordnet. David brachte in wenigen Minuten alles durcheinander, fand aber nicht, wonach er suchte. Dann kam Anna mit seinem Tee aus der Küche zurück, heiß, süß und aromatisch, wie er ihn sonst nirgendwo zu trinken bekam. „Wann wirst du endlich dein neues Buch beenden? Der Verleger hat schon einige Male angerufen, aber du warst ja nirgendwo zu erreichen. Nicht einmal über dein Handy“, sagte Anna vorwurfsvoll, ohne den Mann dabei anzusehen. „Bald, bald“, wiederholte David ausweichend und riss mit einer heftigen Bewegung das leere Blatt Papier aus der Schreibmaschine, das er noch vor seiner Abreise eingespannt hatte. Wenn ihm schon damals nichts eingefallen war, wie sollte er jetzt nahtlos an alte Gedanken anknüpfen! Vielleicht gab es sowieso keine Lösung für diese Blockade in seinem Kopf, und er starb langsam vor sich hin. Er sah zu Anna hinüber, die ordnend an einem Strauß Rosen zupfte, wie früher Samantha. Da stand er auf und lehnte seinen Kopf an ihre knochige Schultern, so wie er es als kleiner Junge oft getan hatte, wenn er von ihr getröstet werden wollte. „Anna, sie fehlt mir so sehr!“, sagte er leise. „Ich weiß“, antwortete Anna und strich ihm beruhigend über sein dichtes, noch immer braunes Haar. „O David, dieser andere Mann, er bedeutete Samantha doch gar nichts. Hast du denn nicht bemerkt, wie sie dich mit dieser kleinen Affäre nur aus deiner Gleichgültigkeit aufrütteln wollte? Du hättest sie nicht gehen lassen dürfen!“ Mit einem Ruck löste sich David aus der Umarmung, rannte zum Fenster und riss es auf, als sei ihm die Luft zum Atmen ausgegangen. Dann nahm er seine braune Lederjacke vom Garderobenhaken, blieb in der Haustür noch einmal stehen und rief: „Warte nicht mit dem Essen auf mich, Anna!“ Doch er erhielt keine Antwort.

Der Wind war schon ungewohnt kalt für einen späten Oktobertag. Er zerrte die welken Blätter von den Birken, vermischte sie mit dem übrigen herunter gefallenen Laub und trieb seine Beute bis an den Rand der dichten Buchenhecke. Die Scharniere der Gartenpforte quietschten, als David sie öffnete und er erinnerte sie sich daran, dass er im Frühjahr vergessen hatte, sie zu ölen. Der schmale Weg hinunter zum Strand war dicht versandet und jeder Schritt vorwärts, kostete ihn Kraft. Nach ein paar Minuten erreichte er den Strand. Das Meer hatte sich zurückgezogen und nur Tang, Treibholz und Muscheln zurückgelassen. David musste unwillkürlich lächeln, als er daran dachte, mit welchem Eifer Samantha jede an den Strand gespülte Kiste untersuchte und immer enttäuscht wie ein Kind reagiert hatte, wenn sie wieder einmal nichts Aufregendes enthielt. Nie war sie auf ihren Spaziergängen ohne eine Handvoll Muscheln in den Taschen heimgekehrt. Nur allzu gut erinnert er sich an ihre nasskalten Hände beim letzten Spaziergang, die sie ihm auf dem Heimweg zum Wärmen entgegen gestreckt hatte. Und er spürte, dass jeder Gedanke an Samantha schmerzte! Er nahm seine von der feuchten Luft beschlagene Brille ab und fuhr sich über die brennenden Augen. In einiger Entfernung vor sich sah er plötzlich die schmale Silhouette einer Frau. Der Wind spielte mit ihren langen, weizenblonden Haaren. Er beschleunigte seine Schritte, doch obwohl er schnell ging, vermochte er sie nicht einzuholen. Er stemmte sich noch stärker gegen den Wind, keuchte, pustete, rief ihren Namen: „Samantha!“ Eine Antwort erhielt er nicht. Es kam ihm sogar vor, als wenn er sich mit jedem Schritt, den er sich ihr zu nähern glaubte, weiter von ihr entfernte. Dann war die schmale Gestalt auf einmal verschwunden, verschluckt von der aufkommenden Dunkelheit. Erst da begriff David, dass es nicht Samantha war! Denn Träume können keine Realität annehmen, ohne dass man etwas dazu tut! Er lächelte, summte ein Lied, und dann ging er scheinbar leichtfüßig und mühelos den Weg durch den feuchten Sand zurück.

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