Sigmund
von Eduard Breimann (copyright)
Die lang andauernde Steigung hat Kraft gekostet. Hinter der Biegung müsste eine Bank stehen. – Ja, da ist sie. Dass ich mich daran erinnern konnte! Früher ging ich achtlos an ihr vorbei, hab sie nie als Ruheplatz angesehen, sie meistens nicht einmal beachtet. Jetzt kommt sie gerade recht; ich muss die zitternden Beine ausstrecken und den Atem zur Ruhe kommen lassen.
Ah! Dieser herrliche Blick ins Ahrntal. Ja, das ist es, was die Wanderer herlockt: Man sieht von hier in beiden Richtungen weit ins Tal. In der klaren Luft dehnt es sich bis Rein zur einen und Sand in Taufers zur anderen Seite.
Im Rücken – wie ein Schutzwall – steht die Bergkette um Reisnock und Graunock. Meine Heimat! Meine Heimat? Diese? – Oder die andere? Ich bin mir nicht sicher. Gibt es einen Plural dafür? Heimaten? Die zwei Heimaten? Was ich fühle, ist unbestimmt, lässt sich nicht mit einem Wort festmachen.
Meine Heimat? Welche? Unsere Plantage, die ‚Apfelburg’, bei Bozen oder das Dorf Mühlwald? Unser schönes Haus, Maria und die Kinder? Ja, vielleicht …
Mühlwald? Sigmund … Nein, der wollte unser Dorf nie so nennen.
„Heimat? Für wen? Für die italienischen Gastarbeiter? Für euch? Ihr Ewiggestrigen! Und außerdem: ‚Selva dei Molini’ heißt unser Dorf – wir gehören zu Italien“, sagte er – oft genug im Zorn. Er fühlte sich eben als Italiener und verstand uns nicht. Nie!
All das hier ist meine Kindheit, meine Jugend, die fest eingebrannt ist. Bin ich sentimental? All das hier … Der spitze Turm von St. Josef. Er sticht in den postkartenblauen Himmel. Eine Hand voll grauer Dächer, flach, breit ausladend, umzingelt ihn in weitem Bogen, nur ein paar Häuser drängen sich direkt um den schlanken, weißen Turm, weithin sichtbarer Dorfmittelpunkt. Das links neben der Kirche stehende, mit Blumenkästen bestückte Gebäude, ganz dicht an St. Josef geschmiegt, das ist das Hotel ‚Mühlwald’ – mein Quartier für eine Woche. Da hat Sigmund das Kellnern gelernt; dort hat er gearbeitet, bis er verschwand, mit dieser … nach Italien ging.
Auf der anderen Seite des Kirchturms, in dem prächtigen, geduckt lauernden Bau, da wohnte damals Pfarrer Helmes, Großvaters Freund. Sigmund hasste seine ständigen Predigten gegen das Fremde, gegen das „von Gott so nicht gewollte Verfremden“. Da mochte er auf dem Weg von der Sonntagsmesse nach Hause ewig drüber spotten und lästern.
„Wenn der mal begreift, dass Jesus kein Tiroler war, tritt der glatt aus der Kirche aus“, rief er zum Beispiel und warf dabei einen Stein runter ins Tal – ich wusste, dass er dem weit entfernten Pastorat gegolten hatte.
Mein Handy!
„Hallo, Maria! – Ja, mir geht es gut – sehr gut sogar. Die vielen Erinnerungen … – Ach, du weißt doch, was für ein sentimentaler Kerl ich bin. – Ja, die Woche wird schnell rum gehen. – Vielleicht bleibe ich noch ein oder zwei Tage länger; hältst du’s so lange aus ohne mich? – Das will ich nicht gehört haben. – Mein Psychofreund hat sich gemeldet? – Was hat er sonst noch gesagt, der Inger? – Ohren steif und durch? – Scherzbold, der! – Ich liebe dich auch. – Ich steige gerade rauf zum Schüttlerhaus – dem früheren. – Tschüss!“
Meine Beine sind wieder fest, der Atem geht gleichmäßig. Ich kann aufstehen. Da ist sie, die steile Wand, direkt hinter mir. Da oben ist irgendwo der Seefelder See, verbotener Badeplatz unserer Jugend. Da haben Sigmund und ich oft nackt gebadet. – Ach ja! Und der Sigmund mit seiner damaligen italienischen Freundin – hieß die nicht Giana? – Ja, ich glaube. Mit der planschte er im seichten Uferwasser; sie waren beide nackt, splitterfasernackt! Einen schönen Körper hatte sie, das muss ich sagen. Mit Steinen hat er damals nach mir geworfen, als er mich hinter dem Felsen entdeckt hat.
„Du Spanner! Du Miststück! Mein Mädchen hast du nicht zu beglotzen!“
Wie alt war ich damals eigentlich? Wohl so um die fünfzehn – oder schon sechzehn? Sigmund war da jedenfalls schon Kellnerlehrling – unten im Hotel Mühlwald. Also, dann müsste ich …
Der Weg ist mit Gras bewachsen, wird wohl nicht mehr so häufig genutzt. Damals, da kamen viele Wanderer, wussten genau, dass es weiter oben eine Hütte gab, in der meine Großmutter duftendes, selbst gebackenes Brot auf den Tisch stellen würde, dick bestrichen mit salziger Butter, belegt mit fein geräuchertem Tiroler Schinken.
Man sieht nichts mehr von den verheerenden Sturzbächen, die in der letzten Woche hier herunter gekommen sind; guten Boden, Büsche und Geröll haben sie mitgerissen. Die Zeitungen berichteten von neuen Geröllabgängen, von kleinen Katastrophen. Aber es sei noch einmal alles gut gegangen. Schnell vorbei ist so was hier, die Natur vergisst bald; es genügen ein paar Sonnentage – wie heute.
Damals, als der teuflische Regen den halben Berg mitgenommen hat, als diese riesige Stein- und Gerölllawine abging, da hat es lange gedauert, bis sich alles wieder beruhigt hatte – auch die Menschen. Ach, damals …
Es ist gleich Mittagszeit. Ich schaffe es noch bis zum Schüttlerhaus, der Hütte, die im 19. Jahrhundert mit Genehmigung der Sektion von meinem Urgroßvater Johannes Schüttler, erbaut wurde.
Wie hat Großvater das Haus geliebt. Bevor er heiratete, ließ er das baufällige Haus abreißen, unterkellerte es mühsam und baute eine feste, große Schutzhütte drauf. Im Sommer hatte er immer Gäste, Wanderer, die von der Hütte aus Touren unternahmen. Ausschließlich deutsche Gäste waren das, deutsche Bergsteiger und Wanderer. Italiener oder Österreicher waren nicht willkommen bei uns.
„Verräter, Räuber und Landbesetzer haben bei mir kein Gastrecht!“, sagte Großvater, wenn sich ein Ausländer zu ihm verirrte und Unterkunft verlangte. „Dies ist ein deutsches Haus für deutsche Menschen!“
Er war schon ein eigenwilliger und sturer Kopf, mein Großvater, Vorsitzender der Schützenkompanie und des Heimatvereins, Verfechter einer völligen Autonomie für unser Tirol. Ein stolzer Mann auch, den nichts umwerfen konnte – fast nichts. Dachte ich immer.
Da, der Gebirgsbach. Ziemlich wild heute. Ich quere ihn am besten an der Stelle, wo die vorspringende Felsen ihn von beiden Seiten einzwängen, ihn schnell und laut werden lassen.
Ahhh! Ein großer Schritt, Wasser spritzt hoch, nässt meine Hand mit dem knorrigen Wanderstock. Ich spüre ein Glücksgefühl, das man manchmal hat, wenn plötzlich etwas sichtbar wird, das lange verschüttet war.
Wie solche Anblicke die Erinnerung beflügeln. Früher war hier – fast genau an dieser Stelle – die breite Holzbrücke, vom Großvater gebaut. Stimmt! Sie ist damals, in der wilden Nacht, vom tosenden Bach mitgerissen worden.Niemand hat sie wieder aufbauen wollen; es gab wohl auch keinen Grund dafür. Wer geht schon hier herauf?
In ihrem Schatten, unsichtbar für vorbeikommende Wanderer, hockten wir im Sommer, wenn es zu heiß war. Endlos lange konnten wir da sitzen, die Füße im Eiswasser kühlen, über Geistergeschichten nachdenken und von Mädchen schwärmen.
„Wenn du einmal was sagst – über meine Freundin, meine ich – dann steck ich deinen Kopf ins Eiswasser und ersäuf dich!“, sagte Sigmund einmal zu mir, als wir wieder unter der Brücke saßen und mit den Stöcken das Wasser schlugen. Er meinte es ernst!
Wann war das noch? Ach ja, die Tornister lagen neben uns! Wir waren gerade aus der Volksschule gekommen und kühlten uns nach dem erhitzenden Aufstieg etwas ab. Ich hatte ihm Vorwürfe wegen seines Umgangs gemacht. Seitdem Großvater so zornig über die Italiener gesprochen hatte, die den Opferstock ausgeraubt haben sollten, war ich besorgt. Pfarrer Helmes hatte das am Sonntag nach dem Gottesdienst zum Großvater gesagt. „Aber sag nichts, Heinrich, du bist nachher deines Lebens nicht mehr sicher!“
„Mit solchem Gesindel treibst du dich herum, Sigmund. Wenn Großvater das wüsste“, antwortete ich, denn ich wusste, dass es für Sigmund böse ausgehen würde.
In der Schule zeigten sie auch schon mit den Fingern auf Sigmund und riefen ihn Itakerfreund. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es einer dem Großvater stecken würde.
„Halt lieber deine Schnauze!“, sagte Sigmund böse und stieß mir den Stock hart vor die Brust. „Und sag nie mehr was gegen die Italiener oder ihre Töchter. Hast du verstanden?“
Er hatte wirklich immer Mädchen aus der Italienerkolonie, mit denen er sich heimlich traf. Er wechselte sie häufig; das hatte ich schnell spitz gekriegt – obwohl sie für mich alle gleich aussahen. Er sprach ihre Namen italienisch aus – mit begeistert rollenden Augen. Da gab es zuerst – wenn ich mich recht erinnere – eine Florese, dann in bunter Folge andere Namen. Ich erinnere mich noch an einige: Francesca, die einen Wahnsinnsbusen hatte, Giana und Verona, die Zwillingsschwestern, und zum Schluss – ach ja, dann war wirklich Schluss – Lucia. Mit ihr meinte er es wohl ernst.
Braunhäutig waren sie alle, ihre Augen leuchteten wie Kohlen und die langen Haare hingen pechschwarz bis zur Hüfte. Sie waren hübsch – das musste ich zugeben. Aber wir anderen Jungen mochten sie trotzdem nicht, bewarfen sie mit Steinen, streckten ihnen die Zunge raus und schworen uns, nie mit ihnen zu gehen.
„Sie stinken nach Knoblauch; waschen tun die sich nie – und sie fressen kleine Kinder. Der Pfarrer hat nicht umsonst vor ihnen gewarnt“, so erzählten wir uns mit Verschwörerstimme.
Ich war schüchterner als Sigmund, wohl auch, weil ich zwei Jahre jünger war – und Sigmund mich immer wie einen dummen Bub behandelte. Meine ersten Freundinnen waren alle blond. Strohblond! Ich hatte auch später nie eine Freundin, deren Haar nicht so aussah wie frisches Stroh; auch Maria, meine Frau, hat dieses Haar, das in der Sonne glänzt.
„Wie können zwei Jungen, die denselben Vater und dieselbe Mutter haben, nur so verschieden sein“, rätselte unsere Großmutter Elisabeth, wenn es wieder mal zum Streit zwischen Großvater und Sigmund gekommen war.
Sigmund hatte eine dunkle Haut, war schwarzhaarig, sehr groß und hatte breite Schultern. Ich weiß noch, wie Großvater einmal beim Abendbrot den Sigmund lange ansah. Nachdenklich sagte er: „Siehst aus, als hätte die Österreicherin mit einem Italiener …“
„Heinrich!“ Wenn Großmutter so einen Ton hatte, dann schwieg Großvater – meistens.
Ich dagegen sah aus wie Großvater, was er oft genug, mit Stolz in der Stimme, unseren Gästen klar machte. „Mein Ebenbild! Hat auch viel von seinem Vater. Ja, ein echter Schüttler, ein guter Tiroler Bub ist das, unser Konrad“, rief er überlaut – wenn er ein paar Glas Wein im Bauch hatte – und streichelte dann ganz sanft meinen Kopf.
„Weißt du, Konrad“, sagte er zu mir, als ich den Volksschulabschluss mit vielen Einsen im Zeugnis geschafft hatte, „weißt du, was uns von den Itakern unterscheidet? Wir haben Walther von der Vogelweide und einen Herrn Goethe; und diese Landräuber haben gerade mal ein paar mittelmäßige Maler hervorgebracht. Das unterscheidet uns, mein Sohn.“
Die Italiener! Was für ein Volk! Aus Sizilien kämen sie, hätten zum Schluss Steine fressen müssen, so arm seien sie, sagten die im Dorf. Sie arbeiteten an der neuen Straße, brachen mit ihren Händen mühsam den widerspenstigen Fels und zerdepperten die Brocken mit schweren Hämmern. Sie waren alle ziemlich muskulös und wenn sie sich prügelten – was für uns Jungen die größte Gaudi war – dann flogen die Fetzen, dann konnte man Blut sehen.
Jedenfalls war das eine Baustelle für viele Jahre. Sie wohnten damals noch in Baracken, später erst siedelten sich einige von ihnen an, wurden heimisch, so gut es in diesem deutschen Umfeld ging.
Großvater war ein Gegner dieser Ansiedlung, wollte den Italienern sogar den Besuch im Dorfkrug verbieten lassen. Wenn der damals gewusst hätte, dass Sigmund sich heimlich mit so einer traf, dann wäre alles anders gekommen, dann hätte er früh genug der Sache einen Riegel vorgeschoben. Großvater hätte schon gewusst, was zu tun war. Er war ein kluger Mann. Aber ich hab’ nie was gesagt – das war Ehrensache. Hätte ich damals nur gewusst … Das ist es! Es war mein Fehler. Alles wär anders gekommen, ganz anders. Wenn ich bloß nicht so feige gewesen wäre.
Streng war er, unser Großvater; so streng, dass wir richtig zitterten, wenn wir sein Grollen hörten, wenn er auf der Suche nach den „Lausbuben“ war und fragte: „Wer? Wer von euch?“ Da setzte es schnell mal eins hinter die Ohren, oh ja.
Er habe schließlich die Verantwortung, müsse was Gescheites aus diesen Buben machen, das sei er seinem Sohn schuldig. Von Mama, die damals den Wagen gefahren hatte, als sie auf der Strecke nach Bozen auf die Gegenfahrbahn geraten waren, da sprach er nie. Sie hatte es nie gegeben, für keinen von uns.
„Heinrich, Heinrich! Versündige dich nicht. Du hast kein Recht zu richten. Sie war die Mutter unserer Enkel, die Frau unseres Sohnes. Sie ist bei Gott“, sagte Großmutter oft.
Sie erregte sich jedes Jahr ganz furchtbar, wenn er die Messe für unseren Vater, seinen Johann, lesen ließ und keinen Gedanken an seine Schwiegertochter Margit verschwendete – sie war in Österreich geboren, was er erst bei der Trauung erfahren hatte.„Sie war eine Betrügerin! Hat sich als deutsches Mädchen in unser Haus geschlichen – und sie hat meinen Sohn umgebracht.“
Ja, er war hart, mein Großvater Heinrich. Aber ich liebte ihn, ich tat, was er wollte – und wollte ihm ständig gefallen; er war in allen Dingen mein Vorbild.
Ich atme die klare und würzige Luft tief ein, halte das Gesicht in die Sonne. Herrlich ist es hier. Von dieser Stelle aus konnte ich früher bereits das Dach unseres Hauses sehen. Es lag direkt am Hang, in dessen Wetterschutz es sich über viele Jahre gut gehalten hatte; rechts und links zogen sich niedrig gewachsene Kiefernwälder, die nach oben hin immer spärlicher und krüppeliger wurden.
Unser Haus! Ha! Ich weiß genau, was mich erwartet, ich hab’s nie vergessen, wie es hier aussah, in den Tagen nach dem Unwetter. Fast vierzig Jahre ist es her, dass meine Heimat mich – uns – verstoßen hat.
Die breite Schneise durch den Kiefernbewuchs zieht sich vom steilen Felsen bis weit nach unten, wo die Weiden beginnen, und endet in einer Mulde. Da, jetzt sehe ich die Geröllhalde; sie läuft vom Steilhang über die Stelle, an der unser Haus stand, ergießt sich über die ehemalige Terrasse, fließt weit hinunter bis zur Mulde; wie ein zu Stein gewordener Fluss.
Nichts ist vom Haus übrig geblieben – außer dem Keller natürlich. Dieser Keller! Meine Güte, was hatte ich für eine Angst vor dem Gewölbe, das Großvater und seine Helfer tief in den Hang hinein vorgetrieben hatten. Zwei mit Drahtgitter geschützte Deckenlampen gaben gelbliches Licht und ließen die grob behauenen Felswände bedrohliche Schatten werfen.
Das klobige Weinregal mit den ausgesucht guten Weinen der Region, stand quer im Gewölbe. Es teilte den Raum in zwei fast gleich große Teile. Es gab nur einen schmalen Durchgang. Alles dahinter, war nur schwach beleuchtet, hatte auf mich eine apokalyptische Wirkung.
„Hol mir den Bozener Leiten – den Jahrgang … – Warte, warte! – Nehmen wir zur Feier des Tages ruhig mal den guten 54er. – Aber pass auf und lass ihn nicht fallen!“, sagte Großvater zum Beispiel, wenn er am Abend mit besonders geschätzten Wanderern zusammen saß, um mit ihnen über die nächste Bergtour zu schwätzen.
Immer schickte er mich, als sei das eine Auszeichnung. War’s wohl auch. Sigmund grinste immer schäbig; er wusste, was ich empfand. Für mich war es keine Auszeichnung, es war wie eine Strafe. Eine animalische Angst überfiel mich, sobald ich den Riegel weg schob.
Mit zitternden Beinen stieg ich dann die in den Stein gehauenen zehn Stufen herunter, huschte auf Zehenspitzen und lauschte. Ich hörte mein Blut in den Ohren rauschen, während ich durch den engen Gang schlich, der in den Berg hinein führte. Hier hing die erste Lampe. Dann öffnete sich der Fels, bildete ein niedriges Gewölbe.
Das Knacken im Gestein ließ mein Herz bis zum Hals schlagen. Es knackte immer! Ich wusste, dass sie da waren. Die zweite Lampe beleuchtete das Weinregal. In ihrem schwachen Licht suchte ich hastig, mit zitternden Händen, nach dem richtigen Etikett.
Ruhig, scheinbar unschuldig lagen sie da, versteckten boshaft ihren Namen und den Jahrgang unter Staub oder falsch herum gedrehten Etiketten. Die Schriften waren im Halbdunkel kaum zu lesen.
Wie oft hatte ich mir gesagt: „Das merke ich mir. Also! Die dritte Reihe von oben, das vierte Fach von links. Ach was. Alles umsonst. Großvater ordnete die Flaschen oft neu und alles Merken half nicht. Der Kalterer, der Meraner, der Lagrein, der St. Magdalener, der Rosenmuskateller und – endlich – der Bozener Leiten, alles nach Jahrgängen sortiert.
„Man muss sie von Zeit zu Zeit in die Hand nehmen; sie lieben es, wollen wissen, dass sie geliebt und beachtet werden. Und dabei bekommen sie – je nach Laune – eben auch schon mal einen neuen Platz“, erklärte mir Großvater, wenn ich mich beschwerte, weil ich partout die gewünschte Flasche nicht finden konnte.
Es war nicht still hier unten, oh nein. Von oben, aus der Gästestube, hörte man zwar keinen Laut. Aber hier, über mir, jetzt links, dann hinter dem Regal, da meldeten sie sich. Das Knacken im rissigen Fels, das machten sie.
„Das hörst nur du. Hier knackt nichts“, stellte Großvater fest, dem ich meine Ängste gestanden hatte.
Mag sein, dass ich überempfindlich war. Schuld daran war aber Sigmund. Er hatte mir, wenn wir alleine unterwegs waren, immer wieder düstere Geschichten erzählt von diesen bösartigen, langbärtigen Gefangenen im Fels, die im Dunkeln nach den Menschen griffen, um sie in die Spalten zu ziehen – auf Nimmerwiedersehen.
Er selber – sagte er und lachte dabei ziemlich herablassend – habe keine Angst vor ihnen. Er habe einen Pakt mit ihnen geschlossen und versprochen, eines Tages einen Menschen zu liefern, den er hasse – oder bestrafen wolle.
Er lachte höhnisch über mein ängstliches Gesicht. Manchmal war Sigmund wirklich unausstehlich.
Aber ich wusste, dass er häufig mit Tornister oder Rucksack auf dem Rücken in den Keller stieg, wenn Großvater nicht im Haus war. Wenn er dann hastig, mit hochrotem Kopf, den Berg runter lief, dann klirrte es verdächtig.
„Was machst du da? Großvaters guten Wein stehlen? Mach das nicht noch einmal, Sigmund! Ich hab dich beobachtet. Gibst das wohl deinen Freunden, den Itakern, was?“, stellte ich ihn zur Rede.
„Der zählt seine Bestände nie. Und du – halt bloß deinen Mund, Konrad. Sonst bist du es, den ich ihnen vorwerfe!“
Ich wusste genau, was er damit meinte.
Jetzt ist er verschwunden, der Keller, in dem die Felsengeister mir Angst eingejagt hatten. Verschwunden wie alles, was einmal meine Heimat ausmachte; weggewischt wie von einer Riesenfaust. Nur noch Steine – Steine über Steine.
Mein Atem geht rasch. Ich bin nichts mehr gewöhnt und das letzte, steile Stück, hat mich ganz schön außer Puste gebracht. Ich stehe vor den Resten unseres Hauses. Da, unter dem Steinhügel, da befindet sich der Keller. Ich wisch mir den Schweiß von der Stirn und schau runter ins Tal.
Was suche ich hier? Erinnerungen an eine schöne Kindheit, eine beschützte Jugend? Oder eher an das abrupte Ende – und die Gründe dafür?
Wo finde ich die Erinnerungen, die so wichtig sein sollen? Haben sie sich in den wenigen Resten versteckt? Haben sie sich vielleicht in den kantigen Felsen am Steilhang verkrallt, auf den ich als Schuljunge oft geklettert bin, um das Abendrot über dem Speikboden zu beobachten und weil mich Liebessehnsucht – auch Liebeskummer – plagte?Oder finde ich sie in Trümmerstücken, wie diesem fast verrotteten Balken da hinten, der steil aus dem Gestein ragt? Das ist doch … Richtig! An dem hing die vom Großvater gebaute Schaukel, um die sich Sigmund ständig mit mir stritt. Er gewann immer; er war eben der Stärkere.
„Geh doch zum Großvater und verpetz mich, du Lieblingsenkel“ sagte er dann und lachte dabei so hässlich, dass ich ihn richtig hasste und ihm dicke Warzen ins hübsche Gesicht wünschte.
Vielleicht wollte ich ja auch nur noch einmal zurück an die Stelle meiner Kindheit und Jugend, weil mein Freund, dieser allwissende Psychologe, es so will.
„Du läufst weg, Konrad! Merkst du das denn nicht? Such deine Vergangenheit auf. Betrachte sie – kritisch und ruhig mit Schuldgefühlen. Du brauchst dazu etwas, das du anfassen, greifen – begreifen kannst.“
Was? Was meint er damit? Wonach soll ich suchen? Im Gras, im Bach, im Wald oder im Schutt des alten Hauses? Da ist nichts, was mir helfen kann, mit meinem Versagen fertig zu werden. Nichts, das mir helfen würde, die quälenden Träume endgültig los zu werden. Über meine Albträume diskutiert ja bereits die ganze Familie, selbst Hanna und Friedhelm, meine Kinder, lachen darüber.
„Papa, hast du wieder von Opa geträumt? Hat er dich verhauen?“, fragte vorige Woche Hanna beim Frühstück, als Maria geseufzt hat und sagte, mein Schrei hätte sie an ein abgestochenes Schwein erinnert.
„Jedes Mal, wenn du so schreist, schieße ich hoch und denke, mein Herz bleibt stehen“, sagte meine Frau oft und die Kinder sahen mich dann an, als wäre ich geisteskrank.
„Ehrlich, Konrad, du bist ein Sensibelchen. Du belastest dich unnötig; was hast du denn falsch gemacht? Was hättest du damals anders machen können?“, belehrte mich mein Freund, der Inger, der sich was auf sein Psychologiestudium einbildete.
Und wenn ich verschwommen etwas andeutete, von alten Versäumnissen und von Schuld sprach – und dass auch ‚Nichtstun’ Schuld bedeuten kann, dann hatte Inger sofort wieder einen passenden Rat: „Wenn da was ist, dann musst du das bewusst verarbeiten, Konrad. Du darfst es nicht vergraben, verstehst du? Setz dich damit auseinander, streite damit, schrei es an. Nur so wirst du es los.“
Mein Psychologe und Freund, Inger Wilde. Der hat gut reden. Ihn belastet nichts, er hat keine ‚Leiche im Keller’, wie man so schön sagt.
Wie komme ich bloß auf diesen blöden Spruch?
Großvaters Tod wäre nicht nötig gewesen, damals. Wenn ich nur geahnt hätte, wie sehr ihn Sigmunds Weggang gequält, schuldbewusst gemacht hat. Ich war blind in der ganzen Zeit, hab immer gedacht, Sigmund sei ihm nicht wichtig. Ich, sein Liebling und Ebenbild, wäre sein Ein und Alles. – Das dachte ich immer, war so sicher. Ich hatte mich mächtig geirrt! Ich hätte es verhindern können, wenn ich nicht so selbstverliebt gewesen wäre.
Ich muss mich irgendwo hinsetzen, die Beine sind müde vom Anstieg. Das Kellergewölbe im Hang und die anschließende, aus Beton gegossene Decke sind von Steinen verdeckt, da kann ich nicht sitzen. Ich muss einen anderen Sitzplatz suchen, weiter hinten. Vielleicht einfach ein ausreichend großer Felsbrocken?, Oder … Moment! Da – da, hinten, auf der anderen Geröllfeldseite – da ist ja sogar ein Stück der Kellerdecke frei.
Na so was! Die Unwetter, die abstürzenden Fluten haben in fast vierzig Jahren die vorderen Steinbrocken mit sich gerissen und die darüber liegenden Felsstücke ins Rutschen gebracht, sie alle runtergespült zur Mulde.
Ja, ja. In all den Jahren hat sich hier was getan, sind die Brocken wieder in Bewegung geraten. Das vordere Eck der Kellerdecke ist fast frei. Hier kann ich mich bequem auf die sonnengewärmte Kante hocken, die Beine baumeln lassen, den Rucksack ablegen.
Hm! Das Brot, das mir die Kellnerin eingepackt hat, schmeckt in der frischen Luft wunderbar. Der Apfelsaft aus unseren heimischen Äpfeln ist wirklich einmalig.
„Goldwasser“, sagte Großvater immer dazu. Nun, vielleicht sind in dieser Flasche, in diesem goldgelben Saft, sogar ein paar Äpfel drin, die auf unserer Apfelburg gewachsen sind.
Unsere ‚Golden Delicious’ sind berühmt für den Geschmack und ihre klare Haut. – Und die Goldparmäne, die sonst kaum noch jemand anbaut, wird von Liebhabern übers Jahr im Voraus bestellt.
Ach ja, das war ein Glück, dass ich damals die Maria kennen gelernt habe – auf dem Mühlwalder Schützenfest, im Jahr nach der Katastrophe.
Wir wohnten damals im Dorf. Ich seh’s noch vor mir, das kleine Häuschen am Ortsrand, das Großvater nach dem Unglück gekauft hat – vom Versicherungsgeld. Es war groß genug für uns zwei Junggesellen. Großvater hatte nach Großmutters Tod – und nach dem Unglück – alle Ehrenämter nieder gelegt. Er ginge künftig zu keinem Schützenfest mehr, sagte er trübe, er habe genug mit sich und seinen Gedanken zu tun.
„Muss mal alles in Ruhe betrachten, Konrad. Hätt’ ich wohl früher machen sollen, was meinst’?“
Maria, meine spätere Frau, war zu Besuch bei ihrer Tante, tanzte gerne, und ich ließ nicht einen Tanz aus. Wir blieben danach zusammen, schworen uns ewige Treue und wollten uns nie mehr trennen. Wir haben es so gehalten.
Sie kam aus der Nähe von Bozen, da wo die weite Ebene mit ihren fruchtbaren Böden beginnt. Ihre Eltern hatten dort eine sehr kleine, aber gepflegte Obstplantage, die gerade mal ihre Besitzer ernährte.
„Lass dich vom Vater anlernen. Er wird dich mögen; er hat umsonst auf einen männlichen Erben für die Apfelburg gewartet“, beruhigte sie mich, weil ich ziemlichen Schiss hatte.
Vielleicht hat es Großvater mehr getroffen, als er mir zeigte. Er lächelte, als ich ihm sagte, dass es mit unserer Zweisamkeit nun vorbei sei, ich mich endgültig abnabeln wolle. Ich sprach lange, wie einer, der sich schuldig fühlt und alles anführt, was ihn entlasten soll.
Ich begründete verlegen und wortreich, was ich tun wollte: Aus dem gemeinsamen Häuschen ausziehen, die Lehre auf einer Plantage beginnen, mich mit einem hübschen Tiroler Mädchen verloben.
„Ja“, sagte ich zum Schluss. „Irgendwann geht eben alles zu Ende. Und so auch die schöne Zeit mit dir, den vielen gemeinsamen, oft stillen Stunden, die ich genossen habe. – Und ich habe dich für immer lieb und gern.“
„Geh nur, Bub“, sagte er. „So ist’s recht. Es passt schon. Die Jugend muss ihren Weg gehen. Hast das ganze Leben noch vor dir.“Zwei Jahre hat’s noch gedauert, in denen ich ihm bei meinen seltenen Besuchen die schwindende Kraft an den Augen ansah. Dann ist er gesprungen.
Das war die Zeit, in der ich Inger Wilde erstmals besuchen musste; Maria hatte es verlangt – zu Recht wohl. Später erst wurden wir Freunde, der Inger und ich.
Großvaters Erbe hat es möglich gemacht, Land hinzu zu kaufen und eine recht große Plantage daraus zu machen. All das in den Jahren Angesparte, hat er mir vermacht. – Alles! Nichts dem Sigmund! Nicht einmal erwähnt hat er ihn im Testament. Jedenfalls war das mehr als eine Ausbauhilfe für unsere Plantage.
Meine Heimat! Meine neue Heimat, die ich liebe und die mich mit ihrer täglichen Arbeit gefesselt hat, in der meine Frau lebt – und meine zwei Kinder. Heimaten? Nein, kein Plural. Eher nicht; höchstens noch Nostalgie, stille Sehnsucht nach Jugend und altem Glück.
Die Kiefern da hinten, die rauschen wie früher; sie haben immer gerauscht, bei Tag und bei Nacht. Großvater ist oft in mein Zimmer gekommen und hat mir die Hand gehalten, wenn ich vor Angst geschrieen habe, in den Nächten, in denen der Wind durch die Nadeln fegte und auf ihnen seine wilden Lieder blies. Auf den Bäumen saßen die Berggeister, heulten, stürzten sich aufs Haus und rüttelten zornig an den Fensterläden – hatte Sigmund mir erzählt.
„Brauchst keine Angst zu haben, Bub. Hier, in dieses Haus, kommt kein Geist, kein böser Berggeist. Sie fürchten sich vor dem da“, sagte er und zeigte auf das große Kruzifix über meiner Tür. Ähnliche Kreuze mit der gepeinigten Jesusfigur hingen über der Haustür und über jedem Zimmereingang – sogar im Klo.
„Der Herr ist für alles zuständig! Da braucht´s den Herrn manchmal am nötigsten“, sagte Großmutter, wenn Gäste sie darauf ansprachen. „Mir hat er dort schon oft geholfen, wenn ich ihn lang genug angeschaut und angefleht hab’.“
Und dann lachte sie über die verdutzten Gesichter. Ja, ja. Sie hatte Humor, unsere Großmutter. Sogar auf ihrem Sterbebett, als ihr Gesicht schon einer Totenmaske glich und Großvater mit brüchiger Stimme um ein Kruzifix bat, blitzte er noch einmal auf. Großvater steckte ihr das Holzkreuz zwischen die geisterdünnen Finger, und sie flüsterte mit etwas verzerrtem Lächeln: „Mein Wegzoll, Heinrich. Sie sollen sich die Prüfung sparen; ich nimm’s mit als Beweis für meine Frömmigkeit.“
Großvater war der beste Mensch, den ich je kennen gelernt habe. Als Großmutter beerdigt war, haben wir uns vor dem Haus auf die Bank gesetzt. Großvater hat lange geweint.
Mit verknarzter Stimme hat er zum Sigmund und mir gesagt: „Jetzt, Buben, jetzt sind da oben schon zwei liebe Menschen, die genau zusehen, was ihr macht, die alles sehen. Bringt mir keine Schande in unser Haus. Habt ihr verstanden?“
„Drei!“, sagte Sigmund. „Drei sind es, Großvater! Du hast Mutter vergessen. Sie sitzt neben Vater und hat uns nicht vergessen.“
Großvater hat nur geknurrt und sich die Tränen aus dem Bart gewischt.
Wir saßen ewig lange da, sahen die kalte Herbstsonne versinken und die Berge in dämmriges Licht tauchen. Gäste waren schon seit einer Woche nicht mehr da; Großvater hatte immer ab Mitte Oktober das Haus für Gäste geschlossen. Es war schon empfindlich kalt, als Großvater aufstand.
„Wir müssen weitermachen. Alles muss weitergehen wie bisher. Konrad, du hast jetzt mit dem Haus viel zu tun; du wirst keine Langeweile haben. Wir müssen in der nächsten Woche, bevor der Schnee kommt, das neu gedeckte Dach winterfest machen. Steine aus dem Geröllfeld da oben müssen geholt und aufs Dach gelegt werden. Zusammen schaffen wir das schon.“
„Das Geröllfeld ist riesig. Könnt’ ich nicht einfach ein wenig die Barrieren lockern und etwas Gestein runter rollen lassen?“, schlug ich vor.
„Bub! Bist du verrückt? Die Barriere hält die Steine fest, die vom Fels oben runter kommen. Seit hundert Jahren schon. Es reißt uns das Haus weg, wenn du daran etwas änderst. Trag sie einzeln, roll sie meinetwegen, lass dir Zeit.“
Sigmund schwieg und sah starr in die versinkende milchige Sonnenscheibe. Dann stand er auf und reckte sich.
„Das war’s dann wohl. Ich muss los. Im Hotel warten sie auf mich; es ist noch viel Betrieb dort. Ihr braucht mich ja hier nicht!“
Den letzten Satz hatte er so betont, dass man darauf etwas sagen musste; man konnte das so nicht stehen lassen.
„Was wirfst du uns eigentlich vor, Sigmund? Du kommst nie herauf zu uns. Du fragst nicht, ob wir dich brauchen könnten“, sagte ich scharf. „Wenn Großmutter heute nicht begraben worden wäre, wärst du nicht hier. Worum sollen wir dich also bitten? Spiel nicht den Ausgegrenzten!“
„Ich spiel den? Ihr grenzt mich aus, ihr verknöcherten Hinterwäldler! Was wollt ihr denn alleine hier oben? Jetzt wo Großmutter tot ist, könnt ihr genau so gut im Tal ein Gasthaus eröffnen; ich könnte dabei sein.“
„Hier! Hier ist unsere Heimat – hier oben am Berg. Da unten bei den Sizilianern fühl ich mich nicht wohl. Hier ist alles klar und deutsch. Da unten müsste ich wohl sogar Italiener als Gäste aufnehmen“, sagte Großvater.
Aber seine Stimme war ohne den üblichen Groll. Er kam mir erstmals verzagt vor, als verteidige er eine haltlose Position, als ahne er, dass er der Verlierer sein würde.
„Ihr seid aus dem muffigen Mittelalter nicht heraus zu bekommen. Im Ort unten, im Hotel, da gibt es richtiges Leben. Ihr müsstet mal da sein, wenn abends die Tanzmusik spielt, wenn die hübschen Mädchen, Italienerinnen und Deutsche, ihre kurzen Röcke schwingen. Niemand fragt, welcher Nation der andere angehört. Da ist Leben – hier ist alles tot.“
Großvater sah ihn lange an, dann kraulte er seinen bauschigen, weißgrauen Bart und nickte.
„Es stimmt schon, was sie im Ort erzählen, nicht wahr? Du gehst mit einer von denen? Mit so einem Spagettiweib? Ist es nicht so?“
Sigmund stand vor der Sonne, wir konnten sein Gesicht nicht sehen. Aber seine Füße wurden unruhig; er scharrte wie ein Pferd. Das machte er immer, wenn er sich vor etwas fürchtete oder wenn er ein schlechtes Gewissen hatte.
„Aha! Du hast also was gehört, Großvater? Wurdest du von deinem Heimatvereinsvorstand aufgeklärt? – Über deinen missratenen Enkel? Na, prima! Dann will ich’s gerne bestätigen und ergänzen. Lucia heißt das Mädchen – und wir werden heiraten, Großvater.“
Was war ich damals entsetzt. Ich spür’s noch heute. „Bist du verrückt!“, habe ich geschrieen.
„Du hältst dich da raus, Brüderlein! Du bist der Schlimmste von allen.Die Alten, na gut, die haben es nicht anders gelernt, aber du? Du bist schon jetzt ein versteinerter Saurier.“
Ich war damals entsetzt über seine Rede; ich hätte ihn schlagen mögen. Der Tod der geliebten Großmutter, ihr aufwühlendes Begräbnis und jetzt das! Großvater tat mir so entsetzlich leid.
Die Woche danach wurde hart; angespannt arbeiteten Großvater und ich, sprachen nie ein Wort über Sigmund – und doch hab’ ich ständig an ihn gedacht. Was mag Großvater erst gefühlt haben.
Ich glaube, es war … Ja, es muss an einem Freitag gewesen sein. Das Dach war endlich fertig, gerade war der letzte Stein gelegt. Großvater hatte seine schweren Schuhe ächzend von den Füßen gezogen, als sie plötzlich vor uns standen.
„Tag, Großvater. Hallo, Kleiner. Also: Das hier ist Lucia, meine Braut. Ich will sie euch – dir, Großvater – vorstellen, wie es sich nun mal gehört.“
Sie war wirklich schön. Sehr groß und schlank, gut gewachsen und hatte ein schmales, ovales Gesicht, in dem mir besonders die Augen auffielen. Ich konnte ihre Angst darin lesen.
Sie trug ein buntes Band im langen Haar. Ihr weiter Rock ließ hübsche, schlanke Beine sehen und ihre Hände, braun und feingliedrig, streckte sie Großvater entgegen.
„Gutten Tag, mein Herr.“ Ihre Stimme war sanft und nur ihr Akzent machte alles kaputt. – Sie war eben eine Itakerin.
Großvater schaute auf seine Füße, rieb die Socken aneinander und stand mühsam auf. Er ächzte und streckte den Rücken, der ihn schon seit einigen Tagen schmerzte.
„Konrad, es ist Zeit fürs Abendessen. Ich geh schon mal rein. Kannst die Schuhe noch zum Trocknen aufhängen.“
Er drehte sich weg, wollte zur Treppe, als Sigmund bei ihm war. Er riss Großvater zurück, fasste seinen Kopf und drehte das alte, harte Gesicht zu Lucia herum.
„Du gehst nicht weg! Sieh ihr in die Augen! Lucia hat dich freundlich gegrüßt; sie hat dir die Hand hingehalten. Du alter, sturer, dämlicher Esel hast nicht für einen Pfennig Anstand. Grüß sie! Sag ihr, dass sie willkommen ist. Sie wird dir verzeihen, denn sie hat ein großes Herz; sie ist nicht nachtragend.“
Großvater stierte ihn an, stieß ihn weg und ging die Treppe hoch. Oben blieb er stehen und sah herunter auf die beiden jungen Leute, die da standen und ihn nicht begreifen konnten.
„Nie mehr! Hörst du Sigmund? Nie mehr, fasst du mich an! Und du kommst nicht mehr hierher, solange du dieses Weib nicht zum Teufel gejagt hast.“
Ich hab’ geschwiegen, verlegen weggeschaut. Wenn ich’s jetzt so bedenke, dann war mir erstmals nicht so recht wohl bei dem, was Großvater tat. Wenn Großmutter noch gelebt hätte, wäre es anders gelaufen.
Ja, es war Freitag und ich wollte eigentlich in den Ort, um mich mit meinen Schützenkameraden zu treffen. Wir trafen uns regelmäßig freitags im Dorfkrug, sangen unsere schönen alten Volkslieder, sagten lustige Sprüche auf und tranken Bier – meistens recht viel davon. Aber an diesem Abend wollte ich nicht gehen, ich konnte Großvater nicht alleine lassen; nicht nach diesem Zusammenstoß.
Ich muss mir die Beine vertreten, den schmerzenden Rücken strecken. Den Rucksack lass’ ich liegen und steige auf die Kellerdecke – besser gesagt auf die Steinhügel. Eine dicke Schicht unterschiedlich schwerer Steine liegt an der Stelle, wo ich die Falltür weiß.
Mal sehen. Ich ziehe einfach mal einige Brocken weg; darunter muss sie sein.
Sie ist da! Die dicken Bohlen sind zu sehen. Verdammt! Mensch Konrad! Dämmert es dir? Weißt du, was unter deinen Füßen ist? Meine Güte! Der Keller, das Gewölbe!
Mit welcher Wucht muss das hier damals abgegangen sein. Ob ich wirklich Schuld daran war? Großvater hat nie was gesagt. Nicht ein Wort! Keine Frage! Nichts wollte er wissen. Wenn er mich gefragt hätte, ob ich die natürlich gelagerten Steine in Bewegung gebracht hätte, die jahrelang gültige Lagerordnung zerstört hätte, was hätte ich ihm gesagt? Die Wahrheit? Dass ich etliche Felsbrocken einfach herausgerissen und runtergerollt hatte? – Wie oft habe ich mich das gefragt.
„Da muss jemand dran gewesen sein“, hat einer der Polizisten gesagt, die die weggesprengten Sperren untersuchten und ich hab mir vor Angst in die Hose gemacht.
„Oder es war das Regenwasser, das alles unterspült und mitgerissen hat. Immerhin hat’s seit Jahrzehnten nicht mehr so eine Sintflut gegeben. Der Mühlwalder Bach ist ein riesiger Fluss geworden“, mutmaßte der Polizist, der aus Sand in Taufers gekommen war und ich hab ihn seitdem immer besonders freundlich gegrüßt.
„Kommt von der verfluchten Abholzerei! Dem Mensch ist ja nix mehr heilig – und vernünftig ist er schon gar nicht“, fluchte der nächste Polizist; und trotzdem war mir schlecht vor Angst.
Ich spüre eine wachsende Erregung und ziehe weitere Steine weg. Die Falltür scheint vollkommen erhalten zu sein. Manche Brocken sind zu groß, viel zu schwer, wollen sich nicht heben lassen. Ich hole meinen Wanderstab und stecke ihn unter den dicksten Brocken. Ja, so kann es gehen. Ich lege einen kleineren Stein unter und hebele das Felsstück an; es knirscht und dann fällt es polternd zur Seite. Weiter! Weiter! Ich bin so nervös, so voller Erwartung. Worauf eigentlich?
Endlich ist das Gröbste geschafft. Mein Atem geht stoßweise; ich muss mich erst etwas ausruhen. Muss noch einmal drüber nachdenken, die Steine von meiner Seele rollen, die Brocken von mir weg hebeln.
Ach Gott! Was war das damals ein Sauwetter. War es erst eine Woche her, das mit Lucia und Sigmund? Ja, es war genau eine Woche, nachdem Sigmund die Lucia vorgestellt hat – Freitag war’s also wieder. Ich weiß es noch wie heute. Ich habe Großvater gefragt, ob er mit mir gehen würde; ich wusste, dass sein Schützenvorstand die monatliche Versammlung abhielt.
„Eigentlich bin ich ja zu müde. Gut, ich komm’ mit, aber ich bleib’ nicht lange – musst nachher allein zurückgehen.“
Es regnete seit zwei Tagen in Strömen, ohne Unterlass, so dicht, dass man keine zehn Meter weit sehen konnte. Aber ich wollte gehen, weil ich in der Vorwoche schon nicht gegangen war.
Der schmale Höhenweg war ein Sturzbach, kaum noch als Weg erkennbar. Wir zogen uns die Stiefel an, warfen Regencapes über und stapften los. Im Ort trennte ich mich von Großvater. Ich wollte vorher noch ins Hotel gehen und mit Sigmund sprechen. Er musste endlich Frieden machen mit Großvater.
„Bist dem ähnlicher, als du glaubst“, wollte ich ihm sagen. „Wenn zwei Gamsböcke sich mit den Hörnern stoßen, wird einer verlieren. Warum muss das sein?“„Geh schon vor, ich muss noch was erledigen. – Hab noch Schulden zu bezahlen“, sagte ich deshalb, als wir unten im Ort ankamen, und Großvater nickte nur.
Sigmund war nicht da. Er habe sich frei genommen, sagte seine Kollegin und lächelte vielsagend.
„Willst wissen, was der macht? Der nimmt seine Sizilianerin und haut ab. Der verschwindet nach Italien. Musst den mal hören – der spinnt nur noch. Sag’s bloß nicht eurem Großvater; der erschlägt den vorher.“
„Der geht nicht ohne Abschied“, habe ich ihr geantwortet, aber sie hat nur spöttisch gelacht. „Wenn du dich da man nicht irrst. Der kann euch nicht ausstehen, dich und deinen Großvater. Der verachtet euch – und die meisten anderen im Ort auch.“
Sie hatte Recht, aber das wusste ich da noch nicht. Ich habe ihn jedenfalls nie mehr gesehen, den Sigmund, und Großvater hat das nicht überwunden. Er sprach nie mehr über seinen anderen Enkel.
Als ich in der Nacht aufbrach und den Höhenweg im immer noch strömenden Regen suchte, da war ich betrübt und in Gedanken bei Großvater. Ich wusste, dass der alte Mann darunter leiden würde.
„Wenn ich den Sigmund erwische, dann hau ich ihm die Faust auf die Nase“, hatte ich mir geschworen.
Ich hatte damals zum Glück weniger getrunken als sonst, weil ich den Aufstieg bei dem Wetter fürchtete. Das Grollen fing an, als ich auf der Höhe der alten Schutzhütte war. Es war geisterhaft; das Grummeln schwoll an, wurde zu einem anhaltenden Donner, der die Nacht füllte, den Boden zittern ließ.
Ich stand starr, lauschte auf das Dröhnen, suchte im rauschenden Regen verzweifelt die Richtung. Kälte kroch mir über den Rücken, als ich endlich wusste, wo das Getöse her kam. Es brüllte aus unserer Richtung, da wo unser Haus stand – da musste es sein, da lief der Berg weg!
Ich glaube heute noch, dass ich auf dem ganzen Weg geschrieen habe. Ich hastete und stolperte den Berg rauf. Ich schrie nach Großvater und rannte in seinen weichen Körper, dass er rücklings ins herabstürzende Wasser fiel.
„Bist du blind, Konrad?“, schrie er. „Weg, weg hier! Runter! Wie müssen nach unten! Der ganze Berg ist unterwegs!“
Ich hab ihn hochgezogen und dann sind wir gelaufen, bis wir im Tal waren. Da standen die Menschen aus dem Dorf, hielten die Gesichter in den Regen und lauschten.
„Ich hab’s im Blut gehabt – ich hab gespürt, dass da was abgehen würde. – Wollte gerade schlafen gehen, als das Bett ganz leicht zitterte. – Da bin ich gelaufen, so schnell ich konnte“, sagte Großvater stockend, atemlos.
Was tat er mir leid! Jetzt erst sah ich, dass er barfuss war und nur ein langes Nachthemd trug. Der Donner hatte aufgehört; nur das Rauschen des Mühlwalder Baches war überdeutlich zu hören.
„Es ist vorbei“, sagte Großvater zu den Leuten. „Da oben wird wohl nicht viel heil geblieben sein.“
Sie schauten hilflos, verlegen. Manche versuchten ihn zu trösten, schlugen ihm auf die Schulter und boten Quartier für die Nacht. Wir schliefen bei Pfarrer Helmes im Gästezimmer.
„Nur gut, dass niemand zu Schaden gekommen ist. Das Haus kannst du wieder aufbauen, Heinrich. Stell dir vor, es wären Gäste da gewesen“, sagte der Pfarrer und schlug sich drei Kreuze über Stirn und Brust.
Großvater sprach nicht und hielt auch dann die Lippen geschlossen, als wir ein Dank- und Bittgebet anstimmten.
Es regnete auch am nächsten Tag noch. Die Leute auf der Straße schüttelten die Köpfe; man kannte nur noch ein Thema: So einen Regen war man im Tal nicht gewöhnt. Es regnete selten hier; die hohen Berge ringsum hielten die schwer geladenen Wolken fast immer ab.
„Wenn’s sich aber einmal festgesetzt hat, dann schüttet’s, bis die Wolken leer sind“, hat Großmutter oft gesagt. Großvater nannte sie wegen ihrer Wettergeschichten anerkennend seinen „alten, grau gewordenen Wetterfrosch“.
Es war kaum hell am nächsten Morgen, als Großvater zum Aufbruch drängte. Wir stiegen schnell hoch, machten nicht einmal Rast. Die Polizisten aus Sand in Taufers und aus Mühlwald hatten Mühe, mit uns Schritt zu halten.
Die Schneise, die durch den Kiefernwald geschlagen worden war, hatte eine Breite von fast fünfzig Metern. Im Mittelpunkt der Schneise, da hat vorher unser Haus gestanden.
Wir stiegen auf den ungeheuer großen Steinhaufen. „Hier war unser Schlafzimmer“, sagte ich.
„Ungefähr hier stand mal mein Sessel“, sagte Großvater und wies die Polizisten an, schnell nach oben zu gehen und zu prüfen, ob weitere Gefahr drohe.
Später in der Woche, nachdem der Regen aufgehört hatte, suchten freiwillige Helfer in der riesigen Mulde unterhalb der Steinlawine nach brauchbaren Resten des Hausstandes. Die Trümmer unseres Hauses lagen, großteils begraben unter Steinmassen, weit verstreut herum. Einige Zeit später wurden die Bruchstücke heraus gezogen und weggekarrt. Viel Verwertbares fand man nicht mehr; ein paar Kleider, drei Akten und ein Bündel Briefe, die völlig durchnässt waren.
Weit unten, fast im Tal, fanden sie Großvaters Sessel, nur leicht beschädigt; er war auf der Steinwelle geritten, hatte sich wohl überschlagen, aber stand gehalten. Ihn hat Großvater mit Tränen in den Augen – wie einen verlorenen Sohn – auf den Armen ins Tal getragen.
Ich muss doch mal sehen, ob man die Falltür bewegen kann. Der Riegel hat schon immer geklemmt. „Musst ihn mit Fett einreiben“, belehrte mich Großvater, wenn ich mich beklagte. „Suchst nur einen Grund, nicht in den Keller zu müssen.“
Aber jetzt ist er total verrostet, festgebacken, und rührt sich nicht. Mit einem Stein schlage ich ihn, bis er aus dem Holz bricht.
Die Bohlen sind wie festgeklebt, wohl durch die Witterung angeschwollen; sie lassen sich nicht einen Millimeter bewegen. Ich glaube, mich hat ein Fieber befallen. Ich zittere vor Aufregung und Anspannung.
Da drüber hat der Gräteschuppen gestanden. Ich könnte mir vorstellen …. Ja, da – da liegt was.
Großvaters Schleifwerkzeug, verdrehtes Eisen, ein altes Rad. Das Stemmeisen ist kaum sichtbar, von verdorrtem, verfaultem Gras zigfach überwuchert. Es ist schwer, das Eisen vom Boden zu lösen. Es ist wie mit dem Boden verschweißt. So, das ist der richtige Hebel.
Ich suche einen Spalt und stoße das Eisen hinein. – Daneben! – Noch einmal! – Daneben! – Ruhig, Konrad! – Endlich! Mit aller Kraft drücke ich das schwere, verrostete Eisen nach unten. Es quietscht, knarrt vielversprechend, es knackt, und ich rutsche aus, falle auf die kantigen Steine. Die Bohlen sind hochgesprungen, liegen lose, schräg über dem Loch.Die Scharniere sind durchgerostet und abgebrochen
Jetzt ist es einfach; ich reiße die Hölzer hoch und werfe sie zur Seite.
Nach tausend Jahre altem Eis schmeckende Luft strömt aus dem Loch. Und sie sind da, immer noch. Sie haben nur auf diesen Augenblick gewartet, die Geister, die unsichtbaren Felsengeister, die ihr Reich eifersüchtig bewachen. Ich spüre sie wie vor fünfzig Jahren.
Die Stufen, grob behauen und doch aalglatt, hat Großvater aus dem Fels gemeißelt; ich kenne sie genau, zehn sind es. Die dritte Stufe fällt gefährlich nach innen ab. Wenn man da nicht aufpasst … Die letzten Stufen verschwinden in der grauen Dunkelheit.
Ich zögere, denke an Inger, starre die Stufen an. Großvater fällt mir ein, sein hartes Gesicht.
„Geh, hol mir den Kartreiner, aber schnell. Die Gäste warten.“
Ich muss da runter. – Halt! – Licht! – Ich brauche wenigstens Licht. Nie würde ich in diesen Keller gehen, wenn kein Licht brennt. Nie! Das könnte ja wohl auch keiner von mir verlangen. Na klar! Im Rucksack liegen Feuerzeug und zwei Kerzen; sie gehören zur Standardausrüstung, wenn ich auf die Berge gehe.
„Geh nie auf den Berg ohne Feuer und Kerzen“, sagte Großvater, wenn wir auf Tour gingen. „Auf’m Berg kann dich alles Mögliche überraschen.“
Das gibt nicht viel Licht. Ob ich später wiederkommen soll? Mit richtigen Lampen? Wäre besser. Wer weiß, wie es da unten aussieht. Nein, ich muss jetzt da runter! – Ich will da runter! Inger!
Das Kerzenlicht wirft unruhige Schatten. Was erwartet mich da unten? Was erwarte ich da unten? Meine Schuldgefühle wegwischen zu können? Welche Schuld? Alle?
Meine Angst vor dunklen Räumen endlich ablegen zu können? Über die Felsengeister lachen zu können, wenn ich wieder auf meiner Apfelplantage bin?
„Setz dich damit auseinander, streite damit, schrei es an. Nur so wirst du es los“, sagt der Inger, wenn wir beim Wein sitzen und er mir kostenlose Ratschläge gibt.
Der kennt meine Probleme nicht. Immer nur diese Felsgeister, diese kindische Angst. Das ist es doch gar nicht. Nur ein wenig – vielleicht ein wenig. Das andere, das geht ihn nichts an. Niemanden!
„Ach, du allwissender Freund! Geh du doch mal hier alleine herunter.“
Der schmale Gang, in dem meine tastenden Schritte furchtbar laut sind, riecht muffig. „Jetzt wissen sie, dass ich komme!“
Das Gewölbe! Ich halte besser Abstand von den Wänden. „Sie ziehen dich in die Spalten!“ Hör auf, Sigmund!
Da, direkt vor mir, an der Felswand, liegt etwas. Ich kann’s nicht richtig erkennen. Ich muss die Kerze höher heben. Immer noch nicht. Ich geh keinen Schritt weiter!
Vielleicht schütze ich meine Augen mit der freien Hand; die Kerze blendet.
Ein Kleid! – Ein Kleid? Was macht ein Frauenkleid hier? Ob ich es mir aus der Nähe ansehe?
Es ist lang, schwarz mit falschen Perlen am Mieder. Wo habe ich das schon mal gesehen? Im Lokal unten im Dorf? Darunter schaut was raus. Ein Unterkleid! – Strümpfe!
„Oh mein Gott! Sie ziehen sie wirklich in die Spalten – auf ewig.“ Ich höre das Gelächter von Sigmund, als stünde er neben mir. Ich schüttele den Kopf, atme tief durch.
„Ich will diesen Scheiß nicht mehr hören, Sigmund! Kindergeschwätz.“ Es tut gut, meine Stimme zu hören.
„Ob du’s glaubst oder nicht, wenn sich einer an die Felsen lehnt, an nichts Böses denkt, dann fassen sie zu. Glaub’s mir“, hat Sigmund erzählt und seine Stimme dabei zu einer Grottenstimme gemacht.
Da, ein Stück weiter, liegt noch mehr Zeug. Eine Männerhose, Hemd, Strümpfe, eine Weste, ein Jackett.
„Verdammt! Was ist das? Wie ist das Zeug in den Keller gekommen?“ Mein Licht fällt auf Schuhe: schmale, schwarze Damenschuhe, säuberlich ausgerichtet, dicht daneben ein paar klobige Männerschuhe.
„Mein Gott! Was war hier los? Wer hat hier Kleider und Schuhe abgelegt? – Und wann? Wann? Vor der Katastrophe? Aber das …“
Das Kerzenlicht flackert, liegt fast waagerecht, will erlöschen. Ich muss es mit der freien Hand schützen und die Kerze hoch heben. Der gelbe, unruhige Schein fällt auf das Weinregal und auf den Boden davor. Ein wüstes Durcheinander – Scherben glitzern, spiegeln das Kerzenlicht; zerbrochene Flaschen, die Hälse abgeschlagen, zeigen in alle Richtungen. Dutzende Flaschen liegen da, im Regal ist nichts mehr, nicht eine Flasche.
Im engen Durchgang zwischen Fels und Regal steht ein Rucksack. „Den kenne ich doch? Verdammt! Verdammt! Was erinnert mich denn? Diese Kälte, wenn man ahnt, befürchtet, nichts weiß. – Ist es dieser Anhänger da, der am Verschluss? Ein kleiner Kompass. Den hab ich schon mal gesehen. – Wo nur?
„Verdammt! Was war hier los? Woher kenne ich diesen Rucksack?“, rufe ich überlaut und erschrecke, weil meine Stimme im Gewölbe dröhnt.
Hinter dem Regal muss doch der schwere Sessel stehen, in den Großvater sich immer zum Weinverkosten setzte. Ein kleines Tischchen mit zwei Gläsern und einer wuchtigen Kerze stand dort.
„Für traute Stunden mit meinem Weingott. Mancher alte Tropfen darf das Tageslicht nicht sehen“, sagte er mit wissendem Lächeln und geheimnisvoller Stimme.
Ich denke an Großmutters Gesicht, dass sie dann immer machte. Aber gesagt hat sie nie was.
Vorsichtig übersteige ich den Rucksack, gehe um das Regal herum, in den hinteren Teil des Gewölbes. So weit bin ich früher nur mit Großvater gegangen, alleine nie! Ah! Da steht der Tisch – daneben der Korbsessel, mit dem Rücken zu mir.
„Oh mein Gott!“
Das Licht ist schwach und trotzdem zu stark für das hier. Mir stockt der Atem, alles drängt mich zur Flucht – aber meine Beine sind wie festgewachsen. Ich stiere auf die Knochen, die da wirr verschachtelt im Sessel liegen.
Zwei Schädel! Ein kleiner, schmaler und ein dicker Schädel obenauf. Zwei Fratzen starren mich an – höhnisch, teuflisch? Knochen auch auf dem Boden, wild durcheinander. Kein Stück Kleidung dazwischen und der Boden ist scherbenfrei – bis auf zwei Stücke. Die grünen, scharfkantigen Bruchstücke liegen unmittelbar am Sessel, eins am linken und eins am rechten Bein.
„Ein Mann und eine Frau – mein Gott, was für eine Tragödie hat sich hier abgespielt?“
Dann trifft mich der Blitz! Plötzlich fällt es mir ein. – Ich muss schreien! Es muss raus! „Neiiiiin!“
Das Kleid! – Das Kleid! Es ist das Kleid von Lucia, das sie an dem Freitag getragen hat.
Wie lange hat es gebraucht, bis ich es wusste. Es war sofort in meinem Kopf gewesen; ich hatte es gleich erkannt, aber ich hatte es einfach verdrängt, nicht wahr haben wollen.
Und der Rucksack gehört Sigmund! Jetzt weiß ich’s wieder. Den Anhänger hat er oft prahlerisch rumgezeigt. „Ist von einer Verehrerin, damit ich den Weg zu ihr besser find’.“
Die Kerze fällt mir aus der gefühllosen Hand; ich stehe im Dunkeln und es stört mich nicht einmal.“Sigmund! Sigmund!“ Es ist wie das Finale eines furchtbaren Albtraumes; ich weiß, dass ich nicht die Gnade erlebe, schweißgebadet aufzuwachen und erleichtert den Kopf zu schütteln.
Ich schreie! Ich schreie Worte ohne Sinn und Verstand! Urlaute der Angst, des Entsetzens. Endlich kann ich ihn aussprechen, seinen Namen, Sigmunds Namen. Immer wieder: Sigmund! Sigmund! – Ich höre den Widerhall meiner Stimme, das kleine Echo, das sich am Gewölbe bildet.
Ich habe keine Angst mehr – vor nichts! Kein Gedanke an Geister, ich spüre nur Entsetzen, fassungsloses Entsetzen. Meine Beine flattern und mein Atem brennt im Hals.
„Sigmund!“
Ich kann keinen vernünftigen Gedanken zusammen bekommen, stolpere rückwärts, stütze mich am Regal ab, das Glas unter meinen Füßen knirscht; eine Flasche rollt weg.
Das matte Tageslicht, das durch die Luke fällt, zieht mich an. Nur noch dieser Lichtschimmer hat Platz in meinem Kopf. Da draußen ist es hell, da draußen ist alles friedlich. Raus! Raus! Endlich die Treppe; ich krieche auf allen Vieren hoch, atme auf, als das matt gewordene Sonnenlicht mein Gesicht trifft, falle neben der Luke auf den Kellerboden.
Zwei erschreckte Dohlen flattern hoch, beschimpfen mich mit heiseren Rufen. Ich muss die Augen schließen und mich sammeln. Ich liege atemlos still auf den Brocken, starre irgendwo hin. Egal. Ich bekomme die Gedanken nicht sortiert, muss jetzt laut denken.
„Großvater hat sie umgebracht! Er hat sie tatsächlich umgebracht!“
„Halt! Nein, nein! Wieso denn das, warum sollte er das tun? Oh, mein Gott! Konrad! Was denkst du da?“
„Und – wenn er doch? Er war so …“
„Natürlich! Großvater ist von der Burg Taufers gesprungen, weil er seinen eigenen Enkel – und ein unschuldiges Mädchen – getötet hat. Das hat ihn umgebracht!“
„Nein, nein! Kann es nicht ganz anders gewesen sein, Konrad?“
„Quatsch! Wer sollte die beiden umbringen wollen?“
Die warme Luft streicht vom Hang herunter, umfließt mein Gesicht. Ich werde ruhiger, das Zittern ist weg. Ich öffne langsam die Augen und blicke in das wunderbare Blau, das unser Himmel an manchen Tagen des Jahres hat.
„Setz dich damit auseinander, streite damit, schrei es an. Nur so wirst du es los!“
Ja – ja! – Es könnte auch ganz anders gewesen sein. – Aber wie denn, wer sollte ihnen ans Leben? – Und wenn es ein Unglück war? Ein Unfall? Eine Verkettung unglücklicher Zufälle?
„Der Rucksack!“
Was sollte der Rucksack da unten? Moment mal! – Sigmund wusste, dass Großvater auf der Vorstandssitzung sein würde; die Termine hingen in allen Gasthäusern aus. Der Wein! Das könnte sein. Er wollte sich den Rucksack voll Wein packen und dann mit Lucia abhauen!
„Nein, Sigmund wäre nie heimlich verschwunden! – Oder doch?“
Wollte er vielleicht – wie so oft – nur ein paar Flaschen für seinen zukünftigen Schwiegervater stehlen? – Und Lucia das Haus und das Gewölbe zeigen? – Ja, so könnte es auch gewesen sein. Wie oft hat er heimlich Wein aus dem Gewölbe geholt. Und Großvater verließ immer als Letzter die Versammlung. Das wusste er, es war gefahrlos für ihn. Dann der Schreck: Großvater ist früher gekommen!
„Sie haben ihn gehört. Ihr Schock war groß – die Angst vor der Entdeckung packte sie.“
Ich atme tief durch. So könnte es angefangen haben. Es gibt also mindestens noch diese Möglichkeit; es muss nicht zwingend Großvater gewesen sein.
Was hat Großvater gemacht? Er kommt nach Hause, müde und will schnell ins Bett. Vorher kontrolliert er alles, schimpft über mich, weil ich den Riegel zum Keller nicht vorgelegt habe, und knallt ihn mit dem Fuß zu – das machte er immer so. Dann legt er sich ins Bett.
Raus konnten sie nicht mehr. Schreien? Sich als Diebe bekennen, die in Großvaters Haus eingebrochen waren, um Wein zu stehlen? Nein! – Eher wäre Sigmund wohl gestorben – oh mein Gott!
„Abwarten! Still!“, werden sie sich zugeflüstert haben. „Wir warten ab, bis Konrad kommt. Vielleicht können wir uns bemerkbar machen. Ganz bestimmt sogar – keine Angst, Lucia. Und Konrad sagt Großvater nichts; er hat mich nie verpetzt.“
Plötzlich beginnt es, wie von weit her, zu grollen, wird lauter, kommt näher, füllt das ganze Gewölbe, Gestein kreischt und die Flaschen im Regal klirren. Sie halten sich die schmerzenden Ohren zu; das Gewölbe zittert, die Erde scheint alles zu verschlingen; das Licht erlischt! Sie sind fast ohnmächtig vor Angst und Entsetzen. Hat Sigmund an seine Felsengeister gedacht?
Nach einer unendlich langen Zeit setzt schlagartig die Stille ein, die nie mehr aufhören wird. Sigmund hat jetzt sicher verstanden; er kannte die Gefahr.
Mir wird schwindelig. Denke ich denn richtig? War es wirklich ein Unfall, ein unglücklicher Zufall? Ist es nicht so, dass mir das einfach am besten passen würde? Und wenn es ein Unfall war, dann wäre er nicht nötig gewesen – niemals.
Dann habe ich Schuld! Ich! Ich habe sie umgebracht, weil ich zu faul war, die Steine am Hang zu suchen. Ich wusste es – immer.
Und Großvater! Sein Hass und seine Sturheit haben Sigmund in die Heimlichkeit getrieben. Und ich? Habe ich mich auch nur einmal für ihn verwendet? Habe ich nur einmal für ihn – und nicht gegen ihn – das Wort ergriffen? Nein! – Und nie habe ich überhaupt daran gedacht, dass er ein eigener Mensch war, der eben anders leben wollte als Großvater und ich. Großvater hätte auf mich gehört – da bin ich mir sicher. Ich habe versagt!
„Das ist es in Wirklichkeit, das ist es, was mich in all der Zeit, in allen Träumen gequält hat: Nie habe ich Sigmund verstanden, nie habe ich ihm geholfen. Immer hatte Großvater Recht. Immer!“
Ich kann endlich weinen – aber ohne Regung, ohne Trauer um Sigmund; ich weine nur um mich selber.
Ich liege noch lange, höre nichts als die streitlustigen Dohlen, rieche nichts als das Harz in der warmen Luft, sehe nichts, als den unendlich blauen weiten Himmel – denke nichts anderes als: “Ich bin mitschuldig! Ich hab’ eine ganz andere Schuld, als ich gedacht habe!”
In meiner Brusttasche vibriert das Handy; es ist wie ein Signal aus einer anderen Welt.
„Maria!“
Meine Stimme krächzt. Ich räuspere mich, schlucke und atme tief durch.
„Entschuldige, ich hatte was im Hals. – Ist was mit den Kindern? – Ach, du brauchst dir um mich keine Sorgen zu machen. – Nein, ich bleibe nicht länger, sondern breche die Reise in die Vergangenheit sogar ab. – Doch, nein, ich hab’ genug gesehen. – Ich glaube, ich fahre noch am Abend hier weg. – Ich liebe dich auch. Ich habe Sehnsucht nach zu Hause. – Bis bald.“
Die Sonne will hinter den Bergen abtauchen. Jetzt kann ich endlich aufstehen. Das Loch liegt im Schatten, ist voller Grau, starrt mich an, zeigt mir die Zähne der Treppe. Ich kann da nie mehr runter. Nie, nie mehr.Mühsam ziehe ich die Bohlen heran, kippe sie auf das Loch. Dann die Steine, einen nach dem anderen, mehr, viel mehr als zuvor. Ich schleppe die schweren Felsbrocken heran, wuchte, stemme, schichte aufeinander.
Schon ist die Luke verschwunden. Ich bin trotzdem unzufrieden. Meine Hände bluten vom scharfkantigen Gestein, meine Muskeln zittern. Trotzdem will ich noch mehr; ich bin’s ihnen schuldig.
„Weiter! Weiter! Höher!“
Ich werde ihnen ihre passende Ruhestätte bauen. Jeder Stein, den ich wuchte, stemme und kippe, nimmt ein Stück meiner unsäglichen Schuld mit. Der Schuldenberg ist riesig. Hoch wuchtet sich das Gestein, wie ein Denkmal, wie eine Pyramide. – Jetzt ist es genug.
Endlich kann ich mich an den Rand setzen, kann ruhiger atmen. So ist es also gewesen! So – und nicht anders! – Oder? – Kann ich noch zweifeln? Ich will es nicht!
Jetzt will ich nur noch weg. Ich mag diesen Ort nicht mehr; ich will ihn nicht mehr sehen. Ich hab die Erinnerungen gefunden; ich hab sie durchschaut; ich hab alles verstanden; ich hab alles so gemacht, wie Inger es wollte.
Warum hat er mich ständig so gedrängt? Beim nächsten Treffen werde ich ihn das fragen müssen. Was hat er gewusst? Was wusste ich vorher? Hab ich ihm selber die Hinweise gegeben?