Spiel mit dem Feuer
von Christa Schmid-Lotz (Copyright)
„Lass mich heute Abend nicht allein, Christian. Bitte!“
„Mom, ich hab ein Treffen mit meinen Kumpels. Ich kann dir doch nicht jeden Abend beim Saufen zuschauen!“
Die Flaschen und Gläser fielen klirrend um, als sie sich erhob. Schwankend stand sie vor ihm; ihr Alkoholdunst stieg ihm in die Nase.
„Du wirst schon sehen, was du davon hast. Wenn mir was zustößt, wirst du dir ewig Vorwürfe machen!“
„Ich kann nicht dauernd auf dich aufpassen. Du musst selber wissen, was du tust.“
„Du bist schlimmer als dein Vater; der hat mich auch immer nur allein gelassen!“
„Er wird seine Gründe gehabt haben.“
„Wie kannst du nur so abgrundtief böse sein? Ich hab mich für dich aufgeopfert und du guckst mich bloß noch mit den Arschbacken an!“
„Wer kann denn hier niemandem in die Augen sehen? Du fixierst doch die Wände, wenn du mit mir sprichst!“
„Das lass ich mir nicht mehr bieten. Verlass sofort mein Haus. Verschwinde!!“
Sie fiel wie ein Sack aufs Sofa und sah sich hilfesuchend nach dem Kater um.
„Komm, Peterle, wir machen es uns vor dem Fernseher gemütlich.“
Das Tier machte einen Buckel und schoss fauchend davon, als Sigrid ihre Hand nach ihm ausstreckte. Christian schlug die Haustür hinter sich zu, setzte sich hinter das Steuer seines Golfs und raste los. Er sah ihre anklagenden Augen vor sich. Ich werd noch verrückt, dachte er und öffnete die Tür der Kneipe. Stimmengewirr und Rauchschwaden schlugen ihm entgegen.
„Hi, Christian. Schön, dich mal wieder zu sehen! Lässt dich ja kaum noch blicken!“ „Hi, Steffen. Ich fahr abends Taxi, um mein Taschengeld aufzubessern. Machst du mir mal ein Hefeweizen? Und ne Runde „Feigling“ für meine Kumpels.“
Durch die Musik von „Santana“ hindurch hörte Christian ein Telefon schrillen.
Oh nein, bitte nicht, dachte er.
„Christian, deine Mutter ist am Telefon,“ hörte er Steffen rufen.
Er ging hinter den Tresen und hielt den Hörer an sein Ohr.
„Mom, was ist denn schon wieder? Du sollst mich doch nicht in der Kneipe anrufen!“
Ihre Stimme war ganz weit weg und vor Lallen kaum zu verstehen.
„Peterle ist tot. Er liegt da und rührt sich nicht mehr. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich möchte nicht mehr leben!“
Da war es wieder, dieses Gefühl. Tief in seinem Bauch spürte er ein Ziehen, das sich ängstlich bis zum Herzen fortsetzte und es zum Flattern brachte. Seine Hände waren feucht und wie gelähmt.
„Leute, ich hab einen Sondereinsatz. Jemand in der Taxifirma ist krank geworden. Tschau, bis dann!“
Vor der Tür atmete er tief durch. Dann stieg er in seinen Wagen und fuhr so schnell es ging nach Hause. Von dunklen Ahnungen bedrängt, betrat er die Wohnung. Alkoholdunst schlug ihm aus dem Wohnzimmer entgegen. Das Herz schlug ihm gegen die Brust. Würde sie …? Aber seine Mutter saß quietschvergnügt auf dem Sofa und hielt in der einen Hand eine Zigarette, in der anderen das Wodkaglas. Aus dem Fernseher dröhnten Lachsalven. Peterle streckte bei seinem Anblick die Krallen aus, riss einzelne Fäden aus dem Stoff, dehnte sich und schnurrte.
„Was soll denn dieses Affentheater? Wieso holst du mich aus der Kneipe, wenn überhaupt nichts passiert ist?“
„Die Kneipe ist nichts für dich. Da lernst du bloß das Saufen und Kiffen.“
„Das Saufen? Von wem habe ich das gelernt?“
„Von deinem Vater. Der hatte doch nur Augen für Schnaps und die Hinterteile der Mädchen!“
„Und was machst du die ganze Zeit? Du stehst ihm in nichts nach – was das Saufen betrifft.“
„Wie kannst du so was sagen. Ich brauche halt ab und zu mein Entspannungsschlückchen.“
„Ja, ja , so lange, bis du völlig entspannt und scheintot daliegst!“
Sie schwieg und glotzte trübe vor sich hin.
Christian wandte sich zur Tür:“ Ich habe wenigstens keine Lust, mein Leben in diesem Loch zu verbringen. Ich geh jetzt noch auf eine Party.“
„Christian, du kannst mich doch nicht allein lassen. Ich brauch jemanden zum Reden!“
„Dann red doch mit Peterle!“
Das zweite Mal an diesem Abend schlug er die Tür hinter sich zu. Er fuhr zu dem Haus, wo eine Party für jedermann angesagt war, mischte sich unter das Volk, trank, tanzte, redete, lachte, knutschte mit einem Mädchen und begann allmählich, die Situation daheim zu vergessen. Da klingelte das Telefon. Sein Herz rutschte in die Hose.
Ihre Stimme klang ganz dünn und verzweifelt. Sie keuchte.
„Christian, ich habe ein Röhrchen Schlaftabletten geschluckt. Alle sind so böse zu mir, niemand hat mich lieb.“ Ihre Stimme überschlug sich fast: „Ich kann dieses Leben….“
Ein Röcheln, dann war die Leitung tot. Er zögerte. Und wenn nun doch … Er legte auf und bestellte einen Krankenwagen. Es hatte keinen Sinn mehr, länger hier zu bleiben. Christian verließ ungesehen die Party und fuhr noch einmal nach Hause. Der Krankenwagen stand mit Blaulicht vor der Tür.
„Haben Sie uns gerufen?“
„Ja, meine Mutter hat einen Selbstmordversuch unternommen! Kommen Sie schnell.“
Als sie ins Wohnzimmer kamen, sahen sie Sigrid mit verdrehten Augen vor dem Sofa liegen.
Erbrochenes klebte auf dem Teppich, es roch sauer und scharf. Die Sanitäter fassten sie an Armen und Beinen und wollten Sie auf die Trage legen. Da wurde sie plötzlich wieder ganz lebendig.
„Was geht hier vor?“, kreischte sie, „kann man nicht mal mehr in Ruhe sein Schnäpschen trinken?“
„Wir bringen Sie ins Krankenhaus. Da wird man Ihnen helfen.“
„Ich brauch kein Krankenhaus. Mein Sohn sorgt gut für mich.“
„Dann tut es uns leid. Gegen ihren Willen können wir Ihre Mutter nicht wegbringen.“
Als sie allein waren, sah sie ihn mit einem triumphierenden Lächeln im aufgeschwemmten Gesicht an. Aus dem Mund rann ihr der Speichel.
„Mom, Du bist verrückt. Du machst mich verrückt! Ich halte es keine Sekunde mehr aus!“
„Du biss mein Sohn, Du hass mich lieb…“
„Ich fahre jetzt zu Daniel und komm nicht mehr zurück!“
Rums, die Tür war zu.
Daniel sah besorgt aus, als er ihm öffnete.
„Sie macht dich wirklich kaputt. Du kannst erst mal bei mir wohnen, bis du was Richtiges gefunden hast.“
Christian ließ sich in einen Sessel gleiten und nahm dankbar das Bier, das Daniel ihm hingestellt hatte. Da schrillte das Telefon. Daniel bedeutete ihm, sitzen zu bleiben.
„Sie sagt, sie steht auf dem Fenstersims. Mit dem Handy in der Hand. Sie erpresst dich, und sie wird dich immer weiter erpressen, solange sie lebt.“„Aber wir können doch nicht einfach gar nichts tun!“
„Ich werde für dich hinfahren.“
Christian nickte schwach und nagte an seiner Unterlippe.
Er hörte den Wecker überlaut ticken.
Nach etwa einer Stunde kam Daniel zurück. Er hatte ein Grinsen in den Mundwinkeln.
„Was ist passiert?“
„Als ich zu eurem Haus kam, schaute sie aus dem Fenster, das Glas neben sich. Als sie mich sah, rief sie unflätig: `Was wollen Sie denn hier, ich hatte doch meinen Sohn bestellt!’
‚Der hat sich jetzt ausgehampelt,’ sagte ich. ‚Sie können ihr Schnapstheater woanders abziehen!“
„Und dann? Was hat sie dann gemacht?“
„Dann kam das Wodkaglas aus dem Fenster geflogen. Danach die Flasche. Hat mich um Haaresbreite verfehlt.“
„Und dann? Jetzt spann mich doch nicht so auf die Folter!“
„Dann kam sie selbst heraus, im Nachthemd, mit Pantoffeln an den Füßen. Sie trug einen Korb mit Flaschen, alle voll, wackelte zum nächsten Abfalleimer, schüttete den Schnaps hinein und zündete ihn an. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen, drehte eine missglückte Pirouette, verbeugte sich tief und übergab sich dabei. Den Kopf in die Höhe gereckt, die Brust herausgedrückt, marschierte sie würdevoll zurück ins Haus.“