Unschuldig

von Andreas Züll (copyright)

„Du darfst keine Angst haben.” sagte Tom. Sein Lächeln, sein schönes Lächeln, umspielte seine Lippen, wie ein flacher Stein, der fröhlich über einen See huscht. Ein Gebirgssee musste das sein, dachte sie. Umgeben von großen Bergen mit Dächern aus Zucker. Wie süß … Sie hatte sich in die Berge verliebt als sie noch klein, sehr klein, fast wie ein Kind war. Nun war sie vierzehn. Das kam ihr alt vor. Ja, dachte sie, seitdem ich vierzehn bin, bin ich eine Frau, eine erwachsene Frau, wie die vielen anderen erwachsenen Frauen auch. Und sie konnte nun tun und lassen, was sie wollte. Erwachsene Frauen durften alles. Nur sich Fürchten nicht.
„Du darfst keine Angst haben.” sagte Tom noch einmal.
„Habe ich nicht!” entgegnete sie frech und küsste ihn. Ein schneller Kuss, ein Kinderkuss, einer, der nur sekundenlang zu spüren war. Doch er schloss die Augen deswegen. Das sah komisch aus, fand sie, und musste lachen.
„Und? Hast du Angst?”
Er lächelte wieder sein Gebirgsseelächeln und nickte.
„Ein bisschen.”
„Das ist okay.” sagte sie.
Jungs, hatte sie einmal gelesen, wurden nicht so schnell erwachsen, wie Mädchen. Das hatte sogar ihr Biolehrer gesagt, weil es auch so im Biobuch gestanden hatte. Und er musste es wissen, schließlich war er ein Studierter, der viel gelernt und gelesen hatte.
„ Er ist ein ganz erbärmlicher Langweiler.” sagte ihre Schwester, die jetzt auch studierte, und bei ihm auch schon Bio gehabt hatte, über ihn. Sie war der Ansicht, dass es langweiligere Lehrer an ihrer Schule gab und auch viel langweiligere Fächer. Und das die Jungs nicht so schnell erwachsen wurden, fand sie gar nicht langweilig. Sie fand es sogar sehr interessant. Und seitdem sie das wusste, war das blöde Benehmen von ihnen, dass sie manchmal – eigentlich ständig – an den Tag legten, auch nicht mehr so schlimm für sie, denn sie kannte ja jetzt den Grund. Schließlich waren sie noch nicht so erwachsen, wie die Mädchen in ihrem Alter. Sie waren noch hin und her gerissen zwischen Spiel und Wirklichkeit.
„ Pubertäres Gehabe.” schimpfte die Schwester. Hatte sie denn in Bio nicht aufgepasst, weil es so langweilig war? Hatte sie so nie gelernt, zu verstehen?
Und während sie Tom in die blauen Augen sah, nahm sie sich vor, immer aufzupassen, und alles über die Welt zu lernen, was es zu lernen gab, um nicht so zu denken, wie ihre Schwester, die jetzt studierte. Sie wollte verstehen.
„Tu es noch mal” sagte er plötzlich, und riss sie aus ihren Gedankenwelten. Männer, dachte sie. Typisch!
„Was?”
„Mich küssen!”
Erst jetzt fiel ihr wieder ein, dass sie in ihrem Zimmer auf dem Bett saßen, dass die Sonne helle Strahlen durch das Fenster hineinwarf und dass ihre Haare, die eigentlich gar nicht richtig blond waren, davon wie Weißgold strahlten. Weißgold musste strahlen. Der langweilige Biolehrer hatte davon erzählt, so, als sei es etwas besonderes, etwas, das strahlen musste. Und sie glaubte es ihm einfach, so wie es war, auch wenn sie noch nie echtes Gold gesehen hatte. Dass nun ihre Haare wie Weißgold strahlten, gefiel ihr. Ja, dachte sie, ich bin nicht nur eine erwachsene Frau, ich bin eine Königin!
„Armer, armer Tom.” sagte sie und warf ihm ein Lächeln zu. Aber sie küsste ihn nicht. Wie kam sie dazu, ein Kind zu küssen? Sie stand vom Bett auf, fühlte, wie ihre Füße auf weichen Stoff traten, als wäre es Samt und Seide. Tom sah ihr nach. Sie genoss diesen Blick, der ihr durchs ganze Zimmer folgte, bis hin zur Tür, dort, wo sie langsam den Schlüssel umdrehte.
„Hast du‚s?”
Er nickte.
„War gar nicht so leicht, dranzukommen.” meinte er.
„Ohne geht es nicht.” Sie warf ihm ein neues Lächeln zu, bewegte sich leicht und anmutig wieder auf ihn zu. Schweben wollte sie. Schweben!
„Und Feuer?” Tom nickte wieder.
„Gib‚s mir!” befahl sie.
Er kramte in seinem Rucksack, der am Bett gestanden hatte, sein Feuerzeug und ein weißes Päckchen raus. Sie nahm das Feuerzeug, ohne ihm dabei zu nahe zu kommen, und zündete die Kerzen auf dem Schreibtisch an. Langsam. Den ganzen Ständer voll, eins, zwei, drei, vier kleine Flammen flackerten schwach durch das Zimmer.
„Du musst die Jalousien runter ziehen!” sagte er.
„Hast du Angst, gesehen zu werden?”
„Wegen den Kerzen.” flüsterte Tom.
Ratternd zog sich der Schirm über das Fenster und das Sonnenlicht, und ihr weißgoldnes Haar verlor allen Glanz und begann im Halbdunkel zu lodern. Der Kerzenschein zeichnete ihre Konturen auf die zugezogene Jalousie.
Sie schlenderte vom Fenster zurück und sah sich das Päckchen auf ihrem Bett von allen Seiten an. Endlich setzte sie sich wieder zu ihm. Es war okay, alle taten es.
„Da drin?”
Tom grinste ein wenig pubertär dazu, wie sie fand. Aber das war normal, rief sie sich in Erinnerung. Irgendwann, dachte sie, wird er das pubertäre Grinsen ganz vergessen haben, und nur noch ein verspieltes Lächeln haben, wie der flache Stein, der über den Gebirgssee huscht, den sie so liebte. Sie würde warten, bis es so weit war.
„Wie fühlt es sich an?”
„Weich.” sagte er, „Willst du es wirklich tun?” setzte er hastig hinzu.
„Klar. Mit dir schon.”
„Glaubst du, es merkt wer?”
„Nein. Meine Eltern sind bis heute Abend weg.”
„Das ist gut.”
Sie spürte, dass er aufgeregt war, dass sein Herz so laut pochte, dass sie es wahrnehmen, fühlen konnte, und dass ihn auch das Alleinsein, das sichere Versteck, nicht beruhigte.
„Dann fang an!” forderte sie endlich und beugte sich zu ihm. Nah, so nah sie berührungslos kommen konnte. Sollte sie ihn vielleicht doch noch einmal küssen, schnell und unschuldig, so wie ein Kind, solange sie es noch konnte? Bevor sie es taten?

Sie hielt inne. Nein, erst wieder, wenn er ein Mann geworden war, dachte sie.

Tom nickte. Dann öffnete er das weiße Päckchen vorsichtig, und nahm Zigarettenblättchen, Tabak und etwas anderes, mit einer seltsamen Farbe und süßlichem Geruch, heraus. Ein bisschen ungeschickt drehte er es zu einem Gebilde mit einer breiten Schnauze an einem, und einer schmalen Öffnung am anderen Ende, zusammen. Sie ließ sich zurückfallen. Schweben wollte sie. Schweben!

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