Vierzehn Kilo Kunst

von Dieter J. Baumgart (copyright)

Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so geht: Also ich jedenfalls, ich finde häufig Geld -. Klein- und Kleinstgeld. Das kommt, so vermute ich einmal, daher, weil ich den Blick häufig auf den Boden richte. Das hat auch schon so manchem Regenwurm das Leben gerettet. Und ich finde, wie ich schon sagte, Geld. Keine Scheine, aber hier einen Pfennig, da ein Fünf-Centime-Stück … Geld kann man immer gebrauchen; es macht, wie der Volksmund sagt, nicht glücklich, aber es beruhigt.
Glücklich hingegen machen andere Sachen, die ich auch finde. Nicht selten allerdings sind sie größer, gelegentlich sogar sperrig und – das unterscheidet sie zusätzlich vom Geld – zumindest auf den ersten Blick nichts wert. Und weil ich mich von dem, was ich erst einmal als des Aufhebens wert erachtet habe, nicht so leicht wieder trennen kann, haben wir, meine Frau und ich, eine besondere Fertigkeit im Ersinnen und Konstruieren von Zwischenböden und Lagerflächen aller Art entwickelt. Wir verfolgen da gemeinsame Interessen, denn meine Frau hortet Stoffe, um sie bei Gelegenheit zu zerschneiden und anders wieder zusammenzunähen. Wer je mit einer Patchworkerin verheiratet war, weiß, wovon ich rede.
Was uns betrifft, so bieten die unterschiedlichen Interessen durchaus eine Basis für gedeihliches Miteinander: Geteiltes Leid (Platzmangel) ist halbes Leid, geteilte Freude (über ein Fundstück) ist doppelte Freude. Allerdings, auch das sei hier vermerkt, hat meine Frau es leichter. Sie kann sich auf ‘Lappen’ konzentrieren. Ich hingegen sehe mich außerstande, meine Interessen auf bestimmte Materialien zu beschränken.Vom rostigen, aber handgefertigten Nagel bis zum verschlissenen Schiffstau aus Hanf, an dem vielleicht einmal ein Ozeanriese aus dem Hafen geschleppt wurde, reicht die Skala möglicher Fundstücke. Und während meine Frau ihren Bedarf an Gebrauchtmaterial innerhalb der Familie oder auf Flohmärkten deckt, habe ich für meine Belange außerdem noch die kommunalen Müllkippen unserer südfranzösischen zweiten Heimat erschlossen. Und wenn mir da ein Stapel herrlich alter Faßdauben aus einer aufgelösten Weinkellerei in die Hände fällt … Es ist wahr, noch nach Jahren duftet das Holz nach Wein, wenn ich die Innenflächen mit der Drahtbürste reinige.
Auch die Themen zweier Kurzgeschichten habe ich in der Müllkippe ‘gefunden’: Das von Wind und Wetter faszinierend geformte Eichenbrett, das mir nach zwei Tagen im Atelier seine dreihundertfünfzig- jährige Geschichte erzählt (‘Unerwartete Begegnung’), und die Apfelsinenkisten, die unter den Händen eines Dorfbewohners zu neuem Leben als ‘Flugenten’ erwachen. Daß uns die französische Übersetzung von ‘Unerwartete Begegnung’ die uneingeschränkte Sympathie der Deponieverwaltung eintrug, versteht sich fast von selbst. Es ist die leise Sprache der Dinge am Rande des Weges. Da liegen sie, Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte und länger, bis sie eines Tages auf einen Menschen treffen, der ihre Sprache versteht, der ihnen zuhört. Da mutiert dann ein halbes Eisenbahnschienenbefestigungsteil der S.N.C.F. mit etwas Holzabfall, zwei rostigen Schlüsseln, einer alten Hornbrille und einem abgeschabten Filzhut unbekannter Herkunft zu ‘Lord Iron’, der liebenswürdigen Karikatur eines skeptisch blickenden, hakennasigen Menschen mit eisernem Gesicht. Einem kantig-runzeligen Dolomit fehlt nur noch der Holzsockel, dann ist es das faltige, verschmitzt lächelnde Antlitz eines okzitanischen Weinbauern.

Gestern, zum Beispiel, habe ich vierzehn Kilo Kunst fertiggestellt.
Die Zutaten: 1 Lavastein (Porphyr, linsenförmig 25 cm )
1 Brille (Nickel, alt, zyl. Gläser wegen Kurzsichtigkeit)
2 große Ziernägel (handgeschmiedet, alt, verrostet)
2 Hausschlüsselbärte (alt, verrostet)
½ Schleifstein (Naturmaterial 30 cm )
1 Stück Mahagoni (Abfall)
2 Teakholzreste vom Nachbarn (Modelltischler)
Diese Zutaten, phantasievoll bearbeitet und miteinander verbunden, ergaben schließlich zwei Objekte zu je etwa sieben Kilogramm Eigengewicht. Ihre Titel (jedes Kunstwerk, das etwas auf sich hält, hat einen Titel): ‘Kunibert, der Kurzsichtige’ Maurice, le Myope und ‘Mondgesang’ Air de Lune . Während ‘Kunibert’ in gewisser Weise die Nachfolge des inzwischen veräußerten, aber unvergessenen ‘Lord Iron’ antritt, geht ‘Mondgesang’ irgendwo ins Lyrische. Es begann damit, daß der halbe Schleifstein – er hatte schon einige Jahre auf einem Mäuerchen hinter dem Haus zugebracht – mit seinen reliefartigen Seitenflächen und wie er so dastand, an den zunehmenden Mond in der ersten Hälfte erinnerte. Das Achsloch oder die Radnabe, wie immer man diese Öffnung, die ja nun auch halbiert war, nennen mag, schien anzudeuten, das dem Mond da etwas entfleuche. Da fiel gelegentlich des notwendig gewordenen Baues eines kleinen Aktenregals aus einem gefundenen Mahagonibrett ein langes, schmales Stück dieses edlen Holzes ab. Die Idee war geboren. Denn was diesem Schleifstein/Mond entfleuchte, war – Gesang, Mondgesang. Manche Leute nennen es auch Geheul, das, was Wölfe und Hunde in mondhellen Nächten zum Himmel schicken. Diesen Gesang körperhaft darzustellen, ihn dem Angesungenen in gewisser Weise wieder entströmen zu lassen, das war die Idee, die es zu verwirklichen galt. Und das also trug sich gestern zu. Vierzehn Kilo Kunst auf einen Schlag.
In der gleichen Zeit fertigte meine liebenswerte Gattin vier Patchwork-Kissen, das Stück (incl. Füllung) zu dreihundertfünfzig Gramm (auf der Briefwaage heimlich gewogen). So ganz still für mich habe ich dann errechnet, wie viele Kissen notwendig wären, um meine Tagesleistung gewichtsmäßig zu erreichen. Sage und schreibe vierzig Kissen! Ich werde das für mich behalten. Es könnte sonst sein, daß mir die beste aller Ehefrauen irgendwann einmal vorrechnet, wie viele Fußballfelder sie mit Patchwork und Quilts auslegen kann, und wie viele Besenkammern ich zur Unterbringung meiner Objekte benötige. Eingedenk des Schicksals des Flötenspielers Marsyas, werde ich mich auch nicht mit Apoll anlegen. Ob das, was wir machen, Kunst ist, haben wir nicht zur Entscheidung vorzutragen. Es ist auch nicht unser Problem. Uns macht es einfach Spaß. Und wie sagte Karl Valentin ganz richtig? Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit!
Drei Wochen später. ‘Kunibert, der Kurzsichtige’ hat uns wieder verlassen. Nicht schnöde, nein, das kann man nicht sagen. Es hätte auch nicht zu ihm gepaßt. Er ist, wie man so sagt, in guten Händen. Und an sich wäre darüber nun kein weiteres Wort zu verlieren, wenn ich nicht gestern einen Brief von seinen neuen Besitzern – oder sage ich besser, von seinen neuen Freunden – erhalten hätte. Der Brief enthielt unter anderem wortgetreu den Dialog zwischen Siggi (Ehefrau und Erzählerin), Tino (Ehemann und Beschenkter), Aline und Lara (ihre Kinder), der schließlich zum Erwerb ‘Kuniberts’ führte. Ich füge diesen Text hier an. Denn mir scheint, daß er ein wesentlicher Bestandteil der vorliegenden Geschichte ist. Er ist auch ein – wenngleich verspätetes – Plädoyer für Marsyas, den Flötenspieler.

Siggi: Im Folgenden wird klar, wie hartnäckig ‘Kunibert’ im Kopf meines Mannes herumspukte, wie er dann irgendwann resignierend abgeschrieben wurde (dank meiner immer wiederkehrenden Einwände), und wie er letztendlich doch noch den Weg in unser Wohnzimmer fand.

1. Gespräch am Abend, nach dem wir Sie in Mouréze besucht hatten, Krabben essend (Restbestand wurde in Hyper-U aufgekauft!)

Aline: ‘Du, Mama, das Häuschen von den Baumgarts war aber putzig.’

Lara: ‘Ja, gell. Und der Mann kann richtig gut vorlesen, gell, Mama?’

Siggi: ‘Hm, finde ich auch.’

Tino: ‘ Also, dieser ‘Kunibert der Kurzsichtige’, der hat mir gefallen!’

Siggi: ‘Ich hab’ den überhaupt nicht gesehen. Wo stand der denn?’

Tino: ‘Auf so ‘nem kleinen Podest an der Treppe. Echt witzig, sag’ ich dir. Ich wollte eigentlich fragen, was er kostet. Dann dachte ich aber, daß das ein bißchen blöd ist.’

Siggi: ‘Wieso fragen, was der kostet? Einfach so, oder hättest du den gerne?’

Tino: ‘Ich fand den stark! Den würde ich mir sogar kaufen. – Hätte doch nach dem Preis fragen sollen. Geh’n wir morgen doch noch mal hin, dann kannst du ihn auch noch anschauen.’

Siggi: ‘Ach nee, das ist wieder so ‘ne Hektik. Morgen ist unser letzter Tag!’ Und ich meinte das ernst, denn am letzten Urlaubstag mag ich keine Termine.

Tino: ‘Dann schau ihn dir aber wenigstens mal an, wenn du im Herbst wiederkommst – wenn ihn dann nicht schon die Versicherung gekauft hat, die sein ‘Pendant’ schon hat.’

2. Am nächsten Morgen im Auto auf der Fahrt nach Pézénas, wo wir alte Stühle ergattern wollen.

Tino: ‘Also, Siggi, jetzt wo wir doch noch einen Tag länger bleiben – wollen wir nicht doch noch zu den Baumgarts fahren?’

Siggi: ‘Der ‘Kunibert’ muß dich aber sehr stark beeindruckt haben!’ Mir schießt flüchtig der Gedanke an ein Geburtstagsgeschenk für meinen lieben Mann durch den Kopf.

Tino: ‘Du, hat er auch! Weißt du, die Schlüsselohren und die Schraubenaugen hinter der kurzsichtigen Brille! Einfach köstlich! So was gibt’s nicht noch mal. – Außerdem glaub’ ich, daß der Baumgart einer der wenigen ist, die ‘ne absolut klare Linie haben – konsequent.’

Siggi: ‘Kann sein, ich hab’ mich eigentlich mehr mit Frau Baumgart unterhalten.’

Aline: ‘Jetzt schwätzt doch nicht so viel. Kriegen wir jetzt ein Eis oder nicht?’

3. Am nächsten Morgen (nun wirklich letzter Tag). Mein Mann montiert Haken zum Feststellen derFensterläden, ich fege nach Hausfrauenart die Veranda.

Tino: ‘Komm, wir fahren noch schnell zu Baumgarts, damit du den ‘Kunibert’ auch mal siehst.’

Siggi: Mein Gedanke, den ‘Kunibert’ als Geburtstagsgeschenk zu erwerben, gewinnt an Form: ‘Ja, ich weiß nicht recht – was glaubste denn, was so was kostet?’

Tino: ‘Nee, billig ist der bestimmt nicht. So um … , wenn nicht mehr.’

Siggi: ‘Ja würdeste denn das dafür bezahlen?’

Tino: Kurze Pause: ‘Ich glaub’ schon. – Ja!’

Siggi: ‘Also , ich weiß nicht recht.’ Ich muß meine Skepsis untermauern, denn sonst kommt mein Mann noch auf die Idee, den ‘Kunibert’ einfach so zu kaufen. ‘Wir haben schon das Bild von Paul gekauft, dann im letzten Monat das Bild von der Marianne, und die Skulptur vom Töpfermarkt war ja auch nicht billig. Ich denk’, eigentlich reicht’s jetzt.’

Tino: ‘Ja schon, aber … ‘. Ihm fehlen die Argumente! ‘Na ja, wahrscheinlich hast du recht!’

Mein Entschluß steht fest. Der ‘Kunibert’ wird gekauft. Den Preis habe ich schon heimlich erfahren.

4. Auf der Rückfahrt (A9 Richtung Lyon).

Tino: ‘Wo stellen wir denn die Skulptur vom Markt hin?’

Siggi ‘Vielleicht auf den Kaminofen, das paßt, glaube ich, farblich gut drauf. Oder auf den weißen Sockel neben meinem Lesesessel.’

Tino: ‘Müssen wir halt ausprobieren.’

Aline: ‘Also ich würde sie auf’s Klavier stellen.’

Siggi: ‘Nee, das paßt nicht!’

Tino: ‘Da hätte eher der ‘Kunibert’ hin gepaßt! – Mensch, wir hätten doch noch mal in Mouréze
vorbeifahren sollen.’

Siggi: ‘Na ja, jetzt ist die Sache erledigt, oder? Man kann ja nicht alles haben, stimmt’s?’

Tino: ‘Stimmt!’

Aline und ich zwinkern uns zu, denn wir wissen ja, daß ‘Kunibert’ im Koffer zwischen der schmutzigen Wäsche ruht!

5. Wieder zu Hause.
Mein Mann muß wieder arbeiten, und ich habe genug Zeit, um ‘Kunibert’ zusammenzubauen und in aller Ruhe einen Platz für ihn auszusuchen.

Tino hat den Gedanken, den ‘Kurzsichtigen’ käuflich zu erwerben, offensichtlich aufgegeben – davon ist nicht mehr die Rede. Allerdings wird er diversen Freunden, bei denen wir zu Gast sind, oder die uns besuchen, eingehend beschrieben. Was mich ganz sicher macht, das absolute Überraschungsgeschenk getroffen zu haben.

6. Am 9. September hat mein Mann Geburtstag. Am 8. September kommt er gegen zweiundzwanzig Uhr dreißig von einem geschäftlichen Termin nach Hause. Die Kinder sind schon im Bett. ‘Kunibert’ befindet sich inzwischen auf einer Kommode, von einer grünen Plastiktüte von Hertie verhüllt und von einer Halogenleuchte angestrahlt. Ich weise Tino schon mal darauf hin, daß sich unter der Tüte sein Geburtstagsgeschenk verbirgt, und daß er es ab vierundzwanzig Uhr sein eigen nennen darf. – Gut, ist recht. Bis vierundzwanzig Uhr leeren wir beim Plaudern eine Flasche Sekt (aus St. Felix de Lodez), und dann ist es so weit! Tino lüftet die Tüte – und ‘Kunibert’ wird sichtbar. Die Worte kann ich kaum wiedergeben, da eigentlich eher Sprachlosigkeit vorherrscht. Die Überraschung ist riesig …

Dieter J Baumgart

edition salagou © 1998

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